Opern-Streit - Star-Sopranistin hat nur Verachtung für Katharina Wagner

Ein Leben für die Kunst: Für Edda Moser war ihr Beruf eine Berufung.
Ein Leben für die Kunst: Für Edda Moser war ihr Beruf eine Berufung.
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„Katharina Wagner produziert Schmutz“: Im Gespräch mit der deutschen Sopranistin Edda Moser findet die Künstlerin offene Worte für die Arbeit der Wagner-Tochter. Im Interview spricht Edda Moser über Diven, Altbundeskanzler Helmut Kohl, Anna Netrebko und Auswüchse der aktuellen Opernregie.

Rheinbreitbach.. Ihre legendäre Arie der „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Zauberflöte“ saust bekanntlich als klingendes Erbe irdischer Kultur an Bord der „Voyager 2“ durchs All. Spaß am Tempo hat Edda Moser offenbar auch sonst. „Die haben mich jetzt mit 150 auf der Landstraße geblitzt“, sagt Edda Moser, eine der großen deutsche Sopranistinnen. „150? Kann doch gar nicht sein“, lacht sie und bittet auf ihre Terrasse. Unser Reporter Lars von der Gönna nahm dankend an.

Das ist ja ein herrlich verwunschener Garten.

Edda Moser: Find ich auch. Da unten liegen morgens die Rehe, wenn ich nach dem Turnen auf den Balkon gehe.

Sie turnen?

Moser: Klar! Jeden Morgen. Ich kann es Ihnen nachher mal zeigen.

Viele Ihrer Aufnahmen gibt es aktuell in Neuauflagen. Sie sind präsent in den Medien. Das ist nicht selbstverständlich.

Moser: Stimmt. Ich glaube sogar, dass ich heute viel mehr Ansehen genieße als zu meiner aktiven Bühnenzeit.

Weil Sie keine Diva waren?

Moser: Tja, ich war nie krank, ich war verheiratet, ich hab’ keine Skandale gemacht. Manche werden ja auch Legenden, weil sie so oft absagen. Ich bin meinen Weg gegangen, ohne irgendeinen Krawall. Übrigens habe ich im Grunde deshalb meinen Mann verlassen. Der hat nämlich gesagt: „Du musst jeden Tag in der Zeitung stehen.“ Mich hat nur die Arbeit interessiert. Die Gnade, diese wunderbaren Partien singen zu dürfen.

Viele Leistungen sind legendär – allen voran in der „Königin der Nacht“ mehr zu entdecken als Kristall und Koloratur.

Moser: Koloraturen? Ich hab’ den Mund aufgemacht und ‘s war da. Aber so eine Rolle ist ja viel mehr. Ich habe mich immer auch körperlich sehr auf Rollen vorbereitet. Das muss sein. Die meisten kommen leider gar nicht auf die Idee. Wenn ich meinen Schülern sage: „Ihr müsst mit den Handflächen im Stehen den Boden erreichen!“, dann sagen die „Um Gotteswillen ich komm ja nich’ mal bis zum Knie.“ Irgendwann habe ich’s aufgegeben.

(reicht Konfekt) Das müssen Sie mal kosten, das ist Sünde pur. Italien!

Mandelgebäck? Großartig!

Moser: Ja! Ist das nicht toll?

„Man muss unten bleiben“ haben Sie mal gesagt. Was heißt das?

Moser: Man muss sich erden. Wir leben auf dieser Erde, ich habe immer geerdet gesungen. Ich versuche das an junge Sänger weiterzugeben, aber die sind viel zu erschrocken. Die begreifen nicht, dass man diesen Beruf erst auf der Bühne lernt. Ich hab denen gesagt: „Nehmt doch meine Warnungen zur Kenntnis, wenigstens ein paar. Demut! Disziplin“ Schweigen!“ Können Sie vergessen, hört keiner hin. Manche, die erbärmlich gestrandet sind, kamen dann später und sagten „Sie haben Recht gehabt.“. Zu spät.

Schweigen ist ein Schlüsselwort. Sie haben über Jahre das meiste nur aufgeschrieben, was sie anderen sagen wollten, kaum telefoniert - alles, um Ihre Stimme gesund zu halten.

Moser: Ja, so war es. Wenn man Gesang als Beruf ausübt, verlangt das einen Ausschließlichkeit. Man ist sehr einsam und man bleibt es auch. Es gibt nichts anderes. Anderseits denke ich: Das sollte bei vielen Dingen sein, die man mit Ernst und Hingabe tut.

Haben Sie sich gern geopfert?

Moser: Ach, manchmal hätte man schon gern mitgemacht: Lachen und Ratschen. So richtig vergnügt feiern, das war einfach tabu. Ich bin nie auf ‘ne Party gegangen. Obwohl ich ja ganz fesch war, als junge Sängerin ‘n richtiger Hopsefloh.

Sie reden sehr offensiv über die Schattenseiten des Opernbetriebs.

Moser: Klar, kann es zum Heulen sein. Weihnachten in irgendeinem Hotel in Amerika. Bejubelte Silvestervorstellung in Wien, ein Riesenvergnügen, so ein Spaß auf der Bühne. Danach eine Minute ins Sacher: Schweinderl, Glückspfennig, ein Glas Wasser und dann ab ins Hotel. Aus. Schluss. Aber nur durch diese Disziplin ging es. Ich habe durch den Gesang die schönsten Erlebnisse meines Lebens gehabt. Es war mir wirklich eine heilige Kunst.

So heilig und ernst, dass Sie sich das Leben nehmen wollten, als Ihnen eine Rolle weggenommen wurde.

