Warum Frau und Mann weiter in alte Rollenmuster zurückfallen

Ein Bild aus längst vergangenen (Ur-)Zeiten? Die Tage, in denen der Mann ganz allein dem Mammut und später dem Mammon hinterherjagen musste, sind längst gezählt.
Ein Bild aus längst vergangenen (Ur-)Zeiten? Die Tage, in denen der Mann ganz allein dem Mammut und später dem Mammon hinterherjagen musste, sind längst gezählt.
Foto: Getty; Montage: Olivia Fetter
Im Prinzip ist die klassische Rollenverteilung passé. Doch nach der Geburt eines Kindes droht der Rückfall in alte Muster. Eine Ursachenforschung.

Essen.. Teresa ist Anwältin, in der Kanzlei läuft es richtig gut. Klar will sie Kinder. Später. Stefanie, ihre beste Freundin, ist da weiter: Lars ist jetzt vier, Lukas wird sieben. Der Plan: später zurück in den gelernten Beruf. Auch Markus macht Babypause. Kumpel Ludger schüttelt den Kopf. Weiberkram. Könnte er sich nicht vorstellen. Ginge auch finanziell nicht. Bei ihm und Sabine reicht es trotz Doppelverdienst gerade eben. Die Tagesmutter für Kirsten (3) kostet. Bei Pia, Ludgers Ex-Kollegin, geschieden und alleinerziehend, war das nicht drin. Jetzt sucht sie wieder einen Job. Halbtags. Fürs Erste.

Die Welt ist nicht einfacher geworden. Früher schafften Männer die großen Fleischbrocken ran, später die Lohntüten. Inzwischen können sich Frauen selbst versorgen, ihre Partner sind auch im Haushalt und als Väter gefordert. Für beide Geschlechter ist das ein Mammutprogramm. Weil Lebenswünsche und Lebensrealität mitunter deutlich auseinanderklaffen, gehegte Erwartungen oft widersprüchlich sind und tradierte Rollenmuster sich nicht so ohne Weiteres ausradieren lassen. In einer Gesellschaft, die Gleichberechtigung propagiert, hapert die Umsetzung häufig genug am Geld.

Wenn’s um Bares geht, haben Frauen immer noch die deutlich schlechteren Karten. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamts verdienten sie 2015 mit einem Bruttostundenverdienst von 16,20 Euro ganze 21 Prozent weniger als Männer (20,59 Euro). Noch ungerechter geht es im Revier zu. Zwar steigt dort seit Jahren das monatliche Durchschnittseinkommen, aber aus Zahlen des Regionalverbandes Ruhr geht hervor, dass die weibliche Bevölkerung um fast ein Drittel schlechter entlohnt wird. Er bringt es auf einen Mittelwert von 2000 Euro netto, sie auf 1350 Euro netto. Immerhin. Könnte man denken, wenn man sich durch den Kopf gehen lässt, dass nach 1945 bis weit in die 1980er Jahre hinein die Quote berufstätiger Frauen im Ruhrgebiet unter der des Bayerischen Waldes lag. Aber wieso?

Ein Blick auf die Geschichte enthüllt ganz besondere Wirkungsmechanismen, was die geschlechtsspezifische Verteilung von Arbeit durch Erwerbstätigkeit auf Männer und Frauen angeht. Die zum Teil bis heute noch spürbar sind. „Als die Region um 1900 zum Industriegebiet wurde, arbeiteten die Männer unter Tage, während die Frauen über Tage dazu verdienen mussten“, sagt Uta C. Schmidt. „Das geschah nicht in Form einer entlohnten Tätigkeit, sondern dadurch, dass sie – über die Versorgung von Haus und Familie hinaus – auch die Arbeitskleidung ihrer Männer wuschen, was den Bergwerksgesellschaften Geld sparte, Nutztiere hielten und Pachtland bestellten – um so den Lohn aufzustocken.“

