Parkuhr, Testbild, Bandsalat – Dinge, die verschwunden sind

Andreas Böhme
Da haben wir den Bandsalat: Den vermissen wir nicht wirklich, aber das gute Gefühl, wenn die Kassette danach wieder lief.
Da haben wir den Bandsalat: Den vermissen wir nicht wirklich, aber das gute Gefühl, wenn die Kassette danach wieder lief.
Foto: WAZ FotoPool
Telegramm oder Teppichklopfer: Sie waren große Errungenschaften – und dann nie mehr gesehen. Wir erinnern an Dinge, die verschwunden sind.

Essen. Loriots Opa Hoppenstedt ist es ja schon vor fast 40 Jahren aufgefallen. „Früher war mehr Lametta“. War es. „Lametta ist völlig out“, bestätigt der Geschäftsführer des – Achtung – „Bundesverbands für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur“ in Köln, Thomas Grothkopp. Deshalb hat der letzte Hersteller in Deutschland, die Firma Riffelmacher & Weinberger, jetzt auch die Produktion eingestellt. Still und heimlich sind sie verschwunden, die weihnachtlichen Glitzerfäden aus Staniol. Wie so vieles andere auch in den vergangenen Jahren.

Telefon mit Drehscheibe

Nehmen wir zum Beispiel das Telefon. Ja klar, das gibt es natürlich noch. Was aber längst fehlt, ist die Wählscheibe. Dauert ja auch viel zu lange, wenn man gewohnt ist zu tippen. Finger in die Scheibe, ratschend vorwärts drehen und dann warten, wie sie klickernd zurückläuft – immer unterschiedlich lang, je nachdem, welche Ziffer man gewählt hat. In der Zeit hat man heute drei Nachrichten verschickt und mal eben seine E-Mails kontrolliert. Kurzwahlspeicher und Wahlwiederholung gab es auch nicht. Was so ein Telefongespräch schon mal zu einer abendfüllenden Angelegenheit machen konnte.

Gelbe Telefonzelle

Besonders problematisch war das, wenn man von einer öffentlichen Telefonzelle aus anrufen musste – früher Standard an jeder Straßenecke, heute in etwa so verbreitet wie Schnee in der Sahara. Groß und gelb waren sie, mit schwergängigen Türen und in der rechten Ecke montierten Telefonbüchern, die sich gut als Sitzgelegenheit missbrauchen ließen. Vorausgesetzt, man hatte genügend Kleingeld oder – seit den 1990ern – eine Telefonkarte. Und dann auch nur so lange, bis während des Gesprächs das Guthaben ausging – ein Warnton kam, ein Fluch folgte und es hieß Tschüss. Oder bis jemand mit der Faust genervt an die Scheibe klopfte und so etwas sagte wie: „Hey, andere wollen auch mal telefonieren.“

Alles vorbei, alles Geschichte. Gab es in Deutschland 2007 noch um die 110 000 Telefonzellen, sind es mittlerweile nur noch rund 40 000 öffentliche Telefone. Die wenigsten davon sind in einer Zelle, noch weniger in einer, die gelb ist. Wozu auch, wo es in diesem Land mittlerweile mehr Handys gibt als Menschen. Telefoniert wird mobil und die früher gerne gestellte Frage „Was machst du gerade?“, ist längst durch „Wo bist du gerade?“ ersetzt worden. Gefällt einem die Antwort nicht, kann man bei einem Smart-Phone allerdings anders als früher nicht mehr wütend den Hörer auf die Gabel knallen.

Das Telefonbuch

Dafür muss man sich keine Nummer mehr merken. Macht alles das Handy. Das Telefonbuch wird es deshalb auch schon bald nicht mehr geben. Die deutsche Telekom jedenfalls will demnächst keines mehr herausbringen. Die Schweden haben schon in diesem Jahr keins mehr bekommen. Beschwerden aus der Bevölkerung, so heißt es, habe es deshalb nicht gegeben.

