Warum immer mehr Autofahrer im Verkehr aggressiv werden

Das Gefühl von Freiheit hinter dem Steuer geht vielen Autofahrern auf vollen Straßen schnell verloren.
Das Gefühl von Freiheit hinter dem Steuer geht vielen Autofahrern auf vollen Straßen schnell verloren.
Foto: Getty Images
Raser, Drängler, Falschparker – der Ton auf unseren Straßen wird zunehmend rauer. Wir haben Verkehrsexperten nach den Ursachen gefragt

Essen.. Der Fahrer, der seinen Opel in der Essener Haedenkampstraße auf einem Behindertenparkplatz abgestellt hat, wird das so schnell nicht vergessen. Die Parksünde ist zwar lange her. Sie stammt vom 19. März letzten Jahres, 18.20 Uhr. Vielleicht ist auch das fällige Knöllchen längst bezahlt. Aber das hübsche Frontal-Porträt seines Autos ist unter www.wegeheld.de immer noch im Internet greifbar – wie auch der Spruch, den ihm ein unbekannter „Herbert“ dazu gedrückt hat: „Das ist ein Parkplatz für Menschen, die nicht laufen können. Und nicht für Menschen, die nicht laufen wollen“.

Der sündige Opel-Fahrer ist nicht der Einzige, der in den letzten zwei Jahren auf diese Weise öffentlich vorgeführt wurde. „Schabernack“, ein anderer Hilfssheriff, hat „dem Ordnungsamt geholfen“ und in diesen Tagen einen verboten geparkten schwarzen Audi auf dem Gehweg der Stockumer Straße in Bochum digital gestellt. Besonders verwerflich: Der „Honda in Schwarz“, falsch abgestellt vor der Feuerwehrausfahrt in Oberhausen. Er flog im April auf.

Die ertappten Fahrzeuglenker dürften ahnen: Die Rächer der Radler und Fußgänger sind unterwegs. Die können seit März 2014 vom Android-Smartphone aus mit der App des Berliners Heinrich Strößenreuther auf Parksünder-Jagd gehen. Gelungene Fotos (nur mit geschwärztem Kennzeichen. Datenschutz!) sind ebenso erlaubt wie die direkte Meldung ans nächste Ordnungsamt, das die störende Kiste im äußersten Fall abschleppt.

Die Methode hat Fans. 2400 Radfahr- und Fußfreunde haben die App an Rhein und Ruhr kostenfrei gebucht. 3600 sind es in Berlin, 2000 in Hamburg. Bundesweit dürften es 30 000 sein, die so auf die Pirsch ziehen. Erfinder Heinrich Strößenreuther hat mit dem Klimaziel („mehr CO2-freie Verkehrsteilnehmer“) eine hochpolitische Absicht: „Wir greifen aktiv in den Flächenkonflikt zwischen falsch parkenden Autofahrern und allen anderen Verkehrsteilnehmern ein. Zugeparkte Rad- und Fußwege sind keine Kavaliersdelikte“.

Der ehemalige Greenpeace-Mann und Bahn-Manager sieht die Straßen von heute also als Kampfplatz. Mit ihm tun das viele. Marktforscher von Ipsos befragten im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates 2000 Personen über 14 Jahren. 53 Prozent glauben, der Straßenverkehr sei zunehmend von aggressivem Verhalten geprägt. Wozu sie auch ungeduldiges Hupen rechnen.

Was löst die neue Nervosität aus? Wo laufen die Fronten? Wie heftig kann es werden?

Die Statistik sieht die Verkehrswelt heiler als früher. Die Zahl der Unfalltoten auf der Straße ist seit 1970 gesunken – von damals 20 000 auf heute 3000 je Jahr. Die Anschnallquote liegt auf hohem Niveau. Alkohol-Missbrauch am Steuer? Wird seltener. Und doch: Wer die täglichen Polizeiberichte der Rhein-Ruhr-Region alleine aus den letzten Sommerwochen durchliest, der lernt, was Eskalation bis ins Kriminelle bedeuten kann.

In Duisburg prügelte ein ertappter Falschparker mit einem Baseballschläger auf einen Passanten ein, der ihn auf die Parksünde aufmerksam gemacht hatte. In Essen griff ein Lkw-Fahrer den Verkehrsaufseher der Stadt an und verdrehte ihm den Arm. Köln und Dortmund meldeten illegale nächtliche Straßenrennen, in Köln mit Toten. Ganz unfassbar – und bisher unaufgeklärt – ist dann aber, was Mitte August die Menschen im rheinischen Mönchengladbach schockierte.

