Wie ein Windmüller einer alten Mühle Flügel verlieh

Der Müller Rolf Peter Weichold vor der Kriemhild Mühle.
Der Müller Rolf Peter Weichold vor der Kriemhild Mühle.
Foto: Volker Hartmann
Rolf Peter Weichold betreibt seit 25 Jahren die Xantener Kriemhild-Mühle. Ein fast ausgestorbener Beruf bleibt so am Leben – und lock Touristen an.

Xanten..  Ein sonniger Junitag, keine einzige Wolke ist am Himmel zu sehen. Ein laues Sommerlüftchen weht um die Häuser des mittelalterlichen Stadtkerns in Xanten. Schon von weitem ragen die Flügel der historischen Kriemhild-Windmühle aus der Reihe der urigen Häuser empor. Doch ihre Flügel drehen sich nur sehr langsam. „Bisher ist nichts mit Wind. Es soll erst heute Abend gewittern und Wind aufkommen. Bis dahin können wir nicht mahlen.“

Rolf Peter Weichold ist des Berufes wegen Wetterkundler, doch seine eigentliche Berufung ist die des Müllermeisters. „Heutzutage ist es schon eine sehr ausgefallene Arbeit“, lacht er. „Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Müller in Deutschland.“ Und Weichold ist einer von ihnen.

200 Brotlaibe täglich

Über eine wacklige Holzleiter klettert er im Inneren der rund 16 Meter hohen Mühle hinauf in das erste von drei Stockwerken. Die Eichenholzbalken knarren unter seinen klobigen, mit Mehl verstaubten Lederschuhen. „Man muss genau schauen, wo man hintritt“, sagt er und deutet auf schmale Spalte im Boden und leicht hervorstehende Holzbretter. Zielsicher marschiert er auf einen Mehlsack zu und klopft kräftig auf die darüber befestigte Mehlrutsche. Noch nicht einmal eine Hand voll Mehl rieselt in den braunen Papiersack. Vom Vortag versteht sich. „Bis der Sack heute voll ist, werden bei dem Lüftchen wohl 24 Stunden vergehen.“ Doch auch trotz solch windarmer Tage, verarbeitet die Mühle rund 50 Tonnen Mehl pro Jahr. Das reicht allerdings noch lange nicht für die Menge Brot, die täglich in der hauseigenen Backstube hergestellt werden soll. „Wir lassen uns zusätzlich Mehl aus Naturlandgetreide liefern. So kommen wir über die Runden.“ Über 200 Brotlaibe schieben die Bäcker täglich in den Steinbackofen.

„Im Verhältnis zu der Menge, die wir hier backen, haben wir wahrscheinlich NRW’s kleinste Backstube“, sagt der 57-Jährige, während er die Stufen beschwingt herunterklettert und auf die Backstube zusteuert. Auf einer Fläche in der Größe eines kleinen Wohnzimmers ist all das vorhanden, was man zum Backen braucht: in Eimern auf Regalen lagern verschiedene Körner- und Nusssorten, darunter stehen Mehlsäcke, eine große Arbeitsfläche ist vollgestellt mit Küchengeräten und das Wichtigste: der Steinbackofen. Vor 25 Jahren sah es hier noch ganz anders aus. Da gab es die Backstube nicht und die Mühle stand still. Der gelernte Bäckermeister beschloss, sich des denkmalgeschützten Bauwerks anzunehmen. Er ließ die 200 Jahre alte Mühle restaurieren und eine Backstube anbauen. „Überall war Taubendreck, die Mühle war wirklich verwahrlost.“

Genug für 15 Wochenmärkte

Heute ist sie voll funktionstüchtig und für viele Touristen ein Ausflugsziel. Einige haben es sich auf den Stühlchen vor dem Eingang bequem gemacht. „Die Besuche von Touristen sind die Butter auf dem Brot, aber auch im Winter gehen unsere Umsätze dank unserer Stammkundschaft nicht zurück.“ Und die steht auch heute im rustikalen Eingangsbereich der Mühle Schlange, um ein leckeres Vollwertbrot abzustauben. Apropos Staub: Naturkostprodukte wie Marmelade, Biosaft und Müsli stehen auch zum Verkauf und sind – ganz authentisch – von einer hauchdünnen Mehlschicht bedeckt. „So ist das eben in einer richtigen Mühle und zum stündlichen Staubwischen haben wir keine Zeit“, schmunzelt der Müller.

Es duftet nach frischgebackenem Brot und der von Weichold ausgebildete Bäcker Christian Schönhoff sorgt auch gerade für Nachschub. Flink huscht er an der Schlange vorbei und legt die noch warmen Brotlaibe in die Regale. Den Rest verteilt er in der Backstube auf ein paar gestapelte Kisten. „Die hier sind für die 15 Wochenmärkte“, ruft er. Um solch eine Menge Brot zu produzieren, bedarf es einiger Zeit: Jeden Abend setzen die Bäcker einen Sauerteig an. Aus Salz, Wasser und Roggenmehl. Ohne Backmittel, Hefe und Zusatzstoffe wie „E Dingeskirchen“, wie es auf der Homepage heißt. Und selbstverständlich läuft die Mühle auch nachts, um das nötige Mehl zu mahlen. Neben dem Mühlstein und in Weicholds Wohnung steht jeweils ein Babyfon. „Wenn es piepst, ist der Sack voll. Es ist richtige Schichtarbeit“, erklärt Weichold. Doch diese Arbeit ist sein Traum. Nachdem er einige Zeit als Bäcker gearbeitet hatte, entschied er sich 1986 dazu, in den Niederlanden eine Ausbildung zum Windmüller zu machen. „Es ist einfach ein so vielfältiger Beruf. Ich arbeite mit ganz verschiedenen Materialien. Nicht nur mit Lebensmitteln, sondern mit Holz, mit Metall, mit Stoff. Ich schweiße Dinge, wenn etwas kaputt ist. Nähe, wenn die Stoffsegel Löcher haben, oder schleife bei Bedarf Seile. Und wenn die Mühle läuft, mache ich den Leuten eine Freude.“

Die Kinder helfen mit

Am Anfang arbeitete der Duisburger ganz alleine in der Kriemhild-Mühle. Mittlerweile haben aber schon fünf junge Leute eine Ausbildung zum Bäckermeister bei ihm durchlaufen. „Und sie alle können auch die Mühle bedienen“, betont er stolz. Seine beiden Kinder helfen natürlich auch schon mal mit. Und rund 80 Kindergruppen pro Jahr mahlen und backen mit Freude in der hauseigenen Kinderbackstube. Nachwuchsprobleme hat diese Mühle sicherlich keine. Trotzdem besorgt Weichold etwas: „Die schönen Bäume im Park waren vor 25 Jahren klein und unauffällig. Jetzt versperren sie dem Wind den Weg.“ Der Beschnitt der Bäume sei dringend nötig. Und auch der Bebauungsplan der Stadt müsse überdacht werden, denn hohe Häuser neben der Mühle klauen den Flügeln ebenfalls Antriebskraft.

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