Spielfreudige Kinder werden später engagierte Erwachsene

Kinder üben mit der „Sprech-Hexe“ Reimwörter oder erkennen die Anfangslaute eines Wortes.
Kinder üben mit der „Sprech-Hexe“ Reimwörter oder erkennen die Anfangslaute eines Wortes.
Foto: Anja Koehler, Ravensburger
Spielen ist wichtig für die Entwicklung eines Kindes. Es lernt zum Beispiel, konzentriert ein Ziel zu verfolgen. Aber braucht es dafür Lernspiele?

Essen..  Kröte reimt sich auf Flöte, die Beule auf Eule und die Kuh auf Schuh. Wer möglichst viele Kärtchen mit sich reimenden Wortpaaren gefunden hat, ist ganz weit vorne bei der „Sprech-Hexe“. Und „Klatsch“ – haut ein Mädchen an einem anderen Spieltisch mit einer Fliegenklatsche auf ein Kärtchen, auf dem neben einer Fliege auch eine Zahl abgebildet ist. Es ist das richtige Ergebnis, wenn man die Zahl auf dem Würfel mit der auf der Blumenkarte im Kopf multipliziert hat. Wer acht Fliegen richtig geklatscht hat, hat gewonnen. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen, bei denen Kinder möglichst nicht merken sollen, dass sie nicht nur spielen, sondern auch lernen.

Verlage wie Haba, Amigo oder Schmidt-Spiele bringen seit Jahren solche Brettspiele heraus, mit denen Kinder die Buchstaben oder Zahlen, Wörter oder Rechenaufgaben spielerisch erlernen sollen. Auch die Uhr üben sie so zu lesen, sie trainieren englische Vokabeln oder lernen die Kontinente auf unserem Planeten. So mancher Erwachsener greift gerne zu. Schließlich will man Kinder fördern. Aber geht die Rechnung auf? Wie sinnvoll sind solche Spiele? Sind die Spieleklassiker genauso gut oder gar besser? Und ab welchem Alter kann man Kinder vor ein Lernspiel setzen?

„Wir bieten Spiele ab eineinhalb Jahren an“, sagt Thomas Zumbühl, Produktmanager bei Ravensburger. Die Kinder lernten dabei Basisfähigkeiten wie Aufmerksamkeit oder Konzentration, das Zuordnen von Farben und Formen. Später kämen sprachliche Fähigkeiten hinzu. Damit die Kinder Wörter richtig aussprechen, wie etwa „Kirche“ und „Kirsche“. Der Vater eines achtjährigen Sohnes betont: „Das Wichtigste ist der Spaß. Wenn Sie Kindern sagen, wir machen ein Lernspiel, dann funktioniert das nicht.“

So werden auch nicht einfach nur Zahlen gezeigt. „Die Kinder müssen zum Beispiel Küken auf einer Karte zählen, die zur Entenmama wollen.“ Sie sehen viele Bilder und tauchen ein in eine Geschichte. „Wir versuchen, Lerninhalte mit einer Welt zu verknüpfen, die Kinder fasziniert, mit einer Zauberwelt, mit einer Piratenwelt.“ Zusammen mit Pädagogen und mit Blick auf Bildungspläne werden diese Spiele entwickelt und von Neurowissenschaftlern geprüft, damit ein kleines Kind das ausgedachte Spiel auch wirklich verstehen kann. Schließlich wird das Produkt von der Zielgruppe getestet: den Kindern.

