Wie ein Star aus der Traumfabrik nach Oer-Erkenschwick kam

Gerd Niewerth
Helene Indenbirken mit einem signierten Foto des jungen Leonardo DiCaprio. (Januar 1998)
Helene Indenbirken mit einem signierten Foto des jungen Leonardo DiCaprio. (Januar 1998)
Foto: Hans Blossey
Leonardo DiCaprio – Für Fans des jüngst mit dem Oscar ausgezeichneten Schauspielers ist das Haus seiner Oma in Oer-Erkenschwick immer noch Kult.

Oer-Erkenschwick. So oft schon haben sie die Liebesschwüre der Leonardo-Verehrerinnen mit weißer Wandfarbe übertünchen müssen. Doch die „Leomania“ lebt bis heute fort: im schlichten Treppenhaus des Mietblocks auf der Kampstraße 26 in Oer-Erkenschwick. Jenem Ort, der zur Pilgerstätte kreischender Teenies aufstieg, solange Helene Indenbirken, die liebenswürdige Großmutter des Hollywood-Stars, hier im dritten Stock wohnte – und Leonardo DiCaprio bis zu ihrem Tod 2008 gerne auf einen Apfelkuchen vorbeischaute.

„Du bist der beste Schauspieler“, kritzelte Antonia mit schwarzem Edding – und man darf annehmen mit heißem Herzen – am 5. September 1998 um exakt „12:35“ in den hölzernen Handlauf des Treppengeländers direkt vor der bescheidenen Dreizimmer-Wohnung von Leos Oma. Fünf prophetische Worte, die aber erst 17 Jahre später, in der Nacht zum vergangenen Montag, ihre offizielle Bestätigung erfahren sollten – als die bis dahin so hartleibigen Herrschaften der Academy Leonardo DiCaprio für seine Rolle im Survival-Epos „The Revenant“ mit dem Oscar belohnten.

Ein Kuss von Gisele für den Nachbarsjungen

„Leonardo ist nett, überhaupt nicht eingebildet, ja, und den Oscar, den hat er längst verdient“, schwärmt Sabine Wever, die schon seit 30 Jahren hier lebt und deshalb tiefer als andere in Leos fabelhafte Welt eintauchen durfte. „Mit seiner Oma haben wir Tür an Tür gewohnt, sie kam oft auf eine Tasse Kaffee vorbei.“

Oer-Erkenschwick und Hollywood, das ehemalige Zechenstädtchen und die schillernde Traumfabrik: Was für ein irres Rendezvous. Weilt Leonardo DiCaprio in der Stadt, erfüllt bei aller Jogginghosen- und Baseballkappen-Gelassenheit plötzlich unermesslicher Glamour die Flure des Miethauses. Erst recht, als mit dem Superstar seine Freundin Giselle Bündchen, das Supermodel, aufkreuzt. „Sie war völlig ungeschminkt, kam mit in unsere Wohnung und hat unserem Sohn Dennie ein Küsschen gegeben“, erinnert sich Sabine Wever und strahlt.

In den fünfziger Jahren, als das demoralisierte Deutschland die Schuttberge und – noch zögerlich – auch die Schuld des Weltkriegs abzutragen beginnt, träumen die Indenbirkens, Wilhelm und Helene, von einer besseren Zukunft in „America“ – und wandern mit ihren Töchtern Renate und Irmelin aus. Doch 1984 zieht es die von Heimweh erfüllten Alten wieder zurück nach „good old Germany“. Irmelin, schon getrennt lebend, bleibt mit ihrem Söhnchen Leonardo, der mit zweitem Namen übrigens Wilhelm heißt, drüben. Fortan wird Oer-Erkenschwick ganz oben auf ihrer Reiseliste stehen.

So auch im Juli 1994, als Hotelier Johan Frugte mich, den jungen Oer-Erkenschwicker Redakteur, zum Interview mit einem „Hollywood-Star“ in sein Stimbergpark-Hotel bittet. „Pardon, Leo wer?“, erwidere ich mit einer Mischung aus Skepsis und, nun ja, Ignoranz. Weil die Neugier siegt, fahre ich trotzdem hin.

Am Beginn einer Hollywood-Karriere

Heute hätte ich fix seinen Namen gegoogelt und Wikipedia befragt, aber so weit war das Internet damals noch nicht. Und so lasse ich mir auf der Hotelterrasse von seiner Mutter Irmelin artig den Namen des vermeintlich berühmten Sohnes buchstabieren. Dieser, gerade 19, wirkt gut behütet, aber auch recht gelangweilt. Vielleicht auch, weil Mutter und Großmutter das Interview lieber in ihrer Muttersprache führen wollen. Eine Sprache, die der Blondschopf nur bruchstückhaft beherrscht. So erfahre ich, dass Leonardos Mutter im Weltkrieg im Bunker auf der Knappenstraße zur Welt gekommen ist. Und Leonardo erzählt mir stolz (auf Englisch), dass er zehn Jahre zuvor als Neunjähriger Zweiter beim Breakdance-Wettbewerb im Oer-Erkenschwicker Stadtpark geworden sei. Über seine Ferienwoche im Pott erzählt er beiläufig: „Ich habe Fahrrad gefahren, viel Wurst gegessen und Fußball gespielt.“

Und der Film? Seine Karriere in Hollywood? Da erzählen mir die Frauen – Mutterliebe und Großmutterstolz machen gesprächig –, dass er schon als Kind in Werbespots aufgetreten sei, als Teenager in beliebten Fernsehserien wie „Unser lautes Heim“ und „California Clan“. So langsam beschleicht mich der Verdacht, dass hier ein Nobody eine Nummer zu groß gemacht werden soll. Ich hake nach und erkundige mich höflich, ob das alles sei? Doch dann lassen die Drei plötzlich Namen fallen, bei denen ich die Ohren anlege. An der Seite von Robert De Niro spiele er demnächst, mit Gene Hackman und Basic-Instinct-Star Sharon Stone (in: „Schneller als der Tod“,1995). Eine Aufzählung, die gipfelt in der Oscar-Nominierung, seine allererste 1994, für die beste Nebenrolle als geistig zurückgebliebener Junge in „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ mit Johnny Depp.

Ich bin beeindruckt, trotzdem wollen meine Zweifel nicht ganz verfliegen. Erst drei Jahre später, als Jack Dawson auf der „Titanic“ seine Rose (Kate Winslet) küsst, die berühmteste Wasserleiche der Filmgeschichte gibt und die ganze Welt aus dem Häuschen ist, geht auch mir endlich auf: Junge, du hast in Oer-Erkenschwick einen Weltstar vor dir gehabt. Sorry, Leo.