Blinden-Ampeln manipuliert

Das City-Pflaster wurde hier zu einem Tatort der Heimtücke. Unbekannte haben zehn Blinden-Ampeln rund um den verkehrsreichen Bismarckplatz manipuliert. Die tastbaren Pfeile an der Unterseite des gelben Kästchens, die Sehbehinderten die Laufrichtung anzeigen und so ihnen ein Überqueren belebter Straßen erlauben, waren mit Gewalt um 90 Grad verdreht worden. Was an einer Kreuzung tödliche Folgen haben kann: Statt geradeaus in die Grünphase für Fußgänger werden hilfsbedürftige Menschen über die seitlich verlaufende Fahrbahn geschickt – genau dann, wenn dort das motorisierte Geschwader losrollt. „Wir laufen direkt in den Verkehr hinein“, entsetzte sich Horst Schulz vom lokalen Blinden- und Behindertenverein.

Nur Einzelfälle? Der Aachener Verkehrspsychologe Bernhard Schlag sieht gezielte Gewalt auf der Straße eher als bedrückende Ausnahme. Komme es zu aggressivem Verhalten, sei das hingegen oft der Versuch, für sich selbst einen Vorteil im Verkehr herauszuholen. Doch auch Schlag ist überzeugt: Das Gefühl der gesteigerten Gereiztheit auf unseren Straßen sei einfach da. Es habe mit der zunehmenden Enge zu tun. Mit dem Kampf um die „Ressource Raum“.

Schlag könnte hier den Kern dessen benennen, was vorgeht. Früher waren die Herren am Steuer auch die Herren der Straße. Jetzt wendet sich das Blatt: Konkurrenz wuselt selbstbewusst über die Kreuzungen. Fußgänger, Radfahrer und solche mit Pedelecs. Junge E-Biker und greise Rollator-Piloten, schnelle Segways und wedelnde Inline-Skater. Es gibt mehr Baustellen und Tempo 30-Zonen. Und immer mehr Fahrgäste, die zur nächsten Straßenbahn wollen. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr meldet seit Jahren steigende Kundenzahlen, 2015 waren es mehr als 500 Millionen. Sie alle fahren zwar keine Autos, die die Straßen verstopfen, aber sie machen den für Kraftfahrern knappen Platz streitig – und behindern sich gegenseitig.

Dazu kommt: Die unterschiedlichen Interessen wissen sich zu organisieren.

Vereinigungen wie „Fuss e.V.“ erhalten auf renommierten Verkehrskongressen Redezeit. Bernd Herzog-Schlagk, Geschäftsführer der Fußgänger-Lobby, reklamiert, seine Klientel stelle inzwischen die Mehrheit im öffentlichen Verkehr da. Fußwege-Nutzer stünden „in vielen Städten an der Spitze, noch vor den Fahrzeugführern“. Da ist es logisch, wenn er den Umbau einschlägiger Gesetze verlangt. „Die Straßenverkehrsordnung ist noch immer weitgehend auf den rollenden Verkehr ausgerichtet“. Tempo „10 bis 30“ in den City-Zonen? Das sei erstrebenswert.

Die Radfahrer-Front ist bundesweit auf 29 Millionen Nutzer gewachsen. Gerade hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) die nordrhein-westfälische Landesregierung überzeugt, den RS (Radschnellweg) 1 nachträglich bitteschön in den neuen Bundesverkehrswegeplan zu drücken – parallel zur Autobahn A 40 durchs Revier und mit Geld, das bisher nur für Fernstraßen, Eisenbahnen und Wasserwege ausgegeben wurde. Ernst genommen wird das Radfahren ohnehin: In Münster gibt es spezielle Streifen, die die „Leezes“ überwachen. In Unna und Dortmund warten an den Bahnhöfen Parkhäuser auf Zweiräder. Die Stadt Dinslaken führt die Rad-Parkgebühr ein.