Was können solche Spiele besser als zum Beispiel Mühle oder Kniffel? „Wir differenzieren zwischen klassischen Spaßspielen, bei denen Kinder einfach Spaß haben wollen, und unserem Lernspiel, bei dem Spaß auch eine große Rolle spielt, wo aber zudem ein Ziel dahintersteckt: Das Kind soll nach einer gewissen Zeit das Thema Taschengeld, das Thema Buchstaben, das Thema Mengen können.“ Dabei sei natürlich Wiederholung wichtig, damit sich Kinder das Gelernte auch merken. „Wobei manche Kinder zum Beispiel zum Thema Zahlen eine größere Affinität haben als andere.“

Das Ganze funktioniere, betont der 47-Jährige, weil es ein „impliziertes Lernen“ sei: „Das Kind merkt gar nicht beim Lernspiel, dass es dabei lernt.“

Abwarten, bis man an der Reihe ist

„Wenn man spielt, lernt man immer etwas“, sagt Eva Hofmann, Spielpädagogin aus Essen. Sei es das Abwarten, bis ich an der Reihe bin, oder das Aushalten, wenn ich verliere. Und die Feinmotorik werde immer trainiert, sobald ein Kind mit kleineren Teilen hantieren muss. Das gelte auch für klassische Brettspiele. „Lernspiele sind bestimmt ein Stück weit berechtigt und es gibt bestimmt auch Kinder, die einen Förderbedarf haben. Aber wenn das Spiel im Regal verstaubt, dann kann da zehnmal draufstehen, dass es tolle Sachen fördert“, sagt die 49-Jährige, die damit ebenfalls betont, wie wichtig der Spaß am Spiel ist: „Der Funke muss überspringen.“

Sie selbst habe mal für ihre Söhne ein Rechenspiel gekauft, das aber nicht sehr spannend war. Stattdessen hat die Familie ein spaßiges Würfelspiel gemacht, bei dem sie auch rechnen mussten. „Obwohl dazu nichts auf der Schachtel stand.“

Wenn Eltern die Sprache ihres Kindes fördern möchten, dann reiche ein Sprachförderspiel nicht aus. „Ein Kind kann nur die Sprache entwickeln, wenn es auch jemanden hat, mit dem es sich unterhalten kann“, betont die Mitarbeiterin von ABA, des „Verbandes für handlungsorientierte Pädagogik“. „Wenn jemand dabei sitzt und sagt: ,Guck mal, das ist eine Katze.’ Und immer wieder Sachen erklärt und das Kind auffordert, selber zu sagen, was es gezogen hat, kann ich natürlich Sprache fördern.“

Dafür müsste man nicht die nächste Neuerscheinung kaufen, so Eva Hofmann. Denn: „Es gibt selten einen Spielmechanismus, der wirklich neu ist.“ Durch die grafische Gestaltung, die Spielgeschichte oder anderes Material wirke es wie ein neues Spiel. „Aber im Grunde gibt es nicht viele neue Spiele.“

Doch wie findet man das richtige Spiel? „Ausprobieren!“ Etwa auf der Spielemesse in Essen oder bei einem Spielverleih oder -club. Auch bieten manche Spieleläden diese Möglichkeit. „Erst nach der zweiten, dritten Runde kann ich ein Spiel wirklich beurteilen.“

Eva Hofmann, die selbst über 200 Spiele besitzt, liebt die gemeinsame Zeit mit der Familie oder Freunden mit Würfeln oder Karten. Aber nur Spiele und Beschäftigung seien auch nicht gut: Kinder hätten heute so viel Programm. „Es ist wichtig, dass man sie auch mal verschnaufen lässt.“ Bei allem löblichen Engagement sei es angebracht, dass Kinder nicht nur Lernspiele machen, sondern draußen sind, in der Natur, auf dem Spielplatz, sich bewegen und nach eigenen Vorstellungen spielen. „Wenn sie in der wenigen freien Zeit auch noch lernen müssen – das ist schließlich der Grund, warum man solche Schachteln kauft –, dann weiß ich nicht, ob der Schuss nicht irgendwann nach hinten losgeht.“

„Kinder brauchen kein Spielzeug, sondern Zeug zum Spielen“

„Kinder brauchen eigentlich kein Spielzeug, sondern Zeug zum Spielen“, sagt auch die Diplom-Pädagogin Margit Franz. Und diese Materialien organisierten sich schon kleine Kinder meist selbst. Da verwandelt sich die Kastanie in ein Auto, der Stock in eine Brücke. Sicherlich bräuchte ein Kleinkind auch ein Stofftier, eine Puppe und Bauklötze. Aber die vollgefüllten Kinderzimmer seien überflüssig. „Als mein Sohn noch klein war, war das Geschenkpapier und das Band das Interessanteste. Er hat überhaupt nicht verstanden, dass der Inhalt eigentlich das Geschenk ist.“

