Wandern zum Seelenheil - Pilgern in der Region ist im Trend

Anna Ernst
Das typische Muschelzeichen weist auf die Jakobswege in Westfalen hin.
Das typische Muschelzeichen weist auf die Jakobswege in Westfalen hin.
Foto: Volker Hartmann
Aussteigen, loswandern, zu sich selbst und zu Gott finden: „Beten mit den Füßen“ kann man auch in NRW. Was Menschen zu Pilgern werden lässt.

Velbert.  Die Kirche liegt erhaben auf dem Hügel, über dem Ortskern von Neviges. Wie ein Zelt ragt ihr Dach zwischen den Baumkronen hervor, erkennbar von Weitem. Eine Landmarke in der Betonbauweise der späten 60er, gebaut für bis zu 8000 Gläubige. An Festtagen versammeln sich hier tausende Wallfahrer. Selbst an einem ruhigen Sonntagmorgen, an dem anderenorts die Kirchenbänke oft leer bleiben, kommen zahlreiche Rucksackträger. Gleich zwei Vormittagsmessen halten die Mönche des Franziskanerklosters für sie. Pilgern ist „in“ – das Ziel muss dabei nicht Rom oder Santiago sein. Auch nach Neviges, Kevelaer oder Bochum-Stiepel zieht es spirituelle Wanderer.

Pater Frank und seine Mitbrüder führen das gesamte Jahr über Gruppen aller Altersklassen durch ihre Nevigeser Wallfahrtskirche. Ziel für viele ist die knapp fünf Meter hohe Säule mit dem Wallfahrtsbild zu Ehren der Jungfrau Maria. In einer seitlichen Kapelle der Kirche zünden sie bei der persönlichen Andacht Kerzen vor der riesigen Stele an. Die Gemeinde hat frische Blumen aufgestellt. Sanft scheint das Licht durch die Glasfenster ins Innere der dunkelgrauen Kirche. Diese Kapelle ist ein besonderer Ort des Gebetes – nicht nur knieend oder sitzend auf den Bänken. In den Kerzenschein vor das Gnadenbild zu treten und es mit den eigenen Fingern, mit der Handinnenfläche zu spüren, verspricht den Gläubigen Hoffnung.

Auch wenn jetzt Ende Oktober ein offizielles Wallfahrtsende gefeiert wird, hat das Pilgern keinen richtigen Saison-Abschluss: „In der Adventszeit und wenn kurz vor Weihnachten die Krippe aufgebaut wird, kommen wieder viele. In der ersten Jahreshälfte machen sie sich auch zur Fastenzeit auf den Weg hierher“, sagt Pater Frank. „Im Grunde wird das ganze Jahr über gepilgert.“ Im Pilgercafé am Kirchplatz klappern sonntags stundenlang Kaffeetassen und Kuchenteller. Ehrenamtliche der Gemeinde bewirten die Gäste, geben Wanderern Tipps zu weiteren sehenswerten Orten der Region.

Pilgern gegen Qualen im Fegefeuer

Irgendwo in der Tasche haben viele Einkehrende den typischen Stempelpass der Pilger dabei, der seine ganz eigene Geschichte erzählen könnte: von mühsamen Wegstrecken, vom Wandern bei jedem Wetter, vom Ankommen in Kirchen und von einer Art innerer Einkehr. Für die einen sind es Stempel, die von Wanderlust und Abenteuer zeugen. Für die anderen verweisen sie auf einen tiefen Glauben, auf Heiligenverehrung, auf getane Buße. Eine Treuekarte für den VIP-Einlass ins Paradies? So in etwa hat man sich das im Mittelalter vielleicht vorgestellt.

Ablass wird das römisch-katholische „Treuesystem“ in der Theologie genannt. Ein systematisch geregelter „Gnadenakt“, der die Strafe böser Taten erlassen soll. Aufgekommen ist er im Mittelalter, seine absolute Blütezeit erlebte er im Spätmittelalter. Für jede gute Tat auf Erden, so die damalige Vorstellung, verkürze sich nach dem Tod die Zeit im Purgatorium, dem Fegefeuer. Wer zu Lebzeiten einen engen Draht zur Kirche und zu Gott hält, wer betet, pilgert und beichtet, erspare sich langjährige Qualen. Davon waren Christen jahrhundertelang fest überzeugt – bis Martin Luther den Ablasshandel im Zuge seiner Reformation scharf kritisierte.

