Wie die neue Technik unser Familienleben verändert

Technik, die Teenager zusammenschweißt. Hier gibt es weder Sende- noch Ladenschluss.
Technik, die Teenager zusammenschweißt. Hier gibt es weder Sende- noch Ladenschluss.
Foto: Getty Images/iStockphoto
Smartphone und Tablet-Computer, Twitter und Apps – die neue Technik verändert unseren Alltag und die Familie. Die Jüngeren können sich ein Leben ohne MP3, Skype, SMS und E-Mail gar nicht mehr vorstellen. Doch ist der Technik-Fortschritt wirklich ein Rückschritt für unsere Kinder? Ein Vater erzählt.

Essen.. Die Lage eskalierte an diesem kühlen Frühlingsabend binnen Sekunden und ohne Vorwarnung. Ja gut, wir hatten Wasser. Fließend und warm sogar. Die Heizung lief, Strom gab es auch. Trotzdem drang aus dem Zimmer meines Sohnes ein kurzer Fluch. „Was ist los?“, rief meine Frau. „Ich komme nicht ins Netz.“ Und im nächsten Augenblick stürmte meine Tochter ins Büro, um mir mitzuteilen; „Papa, das Internet funktioniert nicht.“ Das klang nicht nach Feststellung, das klang nach Vorwurf. Als ob ich Cheftechniker und Vorstandsvorsitzender der Telekom in einer Person wäre. Was auch die folgende Aufforderung erklärte: „Mach was.“

Die Kinder kennen es nicht anders, sie haben nie gelebt in einer Welt ohne Internet. In der es noch Telefonbücher in jedem Haushalt gab, in der man Fotos zum Entwickeln brachte und Kurznachrichten per Telegramm verschickte. Und in der Musik von der Schallplatte kam. Die Technik hat die Familie verändert. Aber ist der Fortschritt wirklich ein Rückschritt für die Entwicklung unserer Kinder?

Als 1996 meine Tochter geboren wird, habe ich fast nur noch CDs im Schrank und gerade meine ersten Ausflüge auf die Datenautobahn hinter mir, die damals allerdings mehr ein Feldweg ist. Schon weil ich mit dem Modem auffahre. Bis sich eine Seite aufgebaut hat, kann ich Kaffee kochen. Vier Jahre später kommt mein Sohn zur Welt. Da bin ich mit DSL unterwegs. Am Computer, in unserem Büro. Sonst ist das ganze Haus noch internetfrei.

Seitdem hat sich viel getan. Leise und schleichend, aber ohne große Pause. Längst sind wir quasi eine iFamily und meine Kinder Digital Natives – digitale Eingeborene. Ständig online, gut vernetzt, immer erreichbar. Es sei denn, ich sende ihnen eine Nachricht, in der steht: „Kommt bitte früher nach Hause, die Hunde müssen noch raus.“

Die Kinder spielen am PC - Die Schule schaffen sie trotzdem

Meine Kinder sind mit dem PC groß geworden. „Autos anmalen mit Micky Maus“ spielen sie darauf, gehen zaubern mit Bibi Blocksberg, lösen Fälle mit TKKG. Später ziehen sie Nintendogs groß, fahren Autorennen an der Playstation, spielen Fußball an der Xbox und tanzen zappelnd vor der Wii. Glaubt man Soziologen, haben wir alles falsch gemacht. Die Grundschule schaffen sie trotzdem ohne Probleme. Mittlerweile gehen sie beide aufs Gymnasium. Sport treiben sie auch. Recht erfolgreich sogar. Auch sonst verlassen sie regelmäßig das Haus, um sich mit Freunden zu treffen, obwohl wir nicht wissen, was sie sich dann erzählen, wo sie sich doch online ständig was erzählen.

Trotzdem stellen wir uns zwischenzeitlich die Frage, ob unsere Tochter möglicherweise zur Analphabetin wird, weil sie so schnell Nachrichten in ihr Handy hämmert, dass sie Buchstaben vergisst und Sätze gar keinen Sinn mehr ergeben. Oder ob es normal ist, dass unser Sohn sämtliche Werte seiner virtuellen Pixel-Kicker in- und auswendig kennt, die letzte Lektion Französisch-Vokabeln aber vergessen hat, sobald er sein Zimmer verlässt. Oder warum er offenbar Zeit hat, am PC ganze Städte zu erbauen, aber immer dann wahnsinnig beschäftigt ist, wenn es gilt, die Spülmaschine auszuräumen. Zu unserer Erleichterung haben wir erfahren, dass das in anderen Familien ähnlich ist.

