Sag leise bye-bye zum Fertigbrei

Am besten ist der frisch zubereitete Babybrei. Aber für das Kochen braucht man Zeit.
Am besten ist der frisch zubereitete Babybrei. Aber für das Kochen braucht man Zeit.
Foto: imago/Westend61
Das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung will die Beikost für Babys verbessern. Industriell hergestellt wird sie seit 150 Jahren.

Dortmund.. Lara ist jetzt fünf Monate alt. Zeit, um sie auf einen anderen Geschmack zu bringen. Ihre Mutter will für sie nur das Beste. Doch wenn sie Laras Brei aus frischen Zutaten selbst kocht, dann kostet das Zeit. Verschiedene Gemüse und Kartoffeln müssen gewaschen, geputzt, geschält und klein gewürfelt werden, so wie das Fleisch. Dann kochen, pürieren, Rapsöl und Orangensaft unterrühren und abkühlen lassen. Im Gläschen gibt es all das schon fertig. Und das, was drauf steht, klingt gut: kein Salz, keine Aromen, keine Konservierungsstoffe. Das Gemüse ist biologisch erzeugt, der Mix ist glutenfrei und enthält wichtige Omega-3-Fettsäuren. Ungeöffnet ist so ein Gläschen weit über ein Jahr haltbar.

„Natürlich ist es generell am besten, den Brei nach empfohlenen Rezepten selbst zu kochen“, sagt Prof. Dr. Mathilde Kersting (68), seit 2005 stellvertretende Leiterin des Dortmunder Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE). Oberstes Ziel des FKE ist es, die gesunde Ernährung von Kindern zu fördern: „Und die ist am wirkungsvollsten, wenn sie möglichst früh im Leben beginnt.“ Aber auch Kersting ist der Zeitfaktor durchaus bewusst. Und der der Gewöhnung. Was es schon so lange gibt, kann ja nicht schlecht sein – die erste industrielle Beikost für Babys wurde vor 150 Jahren hergestellt, Mitte der 1950er Jahre kamen die ersten Pürees für Säuglinge in Konserven auf den Markt, und seit 1959 werden sie in Gläschen abgefüllt.

Der Geschmack wird früh geprägt

Tatsache ist allerdings, dass die Gläschenkost ihre lange Haltbarkeitsdauer der Sterilisierung durch Erhitzen nach der Fertigstellung verdankt. Also alles, im Grunde, ein zweites Mal gekocht wird. Schonender ist es, die Zutaten schock zu frosten, hier bleiben die Aromen besser erhalten. Das Dortmunder Institut will die Beikost für Babys verbessern. Und leistet dabei Pionierarbeit. Gerade erst wurde das Projekt „BabyGourmet“ abgeschlossen: „Wir haben innerhalb von drei Jahren erst tiefgekühlten Brei nach unseren Rezepten entwickelt und dann in der Praxis erprobt. Dabei wurden in zwei Gruppen Gläschenbrei und tiefgekühlter Brei verglichen. Tester waren 50 Mütter aus Dortmund und ihre Säuglinge. Der Tiefkühlbrei wurde von einer Firma nach unseren Vorgaben gefertigt, die Gläschenbreie kamen aus dem Marktsortiment. Unsere Hypothese ist, dass bei Babys schon früh eine Geschmackspräferenz geprägt wird. Es gibt Studien mit sechs Monate alten Säuglingen, von denen eine Gruppe vorher Wasser zu trinken bekommen hatte, die andere süße Getränke. Die Wassertrinker mochten die süßen Getränke deutlich weniger als die anderen. Wenn man also nun Babys von Anfang an mit möglichst frischen Zutaten versorgt, kann man annehmen, dass sie sich an diesen Geschmack gewöhnen und womöglich auch später eher bereit sind, sich gesund zu ernähren, weil ihnen das besser schmeckt.“

Gefrorene Pellets könnten die Zukunft sein

Das Ergebnis der Studie, dass Babys, die über mehrere Monate Tiefkühlbrei bekamen, einer neuen Gemüsesorte gegenüber aufgeschlossener waren als die Gläschenesser, werten die Dortmunder als ersten Hinweis auf die Richtigkeit ihrer Annahme. Parallel zur Produktentwicklung – der Zusammenstellung von Rezepturen – und den Tests wurde von den Marketingforschern des Projekts auch der Markt analysiert. Das Ergebnis: Die breite Masse ist noch nicht bereit für die innovative Beikost. Das will das FKE ändern – und forscht weiter. Im März soll eine neue Studie starten, bei der die Mütter aktiv eingebunden werden: „Mit tiefgefrorenen Pelletts von Nudeln, Fleisch, Kartoffeln, Fisch und verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, und der Zugabe von Orangensaft und Rapsöl, nach unseren Rezepturen und mit Anleitung, sollen sie selbst die Mahlzeiten für ihre Kinder zusammenstellen.“

Für Mütter wie die von Lara würde das bedeuten, dass sie eine sichere, moderne Säuglingsernährung mit Zeitersparnis verbinden können. Ohne dabei auf eigene Kreativität und die damit verbundenen Variationsmöglichkeiten verzichten zu müssen. Für diese Studie, die drei bis vier Monate laufen soll, beschreitet das Institut erstmals in seiner über 50-jährigen Geschichte – es ging aus der 1964 von Dortmunder Bürgern gegründeten „Förderergesellschaft Kinderernährung e.V.“ hervor – den Weg des Crowdfundings: „Wir suchen engagierte Bürger, die bereit sind, für ein Thema, das alle gut finden – eine gesündere Ernährung für unsere Kinder – Geld zu spenden. Auch kleine Beträge sind willkommen.“ Rund 10 000 Euro benötigt das FKE. Langfristig, davon ist Kersting überzeugt, wird es einen neuen Markt für Baby-Beikost geben: „Wobei das Sicherheitsgefühl, das für Eltern von der Ernährung ausgeht, mit der sie selbst aufgewachsen sind, nach wie vor sehr stark ist. Was auch ein Zeichen dafür ist, dass die Kräfte in der Ernährungswirtschaft, die das Althergebrachte vertreten, nicht erlahmen.“

  • Das FKE gibt die Broschüre „Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen“ heraus, mit Informationen und Rezepten für Babys bis zum Ende des ersten Lebensjahrs (Kosten: 4 Euro plus Porto). Tel: 01805/ 798183 (14 Cent pro Minute aus dem dt. Festnetz, Abweichende Gebühren aus dem Handynetz möglich). Oder über das Internet: www.fke-do.de

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