So lacht das Revier - Bei Matthias Reuter lachen sogar die Hühner

Georg Howahl
Auf Fahrradtour mit Kabarettist Matthias Reuter durch Oberhausen

Auf Fahrradtour mit Kabarettist Matthias Reuter durch Oberhausen

Oberhausen, 30.07.2014: Bei einer Fahrradtour mit WAZ-Reporter Georg Howahl verrät Mattias Reuter, warum er Kabarettist und nicht Taxifahrer geworden ist. Außerdem erzählt er von seinen Patenhühnern Alfred und Pauline.

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Der Kabarettist Matthias Reuter mag Klavierspiel, Radfahren und seine beiden Patenhühner. Wir begleiteten ihn auf einer Radtour durch seine (eigentlich ganz schöne) Heimatstadt Oberhausen. Wir sprachen mit ihm über Humor und die skurrilen Liebesbräuche im Revier.

Oberhausen. Der Mann sitzt am Flügel und hat ein Herz für Geflügel: Vielleicht würde man auf den ersten Blick vermuten, dass der kabarettistische Pianist Matthias Reuter an unseren gefiederten Freunden eher ein Interesse hat, wenn sie schon gerupft und gebraten sind. Doch wer ihn ein bisschen besser kennt, der weiß: Bei ihm wird höchstens mal ein Huhn aus Terracotta geschlachtet. Das dient ihm nämlich als Spardose, mit ihm sammelt er für seine beiden Patenhühner. Brahma-Hahn Alfred und Kampfhuhn Pauline, kein Scherz. „Mit denen ist es tatsächlich so wie mit Patenkindern: Wenn die Eltern dieser Hühner bei einem Autounfall ums Leben kämen, dann würden sie praktisch bei mir wohnen. Es ist also Ziel, dass das nicht passiert – und ich sammele dafür. Das tue ich schon seit 2010, der Hahn könnte jetzt also einen gehobenen Mittelklassewagen fahren“, sagt Reuter und lacht.

Ob das wohl der Grund ist dafür, dass wir zum Besuch bei den beiden mit dem Rad fahren müssen? Nein, das liegt an einer anderen, etwas verschrobenen Vorliebe von Reuter: Er mag nämlich . . . Oberhausen, was vielleicht dem Image der Stadt, das selbst einige der Einwohner verbreiten, zuwider läuft.

Kein Huhn lebt ewig

Treffpunkt „Yesterday“: Wir treffen uns an der Musikkneipe am Sterkrader Bahnhof, per Rad geht es quer durch die Stadt, durch Sterkrade zur Bahntrasse Richtung Gasometer und am Rhein-Herne-Kanal entlang zum Tiergehege im Kaisergarten, der Heimat von Alfred und Pauline. „Also mit den Hühnern, das muss ich gleich erklären, das ist so eine Sache: Man darf da jetzt nicht so eine freudige Familienzusammenführung erwarten“, warnt Reuter. Zumal er sich nicht ganz sicher ist, ob Alfred und Pauline noch dieselben Alfred und Pauline sind, für die er 2010 die Patenschaft übernahm. Kein Huhn lebt schließlich ewig.

Einen Versuch ist es dennoch wert. Also treten wir… Aber was ist das? Ein buntes Schälchen aus Lego-Steinen ist fest montiert am Lenker: „Das ist der Fahrrad-Navihalter“, sagt Reuter. Doch zurzeit ist das Schälchen verwaist. „Das Gerät selbst ist in Reparatur. Aber in der Zwischenzeit kann man in den Halter auch M&Ms reintun oder Kirschen.“ Und natürlich gibt es eine Fahrradnavi-Nummer in Reuters aktuellem Buch.

Nun radeln wir aber los, durchs Sterkrader Zentrum Richtung Eisenheim – und als wir abbiegen auf die Fahrradtrasse Richtung Zentrum, wird es immer grüner. Wir machen kurz Rast an einem Fördergerüst, fahren runter zum Rhein-Herne-Kanal und genießen, wie viele andere Radler, die Aussicht auf den Gasometer.

„Damit wird man ja üblicherweise Taxifahrer“

Normalerweise sitzt Reuter mehr am Klavier als auf dem Sattel („Ich bin ja auch sportbedürftig“), wo er seit einem Dutzend Jahren seine Späße treibt. „Ich habe halt Deutsch, Geschichte und Philo studiert – und da meinen Abschluss gemacht. Damit wird man ja üblicherweise Taxifahrer. Aber ich kann eben nicht so gut Auto fahren – da bot Kabarett eine Ausweichmöglichkeit.“ Das brachte ihm eine Reihe von Auszeichnungen ein, bei der Krefelder Krähe genau wie bei Tegtmeiers Erben. Zuletzt erhielt er den Stockstädter Römerhelm, den man leider nicht beim Radeln aufsetzen kann. Reuter hat drei Programme auf die Bühne gebracht, sein letztes heißt: „Die Menschen sind ‘ne Krisenherde“. Er macht mit bei der Düsseldorfer Lesebühne „Trio mit 4 Leuten“. Und bestreitet den „Bier- und Leseabend“ in der b.a.r. des Theaters Oberhausen.

