So werden die Stillen gehört

Introvertierte Menschen vergleichen sich oft mit extrovertierten: Der kann ja alles besser. Ist das so? Meist übersehen sie, welche Stärken sie selbst haben. Tipps vom Coach für zurückhaltende Menschen und Chefs, die Introvertierte fördern möchten.

Stephanie Hollstein aus Düsseldorf unterstützt als Coach zurückhaltende Menschen, ihren eigenen Weg zu finden:

Wenn ein Introvertierter die Extrovertierten imitiert, also mal nach vorne geht, sich in den Mittelpunkt stellt, kann das überhaupt funktionieren?

Hollstein: Man sollte das auf keinen Fall übertreiben, sonst verbiegt man sich. Besser ist es, die eigenen bevorzugten Kommunikationswege zu nutzen. Ich muss ja nicht im Meeting immer lautstark erzählen, was ich alles erreicht habe. Ich kann das ja auch in einem Gespräch mit Kollegen einfließen lassen. Oder ich gebe meinem Vorgesetzten – natürlich immer nur in Absprache – alle paar Wochen eine Übersicht über meine Ergebnisse. Und wenn ich nicht gerne direkt kommuniziere, kann ich ja auch eine E-Mail schreiben.

Trotzdem muss man manchmal einen Vortrag halten, sich vor eine Gruppe stellen. Allein bei dem Gedanken daran, kommen Introvertierte ins Schwitzen . . .

Das A und O ist eine gute Vorbereitung, dass man auch hinter dem Thema steht und Spaß daran hat. Nur wenn man ein Thema präsentieren soll, mit dem man nichts anfangen kann, wird es wirklich schwierig. Ansonsten steckt ja in jedem Menschen etwas, das ihm Sicherheit gibt. Man kann sich zum Beispiel im Publikum zwei Personen aussuchen, die man schon gut kennt, und diese öfter mal anschauen. Oder man bittet sie vorher, einen mal anzulächeln. So ein aufmunterndes Lächeln oder auch Nicken kann da schon helfen.

Und dann ist man auf einer Veranstaltung mit vielen fremden Leuten und soll sich da behaupten. Wie geht das?

Das kommt darauf an, was ich möchte. Wenn ich nur Vorträge hören will, ist das eine andere Sache, als wenn ich auf einem Kongress bin, um zu netzwerken. Wichtig ist, sich zuvor Ziele zu setzen. Möchte ich Person XY kennenlernen? Dann kann ich mich zuvor im Internet über ihn informieren, um einen Gesprächsansatz zu haben. Will ich zwei, drei neue Menschen kennenlernen? Dann kann ich zum Beispiel jemanden suchen, den ich schon kenne, und mich vorstellen lassen. Das macht es leichter. Trotzdem muss man dabei schon etwas Mut aufbringen und Selbstvertrauen.

Wie bekommen Introvertierte mehr Selbstvertrauen?

Jeder hat schon Erfolge erlebt, im Sportverein oder auf privaten Partys, wo es vielleicht leichter fällt, in Kontakt zu kommen. Man kann sich erinnern: Wo hat es bereits funktioniert? Wo liegen da meine Fähigkeiten, die es mir einfacher machen? Und dann kann man dies auf die neue Situation, vor der man eine gewisse Scheu hat, übertragen. Wichtig ist das Bewusstsein: Ich kann das schon im Kleinen.

Und dann ist man auf einer Dienstreise und unter ständiger Kontrolle der Kollegen . . .

Bei Introvertierten geht viel Energie verloren in der Kommunikation mit anderen. Es ist ganz wichtig zu schauen: Wie kann ich das ausgleichen? Ich kann schon im Vorfeld planen, wie ich mir Ruheinseln schaffen kann. Und wenn die Reise mehrere Tage lang ist, muss man ja nicht jeden Abend mit den Kollegen noch auf ein Bier in die Bar. Vielleicht möchte ich mich da auch mal rausziehen, um wieder Energie zu tanken.

Wie erkennt ein Chef überhaupt introvertierte Menschen und tut sie nicht gleich als faul oder unfähig ab?

Hollstein: Meistens erkennt man schon an der Arbeitsleistung oder an den Ergebnissen die Introvertierten. Sie sind sehr fleißig. Sie gehen den Dingen auf den Grund. Und man erkennt sie an der Kommunikation. Ich habe Mitarbeiter, die immer vorne in der ersten Reihe stehen und offen und locker reden. Und dann habe ich welche, die lieber erst sprechen, wenn sie etwas Konkretes gefragt werden.

Wie können Vorgesetzte die Introvertierten fördern?

Chefs sind da gefragt, auf diese Menschen zuzugehen. Immer wieder ansprechen, fragen, loben, klare Absprachen treffen, Ziele und Teilziele setzen. Diese Menschen haben ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. Es ist wichtig, dass sie merken, es ist Interesse da, meine Meinung ist gefragt.

Bei Meetings reden ja oft immer die gleichen. Was kann eine Führungskraft tun?

Viele Introvertierte haben nicht den Drang, ihre Meinung unbedingt äußern zu müssen. Der Teamleiter sollte daher alle Teilnehmer gezielt ansprechen und neue Regeln fürs Meeting einführen: Wortmeldungen sind besser als wenn alle durcheinanderreden. So kommt jeder mal an die Reihe. Er sollte darauf achten, dass nicht unterbrochen wird, und Kritik unmittelbar nach Beiträgen unterbinden.

Und wie unterstützt man Introvertierte sonst noch bei der täglichen Arbeit?

Einzelbüros sind ja leider häufig gar nicht möglich. Man könnte aber auch in einem Großraum die Introvertierten zusammensetzen, um konzentrierteres Arbeiten zu ermöglichen. Und sie sollten Aufgaben bekommen, die auch zu ihren Stärken passen. Sie möchten vielleicht nicht verkaufen, sondern lieber das Ganze vorbereiten.

Und wenn die Führungskraft selbst introvertiert ist?

Viele Führungskräfte sind introvertiert. Auch sie können teilweise noch an ihrem Selbstvertrauen und ihrem Auftreten arbeiten. Dafür erkennen sie Ihresgleichen besser und wissen um die Stärken der introvertierten Mitarbeiter.

 
 

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