Unsere Welt wird wieder grün - eine Farbe und ihre Wirkung

Es grünt so grün: Eine saftige Wiese erfreut das Auge und die Seele. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Es grünt so grün: Eine saftige Wiese erfreut das Auge und die Seele. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Weshalb die Frühlingsfarbe uns Hoffnung und Harmonie empfinden lässt – und warum sie durchaus nicht nur positive Seiten hat. Ein lohnender Streifzug durch eine Welt, die jetzt von Tag zu Tag ein Stückchen grüner wird.

Essen.. Da! Da ist wieder was! Und noch mehr! Machen Sie sich doch dieser Tage mal auf die Suche nach einem Stückchen Grün, von Sonne beschienen, von Regen benetzt. Wer einmal damit anfängt, wird in den nächsten Wochen in einen wahren Taumel geraten und gar nicht wieder herauskommen, bis die ganze Natur um uns herum vollkommen grün ist – vielleicht mit ein paar roten, gelben, blauen Tupfen dazwischen.

Die Farbe Grün ist Aufbruch. Dieses Gefühl ist so elementar in uns verwurzelt, dass es wohl niemand so recht infrage stellen möchte. Was natürlich mit dem Erwachen der Natur zu tun hat, die uns frische Energie und Frühlingsgefühle beschert – und ein Grün, an dem wir uns kaum sattsehen können. Dieses Wissen ist so alt, dass es ganz zu Beginn im Alten Testament steht – und zuvor schon die alten Ägypter beseelt hat. Dank der Biowelle und dem Atomausstieg erscheint uns heute oft sogar die Zukunft grün.

Doch bevor wir losreisen ins Grüne, zupfen wir doch noch mal kurz an seiner zarten Wortwurzel. „Grün kommt vom althochdeutschen ,gruoni’, das heißt wachsen und gedeihen. „Und das führt ja eigentlich schon in die Mitte der Bedeutung“, sagt Klausbernd Vollmar, Diplompsychologe und Autor vieler Bücher über Farbwirkungen. Er selbst lebt heute dort, wo das Gras angeblich grüner ist, in Norfolk in England. Natürlich hat er sich schon oft mit dem Grün beschäftigt – und mit Goethes Farbenlehre. „Grün hat so eine Polarität, weil es sich aus Gelb und Blau mischt. Goethe hat in seiner Farbenlehre Gelb als farbigen Stellvertreter des Lichts betrachtet und Blau als farbigen Stellvertreter der Finsternis. Das heißt, dass Licht und Finsternis im Grün in gleichem Maße gemischt sind. Zwischen Positiv und Negativ zu stehen, das ist ja die Polarität des Menschseins“, findet Vollmar. Er sieht Grün als Harmoniefarbe, in der sich Licht und Finsternis genau ausgleichen, weshalb es auch den Ruhepol in Goethes Farbenkreis bildet. Der schrieb in seiner Farbenlehre: „Wenn man Gelb und Blau, welche wir als die ersten und einfachsten Farben ansehen, gleich bei ihrem ersten Erscheinen, auf der ersten Stufe ihrer Wirkung zusammenbringt, so entsteht diejenige Farbe, welche wir Grün nennen.“

Goethe und der Fußball

Überhaupt: Goethe, der hatte es mit dem Grün. Schon im „Faust I“ ließ er seinen Mephisto wispern: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, / und grün des Lebens goldner Baum.“ Was Generationen beflissener Literaturwissenschaftler vor die unlösbare Frage stellte: Wie, zum Teufel, kann ein goldener Baum denn grün sein? Bis dem rätselhaften Dichterfürsten ein Kicker und Fußballtrainer hilfreich zur Seite sprang: Adi Preißler! Er übertrug die geflügelten Worte ins Allgemeinverständliche und löste dabei gleich den grün-goldenen Widerspruch mit auf: „Grau ist alle Theorie, entscheidend is auf’m Platz.“ Und welche Farbe hat der Fußballplatz? Da sehen Sie’s! Wann hat zuletzt ein Fußballtrainer aus dem Ruhrgebiet derartig literarische Kreise quadriert?

