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Topp, die Wette gilt – 30 Jahre „Wetten, dass“

Topp, die Wette gilt!

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Foto: Carmen Sauerbrei
Frank Elstners Idee für die Show zur besten Sendezeit ging um die ganze Welt, auch in die USA und nach China. Von den Anfängen vor 30 Jahren durch die quotenarme Lippert-Dürre bis zum Ende der Gottschalk-Ära: ein Rückblick auf eine deutsche Fernseh-Institution.

Essen. 

Es ist der 14. Februar 1981. Kalt und klar ist die Nacht über Düsseldorf, doch der Mann im kleinkarierten Sakko, der in der Philipshalle auf der Bühne steht, gerät ins Schwitzen. Fast eine Stunde lang ist er nun schon auf Sendung, hat es aber immer noch nicht geschafft, den Zuschauern in der Halle und vor dem Fernseher die Regeln der Show zu erklären, die ihm angeblich in einer schlaflosen Nacht eingefallen ist. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach. Es geht um Menschen, die behaupten, etwas Skurriles zu können und um Prominente, die tippen, ob das klappt. Und derjenige mit den meisten richtigen Tipps, der hat gewonnen. „Wetten, dass . .?“ heißt die Sendung und Frank Elstner ihr Moderator.

Curd Jürgens ist da und kennt einen Mann, „der ein kaltes Eisen mit einem Hammer glühend klopfen kann.“ Anschließend kommt Barbara Valentin und bringt einen anderen Mann mit, der „eine Wärmflasche aufblasen kann bis sie platzt“. Dann gibt es da noch einen Mathematiklehrer, der die hundert ersten Ziffern hinter dem Komma der Pi-Zahl herunterbeten kann und ein junges Mädchen, das in ein Wasserbassin springt, ohne mit dem Kopf unterzutauchen.

Am Ende hat Elstner um 43 Minuten überzogen und der Regisseur der Sendung, Alexander Arnz, ist entsetzt. „Das ist der größte Mist, den ich je gesehen habe“, schimpft er und weigert sich, zur anschließenden Party zu gehen. Seiner Ansicht nach gibt es nichts zu feiern, ganz im Gegenteil: „Diese Sendung sollten wir sofort einstellen“, rät er den Verantwortlichen. 17 Millionen begeisterte Zuschauer verhindern allerdings, dass irgendjemand diesem Rat folgt. Bei den nächsten Ausgaben ist die Quote sogar noch besser und im Februar 1985 ist sie mit 23,42 Millionen Zuschauer so gut wie nie zuvor und nie danach. Überhaupt sind die 1980er die Zeit, in der die anderen Sender auch ein Testbild ausstrahlen könnten, wenn im ZDF gewettet wird. Die Elstner-Show wird zu einer Art Lagerfeuer, um das herum sich am Samstagabend im Wohnzimmer vom Enkel bis zur Oma die ganze Familie versammelt. Damit sie am Montag danach auch mitreden können im Büro, auf dem Schulhof oder beim Kaffeeklatsch. Über Leute, die Lkw auf Biergläser stellen oder 20 Kühe am Euter erkennen.

Durchsichtige Kleider

39 Mal hat Elstner dieses Feuer entzündet, als er die Flamme 1987 an Thomas Gottschalk weiterreicht. „Ein großer Schritt für mich, ein kleiner Schritt fürs Fernsehen“, sagt der Nachfolger damals bescheiden, als er in rotem Kurz-Sakko und silbernen Cowboy-Stiefeln aus der Kulisse tritt. Doch das ist falsch. Denn mit dem gebürtigen Franken wird die Show noch größer, als sie damals schon ist. So groß, dass sie nicht nur eine getürkte Wette mit Buntstiften oder Sängerinnen in durchsichtigen Kleidern unbeschadet übersteht, sondern auch einen Wolfgang Lippert, der in den 90er-Jahren für neun Folgen übernimmt, als Gottschalk sich vorübergehend lieber bei RTL als Late- Night-Talker versucht.

Michael Jackson in Duisburg

Als er zurückkehrt, werden seine Gäste immer prominenter. Madonna, Joe Cocker, und Take That – zu Gottschalk kommt, wer sonst nirgendwo hinkommt. In Duisburg kann der Showmaster 1995 Michael Jackson in der Rhein-Ruhr-Halle begrüßen. So groß ist der Andrang, dass Leinwände aufgestellt werden, vor denen tausende Fans feiern.

Auch Gottschalk wird durch die Show immer bekannter. Und weil er in Los Angeles lebt, wo er Tina Turner im Café trifft oder Will Smith beim Friseur, kann er als wahrscheinlich einziger deutscher Showmaster auch vielen internationalen Gästen auf Augenhöhe gegenübertreten. Letztendlich lädt er ja nur ein paar Nachbarn ein.

Abschied in Friedrichshafen

Um da mithalten zu können, müssen die Wetten kurioser und spektakulärer werden. Eiskanäle werden befahren und immer kleinere Objekte mit immer größeren Baggern und Kränen bewegt. Beinahe genau vor einem Jahr passiert dann, wovor sich der Moderator nach eigener Aussage „immer gefürchtet hat“. In der Show in Düsseldorf stürzt der 23-jährige Samuel Koch bei dem Versuch mit Sprungstelzen über heranfahrende Autos zu springen und bleibt wahrscheinlich den Rest seines Lebens gelähmt. Eine Sendung später gibt Gottschalk seinen Rücktritt zum Jahresende bekannt. Den Spaß an „Wetten, dass . .?“ hat er aber angesichts fallender Quoten und steigender Konkurrenz durch die Suche nach Superstars oder -talenten schon länger verloren.

Heute Abend also lässt der 61-Jährige in Friedrichshafen zum letzten Mal wetten. Die Sendung aber soll weitergehen. Wer immer sie auch übernimmt, steht vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Denn das Lagerfeuer im Wohnzimmer brennt nicht mehr. Und nirgendwo liegt Holz, um es wieder anzuzünden.