96 Prozent der Jugendlichen besitzen ein Handy

Meine Kinder stellen sich diese Fragen ohnehin nicht. Genau wie die meisten deutschen Jugendlichen. Insgesamt besaßen 96 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren 2012 ein eigenes Handy. Und knapp 50 Prozent davon waren Smartphones. Was mein Sohn nur logisch findet, denn: „Man muss doch immer online sein.“

„Muss man nicht“, wettert Manfred Spitzer. Im Gegenteil. Wir alle, warnt der Psychiater und Psychologe, würden zu viel Zeit vor dem Bildschirm und im Internet verbringen. Es drohe die „Digitale Demenz“. Deshalb sagt Spitzer: „Jeder Tag, den ein Kind ohne digitale Medien zugebracht hat, ist gewonnene Zeit. Beschränken Sie bei Kindern die Dosis, denn das ist das Einzige, was einigermaßen einen positiven Effekt hat.“ Ähnlich hat Spitzer früher vor dem Fernsehen und vor Comics gewarnt. Das beruhigt mich. Schließlich nutzen Millionen Menschen beides seit vielen Jahrzehnten ohne dadurch komplett zu verblöden. Spitzer rät dennoch zu Internetverzicht und empfiehlt stattdessen gemeinsame „Hausmusik“. Ich wäre gerne dabei, wenn er meiner Tochter eine Blockflöte überreicht. Wahrscheinlich würde sie sie sofort bei Ebay einstellen.

„Du verstehst das alles nicht“, wirft sie mir oft vor, wenn ich frage, ob es wirklich nötig ist, im sozialen Netzwerk zu schreiben, was es zu Mittag gegeben hat. Oder ob sie einem halben Dutzend Freundinnen tatsächlich noch aus der Umkleidekabine ein Foto vom neuen Kleid senden muss. „Kinder“, sage ich, „ich seid doch süchtig.“ Worauf meine Kinder stets antworten: „Papa, du hast keine Ahnung.“

Sie nutzen das Internet - Aber das Leben findet woanders statt

„Ich lebe“, hat mir meine Älteste in einem Moment spätpubertierender Ruhe mal erklärt, „nicht im Internet. Ich nutze es für mein Leben. Es macht vieles einfacher.“ Weil es weder Sende- noch Ladenschluss kennt. Weil Waren und Infos jederzeit verfügbar sind. Karten für das nächste One Direction-Konzert? Nur ein paar Mausklicks entfernt. Verlängerung der CDs aus der Bücherei? Geht längst online. Wann fährt der nächste Bus zu Opa? Laut Internet-Fahrplan in zehn Minuten. Und wie sieht das Haus der Austauschschülerin in den USA aus? Google Maps zeigt es uns.

Mittlerweile hat die digitale Welt auch optisch unsere Wohnung verändert. Längst sind Bücher und Lexika aus den Jugendzimmern verschwunden. Gelesen wird ausschließlich elektronisch, nur die Zeitung ist noch aus Papier. Noch. Fotos aber sind natürlich längst digital und kleben nicht mehr in Alben sondern stehen in der Cloud im Netz. CDs gibt es auch nicht mehr. Die Lieder, die meine Kinder hören, liegen als MP3 auf großen Festplatten im Computer oder kleinen Chips im Handy. Für unterwegs. Sie sammeln sie nicht, sie nutzen sie nur. „Musik für den Sofortverzehr“ hat Radio-Legende Mal Sondock so etwas früher einmal genannt. Sicherheitskopien gibt es nicht. „Wozu?“, fragt mein Sohn. „Kann ich doch alles wiederfinden im Netz, wenn mal etwas verloren geht.“ Außerdem kann er im Internet-Radio zwischen mehr als 30.000 Sendern wählen.

Ein Leben ohne Grenzen

Im Netz gibt es keine Grenzen mehr. Bikinis kauft man in Shanghai, Basketballtrikots in den USA. Und der Kontakt zur besten Freundin, die ein Austauschjahr in Argentinien verbringt, reißt auch nicht ab – Skype und Facebook sei Dank. Früher reichte schon ein Umzug meines besten Kumpels in die Nachbarstadt, um sich nie wiederzusehen.

Trotzdem warnt etwa der Neurobiologe Gerald Hüther bei intensiver Nutzung der sozialen Netzwerke vor einer „Verkümmerung der sozialen Bindungsfähigkeit“. „Kein Kind braucht Facebook oder Ballerspiele, wenn es genug reale Erlebnisse hat.“ Wahrscheinlich hat der Mann keine halbwüchsigen Kinder auf einer weiterführenden Schule.

