Warum die Stimme ein Verräter ist - und wie man mit ihr überzeugt

Ein Mann, der weiß, dass er auch mit seiner Stimme beeinflusst: US-Präsident Barack Obama.
Ein Mann, der weiß, dass er auch mit seiner Stimme beeinflusst: US-Präsident Barack Obama.
Foto: Kevork Djansezian/afp
Der Klang unserer Stimme und unsere Art zu sprechen entscheidet mit, ob wir gehört werden. Ob uns andere sympathisch finden. Ob sie uns vertrauen. Ob sie uns zutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Doch unsere Stimme ist nicht unser Schicksal.

Essen.. Als Queen Elizabeth II. noch nicht geboren war, blamierte sich ihr Vater bis auf die Knochen: Er sprach vor einem großen Publikum, doch die Menschen hörten kaum die Worte des künftigen Königs. Seine schüchterne Art zu sprechen, seine Stimme über Mikrofon, sein Stottern empfanden sie als peinlich, als unangenehm. Der Inhalt seiner Rede ging dabei völlig unter. Und die eigentliche Frage, die die Menschen bewegte, war: Dieser Mann soll unsere Monarchie vertreten?

Unsere Stimme, unsere Art zu sprechen, können Menschen verschrecken – oder verführen. Wir drücken damit mehr aus, als uns bewusst ist. Ob wir im Moment traurig sind oder fröhlich, ob wir unsicher sind oder verärgert. Unsere Stimme verrät es. Die Stimme entscheidet mit, ob sich andere zu uns hingezogen fühlen, ob uns andere vertrauen, ob sie uns zutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Ihr Klang ist ein unverwechselbarer Ausdruck unserer Persönlichkeit. Doch unsere Stimme ist nicht unser Schicksal.

Wir brauchen nur die Stimme eines Menschen zu hören und sehen sofort ein Bild von ihm: Mann oder Frau, Kind oder Greis. „Das Alter können wir allein am Klang der Stimme ziemlich sicher bestimmen. Abweichungen liegen im Schnitt bei gerade mal plus-minus fünf Jahren“, sagt Walter Sendlmeier, der seit 20 Jahren das Fachgebiet „Kommunikationswissenschaften“ an der TU Berlin leitet. Aus welcher Region der Mensch kommt, verrät uns der Dialekt. Seine Aussprache lässt uns erahnen, welche Schulbildung er genossen hat, in welchen Kreisen er sich bewegt. Aber damit noch nicht genug: Unsere Stimme verrät, in welcher Stimmung wir sind. Und das in so vielen Facetten wie es die Mimik kaum auszudrücken weiß.

Die Stimme zeigt, ob wir verstimmt sind

„Hallo, ich bin’s“, meldet sich ein Bekannter am Telefon – und sofort haben wir ihn erkannt, ohne dass er den Namen sagt. Ist er uns vertraut, können wir an der Begrüßung hören, ob bei ihm alles stimmt oder er verstimmt ist. Ist er wütend, verändert sich seine Atmung, er spannt seine Muskeln an – auch die des Stimmapparates. Und er spricht gepresster, schneller. Ist er traurig, verliert er seine Körperspannung, er spricht langsamer und die Stimme klingt gedämpfter. Kann er wieder lächeln, ist auch das zu hören. Freude lässt uns nicht nur lebendig fühlen, sie lässt uns auch lebendiger sprechen.

Die Stimme ist ein Botschafter der Gefühle

Das ist bereits bei Babys zu beobachten, die sich gerne von der vertrauten Stimme der Mutter beruhigen lassen. Schon mit sieben Monaten können Babys Stimmen erkennen und ob der Sprecher glücklich ist, wie eine Studie von Tobias Grossmann vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zeigt. Und natürlich nutzen Babys auch ihre eigene Stimme als Kommunikationsmittel. Für manche mag das Geschrei eines Säuglings immer gleich klingen, doch Eltern entwickeln bald ein Gespür dafür, wie es ihrem Kind geht. Sie hören genau zu und erkennen die Unterschiede: Hat ihr Baby Hunger, will es auf den Arm oder braucht es eine neue Windel? Seine Stimme sagt es – ohne Worte.