Der einst in einer Auflage von jährlich 100 Millionen Exemplaren gedruckte Wälzer ist kein Einzelfall. Das Kursbuch der Bahn wird bereits seit 2008 nicht mehr gedruckt, der Große Brockhaus auf Papier vor 18 Monaten eingestellt. Gibt es ja alles im Internet. Nicht immer besser, auf jeden Fall aber schneller. Ohnehin kommt der Verzicht auf so ein 20-bändiges Lexikon zur rechten Zeit. Denn die Schrankwände, in denen es stand und die über Jahrzehnte der Inbegriff gemütlicher Wohnkultur waren, sind auch aus der Mode gekommen. Galt früher die Devise ,Je mächtiger, desto gemütlicher’, wird so ein Trümmer der Marke „Eiche rustikal“ heute eher als platzraubend und beengend empfunden.

Das Testbild

Schließlich braucht man Platz für den Fernseher. Der wird immer flacher und größer und kann mehr und mehr Sender empfangen. Ein Testbild aber, mit dessen Hilfe der Fernsehmonteur des Vertrauens früher die Flimmerkiste einstellte, für scharfe Bilder und natürliche Farben sorgte, das kann man auf den modernen Geräten nicht mehr sehen. Zumindest keines, das von einem TV-Sender ausgestrahlt wird. Verschwunden ist es und im ersten Augenblick fragt man sich, warum es manch einer vermisst.

Bis man in Gesprächen mit Menschen jenseits der 50 heraushört, das es nicht das Bild ist, das ihnen fehlt, sondern das, wofür es einst stand: den Sendeschluss. Ja, liebe Heranwachsende, hoch geschätzte Mittzwanziger, früher fing das TV-Programm erst am Nachmittag an und endete manchmal schon vor Mitternacht. Dann folgte Stille, nur untermalt von einem monotonen Pfeifen, während auf dem Bildschirm eine Ansammlung bunter Balken und grauer Muster erschienen. Spätestens dann war klar: Es kommt nichts mehr. Man kann schlafen gehen, ohne etwas zu verpassen.

Der Bandsalat

Bleiben wir noch ein wenig bei der Technik. Tonbandgerät, Kassetten- oder Videorekorder – überall wurde früher gespult, was das Zeug hielt. Mal vor, meist zurück. Es surrte, es pfiff und dann klackte es. Und irgendwann gab es Bandsalat. Halten junge Menschen von heute wahrscheinlich für eine Vorspeise, hat Menschen in den 70er- und 80er-Jahren aber oft in den Wahnsinn getrieben. Weil sie dann hin waren, die Kassette mit den Lieblingssongs oder das Video von Töchterchens Hochzeit. Es sei denn, man war geschickt und hatte Geduld.

Dann konnte man Kuli oder Bleistift in das Loch der Spule stecken und die vielen Meter des herausgezogenen Bandes ganz vorsichtig wieder aufrollen. Weiß heute keiner mehr unter 30. Muss auch keiner mehr wissen. USB-Sticks kennen keinen Bandsalat. Es ist auch nicht so, dass man ihn vermissen würde. Was einem fehlt, ist das Glücksgefühl, das sich einstellte, wenn das Band endlich, endlich wieder in der Plastikbox verschwunden war.

Die Parkuhr

Ähnlich verhält es sich mit den Parkuhren, von denen die ersten 20 am 4. Januar 1954 in Duisburg in der Straße „Am Buchenbaum“ aufgestellt wurden und die anfangs in etwa so beliebt waren wie Nadelkissen in einer Luftballonfabrik. Heute aber, wo es die kleinen Säulen kaum noch gibt, denkt man gerne an sie zurück.

Besonders wenn man wieder einmal mehrere hundert Meter zum nächstgelegenen Parkschein-Automaten unterwegs ist, um ein Ticket zu ziehen. Dann denkt man daran, wie einfach das früher war, als an jedem Parkplatz eine Uhr stand. Münze rein. Hebel drehen. Fertig. Bis 2002 der Euro kam und eine Umstellung der Uhren zu unrentabel war.