Im Spätmittelalter aber war fast jeder Aspekt des Lebens noch darauf ausgerichtet. Ein komplexes Weltbild, in dem Heiligen eine besondere Rolle zuteil wurde. Sie bilden im katholischen Glauben eine Art „Hotline“, eine Verbindung der Menschen zu Gott. Überreste von Heiligen werden in der katholischen Kirche bis heute als Reliquien verehrt. Kirchen, die im Besitz einer als besonders wertvoll geltenden Reliquie sind, waren deshalb schon im Mittelalter wahre Magneten für Gläubige. Zahlreiche Legenden erzählen von Wunderheilungen an Wallfahrtsorten. Wer Reliquien oder besondere Bilder von Heiligen sehen, sie verehren, vor ihnen auf die Knie fallen und beten wollte, unternahm monatelange beschwerliche Reisen. Er wurde zum Pilger. Zu einem, der „in die Fremde“ ging. „Peregrinus“ heißt das im Lateinischen.

„Ich bin dann mal weg“

Erstaunlich: Heute, in einer Zeit, in der bundesweit mehr als 390 000 Menschen in einem Jahr (Stand 2015) aus den Kirchen austreten und bei Umfragen die wenigsten Menschen mehr als drei Apostelnamen aufzählen können, ist die Zahl der Pilger nicht gesunken. Im Gegenteil: Pilgern liegt wieder im Trend. Rund 200 000 Menschen kommen im Schnitt jährlich nach Santiago de Compostella, dem spanischen 95 000-Seelen-Ort, an dem die Gebeine des Apostels Jakobus liegen sollen. Seit dem Mittelalter einer der bedeutendsten Pilgerorte Europas. Doch auch das Ruhrgebiet und seine umliegenden Wanderwege erleben starken Zulauf. Pilgern von Duisburg bis Kevelaer – solche Angebote erfreuen sich großer Beliebtheit. Nicht selten wird dabei auf den historischen Jakobswegstrecken in NRW gewandert. Jenen Wegen, die schon im Mittelalter von Pilgern genutzt wurden.

In der fortschreitend säkularer werdenden Gesellschaft war es ausgerechnet der „Prophet“ Hape Kerkeling, der 2006 die frohe Botschaft vom „Beten mit den Füßen“ wieder unter die Menschen brachte. Im gleichen Jahr, als er sich in der Rolle seiner Kunstfigur Horst Schlämmer den Deutschen Comedypreis abholte, veröffentlichte der gebürtige Recklinghäuser mit „Ich bin dann mal weg“ ein neues Standardwerk des Pilgertums: einen beherzt offenen Bericht über seine spirituelle Erfahrung auf dem historischen Weg in Spanien. 100 Wochen Platz eins auf der Sachbuch-Bestsellerliste. Kaum ein deutscher Angestellter, der sich bei seinen Kollegen nicht schon mal mit einem gepflegten „Ich bin dann mal weg!“-Ausruf ins Wochenende verabschiedet hat. Wären wir nicht alle gerne einfach „mal weg“? Der Traum vom Aussteigen und Loslaufen, von der Besinnung auf das Wesentliche im Leben...

„Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg. Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“
(Silbermond: Leichtes Gepäck, 2015)

Seelenheil nach Silbermond. Deutsche Popmusik, die eine Botschaft aufgreift, die bereits im Matthäus-Evangelium in der Bibel geschrieben steht. Demnach schickte schon Jesus Christus seine zwölf Jünger ohne viel Hab und Gut zur Mission durchs Land. Heute verbinden sich Bibelspruch und Minimalismus-Lebenstrend. „Simplify your life“, vereinfache dein Leben, empfehlen zahlreiche Ratgeberbücher. „Einfach ist mehr“, sagen jetzt auch ausgerechnet die Discounter Aldi Nord und Süd unisono im neuen Werbespot. Verzicht ist gerade äußerst hip. Und das jahrhundertealte Pilgertum fügt sich perfekt in diesen Wunsch, allein das Essenzielle des Lebens wieder wahrnehmen zu wollen.

„Ich glaube, in unserer schnelllebigen Zeit spürt man, dass man es zwischendurch wieder langsamer angehen lassen sollte“, meint Andrea Liedmann. „Ich denke, dass das Pilgern ein Stückchen auch heilsam ist.“ Die 58-jährige Gemeindereferentin aus Bochum ist selbst begeisterte Pilgerin: „Es ist eine optimale Form von Entspannung, aber auch von Vorwärtskommen im eigenen Leben.“

Neben dem möglichst leichten Gepäck auf dem Rücken tragen viele Pilger nicht selten eine größere Last auf der Seele. „Viele kommen mit ihren Gedanken zu Problemen und Lebensgeschichten zu uns“, erzählt Pater Gabriel. Im Kloster in Bochum-Stiepel wird der einfühlsame Zisterzienser-Mönch täglich mit den Sorgen der Besucher konfrontiert. „Manche haben Probleme in der Familie und in Beziehungen, oft sind es auch Geldsorgen.“ Bei der Beichte wollen viele Gläubige ihre Seele erleichtern, vertrauen den Patres ihre Nöte und Geheimnisse an, über die sie bei den Wanderungen oft stundenlang nachgedacht haben. Die Beichte sei ein „Schritt der inneren Umkehr, um sich Gott näher zuzuwenden“, sagt Mitbruder Pater Malachias (31). „Beichten ist wie geistig duschen gehen.“

