Pflaumenkompott aus dem Pott – Besuch der Rolandhalde

Maren Schürmann
Randolph Kricke steht auf der Streuobstwiese zwischen Pflaumen-, Apfel- und einem Kirschbaum.
Randolph Kricke steht auf der Streuobstwiese zwischen Pflaumen-, Apfel- und einem Kirschbaum.
Foto: Volker Hartmann
Naturschützer haben auf der Rolandhalde in Oberhausen eine Streuobstwiese geschaffen. Würde der Botaniker Randolph Kricke die Früchte der Halde essen?

Oberhausen. Bis man aus den Haldenäpfeln Mus kochen kann, muss man sich noch einige Wochen gedulden. Auch die Pflaumen sind noch viel zu grün für Kompott. Aber die Kirschen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Auf der Rolandhalde an der Grenze zwischen Oberhausen und Mülheim haben Naturschützer vor acht Jahren Obstbäume gepflanzt. Randolph Kricke, der damals für die „Biologische Station Westliches Ruhrgebiet“ gearbeitet und das Projekt mit begleitet hat, warf für uns einen Blick in die Baumkronen.

Und auf die Wiese. Denn schließlich handelt es sich um eine Streuobstwiese. Dabei ist nicht eindeutig, wo der Ursprung dieses Wortes liegt. „Solche Streuobstwiesen sind in die Landschaft eingestreut“, erklärt Kricke eine mögliche Wortherkunft. Aber auch die Wiese unter den Bäumen selbst war früher für die Bauern bedeutend. Die Kühe grasten nicht nur unter den schattigen Bäumen, im Winter diente das dort gewonnene Heu in den Ställen als „Einstreu“.

Woher das Wort auch immer kommen mag, Streuobstwiesen waren für die Menschen früher sehr wichtig. Sie sicherten ein vitaminreiches Grundnahrungsmittel: lagerfähige Winteräpfel. Heute wird das makellos wirkende Obst eingeflogen. „Da haben unsere regionalen Produkte kaum eine Chance“, bedauert Kricke die Entwicklung. Wie so oft sei das eine Sache der Nachfrage. Das Angebot richtet sich danach, wie viele Leute heute Obst etwa in Hofläden oder im Supermarkt kaufen. „Die Wertschätzung für Früchte von Streuobstwiesen ist heute leider nicht mehr da.“

Dabei seien sie so wichtig. Nicht nur Menschen und Kühe erfreuen sich an Streuobstwiesen. Auch andere Lebewesen wie Insekten und Vögel bedienen sich an diesem Natur-Buffet. Zudem bestäuben frühfliegende Insekten die Obstbaumblüte: „Hummeln, Wildbienen . . .“, zählt der 43-Jährige die Arten auf. „Die Bäume haben nichts von Schmetterlingen, die erst im Sommer kommen.“

Die Bedeutung für die Tiere ist auch einer der Gründe, warum die Naturschützer die Bäume gepflanzt haben. Die Naturschutzjugend Essen-Mülheim (Naju) sammelte mit Mitarbeitern und Schülern des Berufsförderungswerks ausrangierte Technik ein. Für je zwölf Handys, die nun ein Mobilfunkanbieter recyceln konnte, bezahlte dieser einen Obstbaum. Heute stehen noch acht Bäume auf der Halde. Hochstämmig, wie es sich für eine ökologisch wertvolle Streuobstwiese gehört. „Das ist kein Spalierobst“, betont Kricke.

Auf dem Schild neben der Streuobstwiese steht, dass das Berufsförderungswerk im Rahmen einer Baumpatenschaft auch die Pflege der Obstbäume übernehme. Die Bäume sehen heute jedoch etwas verwildert aus. Das sei nicht tragisch, sagt Kricke. Aber eigentlich müsse man, so die Faustregel, „einen Hut durch die Baumkronen werfen können.“ Nun, das geht bei keinem der Obstbäume auf dieser Wiese.

Pflege lässt Bäume groß und alt werden

Bei einer luftig geschnittenen Krone eines Pflaumenbaums verhindere man zum Beispiel Schimmelbefall, da sich die Feuchtigkeit dort nicht so gut zwischen den Zweigen und Blättern sammeln könne, erklärt Randolph Kricke, der heute die Untere Landschaftsbehörde in Duisburg leitet. Früher pflegten die Bauern ihre Streuobstwiesen. „Damit die Bäume groß und alt werden konnten.“

Dass die Streuobstwiese in Dümpten entstanden ist, hatte einen schlichten Grund: Dort gab es Platz. Die Halde mit ihren wie vom Lineal gezogenen Wegen ist eigentlich nur eine kleine Erhöhung. Als der RVR – damals hieß er noch Kommunalverband Ruhrgebiet – sie 1991 für die symbolische 1 DM übernahm, war sie bereits abgetragen, musste aber wegen der Altlasten noch mit einer Erdschicht abgedeckt werden. Ein Spielplatz befindet sich heute im „Stadtpark Rolandhalde“, ein Fußballplatz, ein Platz mit Basketballkorb. Auf den Parkbänken ruhen sich Hundebesitzer aus, während ein Schwarm Tauben über die benachbarten Kleingärten kreist.

Das Steinkohle-Bergwerk Roland, Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet, schloss wegen der Weltwirtschaftskrise bereits 1928 seine Pforten. Auf der Zeche Concordia gab es in den 1950er-Jahren Pläne, „Roland“ neu zu beleben. Aber das verhinderte die Kohlekrise.

Bäume schützen sich selbst

Eine große Bergehalde soll neben den Zechengebäuden in die Höhe gewachsen sein. Oberhausener erzählen jedoch auch von Schutt und Trümmern, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschoben wurden. Die Pressestelle der Stadt konnte dazu keine gesicherte Auskunft geben.

Ganz genau weiß man also nicht, wie die Erde beschaffen ist, in die sich die Baumwurzeln krallen. Hand aufs Herz, Herr Kricke: Würden Sie einen Apfel von der Halde wirklich essen? „Ja!“, antwortet er sofort. „Ich habe keine Bedenken, dass ich da Schadstoffe zu mir nehme.“ Ein industriell geprägter Boden sei nicht generell schlecht. „Ein Baum hat auch eine Schutzfunktion.“ Er nehme nicht alle Schadstoffe auf. „Auch sind nicht alle Schadstoffe mobil.“ Sie könnten in den Früchten landen, vielleicht steckten sie aber auch vermehrt in den Blättern.

Doch selbst wenn solch ein Baum belastet wäre: „Wie viel Obst muss ich davon essen, um mich zu vergiften?“, sagt das Mitglied des Naturschutzbundes (Nabu). Randolph Kricke ist sich sicher: „Die Belastung bei gespritzten Früchten macht mir mehr Sorgen.“