Der Kaugummiautomat

Kaugummiautomaten dagegen sind aus anderen Gründen in Erinnerung geblieben. Weil sie lange Jahre so etwas wie eine Art Lotto für Minderjährige waren. Wer ein 10-Pfennig-Stück einwarf, hatte die Chance auf einen Flummi, ein Mini-Taschenmesser einen Blechring oder ähnlich nützliche Dinge. Bekommen aber hat man meist eine der 15 Millimeter Standardkugeln mit blauem, gelben, grünen oder roten Zuckerüberzug, die Namen wie „Kieferbrecher“ trugen und gerne auf dem Weg zur oder von der Schule gezogen wurden.

Heute wird der Nachwuchs ja gerne zum Unterricht gefahren und hat eine Packung Dinkelkekse in den Ranzen bekommen. Das mag gesünder sein, ist aber nicht annähernd so aufregend wie der Moment, in dem man die kleine Automatenklappe öffnete, um zu sehen, was die Maschine denn nun für den eingeworfenen Groschen freigegeben hatte. Schlechte Zeiten also für die meist roten Kästen an der Hauswand, von denen es nach Aussage des Bundesverbands der Warenautomatenaufsteller (BWA) noch rund 500 000 in Deutschland geben soll, die aber in den meisten Orten längst nicht mehr zum Stadtbild gehören.

Der Teppichklopfer

Manchmal ist es der „Zeitgeist“, der Dinge verschwinden lässt, Geschmack und Mode, die sich ändern und Dinge wie eine Herrenhandtasche vom unverzichtbaren Accessoire zur Peinlichkeit werden lassen, die man nur noch mitführen darf, wenn man Horst Schlämmer heißt. Meistens aber ist es die Technik, die den Mantel des Vergessens über vieles legt.

Nehmen wir den Teppichklopfer. Ähnelte einem Tennisschläger, war aber aus Rattan- oder Weidenholz und unverzichtbares Reinigungsinstrument der Wirtschaftswunderjahre. So unverzichtbar, dass die Bauordnungen vieler Bundesländer lange Zeit vorschrieben, dass bei Häusern mit mehreren Wohnungen eine Teppichstange aufzustellen sei. Fußläufig versteht sich und natürlich mit Klopfverbot an Wochenenden und zwischen 13 bis 15 Uhr. Ist ja Deutschland hier. Ansonsten durfte draufgehauen werden. Auf den Vorleger aus dem Schlafzimmer ebenso wie auf den falschen Perser aus der Diele. Mühsam war das und staubte schrecklich. Da muss man sich nicht wundern, dass sie in den 60er- und 70er-Jahren durch immer günstiger werdende Staubsauger ersetzt wurden. Und mit den Klopfern gingen die Teppichstangen, an denen man als Kind so herrlich turnen konnte.

Die Schreibmaschine

Auch die Schreibmaschine hat es erwischt. Der PC hat ihr in kürzester Zeit den Todesstoß versetzt, ihr nicht viel mehr gelassen als die Rolle des Sammelobjektes für Nostalgiker. Weil es viel einfacher ist, auf der Computer-Tastatur zu schreiben. Schon weil man alles immer wieder umstellen und korrigieren kann. Was zu der Frage führt: „Wer kauft eigentlich noch Tipp-Ex?

Das Telegramm

Oder das Telegramm. Ja, das gibt es noch, wenn auch nicht ins Ausland. Seit dem 31. Dezember 2000 befördert die Deutsche Telekom keine Telegramme über die Landesgrenze. Der Übertragungsweg sei „technisch überholt“, heiß es damals. Aber auch zwischen Kiel und Konstanz verschickt kaum jemand eines, obwohl man sie längst nicht mehr nur bei der Post aufgeben kann. Ende der 1970er-Jahre war das noch anders. Da stellte die Post rund 13 Millionen Telegramme zu. Schneller als einen Brief aber schon damals viel langsamer als ein Telefongespräch und mit einem ganz eigenen Stil. Weil nach Worten bezahlt werden musste, stand da etwa „ankomme Freitag, 15 Uhr“ statt. „Ich komme am Freitag um 15 Uhr an.“ Wer heute so schreibt, heißt entweder Yoda oder macht sich einen Spaß, um einem Freund oder Verwandten zu gratulieren. Das kostet bei der Post mindestens 12,90 Euro. Was ein Comeback des Telegramms eher unwahrscheinlich macht.