In Stiepel, genau wie in Neviges, gibt es deshalb täglich feste Zeiten, zu denen die Pilger ihre Seele „bereinigen“ können. Das Sakrament der Beichte: für katholische Pilger ist das traditionell ein fester Bestandteil der Wallfahrt, genau wie die Heilige Messe, die Anbetung, das Entzünden der Kerzen vor den Bildnissen der Heiligen.

Pilgern als Zukunftsoption der Kirche

Doch längst nicht jeder, der sich pilgernd zu Fuß auf den Weg macht, ist an diesen festen Strukturen des Glaubens interessiert. Der Trend des Pilgerns spricht auch jene an, die zwar spirituell neue Pfade beschreiten wollen, aber dabei auf das Sakramente-Sammeln und die Messen verzichten möchten. Ein Trend, den die Kirchen aufgreifen wollen, um auch diesen „Schäfchen“ entgegenzukommen. „Es gibt viele Möglichkeiten, den Glauben zu leben“, sagt Silvia Betinska, Referentin des Bistums Essen. „Pilgern ist offener und durchlässiger.“ Im Bistum leitet Betinska eine Gruppe, die am Zukunftsbild der Kirche arbeitet. 15 Haupt- und Ehrenamtliche beschäftigen sich dort mit dem Pilgern im Herzen des Ruhrgebiets. Ziel ist es, den Glauben durch weitere Pilgerangebote auch für diejenigen attraktiv zu gestalten, die sonntags nicht regelmäßig die Kirchenbank drücken wollen. Bis 2018 will die Gruppe um Silvia Betinska dazu neue Ideen sammeln. Eigene Wege sollen angelegt werden, so der bisherige Wunsch. Sternförmig sollen sie auf die Domstadt Essen zulaufen und die einzelnen Gemeinden im Bistum für Pilger stärker vernetzen. Auch eine bessere Infrastruktur soll her: Schilder, besseres Kartenmaterial und Broschüren mit Tipps.

Während das Bistum erst langsam auf die Pilgerlust reagiert, waren die Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) Jahre zuvor schon aktiv. Bei Forschungsprojekten ermittelten sie alte Pilgerwege, um sie für Wanderer neu auszuschildern.

Vor dem Pilgern wurden Testamente aufgesetzt 

Kurz nach Erscheinen von Hape Kerkelings Buch 2006 stand bei Ulrike Steinkrüger vom LWL einige Monate lang das Telefon nicht mehr still. Vier Jahre arbeitete die Münsteraner Archäologin zu diesem Zeitpunkt bereits daran, die historischen Jakobswege in Westfalen anhand von altem Urkunden- und Kartenmaterial zu rekonstruieren. Ein gewisses Interesse an ihrer Tätigkeit bestand schon vorher. Aber mit dieser Entwicklung hatte Ulrike Steinkrüger nicht gerechnet: Auf einmal standen nicht nur Medienvertreter, sondern auch viele Kirchengemeinden bei der Forscherin auf der Matte: „Plötzlich wollten alle, dass die Jakobswege doch bitte auch an ihren Gemeinden vorbeiführen“, erinnert sie sich schmunzelnd. Denn Pilgerströme, so lehrt die Historie, kurbelten immer den Handel an – schon in Zeiten, in denen das Wort Tourismus noch gar nicht erfunden war.

Die großen Handelsrouten in NRW, vor allem der Hellweg zwischen Rhein und Weser (von Höxter bis Duisburg), boten den mittelalterlichen Pilgern eine halbwegs sichere Infrastruktur: „Die großen Straßen waren besser ausgestattet, was Herbergen und Gasthöfe und auch Schmieden betrifft, wenn man ein Pferd dabei hatte oder einen Wagen“, weiß Steinkrüger. „Man hat dort natürlich auch mehr Leute getroffen und konnte sich besser Gruppen anschließen. Damit war die Reise sicherer, wenn man zum Beispiel auf Räuberbanden gestoßen ist.“