Eine Farbe mit Charakter

Dabei ist Grün nicht einmal die Lieblingsfarbe der Deutschen. In der bisher größten Umfrage zur Farben und den damit verbundenen Eigenschaften landete Grün gerade mal auf Platz 3. Nur zwölf Prozent der 1888 Befragten in der Untersuchung der Soziologin und Psychologin Eva Heller gaben Grün als ihre Lieblingsfarbe an, weit weniger als Blau (38 Prozent) oder Rot (20 Prozent). Dennoch hat diese Farbe etwas, das ungeheuer positiv wirkt. Natur, Erholung, Gesundheit, Hoffnung, Jugend, Lebendigkeit, Ruhe, Sicherheit, Toleranz – das sind die Eigenschaften, die in der Befragung am deutlichsten mit dem Grünen in Verbindung gebracht wurden. Und auf der negativen Seite? Da schlagen Giftigkeit, Bitterkeit, Saures und Anteile von Neid und Geiz zu Buche, die letzteren mit ordentlichen Gelbanteilen.

Die grüne Welle

Dennoch überwiegt das Positive. Viele essen sogar Grünzeug. Dass eine grüne Ernährung gesund ist, wissen wir ja nicht erst seit der Gründung der Grünen, die lange Zeit, bis zur Mischung mit anderen politischen Farben, für einen frischen Wind in der Politik standen und bezeichnenderweise von einer Frau namens Claudia Roth geführt wurden.

Alles bio? Oder was?

Nein, dass Grünzeug gesund ist, gilt geradezu als Binsenweisheit. Allerdings als eine, die sich extrem gut vermarkten lässt: „Alle Bioprodukte werben auch mit Grün, denn wir verbinden das unwillkürlich mit Gesundheit. Gebe ich einem Produkt eine grüne Verpackung, denke ich automatisch auch an bio“, sagt Farbexperte Klausbernd Vollmar. Was allerdings im Falle von McDonald’s beinahe nach hinten losgegangen wäre. Der Junkfood-Riese verkündete vor fünf Jahren, Grün demnächst stärker in sein Corporate Design aufzunehmen. Gelbe Bögen auf grünem Grund? Gar grüne Pommestüten? Die Designs waren schon entworfen. Und klar, die Überlegung stand im Raum, dem Konzern ein gesunderes Image zu verschaffen. Aber grüne Burger? Die wären dann wohl doch zu unglaubwürdig gewesen. Nun, der schnelle Bräter setzte trotzdem auf verstärkten Einsatz von Salaten – und bildet heute seine Fleischklopsbrötchen gern vor grünem Hintergrund ab. Aber das war’s schon mit der grünen Revolution.

Frage des richtigen ­(Farb-) Tons

Überhaupt lässt sich nicht jedes Produkt so einfach in einer grünen Verpackung verkaufen. Oder würden Sie bei einem grünen Ferrari in Verzückung geraten? Nein, Grün ist keine schnelle Farbe so wie Rot oder Gelb. Grün ist gemächlich, ruhig, mild… Deshalb lässt sich Salz praktisch nur in Blauer oder weißer Hülle verkaufen, vielleicht funktioniert noch Gelb. „Es gibt Produkte, die sind an bestimmte Farben gebunden. Und so frei kann man das nicht variien, weil unsere Assoziationen nicht so frei sind“, sagt Vollmar. Dabei kommt es immer darauf an, welches Grün man aus der Palette wählt. Und die ist reichhaltig, auch wenn wir in Europa normalerweise sprachlich etwas grob zwischen Hell-, Dunkel- und Mittelgrün unterscheiden. Lassen Sie sich aber mal das hier auf der Zunge zergehen: Apfelgrün, Natogrün, Grasgrün, Schimmelgrün, Lindgrün, Welkgrün, Froschgrün, Farngrün, Erbsgrün, Kadmiumgrün. So viele Grüntöne, so viele unterschiedliche Vorstellungen werden da geweckt. Ja selbst Khaki und Olivgrau (!) gelten noch als Grüntöne. Und tatsächlich machen viele Farbnuancen ihrem Namen alle Ehre.

Gutes Grün, böses Grün

Als bestes Beispiel dient „Giftgrün“. Davon könnte uns Napoleon ein Liedchen singen – wenn er nicht gestorben wäre. Nur an dem „Woran?“ scheiden sich die Geister. Zum einen geht man davon aus, dass er an Magenkrebs verschied. Zum anderen war ihm gewiss seine Liebe zur grünen Farbe nicht förderlich: Zu seiner Zeit und bis ins 20. Jahrhundert hinein war nämlich Arsen ein wesentlicher Bestandteil grüner Farbe – woran viel Malermeister und -gesellen tragischerweise starben. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Eroberer einen Fehler machte, weil er auch fern der Heimat seiner Vorliebe für grüne Zimmer frönte. In der feuchten Luft auf St. Helena, wo der Kaiser sein Exil fristete, hat sich das Arsen aus den Tapeten gelöst und den Feldherrn schleichend vergiftet. Egal, ob das tückische Gift nun erledigte, was zuvor das gesamte preußische Heer nicht vermochte, nämlich den Kaiser final ins Jenseits zu bugsieren – gesundheitsfördernd war es für einen Krebspatienten gewiss nicht.