Der Bochumer Arnold Plickert ist einer der führenden Verkehrsexperten auf Seiten der Polizei. Er spricht für diesen Fachbereich im Vorstand der Gewerkschaft GdP – und ist als Autofahrer viel unterwegs: „Ich bin jeden Tag drei Stunden auf der Straße“, sagt er, „schnelles Fahren, Drängeln und riskantes Überholen, der Einsatz der Lichthupe. Das alles wird mit besonderer Aggressivität ausgetragen. Das ist eine Verkehrsmoral, die bedenklich ist“. Plickert stören in letzter Zeit fünf Entwicklungen: Die „permanente Handy-Nutzung“, wo „kaum ein Unrechts-Gefühl vorhanden ist“. Illegale Autorennen „mit katastrophalen Folgen“. In der stress-auslösenden erhöhten Verkehrsdichte, „tun sich vor allem ältere Menschen schwer“. Die immer größeren und stärkeren SUV-Pkw. Und Situationen wie in Münster, wo mancher Radler „ganz bewusst auf Fußgänger zu fährt im Glauben: Ich habe doch Recht“.

An der Ecke Wilhelm- und Leipziger Straße in der Mitte Berlins forschen Wissenschaftler für die deutschen Versicherungsunternehmen nach Straßenverhalten und Unfallursachen. Ihr Chef Siegfried Brockmann redet Klartext zur Lage auf dem Pflaster der Republik. Vieles sieht er ähnlich wie Plickert: „Es ist eindeutig so, dass der Konflikt zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern ausgetragen wird. Meiner Meinung nach zu Lasten der schwächsten Verkehrsteilnehmer, der Fußgänger“.

Brockmann und seine Kollegen haben in diesen Tagen eine spannende Untersuchung über das „Verkehrsklima 2016“ vorgelegt. Sie ist ein – nicht immer widerspruchsfreier – Mix aus guten und schlechten Nachrichten. Die Zahl der Verkehrsteilnehmer, die sich draußen nicht sicher fühlen, verringerte sich von 2010 bis heute von 12 auf sieben Prozent. Das ist das eine. Andererseits: „Eine Mehrheit empfindet den Straßenverkehr als stressig, aufreibend und chaotisch.“

Keine Unschuldslämmer

Die das tun, sind nicht immer Unschuldslämmer. 44 Prozent der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen geben zu, dass sie „mindestens manchmal aggressiv fahren“. Autofahrerinnen lassen sich nichts mehr gefallen. Kommt von hinten ein Angeber und drängelt, tippen einige von ihnen gerne kurz auf die Bremse. Überholt sie der aggressive Fahrer (statistischer Durchschnitt: hoher Bildungsgrad, hohes Monatseinkommen), geht Frau auch selbst mal eben aufs Gaspedal.

In den Tiefen des Internets greift die Debatte über den Klimawandel im Verkehr auf Parkplätze über (Gilt rechts vor links? Nein) und auf Fußgänger-Pärchen, die auf einem schmalen Gehweg einem anderen begegnen. Wer muss ausweichen? Dicke oder Dünne? Junge oder Alte? Am Ende: Brauchen wir selbst hier neue Verkehrsregeln?

Vielleicht gibt es sie längst mit der altbackenen Straßenverkehrsordnung. Niemand muss lange blättern, nur bis zum Paragraphen eins: „Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird“, steht da. Passt in fast allen Konfliktlagen. Und auch bei dichtem Gewusel.

Verkehrspsychologe: Sünder werden milde bestraft

Der Aachener Bernhard Schlag lehrt zu psychologischen Fragen der Mobilität, des Verkehrsverhaltens und der Unfallforschung an der Technischen Universität Dresden. Ein Gespräch über aggressives Fahrverhalten, Falschparker und selbst ernannte Straßenwächter.

Welche Aggressionen werden im Straßenverkehr ausgelebt?

Bernhard Schlag: Die Forschung kennt die instrumentelle und die feindselige Aggression. Feindselig ist es, wenn ich etwas tue, um dem anderen zu schaden. Dann will ich, dass er verletzt wird oder leidet. Bei der instrumentellen Aggression will ich mich selber durchsetzen, um einen Vorteil zu haben. Letzteres ist im Straßenverkehr weitaus häufiger zu finden. Natürlich kann es dazu kommen, dass ein Konflikt so eskaliert, dass der andere geschädigt werden soll.

Wird das Klima auf unseren Straßen rauer?

Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was sich in faktischen Daten findet, und dem, was die Menschen wahrnehmen. Da ist die Differenz groß. Die Zahl der Unfälle ist über Jahrzehnte deutlich zurückgegangen. Das zeigt die Statistik eindeutig. Auch die Zahl der Verstöße, die als Ausdruck von besonderer Aggressivität gelten, hat nicht zugenommen. Dazu gehören zu dichtes Auffahren, Drängeln und Schneiden. Aber die Leute haben eben einen anderen Eindruck. Viele, die man fragt, sagen: Im Vergleich zu früher ist es schlimmer geworden.

Wie kommt es zu diesem Gefühl?

Es ist enger geworden, der Ressourcen-Konflikt hat sich verschärft. Den Straßenraum müssen sich mehr Menschen teilen, und zum Teil ist er auch bewusst zu Lasten der Kraftfahrer und zum Vorteil von Fußgängern und Radfahrern zurückgenommen worden. Dieses Erleben kann dazu führen, dass sich Verkehrsteilnehmer eingegrenzt und zurückgesetzt fühlen und zum Ergebnis kommen: Alles ist aggressiver geworden. Die anderen nehmen sich Vorrechte, die sie mir gegenüber gar nicht haben.

Früher war da nur der ADAC. Heute haben sich eine Vielzahl von Interessenvertretungen wie Fahrrad- und Fußgängerverbände etabliert. Führt das Gedränge dazu, dass man sich zur Wahrnehmung eigener Interessen zusammenschließt und die Straße zum politischen Raum macht?

Ja. Straßenraum ist knapp. Es gibt den Konflikt, wer zuerst zugreifen kann auf den knappen Raum. Die Autofahrer sind es ja über Jahrzehnte gewohnt gewesen, zuerst zugreifen zu können. Sie waren auch von der Politik und der Straßenbauverwaltung bevorzugt worden. Das wird gerade zurückgedreht. Dabei fahren die Städte gut damit, den Raum auch dem Langsamverkehr, also Radfahrern und Fußgängern, zur Verfügung zu stellen. Vielleicht trägt das dazu bei, dass sich Autofahrer den Platz aggressiver zurückerobern wollen.

Bürger machen von sich aus mobil gegen Falschparker. Das Anzeigeverhalten nimmt zu, das Internet wird zum Instrument, Parksünder öffentlich zu machen. Ist das ein berechtigtes Sich-Wehren – oder nur eine neue Form von Anschwärzen?

Das ist eine Gratwanderung. Natürlich kann man so ein Verhalten durchaus positiv sehen. Radfahrer versuchen auf diese Weise schon länger, die Radwege freizumachen. Es hat soziale Vorteile, wenn die Menschen genauer nachschauen, was auf ihren Straßen geschieht. In den Vereinigten Staaten gibt es die „Neighbourhood watch“. Dort werden die Leute aufgefordert, Vorgänge sofort der Polizei zu melden. Auf der anderen Seite droht natürlich eine Selbstjustiz, ein Sheriffspielen mit dem Gefühl der eigenen Macht.

Versteckt sich dahinter ein Anflug von Misstrauen? Vermissen die Bürger ein Durchgreifen des Staates gegen Verkehrssünder?

Deutschland ist inzwischen ein sehr liberales Land. Gucken Sie sich die gesetzlichen Regelungen an und die Härte der Strafen bei Verkehrsdelikten, dann geht Deutschland sehr milde mit den „Sündern“ um. Im gesamten umliegenden Ausland gehen die Behörden viel härter vor. Wenn Sie in den Niederlanden falsch parken, sind Sie zwischen 50 und 100 Euro los. Bei uns kostet das gegebenenfalls nur 15 Euro. In Belgien wird eine Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit um 20 km/h mit 200 Euro gebüßt. Das geht hier mit 40 Euro ab. Die Strafhärte ist bei uns gering. Das kritisieren viele Leute. Sie fürchten, dass die Milde zu einer Gesetzlosigkeit führen kann.

Können Staat und Kommunen auch baulich etwas tun, um Aggressionen in Grenzen zu halten?

Der Staat hat zwei Möglichkeiten: Er kann die Verkehrsarten trennen oder integrieren. Bei höheren Geschwindigkeiten bietet sich Trennung eher an. In innerstädtischen Bereichen sieht das anders aus. Hier können wir den Verkehr – zum Beispiel durch „shared Space“, wo alle weitgehend die gleichen Flächen nutzen – gemeinschaftlich gestalten, allerdings zu den Bedingungen der langsameren Verkehrsteilnehmer. Also zu denen von Radfahrern und Fußgängern mit reduziertem Tempo. Nach den Erfahrungen führt das dazu, dass Städte lebbarer und attraktiver werden, dass dort Gemeinschaftsgefühl entwickelt wird und die Bemühungen, sich gegen den anderen in jedem Fall durchzusetzen, unterbleiben.