Doch nicht nur unser augenblickliches Empfinden drücken wir unbewusst mit der Stimme aus. Sie ist auch ein Spiegel unserer Seele. Unsere Persönlichkeit beeinflusst die Art, wie wir sprechen, in welchem Rhythmus, mit wie vielen Pausen. Sind wir emotional stabil oder emotional labil? Sind wir eher zurückhaltend oder gehen wir nach vorne? „Ein geselliger Mensch, ein Partylöwe, der gerne etwas erlebt, redet im Schnitt eher lauter, lebendiger, mit mehr Betonung und oft auch schneller“, sagt der Stimmenforscher Sendlmeier. Bei einem introvertierten Menschen sind weniger Varianten der Lautstärke und Tonhöhe zu hören.

Die Stimme ist so individuell wie ein Fingerabdruck

Wenn wir allerdings eine Person das erste Mal treffen, können wir noch nicht genau sagen: Ist der traurige Klang seiner Stimme nun ein Ausdruck von Trauer oder ist unser Gegenüber generell ein eher schweigsamer und in sich gekehrter Zeitgenosse? Aktuelle Forschungen zeigen: Beides – der momentane Gemütszustand, der ja selbst während eines Tages mehrmals wechseln kann, und unsere Eigenschaften der Persönlichkeit – wirken sich ähnlich auf unsere Stimme und Sprechweise aus.

Trotzdem hat jeder eine individuelle Stimme, die unverwechselbar ist wie ein Fingerabdruck. Das macht sich auch die Polizei zunutze, um Täter zu entlarven. Hat der Erpresser am Telefon eine ungewöhnlich hohe Stimme? Verschluckt er Silben? Spricht er einen Dialekt? Ein berühmtes Beispiel ist die Verurteilung des RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Die RAF hatte ein Gespräch zwischen dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und seinem Bewacher aufgezeichnet. Dies hörte sich später Hermann Künzel an, Professor für Phonetik und 20 Jahre lang Leiter der Abteilung für Sprecherkennung am Bundeskriminalamt. Der Sprachdetektiv konnte vor Gericht belegen, dass es sich bei dem Bewacher um Peter-Jürgen Boock handelte. Eine Lücke zwischen den Schneidezähnen ließ einen kleinen Pfeifton hören, sobald Boock den Laut „sch“ aussprach.

Die Stimme ist ein Verräter

In Büchern und im Internet meinen Autoren, an der Stimme heraushören zu können, ob jemand lügt. „Da wäre ich ganz vorsichtig“, warnt Professor Sendlmeier. „Ein Psychopath ist in der Regel emotional stabil, furchtlos und von sich überzeugt; ein Verhör beeindruckt ihn nicht, er bleibt ruhig und weitgehend unverändert, während ein emotional labiler Mensch allein durch die Situation Panik bekommt. Ist das jetzt ein Beleg für die Lüge oder ist dieser Mensch nur sehr erregt?“

Und doch können wir Zwischentöne hören. Uns fehlen zwar häufig die Worte für das so Gesagte, aber es wirkt: Fühlen wir uns von der Stimme und der Sprachmelodie angenehm berührt, hören wir ihr gerne zu? Oder langweilen wir uns mit ihr, hören wir weg? Bekommen wir es beim Klang und der Lautstärke gar mit der Angst zu tun? Allein das Wort „Du“ kann Unterschiedliches beim Hörer auslösen, ob es nun wütend geschrien oder verliebt gehaucht wird.

Fragt man Frauen, wann sie eine Männerstimme besonders sexy finden, werden die meisten antworten: Wenn die Stimme des Mannes tief ist. Mit einer tiefen Stimme verbinden sie unbewusst eine ausgeprägte Männlichkeit und positive Äußerlichkeiten: „Das ist ein großer Mann!“ Meist ist jedoch nur die Überraschung groß, wenn sie den Sprecher dann wirklich zu Gesicht bekommen. Doch absurd ist es nicht, von einer Stimme auf das Äußere zu schließen. So klingen zum Beispiel beleibte Männer anders als schlanke. Und auch die Kraft eines Mannes kann allein durch das Hören der Stimme aussagekräftiger eingeschätzt werden als durch ein Porträtfoto, wie eine kalifornische Studie zeigt.

Klingen tiefe Männerstimmen sexy?

Doch ist eine tiefe Stimme tatsächlich so verlockend? Die Phonetikerin Vivien Zuta spielte für ihre Magisterarbeit an der Universität Frankfurt einer Gruppe von Frauen Männerstimmen vor. Mit Hilfe eines Fragebogens sollten sie entscheiden, welche Stimmen besonders gut klingen. Das Ergebnis schrieb Zuta in ihrem Buch mit dem Titel: „Warum tiefe Männerstimmen doch nicht sexy sind“.