Moser: Fidelio in Salzburg! Gewandhausorchester, Kurt Masur. Ein Traum. Alles war verabredet. Und dann habe ich zufällig erfahren, dass ich da raus war. Masur hatte mich betrogen. Es war schrecklich. Nur meiner Mutter zuliebe bin ich vor dem Selbstmord zurückgeschreckt.

Als Sie nach einer grandiosen „Salome“ in Wien endgültig aufgehört haben, was bedeutete das?

Moser: Es ist erstmal der Tod. Du bist weg. Das Telefon klingelt nicht mehr, es ruft ja keiner an, Du bist ja niemand mehr. Die Traurigkeit ist unbeschreiblich. Und dann kamen solche Schwachköpfe, die sagten: Du hast doch jetzt die Gesangsprofessur. Das hat nichts miteinander zu tun. Es ist ja das Gegenteil. Als Sänger muss man der am meisten egoistische Mensch sein und sich um nichts scheren als um sich selbst. Und wenn man Lehrer ist, steht man völlig im Hintergrund.

Was war Geschenk, was war Arbeit in Ihrer Karriere?

Moser: Die Arbeit war das Geschenk! Klar hatte ich eine Gabe. Aber 98 Prozent ist Arbeit; Genie ist Fleiß. Denken Sie jetzt nicht, dass ich mich für ein totales Genie halte. Aber wenn ich zurückblicke denke ich auch: Ich hatte was Geniales in meiner Furchtlosigkeit. Gottesglaube kam auch dazu.

Warum sind deutsche Sänger heute eher unterrepräsentiert in den Opernhäusern der Welt?

Moser: Viel zuviel Theorie. Die müssten viel mehr üben, Stimmbildung! Manchmal vermisse ich auch dieses „Ich will!“. Das braucht ein Sänger. Wenn einer schlampig im Theater erscheint, kommt man gar nicht erst beim Portier vorbei. Bei mir hat mal ein Agent gewagt, Briefe zu lesen, während ich ihm vorsang. Da hab’ ich gesagt: „Ich warte gerne. Lesen Sie Ihre Post zu Ende, dann singe ich weiter.“ Ich dachte, der soll mir verdammtnochmal zuhören. Das traut sich heute keiner.

Ist das Ihr Rat?: Traut Euch!

Moser: Absolut. Aber das geht nur wenn man gut singt. Du musst Dich mit den Ohren Deiner Feinde hören. Und meinen Feinden will ich möglichst wenig Freude machen.

Gab es für Sie den perfekten Auftritt?

Moser: Ja, das gab es. Beethovens Missa Solemnis mit Giulini. Oder Matthäuspassion mit Karl Richter. Da wusste man: Der Himmel ist offen!

War die Bühne der Ort der größten Gefühle?

[kein Linktext vorhanden] Moser: Für mich: absolut ja! Meine Erotik, mein Glaube an eine große Liebe, das fand auf der Bühne statt. Wir waren alle auf der Bühne ineinander verliebt, Gedda, Pavarotti, Domingo. Ach, Domingo, was für eine Stimme, dieses dunkle Gold! Und wie herzlich er mich getröstet hat, wenn ich mit Regisseuren haderte. Neulich waren wir noch zusammen essen, als er hier auf der Loreley gesungen hat.

Apropos Essen. Hier in Ihrem Hause haben Sie auch für Helmut Kohl gekocht.

Moser: Ja, ein unterschätzter Mann, das lag auch an der großen Angriffsfläche für Karikaturisten. Aber was was für ein Instinkt! Sehr gebildet, sehr humoristisch. In sich selbst sehr bescheiden. Frauen gegenüber aber absolut unsicher.

Die „Königin der Nacht“ und ein Politiker, dessen Lieblingssänger Hans Albers war. Wie ging das?

Moser: Kohl wusste von Musik relativ wenig, ging tapfer in die Festspiel-Konzerte, fand das ganz nett. Aber Brahms war ihm ein Buch mit sieben Siegeln, nicht mal Schuberts „Erlkönig“ kannte er. Ich hab’s ihm hier vorgespielt – und er hat zugehört. Er war immer neugierig, das war eine große Stärke von ihm.

Warum werden Tenöre noch mehr bestaunt als Soprane?

Moser: An der Wiener Staatsoper werden Tenöre sogar Maestro genannt. Es ist, wenn man so will, die unnatürlichste Art des Singens. Tenöre kriegen die höchsten Gagen, find ich auch ganz in Ordnung. Auch mich als Partnerin haben diese Stimmen immer berauscht.

Als Sopranstar feiert die Welt Anna Netrebko. Wie sehen Sie die Kollegin aus St. Petersburg?

Moser: Eine wirklich herrliche Stimme. Aber sie ist einfach keine Dame, das ist ihr Fehler. Ihr fehlt eine gewisse Distanz zum Publikum: dieses „seine Kunst rüberbringen“, aber eben nicht seine Weiblichkeit. Wenn die Frau diese Grandezza hätte, wäre sie eine ganz Große. Diese Pop-Star-Allüren sind einfach schade.

Und die aktuelle Opernregie?

Moser: Ich kann das nur verachten. Vor allem Katharina Wagner. Was hat sie in Bayreuth für Möglichkeiten – und macht einen solchen Schmutz! Meistersinger als Maler, da kann ich mich ja nur totlachen. Ich hab’ den Eindruck, in der ist gar kein Feuer, die macht sich nur lustig. Sie ist hochmütig. Und das Ergebnis ist langweilig. Bitte schreiben Sie das!

Frau Moser, eine letzte indiskrete Frage, was singt man eigentlich, wenn man seinen Text vergessen hat?

Moser: Lalala. Ganz einfach. Fällt keinem auf – man muss es nur ausdrucksvoll machen!

 
 

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