Die eigentümlichen Liebesbräuche der Oberhausener 

Das alles erfährt man so, während man am Kanal entlang rollt Richtung Kaisergarten. Und dann entschlüpft Matthias Reuter der für Oberhausener recht typische Satz: „Eigentlich ist es hier wirklich ganz schön…“ Ein Satz, den man oft in Oberhausen hört – und in dem oft ein gutes Stück Überraschung mitschwingt. Denn eigentlich ist es hier oft ja auch nicht so schön, oder? „Das würde ich nicht bestätigen. Ich finde es hier tatsächlich ganz schön“, sagt Reuter, der natürlich die Vorurteile gegen seine Heimatstadt kennt. „Es gab ja mal im Spiegel den Satz: Oberhausen sieht in weiten Teilen so aus wie die sozialistische DDR vor der Wende. Dieses Bild ist ja verbreitet, aber das ist auch sehr übertrieben. Es wurde damals ein Foto dazu gedruckt – und es gab ein Rätseln in der Oberhausener Bevölkerung, wo das wohl aufgenommen wurde. Nein, ich kann mit einer wirklichen Begeisterung sagen: Eigentlich isset hier wirklich ganz schön.“

Wenn man sich so umschaut, merkt man: Ja, ist es. Auch als wir ins Tiergehege gehen, wo wir tatsächlich den Brahma-Hahn Alfred treffen und Kampfhuhn Pauline. Doch Reuter hatte recht: Die undankbaren Federviecher staksen einfach von dannen, auf der Suche nach dem nächsten Korn. Es ist schon einiges Gerenne nötig, um zumindest ein Foto mit dem Hahn im Hintergrund zu machen.

Ein Haarschnitt für den Esel

Hätte Reuter womöglich besser für bedürftige Beutelratten gesammelt? „Ach, es gibt hier viele Patentiere, auch Wollschwein Willi, aber das übernimmt jemand anderes. Das Geld wird wahrscheinlich auch schon mal für andere Tiere verwendet, etwa für den Esel, wenn der einen neuen Haarschnitt braucht.“

Unsere Tour endet am Fuße der Slinky-Springs, jener in Spiralen gewundenen Fußgängerbrücke über den Kanal, die einen Hauch von Weltstadt versprüht. Wie bei den Kölner Rheinbrücken haben hier Liebespaare ihre Bindung bekräftigt, indem sie gravierte Vorhängeschlösser daran gehängt haben. Es scheint, in Liebesdingen sind die Oberhausener recht beflissen. „Da hinten hängt die Brücke ein bisschen durch“, scherzt Reuter. Allerdings hat er einen neuen Trend ausgemacht: „Wenn der Marvin die Katy betrogen hat, dann geht einer mit dem Seitenschneider da hin und schneidet das Schloss wieder raus. Wenn das der Grund wäre, warum Brücken einstürzen, würde mich das sehr beunruhigen.“

Nur eine Frage haben wir während der Tour noch nicht geklärt: Ist der Ruhrgebietshumor ein anderer als anderswo? Reuter gibt sich salomonisch: „Ich glaube, es gibt hier wie dort Leute ohne Humor und welche mit. Und die mit Humor sind überall ähnlich. Ein Problem ist: Die ohne Humor, die unterscheiden sich teilweise in ihrer Humorlosigkeit.“

Buch, CD, live und Verlosung

  • Matthias Reutergibt’s auch im Buch. Vorteil: Er kann zeichnen – und hat seine Geschichten illustriert: „Mäh“ (Satyr-Verlag, 200 S., 12,90 €). Auf CD hört man große Teile des neuen Programms: „Die Menschen sind ‘ne Krisenherde“ (Wortart, 18,99 €)
  • Live: 16.9. Lesebühne „Trio mit vier Leuten“ im Zakk D’dorf (www.triomitvierleuten.de), 23.9. beim Bier-und Leseabend OB, 2.10. Dinslaken (Alte Apotheke) und 4.10. als Ruhrstadtmusikant im Zentrum Altenberg OB.
  • Wir verlosen:je 3x2 Karten für den 2.10. in Dinslaken und den 4.10. in Oberhausen. Senden Sie eine E-Mail, Betreff: „Kampfhuhn“, und ihre Kontaktdaten bis Dienstag, 16.9., 24 Uhr, an: info@matthiasreuter.de