Die historisch arbeitende Kulturwissenschaftlerin, die seit Sommersemester 2009 an der Uni Duisburg-Essen lehrt, präzisiert: „Wenn wir heute den Begriff Hausfrau verwenden, wird das in der bürgerlichen Vorstellung benutzt als: ,das Haus managen, es organisieren.’ Ab 1880, als die ersten Zuwanderer in die Zechensiedlungen zogen, ging das darüber hinaus. Es war eine einkalkulierte Lohnleistung.“ Die Frauen aber weder eigenes Vermögen einbrachte, noch Rentenansprüche. Die Position des Mannes als Ernährer war unangefochten, die Frau wirtschaftlich abhängig. Mitunter bis hin zur Obdachlosigkeit: „Kam er bei einem Grubenunglück ums Leben, wurde der Familie die Wohnung, die der Bergwerksgesellschaft gehörte, gekündigt.“

Das Rollenmodell wandelt sich nicht so schnell

Die 58-Jährige, die in Dortmund lebt, konstatiert zwar, dass dieses Ernährer-Hausfrau-Zuverdienerin-Modell zunehmend in Auflösung begriffen ist, „aber innerhalb eines bestehenden wirtschaftlichen Gefüges wird es sich doch nicht so schnell wandeln, wie man sich das vorstellt.“

Sie selbst („Katholische Arbeitertochter aus dem Ruhrgebiet bekommt durch die Bildungsreform die Möglichkeit, zu studieren“) konnte feststellen, dass ihre Berufswahl auch innerfamiliär positiv aufgenommen wurde: „Mein Vater hat in der Maschinenbauindustrie gearbeitet. Dass er – als Malocher – das, was ich mache, akzeptiert hat, finde ich großartig.“

So lange schon Sprache enthüllt, wes Geistes Kinder wir sind, besteht dennoch kein Grund zu uneingeschränkter Freude. Bei „Putzteufeln“ denkt niemand an diabolisch schrubbende Männer, das „Hausväterchen“ sucht man im deutschen Wortschatz vergebens und die Verweigerung der Brutpflege nach Rabenart wird nur Müttern angekreidet. So sie sich denn dieses „Vergehens“ schuldig erweisen. Die Realität indes sieht anders aus. „Es geht derjenige zur Arbeit, der mehr Geld nach Hause bringt. In der Regel (90 Prozent) der Mann“, kann man in einer Broschüre nachlesen, die in diesem Jahr von der Friedrich Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft herausgegeben wurde („Was junge Frauen wollen. Lebensqualitäten und Familien- und gleichstellungspolitische Erwartungen von Frauen zwischen 18 und 40 Jahren“). Das sorgt für Reibungspunkte und Probleme.

Zu Rüdiger Wacker, Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge mit Praxis in Essen, kommen die Menschen meist zu zweit. Der 54-jährige hat sich als Therapeut auf Paare und Partnerschaften spezialisiert. „Über die Hälfte meiner Klienten sind Paare mit kleinen Kindern,“ sagt er, „ein Kind zu bekommen, ist eine Schnittstelle, an der Konflikte entstehen. Was stillschweigend vereinbart wurde, funktioniert plötzlich nicht mehr.“ Während vor 50 Jahren alles viel einfacher war – „Ich wusste genau, was ich als Frau und als Mann zu machen hatte“ – sind die Anforderungen heute gestiegen.

Heute muss man mehr hinterfragen

Allerdings: Männer wie Frauen stecken im gleichen Dilemma: „Egal, wie ich’s mache, mach’ ich’s verkehrt.“ Das trifft nicht nur Eltern, sondern auch Paare, die kinderlos ihren Beziehungs-Burnout erleben: „Emotional muss man sich heute viel mehr fragen: ,Was ist das, was zu mir passt?’ Dazu gehört, zu schauen, wie man seine verschiedenen Facetten von Stärke und Schwäche zeigen kann. Ich kann heute da nicht mehr so unreflektiert wie vor 50 Jahren rangehen, sondern muss sehr strukturiert meine eigenen Bedürfnisse hinterfragen.“ Erst wer weiß, was er wirklich braucht, kann lernen, „die Art des Miteinanders zu verhandeln. Das zu tun, steht am Anfang jeder Konfliktlösung.“

Frauen, die sich für die Karriere entschieden haben und sich dann selbst als „Rabenmütter“ empfinden, begegnet Wacker in seiner Praxis ebenso wie überforderten Vätern: „Von mir wird erwartet, dass ich mir nach dem langen Tag auf der Arbeit noch das Kind auf den Schoß setze und am Wochenende noch das Haus renoviere – und trotzdem reicht es nie.“ Oder Menschen kommen zu ihm, denen die Finanzen einen Strich durch den Lebensplan machen – sei es, weil sie die gemeinsam aufgebaute Firma aneinanderkettet, sei es, weil bei einer Scheidung die Mittellosigkeit droht.