Historische Quellen zeigen, dass zur mittelalterlichen Blütezeit zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert fast jede soziale Schicht gepilgert ist: vom Bettler, über den Bauern bis hin zu Kaufleuten und Adeligen. Mehr als 2000 Kilometer Fußmarsch mussten die Pilger bis Santiago de Compostella zurücklegen. Nicht selten ließen sie Heim und Familie ein ganzes Jahr lang für diese nicht nur spirituelle, sondern vor allem auch gefährliche Reise zurück. „Im Mittelalter musste man dafür zuhause alles geregelt haben und sich beim örtlichen Pfarrer den offiziellen Segen und die Erlebnis holen, um losgehen zu dürfen“, so Steinkrüger. „Im Regelfall wurde vorher auch ein Testament aufgesetzt, weil man nie wusste, ob man von dieser Reise wieder zurückkehren würde.“

Wandern auf ganz alten Pfaden

In der heutigen Zeit, in der ein kurzer Spanientrip eher als entspannend denn als lebensgefährliches Abenteuer gilt, ist es der Faktor Zeit, der potenzielle Pilger von einer Santiago-Reise abhält. Selbst ambitionierte Jakobspilger legen die Etappen meist nur wochenweise über Jahre hinweg in ihren Sommerurlauben zurück. Für viele aber, die nur punktuell am Wochenende Zeit für Wanderausflüge finden, ist das neue Streckennetz, das die Landschaftsverbände entlang der alten Wege in NRW angelegt haben, eine gute Alternative. Hier können sie bequem vor der Haustür starten und die Region erkunden. Passende Wanderführer vom LWL erklären die Sehenswürdigkeiten entlang der Wegstrecken.

„Man hat das Gefühl, man geht dort in ganz alten Spuren. Man spürt die Tradition. Das hat auch etwas Besonderes“, meint die Bochumer Pilgerin Andrea Liedmann. In ihrer Gemeinde in Bochum-Harpen organisiert sie häufig Gruppenwanderungen in der Region. In einigen Tagen will sie sich zusammen mit der evangelischen Nachbargemeinde auf den Weg machen: Ökumenisches Pilgern als Zeichen, „dass man einen gemeinsamen Weg geht“. Etwa 40 Pilger beider Konfessionen nehmen an der jährlichen Aktion teil: Kinder, Jugendliche, Erwachsene und auch Menschen im Rollstuhl seien stets willkommen, sagt Liedmann.

Der Trend des religiösen Wanderns kennt ohnehin keine konfessionellen Grenzen mehr. Trotz ursprünglich katholischer Wurzeln ist das moderne Pilgern auch in der Evangelischen Kirche beliebt. Das evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen-Lippe hat als Anlaufstelle sogar ein spezielles Pilgerbüro eingerichtet. Die Veranstaltungen zum Pilgern in der Region füllen hier ein ganzes Jahresprogramm: „Oasen im Pott“, „Pilgern für Trauernde“, oder „Kanu-Pilgertour am Niederrhein“, um nur einige der Aktionen zu nennen. Das Programm zeigt die ganze Breite des Spektrums von denkbaren Gruppen-Pilgertouren.

Trennlinien verschwimmen

Eine grundlegende Neuerung im Pilgerwesen aber wird selten institutionell erfasst: Es ist die immer weiter steigende Zahl derjenigen, die als Einzelpilger unterwegs sind, die loswandern, um sich meditativ mit den eigenen Gedanken und der Umgebung zu beschäftigen. Diese Zahl ist kaum zu greifen, aber die Entwicklung sei im Gegensatz zu früher deutlich spürbar, sagen die Mönche in Neviges und Stiepel übereinstimmend. Immer häufiger begrüßen sie Wanderer, die „nur zufällig vorbeigekommen“ seien, die „gar nicht mehr religiös“ sind, die „nur mal neugierig“ waren. Pilger oder sportiver Wanderer auf der Suche nach einen Ruhepol? Eine solche Trennlinie ist heute kaum mehr vorhanden.

Für manche verläuft der Weg vielleicht so, wie Andrea Liedmann sagt: „Manchmal startet man als Wanderer und kommt als Pilger an.“

Informationen für Pilger 

Wer auf den rekonstruierten und mit dem typischen Muschelzeichen ausgeschilderten Jakobswegen in Nordrhein-Westfalen pilgern möchte, kann die Wanderführer des Landschaftsverband Westfalen-Lippe zurate ziehen. Die Reihe „Jakobswege“ ist im J. P. Bachem Verlag erschienen. Jeder Band kostet 14,95 Euro. Kostenlose Infos gibt es zudem online auf www.jakobswege-westfalen.de.

Die Veranstaltungen des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks Westfalen-Lippe sind online zu finden auf www.wirpilgern.de.

Ansprechpartner für Pilger, die längere Touren planen, ist die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft in Aachen (Tel: 0241/510 00 62). Hier erfährt man alles über Pilgerpass und Co.: www.deutsche-jakobus-gesellschaft.de