Pläne zum Mauerbau waren in Westberlin schon früh bekannt

Die errichtung der Mauer an der Bernauer Straße, beobachtet von Polizisten und Passanten.
Die errichtung der Mauer an der Bernauer Straße, beobachtet von Polizisten und Passanten.
Foto: picture alliance / dpa
Ein DDR-Mediziner hat vor dem Mauerbau Westberlins Senat vor Ulbrichts Coup gewarnt. War er der erfolgreichste westdeutsche Agent der Nachkriegszeit?

Berlin.  „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“. Das ist die Lüge, mit der sich DDR-Gründer Walter Ulbricht in die Geschichtsschreibung redet. Er sagt den Satz am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz – um seine „Kampfgruppen“ acht Wochen später den Ostteil Berlins mit der Mauer abschotten und die deutsche Teilung für fast drei Jahrzehnte besiegeln zu lassen. 190 Menschen werden bis zum 9. November 1989 im Todesstreifen sterben.

Was da am 13. August vor fast 55 Jahren, einer Nacht von Samstag auf Sonntag, passierte, hat den Westen allen Schulbuchweisheiten zufolge im Schlaf überrascht. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt, auf Wahlkampftour in Norddeutschland, wurde um fünf Uhr früh im Nachtzug aus dem Bett geholt. Konrad Adenauer, der Bonner Kanzler, schwieg betreten tagelang. Die westlichen Mächte ließen, wie gelähmt, alles geschehen.

„Totale Absperrung“

Wie überraschend war Ulbrichts Coup wirklich? Es gibt eine andere Wahrheit. Danach hat Agent V 610 am 4. August – knappe zehn Tage vor dem weltgeschichtlichen Ereignis – den Berliner Senat in einem zweiseitigen Papier „vor Maßnahmen gegen Westberlin“ gewarnt. Es werde die „totale Absperrung“ des Westteils geben. Sie stehe „kurz vor der Durchführung“. Wissenschaftler Hans-Peter Schwarz hat das schon in seiner Biografie über Axel Springer aufgedeckt.

Doch: Wer ist V 610? Für wen spionierte er? Woher hatte er die Information? Und warum hat ihm der Senat, obwohl das Dokument in 19-facher Kopie vorlag, nicht geglaubt? Viele Quellen bei den Nachrichtendiensten BND und Verfassungsschutz sind noch immer nicht zugänglich. Der „Forschungsverbund SED-Staat“ hat die Spur dennoch aufgenommen.

Informationen aus dem Gesundheitsministerium

Jetzt hat ein Mitarbeiter des Forschungsverbundes den Treffer erzielt. Der erfolgreiche Rechercheur ist ein ehemaliger politischer Häftling der DDR. Er lebt seit langem mitten im Ruhrgebiet. Er hat seine eigene Geschichte. Er will seinen Namen nicht genannt sehen.

Er fand heraus: Die Quelle der Warnung vor dem Mauerbau war ein damals 54-Jähriger namens Hans Müller-Beuthow. Der Mediziner im DDR-Gesundheitsministerium berichtete insgeheim dem Ostbüro der bundesdeutschen SPD, einer Art Partei-Nachrichtendienst. Das Ostbüro sollte im Auftrag des Vorstandes Kontakt zur zwangsvereinigten SPD im Osten halten, deren Mitglieder notfalls schützen, Informationen aus der „Zone“ sammeln und sie bewerten. Seine Angehörigen wurden von der Stasi brutal verfolgt. Auch im Westen war das Büro nicht besonders gelitten.

Später freigekauft

Müller-Beuthow hat lange Zeit nach seiner Tätigkeit für die Sozialdemokraten, im Rentenalter, auch für den bundesdeutschen Verfassungsschutz gearbeitet. Er soll in der Nachrüstungs-Krise Anfang der 80er-Jahre die geplanten ersten Stationierungsorte sowjetischer Raketen des Typs SS-20 in der DDR verraten haben, wurde durch die Staatssicherheit verhaftet und zur Haft verurteilt. Bonn kaufte ihn frei. Die letzten Lebensjahre hat er in Lüneburg verbracht. Wer seine nachgewiesenen und möglichen Spionage-Leistungen addiert, kann zum Ergebnis kommen: Quelle V 610 war der vielleicht erfolgreichste West-Agent im Kalten Krieg.

Bonn, Godesberger Allee. Hier sitzt die Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung. In ihrem Archiv der deutschen Nachkriegsgeschichte sind auch die Akten aus dem Ostbüro. In einer DIN A4-Box ist unter der Nummer B 01297 01298 das Geheimnis der frühen Mauerbau-Warnung abheftet. Die fünf entscheidenden Schreibmaschinenseiten sind angegilbt.

Schreie in der Sitzung

Die protokollierte Botschaft von V 610 ist eindeutig: Die Absperrung West-Berlins sei geplant, der Zeitpunkt „sehr nahe“. Allein im Bezirk Potsdam würden 14 000 Mann NVA bereit gestellt, darunter Luftlandetruppen. 240 Panzer stünden zusätzlich bereit mit Zwillingsgeschützen. Sämtliche Einheiten der Volkspolizei seien dem NVA-Kommando unterstellt, das gleiche gelte für die Polizei und die Betriebskampfgruppen. Am Ende sollten nur vier Zugangswege nach West-Berlin bleiben.

Müller-Beuthow hat seine Informationen im Kern einer Sitzung im DDR-Gesundheitsministerium in der Rathausstraße am frühen Morgen des 4. August zu verdanken. Ausführlich informierte dort Vize-Minister Gehring (SED) über die Lage.

In der Diskussion ging es nicht nur darum, „20 000 Stück Rindvieh abzuschlachten“, um „eine Fleischreserve zu bilden“. Vor allem stritten die Teilnehmer, ob die Reisesperre nach Westen mit der dort grassierenden Kinderlähmung begründet werden sollte. Alles endete in einer Schreierei, als der Potsdamer Chef-Hygieniker, der viel zu stolz auf den eigenen Impfstoff war, dieses Alibi laut als unnütz ablehnte. Gehring wütend: „Ich verlange von Ihnen, dass Sie mir gehorchen“ – und alarmierte die Stasi.

„Keine schöne Lösung...“

So spektakulär V 610 auch berichten konnte, so unspektakulär endete sein Dossier: im Papierkorb. Im Westen der Stadt, wo Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) die Information am 7. August an den Verfassungsschutz weitergegeben hatte, stieß das Dokument auf schieren Unglauben. Aus dem Ostbüro-Aktenvermerk vom 19. August geht hervor: Der West-Berliner Verfassungsschutzchef Wichmann habe die Meldung als „lächerlich“ bezeichnet und entsorgt.

Hätte die Warnung, wäre sie ernst genommen worden, Berlin und Deutschland 28 Jahre Teilung durch die Mauer erspart? US-Präsident John F. Kennedy dachte nicht ans Eingreifen seiner Berlin Brigade. Der Mauerbau sei „keine schöne Lösung, aber verdammt viel besser als ein Krieg“, hat er gesagt – und recht behalten: Ein Krieg um Berlin hätte die Welt hart an den Rand des Atomkriegs gebracht.

Hans Müller-Beuthows Agentenführer beim Ostbüro blieb wenige Tage nach dem 13. August nur resignierend eine Einsicht in die eigenen Qualitäten: „Die Ereignisse haben bewiesen, dass die Information von V 610 in ihrem wesentlichen Teil doch zutreffend war. Der Quellenzugang muss hoch anerkannt werden“.

 
 

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