Nach außen hin lässt Einiges hoffen. Es gibt Bauarbeiterinnen, Krankenbrüder (obwohl sie dann doch -pfleger genannt werden) und bei der Polizei tun Anna und Peter, Lutz und Sigrid Seite an Seite Dienst. Neugeborene werden nicht mehr automatisch in die rosa- und die hellblaufarbene Fraktion unterteilt, in den Schulen nehmen Jungen und Mädchen ganz selbstverständlich gemeinsam am Sportunterricht teil. Aber ist das bloß Augenwischerei?

„Tatsächlich verändert hat sich viel und nicht viel“, sagt Katja Sabisch, angesprochen auf Frauen- und Männerrollen, „juristisch ist die Gleichberechtigung zwar im Grundgesetz verankert und wirkt sich auch auf den Alltag und die Lebenswelt von Männern und Frauen aus, aber es herrscht gleichzeitig immer noch eine große soziale Ungleichheit.“ Auch sie ist der Meinung: „Historisch gewachsene Strukturen können sehr hartnäckig sein.“

Seit 2008 lehrt die Soziologin an der Ruhr-Universität Bochum und ist auf den Bereich „Gender Studies“ (Geschlechterforschung) spezialisiert. „Inzwischen machen mehr junge Frauen Abitur als junge Männer“, weiß die 41-Jährige. „Seit den 1970er Jahren verbessert sich ihr Bildungsniveau kontinuierlich. Aber in den Führungsetagen sieht das wieder anders aus.“ Auch sie führt die „Babyfalle“ ins Feld. Das, was passiert, sobald das erste Kind zur Welt kommt, und eine Art „Flashback“ darstellt: „Die Rückkehr in Richtung Hausfrau-Erzieher-Modell.“ Eine Untersuchung im Fachbereich der gebürtigen Sauerländerin hat ergeben, dass sich das quer durch alle sozialen Milieus zieht.

Elternzeit ist bei Männern noch nicht anerkannt

Wollten Männer hingegen in Elternzeit gehen, werde das von Firmen immer noch nicht genügend toleriert: „Zwei Monate sind in Ordnung, das zählt als ein längerer Urlaub. Danach muss es auch gut sein.“ Und auch andere „Sorgearbeit“ von Männern – sei es nun die Führung eines Haushalts oder die Pflege eines Angehörigen – werde immer noch nicht genügend anerkannt. „Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen sind nicht naturgegeben, sondern wir leben uns in sie hinein, das ist ein Punkt, wo wir ansetzen müssen“, sagt Sabisch, „das fängt mit sozialen Komponenten wie der Berufswahl an. Von einer tatsächlichen Gleichberechtigung profitieren beide Geschlechter.“

Wie Männer und Frauen ihr Leben gestalten möchten, bleibe letztlich immer eine individuelle Entscheidung: „Wobei das nicht allein vom Geschlecht abhängt. Herkunft, soziales Milieu, sexuelle Orientierung und körperliche Verfassung sind ebenfalls wichtige Faktoren.“

Die Experten sind sich also mehr oder weniger einig und Lösungsstrategien sind in Sicht. Aber nur insoweit praktikabel, als dass man sie auch aus eigener Kraft umsetzen kann. Noch braucht es dafür viel Unterstützung. Von höherer Ebene. Erst dann sind wir tatsächlich von der Rolle.

Teresa, die Anwältin, hat drei Kinder bekommen. Stefanie ist, wie geplant, in ihren alten Beruf zurückgekehrt. Genauso wie Markus, der vorher noch ein zweites Baby versorgt hat. Weil er das gerne tut und besser macht als seine Frau. Dafür hat er viel Anerkennung bekommen. Auch von seinem Kumpel Ludger. Der inzwischen wesentlich entspannter wirkt, weil er und seine Frau Sabine nun leistungsgerecht bezahlt werden. Und es nun ein System gibt, dass dafür sorgt, dass Kinderbetreuung für alle bezahlbar ist. Auch für Pia, die längst wieder ganztags arbeitet. Einstweilen ist das meiste davon noch Utopie.

 
 

EURE FAVORITEN