Plötzlich Prinzessin - Ein Blitzkostüm zum Selbermachen

Altpapier, Weihnachtsschmuck und Verbandskasten sind der Fundus, aus dem mit viel Narrenfreiheit ein Karnevalskostüm für Kurzentschlossene entsteht. Modeschüler aus Köln geben Tipps, wie man im Handumdrehen zum jecken Blickfänger wird.

Köln. Frauen haben ja nie was anzuziehen. Aber wenn das nun stimmte, und Sie hätten bis heute kein Kostüm! Dann wäre Karneval überhaupt nicht lustig und schon vor Rosenmontag alles vorbei. Deshalb, bevor Sie in Sack und Asche gehen: Aus der Karnevalskapitale Köln kommt Hilfe fürs Helau. „Helf uns in d’r Nut!“ Ein paar angehende Mode-Designerinnen zeigen, wie ohne Nadel, Faden, Nähmaschine und nur mit dem, was Muttis Haushalt so hergibt, in höchstens zwei Stunden aus Aschenputtel eine Prinzessin wird.

Tackern, kleben, knoten

„Alles Tinnef, den man gar nicht braucht“, behaupten die Mädchen, aber natürlich ist das Ansichtssache oder eine des Geschmacks. Ein, zwei Tüllgardinen müssten Sie schon hergeben, ein ausgedientes Bettlaken vielleicht, die Pappteller von der letzten Party und, ganz wichtig: Umsturz der Weihnachts-Deko-Kiste! Prinzessinnen und Engel sind wohl irgendwie verwandt. Und dann tackern, falten, schnüren, „die Heißklebepistole“, sagt Martina, „ist unsere beste Freundin.“

Bahar hat heute Gummistiefel an, aber sie ist jetzt das Model, eben noch Studentin, gleich Prinzessin Karneval. Zum Kautschuk kriegt sie das Bettlaken umgewickelt, gehalten von Geschenkband. Drüber kommt die Tüllgardine und ein winziger Vorhang aus dem Ein-Euro-Shop. Die Anfrage an die Freie Akademie Köln (FAK) ist ein Hilferuf gewesen; logisch, dass Rettungsfolie die Antwort ist: so glitzernd, so golden und hoffentlich in jedem Verbandskasten! „Schön“, findet Betty die, auch weil sie in hübsche Quadrate gefaltet ist. Das wird der Rock.

Die Säume sind getackert

Nur trägt der etwas auf, sie erwähnen das jetzt sicher zum fünften Mal, also wird er hochgebunden in Knötchen mit Päckchenband. „Du bist ein Geschenk!“, freut sich Betty. „Darf ich auspacken?“, fragt der einzige Mann im Raum.

Man muss das tatsächlich einmal fragen: Wie kommt die Frau da nachts um drei allein wieder raus? „Es ist Karneval“, korrigiert Laura, obwohl sie ja aus Witten kommt, „da zieht man sich nachts um drei nicht allein aus.“ Wie praktisch, dass es am schnellsten mit Reißen gehen wird, denn hier ist ja nichts genäht: Die Säume sind getackert, die Bänder mit der Sicherheitsnadel durchgezogen, und wenn doch mal was kaputt geht im Eifer des Gedränges, dann hat das Gewand eben Fransen. Oder, beschließt Irina, „es ist der neue Used-Look“.

Multifunktioneller Rosenpanzer

Tatsächlich sind die guten Servietten nach der Fete nicht mehr zu gebrauchen. Zu zig haben sie zu Röschen geknüddelt, auf Pappteller geklebt und Bahar um den Po gebunden. Oder um die Schultern. Oder vor die Brust. „Ein multifunktioneller Rosenpanzer“, verkündet Betty, jedenfalls „ein bisschen Biedermeier“, bloß: Setzt sich Ihre Hoheit hin, „sind die Blüten platt“. Also knoten sie hier und lösen sie dort, streuen Federn und sammeln sie wieder ein – viele Jecken verderben den Look. Jeder Jeck ist eben anders.

Wenn auch letztlich auf Rosen gebettet: Oben rum ist Bahar noch etwas offenherzig. Also tackern sie Goldpapier auf eine Vlies-Decke mit Sternchen und beides an ihre Schultern. . . Nein, zum Glück wird hier gebunden, und der BH-Träger aus optischen Gründen im Laken versenkt. „Dann hält aber der Puffärmel nicht mehr“, klagt Lea. So lang ‘s nur der ist. Ein „stinknormales Top“ drunter täte es auch oder ein Shirt, an dem sich allerhand Plunder feststecken lässt. Auch das Fell-Krägelchen, für das sicher sieben Polyester ihr Leben ließen.

Spültuch auf den Kopf

„Flohmarkt“, sagt Betty, „ist ‘ne ganz große Quelle.“ Jeder Billigladen auch. Aber wenn nun Abend ist und aller Faschingsverkauf zu, dann geht alles, was sich findet. „Man hat doch immer irgendwas zu Hause.“ Silberne Topfkratzer an einen Rockbund knüpfen. Leere Teelichte zu Ketten auffädeln. Klopapier-Rollen mit Alufolie beziehen. Haarreifen mit Spülschwämmen polstern.

„Wer einmal loslegt“, sagt jemand im Hintergrund, „kann richtig spinnen.“ Neun Frauen sind jetzt versammelt rund um den Wühltisch, und wo sie gerade beim Wickeln, Knoten, Kleben sind, basteln sie der Prinzessin noch einen Prinzen. „Karneval ist schon ein bisschen blöd. Aber das muss es auch, sonst ist es nicht lustig.“ Wie sie aber so dastehen, die beiden, behängt wie, ja: Christbäume, fällt den Designerinnen auf: „Das ist alles leicht entflammbar.“ Nur ist ein gekauftes Kostüm das auch. Und entflammen soll es schließlich: jeden, der es sieht.

 
 

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