Die Kinder haben keine Zeit mehr - Wegen oder trotz der Technik?

Denn bei denen bleibt in vielen Wochen zwischen Bandprobe, Training und G8-Stress keine Zeit für persönliche Kontakte mehr, wie meine Kinder mir versichern. Deshalb habe ich gelernt damit zu leben, dass es ständig irgendwo piepst in unserem Haus. Mal ist es Malte, der in Mathe nicht weiterkommt, mal Lara, die Ärger mit ihrem Freund hat. Kurzzeitig habe ich zwar mit dem Gedanken gespielt, das W-Lan einfach mal auszuschalten, mich dann aber eines Besseren besonnen. Was allerdings weniger mit moderner Pädagogik zu tun hat, sondern mit der Erkenntnis, dass ich selbst dann auch offline wäre. Nur wenn wir essen, darf mittlerweile nicht geantwortet werden. War nicht einfach durchzusetzen, bis ich behauptet habe: „Fettfinger sind schlecht für die Displays.“

Nach und nach hat sich die virtuelle Welt immer weiter in die echte geschlichen. Nehmen wir den Urlaub. Letztes Jahr waren wir in Holland. Tolles Haus, schöner Strand, kein W-Lan. Die Kinder wollten abreisen. Aber auch für uns Erwachsene war es eine Umstellung. Wir sind nämlich, das gebe ich zu, keine Vorbilder. Mal eben Nachrichten checken, kurz eine E-Mail schreiben, Wettervorhersage aufrufen – man hat sich an die Bequemlichkeiten des Netzes gewöhnt. Ging jetzt alles nicht. War trotzdem schön. Dennoch gibt es in Zukunft kein Feriendomizil mehr ohne Internet. Da sind wir uns ausnahmsweise einmal einig.

Man muss ja nicht alles mögen, was die digitale Technik so mit sich bringt. So sind gemeinsame TV-Abende in den eigenen vier Wänden selten geworden. Das ist schade, lässt sich aber im Jahr 2013 nicht mehr ändern. Nicht nur, weil mittlerweile jeder seinen eigenen Geschmack hat und auch die technischen Möglichkeiten, ihm nachzugehen. Vor allem aber, weil sich junge Leute heutzutage ihre Lieblingsserie nicht mehr anschauen, wenn sie sollen, sondern wenn sie wollen. Im Netz, versteht sich. Auf dem PC, dem Tablet, zur Not auch auf dem Handy. Manchmal sogar in einem Raum. Immerhin.

Doch von so etwas lässt sich die US-Soziologin Sherry Turkle nicht täuschen. „Gemeinsam einsam“ nennt sie solche Phänomene. Logisch, dass man sich da sorgt. Vor allem, wenn man erfährt, dass die Frau einst eine Art Netzpionierin war und sich seit gut einem Vierteljahrhundert mit der Frage beschäftigt, wie sich unser Bewusstsein durch den Umgang mit Computern verändert. „Bei jeder Technik“, hat Turkle neulich mal gesagt, „müssen wir als Menschen überlegen, zu welchem Zweck sie uns dient und ob diese Technik etwas verbessert. Ich glaube, dass wir hier inzwischen etwas aus der Spur geraten sind.“

Eltern können gegensteuern

Zum Glück können Eltern gegensteuern, können mahnen, nicht zu viele persönliche Daten preiszugeben, warnen vor den Gefahren illegaler Downloads und aufklären, dass nicht nur gute Menschen unterwegs sind im Cyber Space. Voraussetzung ist, dass sie sich ein wenig auskennen in der Welt der digitalen Eingeboren, sich mit ihr beschäftigen. Bisher klappt das bei uns ganz gut. Weil wir aller Technik zum Trotz noch miteinander reden. Hin und wieder jedenfalls. Auch wenn das Internet nicht ausgefallen ist.

Überhaupt haben wir die alte Welt noch nicht ganz verlassen. Deshalb konnten wir an jenem schicksalhaften Abend auch den Pizzaservice anrufen und gemeinsam essen. Ich hatte noch ein Telefonbuch im Büro. Eines aus Papier.

Der Monitor meines Computers stand darauf.

Mehr Informationen:

  • Das Jugendinformationsportal „watch your web“ und iRights.info haben die Broschüre „Mein digitales Leben“ veröffentlicht. Sie informiert Jugendliche, damit sie sich rechtssicher und selbstbestimmt im Internet bewegen können.
 
 

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