„Eine attraktive Stimme ist nicht allein an der Stimmhöhe festzumachen“, schreibt Zuta. Es kommt vielmehr auf ein harmonisches Gesamtbild an. So kann auch eine hohe Männerstimme in Frauenohren erotisch klingen, wenn der Mann zum Beispiel mit einer ausgeprägten Sprechmelodie seine Sätze formuliert, wenn die Stimme gelassen, interessiert und selbstsicher klingt. Dagegen kann die Stimme noch so tief sein, spricht einer zum Beispiel mit vielen Verzögerungslauten, sinkt er auf der Attraktivitätsskala in den Keller: „Äh“, „Ehmm“ „Äh“. Laut Sendlmeier füllen gerade extrovertierte Menschen, wenn sie besonders viele Sprechpausen machen, diese sehr gerne mit solchen Lauten. Berühmte Beispiele: Franz Beckenbauer und Boris Becker.

Fragt man Männer, welche Frauenstimme sie bevorzugen, sind die Antworten vielfältiger – nur schrill darf sie nicht klingen. Nach einem Test kam Zuta zu dem Ergebnis: „Männer bevorzugen Frauenstimmen, die sanft und zart klingen und auf Jugendlichkeit hinweisen.“

Die Stimme ist für Frauen ein Handicap

Das gilt fürs Private. Will sich eine Frau jedoch im Berufsleben durchsetzen, könnte ihre zart klingende Stimme zu einem Karrierestopp führen. „Die höhere Stimme der Frauen ist ein Handicap, um kompetent, seriös und sachlich zu wirken“, betont der Sprechwirkungsforscher Sendl-meier. „Eine tiefere Stimme strahlt mehr Kompetenz aus.“ Eine Feststellung, die bisher bei der Diskussion über die wenigen Frauen in Führungspositionen weitgehend vernachlässigt wurde.

Und auch bei Männern fragt man sich: Warum schaffen es manche bis an die Spitze – und andere nicht? Die Stimme spielt hier ebenfalls eine Rolle. „Erfolgreiche Führungskräfte sprechen ausdrucksvoll und lebendig, ohne dass es zu emotional wirkt“, sagt Sendlmeier. „Wir haben Vorstandsvorsitzende von DAX-Unternehmen mit Männern gleichen Alters und gleichen Ausbildungsgrades verglichen und Unterschiede gefunden. So ist zum Beispiel die Betonung bei den Vorstandsvorsitzenden viel treffender.“ Je niedriger die mittlere Stimmlage ist und je weniger die Tonhöhen variieren, desto mehr trauen Hörer dem Sprecher zu, Führung zu übernehmen – so ein weiteres Ergebnis der Studie. Zudem verändern Vorstandsvorsitzende auch immer mal wieder ihre Lautstärke, sprechen schneller, aber so deutlich, dass es für die Hörer nicht zu rasch ist. Sie folgen ihnen leichter als anderen Rednern, da sie mehr Pausen im richtigen Moment machen, um etwa ihren Redebeitrag zu gliedern.

In der Politik hat die Stimme mehr Einfluss als wir glauben

Wie stark die Stimme wirkt, konnte man bei der Stimmenvergabe im November 1995 beim SPD-Parteitag in Mannheim beobachten. Damals waren die Delegierten angereist, um Rudolf Scharping in seinem Amt als Parteivorsitzender zu bestätigen. Doch während in seiner Rede die Krise der Partei zu spüren war, schaute Oskar Lafontaine kämpferisch in die Zukunft. „Die Reden waren inhaltlich gleich, in manchen Passagen nahezu wörtlich identisch, trotzdem haben Scharping und Lafontaine total unterschiedlich gewirkt – wegen der Stimme und der Sprechweise“, erinnert sich Sendlmeier. „Scharping hat damals nicht signalisiert, ich bin bereit, ich weiß, wo es langgeht, vertraut mir, ich führe euch an. Das hat Lafontaine viel mehr ausgestrahlt.“

Solche Phänomene lassen sich in der Politik auch heute beobachten. Barack Obama überzeugt ebenfalls, weil er mit seiner Stimme umzugehen weiß.