Das Einkaufsnetz

Bei dem Einkaufsnetz sieht das schon anders aus. Eigentlich kann man auch gar nicht genau sagen, warum es kaum noch jemand nutzt, der jünger als 70 Jahre ist. Es macht sich klein in der Tasche, wiegt nur 30 bis 50 Gramm, kann aber 15 bis 20 Kilogramm tragen. Es sei denn, man hat lose Kirschen eingekauft. Oder Murmeln.

Jedenfalls sind einst mehrköpfige Familien mit seiner Hilfe problemlos versorgt worden. Bis, ja bis in den 60er-Jahren die Plastik-Tragetasche in den Geschäften aufkam. Lange verschenkt, mit bunten Werbeaufdrucken, wenn auch alles andere als umweltverträglich. Aber „umweltverträglich“ war ein Wort, das damals niemanden elektrisieren konnte. Heute ist das anders. Und in Ländern, die die Plastiktüte verboten haben, erlebt das Netz seit einiger Zeit eine Renaissance.

Der Trimm-dich-Pfad

Auch die Trimm-dich-Pfade sollte man nicht völlig abschreiben, selbst wenn in vielen Städten längst zugewuchert und zwischen Bäumen und Sträuchern kaum noch zu erkennen sind. Ganz anders als in den 70er-Jahren, in denen rüstige Rentner ebenso wie bierbäuchige Väter und ehrgeizige Teenager sie gemeinsam bevölkerten. Im Dauerlauf ging es durch den Park oder Wald und alle 200 Meter gab es Fitnessstationen. Stangen für Klimmzüge etwa oder Baumstümpfe über die man Bocksprünge versuchen durfte. Anders als in den Fitnessstudios von heute musste man dafür nicht zahlen und konnte sogar mit anderen sprechen. Kopfhörer trug nämlich niemand auf den Trimm-dich-Pfaden. Hätte „Trimmy“ mit der Wim-Thoelke-Gedächtnisfrisur und dem stets erhobenen Daumen, das Maskottchen der Bewegung, auch nicht gut gefunden.

Doch auch er konnte nicht verhindern, dass die Deutschen nach und nach lieber ins Fitnessstudio zogen, um sich auf Crosstrainern und Laufbändern zu quälen. Dort ist es zwar trocken, dort ist es aber auch schnell – sagen wir mal – stickig. Vielleicht erinnern sich auch deshalb immer mehr Städte im Ruhrgebiet an die alten Trimm-dich-Wege. Allerdings nennt sich Fitness unter freiem Himmel heutzutage „Street Workout“.

Die Videothek

Manches also könnte wiederkommen. Anderes, das heute noch zum Alltag gehört, ist in Gefahr, zu verschwinden. Und zwar schneller als man vermutet. CDs und DVDs sind längst Auslaufmodelle. Wozu die Silberlinge kaufen und horten, wenn man Musik und Filme als so genannten Stream bekommt? Wohin man will, wann man will – jedenfalls so lange man eine Internet-Verbindung besitzt. Überhaupt bedrohen die Möglichkeiten der virtuellen Welt viele Bereiche des echten Lebens. Wie lange wohl wird es noch Videotheken geben, wer braucht in zehn Jahren noch ein Reisebüro oder ein Buch auf Papier gedruckt? Und wer lässt sich dann noch vorschreiben, wann er den Fernseher einzuschalten hat, um seine Lieblingsserie zu sehen?

„Gutes bleibt“, dieser alte Werbeslogan gilt heute nicht mehr. Manchmal muss man schon froh sein, wenn Schlechtes nicht wiederkommt.