Spielfälle des Realen

Die oesterreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Foto: dapd
Die oesterreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Foto: dapd
Foto: dapd
Mit ihrem neuen Roman „Die Schmerzmacherin“ stand die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ein Gespräch über alte Rollenbilder und moderne Maskierungen.

Essen.. In ihrem Buch zeichnet sie ein düsteres Bild von Folter, Gewalt und Gegengewalt in Kreisen der Sicherheitsindustrie. Britta Heidemann sprach mit der 61-jährigen Autorin.

Frau Streeruwitz, sind Sie noch Feministin?

Streeruwitz: Ja!

In Ihrem Roman ist Ihre
Heldin sowohl Opfer als auch Täterin – ist das heute so?

Ich denke schon. Wir haben ja gar keine Möglichkeit mehr, direkt moralisch zu handeln. Ein Beispiel: Junge Frauen und Männer können heute ganz billig gute Kleidung einkaufen und so ihre eigene Armut verstecken. Auf der anderen Seite des Globus aber zwingen sie in andere Umstände, von denen wir nichts genaues wissen. Politisches Handeln ist da kaum noch möglich. Für mich ist das heute der Punkt, an dem der Roman neue Wichtigkeit bekommt.

Inwiefern?

Man kann nur über die einzelne Person zeigen, wie die Strukturen ineinandergreifen. Als Schriftstellerin habe ich begonnen mit der Zerstörung der Geschichte – und heute bin ich ihre Hüterin. Ich sehe, dass anhand eines Erzählfadens ganz viel über die Welt gesagt werden kann. Dass alles so beweglich geworden ist, ist ja erfreulich. Aber dadurch sind auch die XY-Koordinaten vollkommen ausgesetzt.

Aber wir haben doch gerade heute extrem starke neue Rollenbilder: Mädchen tragen rosa, Jungs blau. Frauen kleiden sich betont weiblich.

Wir haben keine Rollen, sondern Masken. Das ist eben das Schwierige. Dahinter können Sie wiederum etwas ganz anderes sein. Das ist auch großartig, das ist auch lustig. Aber ganz am Ende müssen Sie selbst entscheiden, was Sie sein wollen. Viele junge Leute begreifen das und sind da ganz vorsichtig mit sich, das finde ich gut! Gleichzeitig sehe ich, dass die Beziehungen heute unspektakulärer sind, sanfter, schöner verlaufen.

Als wann?

Verglichen mit den 70er-Jahren, als die sexuelle Revolution uns alle mitgerissen hat und es gab nur Affären . . . Letztlich aber war das genauso unbefriedigend wie immer.

Gibt es heute noch spezifisch weibliche Probleme – und wie sind die gelagert?

Das Grundproblem bleibt der Körper. Der bekommt die Kinder. Und ist eben nicht so stark wie der männliche Körper. Das ist die Grenze, eine sehr altmodische Grenze. Die Brutalität der alten Bilder wird weiterhin gegen uns angewandt. Ich habe nicht das Gefühl, dass Frauen nur ansatzweise das Sagen haben. Ich denke oft darüber nach, ob ich nicht radikal genug war. Hätte ich da mehr machen müssen? Aber ich wollte als Feministin auch leben, mich nicht opfern.

Sie haben im vergangenen Jahr ihr Buch „Wie bleibe ich Feministin?“ im Internet fortgeführt – was für Erfahrungen haben Sie gemacht?

Es gab da schon Angriffe von Männerseite, böse Postings. Das sind so Spielfälle des Realen. Wenn da einer schreibt, er holt sich eine Russin statt einer Deutschen . . . da kriegt man schon Magenschmerzen.

Werden Sie das Netz trotzdem weiter nutzen?

Ja! Ich habe einen Film geschrieben über das Jahr 1948 in Wien, den niemand haben will. Da werde ich einfach Szenen dilettantisch filmen und vorlesen und im Internet veröffentlichen. Das ist Kunst, wie ich sie mir vorstelle.

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