Heilendes Grün

Dabei liegt man mit Grün im Haus gar nicht so verkehrt. Grüne Wände und Bettwäsche lassen nach internationalen Untersuchungen Patienten im Krankenhaus schneller wieder fit werden. Und dass OP-Kittel oft lindgrün sind, hat einen weiteren Grund: Die Farbe reflektiert bei heller OP-Beleuchtung nicht so stark wie das Weiß, das einst üblich war; und Blutflecken wirken auf der OP-Kleidung eher bräunlich, also nicht so bedrohlich rot.

Die beruhigende Wirkung, die vom Grün im Krankenhaus ausgeht, lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. So wird berichtet, dass Londons Stadtobere sich sehr sorgten, weil die schwarze Blackfriars Bridge sich zu einem beliebten Ort für Selbstmörder entwickelt hatte. Sie entschlossen sich, das bedrohliche Bauwerk grün anzustreichen. Und siehe da: Die Selbstmordrate sank um mehr als ein Drittel.

Lebendiges und himmlisches Grün

Nun, vielleicht hat sich Grün als Farbe des Lebens tatsächlich abschreckend auf manchen zuvor Wildentschlossenen ausgewirkt. Denn nicht nur in christlichen Kulturkreisen ist es positiv etwa mit dem Gedanken der Auferstehung besetzt. Auch im philosophisch-religiösen Denken der Chinesen, berichtet Eva Heller, kommt es zum Ausdruck im Prinzip des weiblichen Yin, das im Gegensatz zum männlichen Yang steht, verkörpert von der Farbe Gelb.


Göttliches Grün
Die Verbindung der Farbe Grün mit dem Göttlichen kannten schon die alten Ägypter, denn ihr Gott Osiris stand für die Wiedergeburt des Nils und die Rückkehr des Grüns. Folglich wurde er grün dargestellt. Das Alte Testament benötigt auch nicht lange bis zum prachtvollen Ergrünen. Schon am dritten Tag der Schöpfung finden wir dort: „Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es. Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war.“ (1. Mose 1,11-12)

Was dem Gott der Juden und Christen gut war, konnte wohl auch für den Propheten Allahs nicht falsch sein. Mohammeds Lieblingsfarbe war Grün, weshalb Grün die heilige Farbe des Islam ist. Und da in den Ländern, in denen der Islam sich verbreitete, oft wüstenhafte Kargheit herrschte, erschien die Verheißung eines grünen Paradieses voller Sinnenfreuden doch nur allzu verlockend.

Das Aufkeimen der Liebe

Die grünen Sinnenfreuden im Diesseits wussten hingegen noch unsere Vorfahren zu schätzen, damals, zur Zeit des Minnesangs. Denn die Frau Minne, die unschuldige, angebetete Frau, trug ein grünes Kleid. Und folglich war mit dieser Farbe auch die aufkeimende Liebe verbunden. Tatsächlich waren die „grünen Mädchen“, denen man selbstverständlich noch unterstellte, echte Grünschnäbel in Liebesdingen zu sein, auch in dementsprechend gefärbte Trachten gekleidet. Womit wir wieder beim Frühling und der Liebe wären.

Sollten Sie beim Gang durch die Natur, bei der Jagd auf grüne Flecken, jemanden treffen, der es Ihnen angetan hat, Ihnen also grün ist, bitten Sie ihn doch an ihre „grüne Seite“. Das ist die linke, wo das Herz schlägt. Und falls Sie um Worte verlegen sind: Selbst Liebesgöttin Venus war bei den alten Römern in Grün gehüllt – und die ewigjunge Dame war schon immer ein…, mein Gott, jetzt haben Sie’s: ein Evergreen!

  • Klausbernd Vollmar: Da große Buch der Farben, Königsfurt Urania Verlag, 288 Seiten, 14,90 Euro. Eva Heller: Wie Farben wirken, rororo, 296 S., 14,99 Euro. Mehr über Farben finden Sie auf Klausbernd Vollmars Blog: www.toffeefee.wordpress.com

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