Und wie sieht es mit Lernspielen aus? „Es kommt auf das Alter der Kinder an.“ In der Schule könnte man mit gutem Material Mathematik veranschaulichen. Aber vor der Schulzeit? „In Krippe und Kita finde ich das völlig unnütz.“ Kinder müssten erstmal die Welt be-greifen, also wirklich anfassen, mit allen Sinnen wahrnehmen, sagt die Autorin von „Heute wieder „nur“ gespielt – und dabei viel gelernt!“ (Don Bosco, 2016, 208 S., 19,95 €).

Kinder lernten von Geburt an unentwegt: Das Baby liegt auf dem Wickeltisch und macht blubbernde Geräusche, die Eltern machen sie intuitiv nach, das Kind fühlt sich bestärkt und blubbert noch lauter. So beginnen die ersten Dialoge und Spiele, bevor die Kleinen Funktionen von Dingen erproben: Wie klingt es, wenn ich einen Schlüssel fallen lasse? Dann werden die Eltern imitiert, schließlich Burgen gebaut und gebastelt. Und dann beginnen die Rollenspiele: „Du bist der Hund und ich das Herrchen.“

Erwachsene könnten sich nur schwer in diese Fantasiewelt eindenken. Daher: „Kinder müssen unter Kinder.“ Im selbstbestimmten Spiel handeln sie aus, was und wie gespielt werden soll. Manchmal nimmt diese „Drehbuchbesprechung“ sogar mehr Zeit ein als das eigentliche Spiel. „Da wird ganz viel kommuniziert und verhandelt.“ Die Kinder wechseln ständig die Perspektive. „Sie bekommen dadurch ganz viel Rollenflexibilität und -kompetenz.“ Das bereite sie auf das Leben vor, wenn sie echte Rollen einnehmen, in der Familie oder am Arbeitsplatz.

Sie lernen sich unterzuordnen, um Teil der Gruppe zu sein, sie lernen aber auch, mal zu bestimmen, und sie bringen ihre Spielideen ein. „Es ist sehr kreativitätsfördernd, wenn Kinder aus eigener Initiative spielen.“

Langeweile födert die Kreativität

Dafür braucht es auch Langeweile. „Denn daraus erwachsen gute Ideen“, sagt die 52-Jährige. „Es ist ja oft so, dass Eltern das nicht aushalten können. Und dann wird das Animationsprogramm aufgefahren, da werden die Kinder beschäftigt, bespaßt, bespielt. Und was lernen die Kinder? Der Erwachsene macht schon etwas mit mir.“ Margit Franz, die selbst eine Kita geleitet hat, hört oft von Erzieherinnen, dass viele Kinder gar nicht mehr alleine spielen könnten. „Das ist sehr besorgniserregend.“

Viele Eltern machten sich Sorgen, wenn ihr Kind schlecht isst. „Aber wenn ein Kind schlecht spielt, machen sich die wenigsten Eltern Gedanken, dabei müssten alle Alarmglocken angehen.“ Schließlich entfalte ein Kind spielend seine Persönlichkeit. „Ein Kind, das interessiert und engagiert spielt, wird später hoffentlich auch interessiert und engagiert Hausaufgaben machen und sich interessiert und engagiert in seinen Beruf einbringen.“

Statt Kinder ständig beschäftigen oder vermeintlich fördern zu wollen, sei es wichtiger, Mädchen und Jungen mit einzubeziehen. Mit ihnen einkaufen zu gehen, zu kochen, sie am Alltag teilhaben zu lassen. Und wenn man dann ab dem Grundschulalter Spieleabende veranstalte, sei das wunderbar, so Margit Franz. Man verbringe Zeit zusammen und lerne gemeinsam. „Spielen bereitet die Menschen auf das lebenslange Lernen vor.“

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