Haben Sie für uns eine wirklich gute Nachricht aus dem heutigen Straßenverkehr?

Ja. In Sachen Alkohol am Steuer. Hier werden die Regeln weitgehend beachtet. Das hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verbessert. Nicht zuletzt, weil die Strafhärte sehr hoch ist.

Rechtsexpertin: Immer mehr Bürger zeigen Falschparker an

Diane Jägers hat sich in ihrem beruflichen Leben quer durch die staatlichen Aufgaben gearbeitet. Sie war Verwaltungs- und Finanzrichterin in Düsseldorf und für das Ordnungs-, Einwohner- sowie Straßenwesen in Bochum zuständig, sie lehrte in Hagen und hat die Justizakademie in Recklinghausen geleitet. Sie kennt also einiges. Doch was die 55-jährige Verwaltungsfachfrau derzeit erlebt, das macht ihr spürbar Sorge: „Wir haben viele Jahre von großer Toleranz in diesem Land gelebt. Wir haben verstanden, dass es ein Augenmaß geben muss, was staatliches Einschreiten betrifft. Diese liberalen Einstellungen kippen in Teilen der Bevölkerung gerade weg.“

Jägers ist heute Rechtsdezernentin in der zweitgrößten Stadt in Nordrhein-Westfalen, in Dortmund. Im Sommer haben ihre Leute sie darüber informiert, dass es eine nicht ganz kleine Bewegung unter den Bürgern der östlichsten Revier-Großstadt gibt, der Stadt Falschparker zu melden. Zwischen Juni und September dieses Jahres sind 1082 dieser Privatanzeigen eingegangen.

Kinderwagen kommen nicht durch

„In dieser Massivität ist das eine neue Entwicklung“, sagt sie. „Wir haben zwar schon immer Hinweise gehabt, dass falsch geparkt wird, dass Radfahrwege zugestellt sind und Kinderwagen nicht mehr durchkommen. Aber das Ganze steigt jetzt an. Es wird anhalten. Wir führen es darauf zurück, dass es in sozialen Netzwerken und im Internet Aufrufe gibt, solche Anzeigen konzentriert an das Ordnungsamt zu stellen“.

Das alleine macht Jägers nicht unruhig. Es ist völlig legal. Es kann den Ämtern helfen. Wer die Anzeige sachlich formuliert und auf die Sachverhaltsschilderung beschränkt, der darf damit rechnen, dass das Rathaus die Sache verfolgt – nicht um des Gesetzes willen, sondern wenn es Sinn macht. Und, ja, auch die Intoleranz auf Seiten der Parksünder nimmt zu. Für viele sei Falschparken einfach billiger, als das Parkhaus zu benutzen. „Eine betriebswirtschaftliche Rechnung“. Hydranten würden zugestellt. Und in dritter Reihe stellten heute einige ihre Fahrzeuge ab. Darauf angesprochen, dass sie die ganze Straße blockierten, sei dann die Antwort, das ginge sie nichts an. Jägers hat solche Erfahrung schon persönlich gemacht.

„Da arbeitet jemand seinen Frust ab“

Nicht selten aber ist auch der Ton auf der Seite der Beschwerdeführer verändert. „Ruppig, unverschämt, sogar beleidigend“ sei der dann. „Wir merken, da arbeitet jemand seinen Frust ab.“ Die Ämter ordnen diese Anzeigen so ein, wie sie es auch mit anonymen machen: Ablage. Die neue Konfrontation, die die Dezernentin manchmal als „erbittert“ bewertet, ist nicht auf die klassischen Stadtteile mit Parkplatznot, wie in Dortmund die City und das Kreuzviertel, beschränkt. Sie greift auf Außenbezirke über. Und es sind oft mittlere und ältere Jahrgänge, deren massives Auftreten als Beschwerdeführer auffällig sei, sagt Jägers. „Wir radikalisieren uns als staatliche Gemeinschaft“, sagt Diane Jägers. „Das macht mir Angst“

 
 

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