Doch die Stimme ist nicht unser Schicksal

Als Wibke Bruhns 1971 als erste Nachrichtensprecherin für das ZDF auf dem Fernsehbildschirm erschien, war das eine Sensation. Lange Zeit hatte man die Frauen von den Mikrofonen ferngehalten. „Weil die mittlere Stimmlage einer Frau meist sehr hoch ist, weil ihre Satzmelodie eine größere Variationsbreite aufweist. Das wird als zu emotional interpretiert, zumindest für den Kontext Nachrichten“, sagt Sendlmeier. Heute haben Frauen das Mikrofon erobert. „Moderatorinnen haben heute alle eine für Frauen etwas tiefere Stimme. Die meisten von ihnen senken zusätzlich ihre mittlere Stimmlage um eine Terz ab, sobald die Mikrofone eingeschaltet sind.“

Man kann eben seine Sprechweise, wie oft man Pausen macht, wie man betont, und auch seine Stimme und deren Klang und Wirkung trainieren. „Die Länge der Stimmlippen ist vorgegeben (also ob man Bass oder Tenor, Alt oder Sopran ist), aber wie man damit umgeht, kann man sehr wohl selber beeinflussen“, schreibt der Kommunikationstrainer Hartwig Eckert in seinem Buch „Sprechen Sie noch oder werden Sie schon verstanden?“

Manchmal hilft schon ein Glas Wasser

Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, und auch nur begrenzt, weil vieles unbewusst abläuft und das Sprechen eine sehr komplexe Angelegenheit ist – von der Atmung bis zum Zungenschlag. Doch meist ist es auch gar nicht die Stimme selbst, die uns Probleme macht, sondern die Situation, in der die Stimme umschlägt oder zu zittern anfängt: Wenn wir nervös werden, weil wir uns in einem Bewerbungsgespräch beweisen müssen oder als Lehrer gegen eine unruhige Klasse ankämpfen. Wer jedoch eine kleine Denkpause einlegt, kurz durchatmet, um Hals und Kehlkopf zu entspannen, vielleicht noch den Oberkörper aufrichtet, der findet schon schneller und viel bewusster zu einer festen und überzeugenden Stimme zurück.

Manchmal hilft auch ein Schluck Wasser, rät Sendlmeier. Denn die Angst, die viele Menschen haben, wenn sie vor Publikum sprechen müssen, reduziert unseren Speichelfluss – und mit einem trockenen Mund lässt sich nicht gut sprechen.

Wer sich nun fragt, ob eine trainierte Stimme noch natürlich oder glaubwürdig klingt, sollte seine eigene aufnehmen: Einmal im Meeting mit Kollegen und einmal mit der Familie am Küchentisch. Die berufliche Stimme klingt meist anders als die private – und doch ist es immer die eigene, unverwechselbare Stimme.

Als Königin Elizabeth II gerade mal ein Jahr auf der Welt war, sprach ihr Vater erneut vor einem großen Publikum. Er eröffnete das australische Parlament in Canberra. Und die Menschen waren überrascht. Seine Art zu sprechen hatte sich verändert. Auf Anraten seiner Frau war der Prinz zu einem Sprachtherapeuten gegangen, der ihm mit ungewöhnlichen Methoden zu einer neuen, angenehmeren Stimme und Sprechweise verhalf. Dies sollte ihm auch später noch nutzen, als sein Bruder Eduard überraschend abdankte, und der Jüngere den Thron bestieg. Fortan war er ein beliebter Vertreter der britischen Monarchie – als König Georg VI.

So entsteht die Stimme

Bis wir unsere Stimme zu Gehör bringen, ist ein sehr komplizierter Mechanismus im Gang: Es ist ein Zusammenspiel zwischen Atmung und Kehlkopf, zwischen Mund- und Rachenraum.

Die Stimmlippen am Kehlkopf in der Luftröhre erzeugen den Klang. Mehrere 100 Mal pro Sekunde treffen die Lippen, die umgangssprachlich Stimmbänder genannt werden, aufeinander. Feinste Muskeln und Stellknorpel helfen, die Stimmlippen zu spannen und zu entspannen. Die Luft strömt durch die Stimmritze zwischen den Stimmlippen und lässt uns so flüstern, hauchen oder mit ordentlichem Luftdruck auch schreien.

Je gespannter die Stimmlippen sind, desto höher ist der Ton. Doch nicht nur die Spannung der Lippen ist für die Tonhöhe verantwortlich. Je länger die Stimmlippen sind, desto tiefer klingt der Ton. Daher haben auch Männer tiefere Stimmen als Frauen. Ihr Kehlkopf, der so genannte Adamsapfel, ist bei ihnen größer.

Im Rachen- und Mundraum entstehen schließlich die Laute. Wir bewegen die Zunge, formen die Lippen. Aber auch Gaumen, die Stellung der Zähne und eine verschnupfte Nase haben Einfluss darauf, wie wir klingen.

 
 

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