Ohne Zuwanderung wäre das Ruhrgebiet nie so groß geworden

Bergleute der Zeche Nordstern im Jahr 1897, unter ihnen viele ponisch- und masurischstämmige Zuwanderer.
Bergleute der Zeche Nordstern im Jahr 1897, unter ihnen viele ponisch- und masurischstämmige Zuwanderer.
Foto: ISG Gelsenkirchen
Schmelztiegel oder Taubenschlag? Die Geschichte der Zuwanderung ist so alt wie das industriell geprägte Ruhrgebiet selbst. Sie hat die Region geprägt.

Ruhrgebiet..  Gelsenkirchens Hauptbahnhof ist keine strahlende Schönheit. Er ist heute nicht mal einer der großen Bahnknoten im Revier. Aber er hat eine große Vergangenheit. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erhielt der Vorvorgänger des Flachbaus eine Bedeutung, die der des Münchener Hauptbahnhofs im September des Flüchtlingsjahrs 2015 gleichkommt: Als ein Einfallstor hunderttausender Zuwanderer. Gelsenkirchen war eine der Geburtsstätten des wild wuchernden Ruhrgebiets.

Was wäre aus der Region ohne diese Fremden geworden? Ist der Brennpunkt Ruhr – qua eigener, rasender Entwicklung – das gelungene Vorbild für die Integration von „Menschen mit Migrationshintergrund“ in eine Gesellschaft? Oder andersherum: Was hat der verschlingende Schmelztiegel gebracht? Ein Babylon? Den große Taubenschlag? Hat er die Menschen gezwungen, kontaktarm nebeneinander her und nach jeweils eigenen Regeln zu leben, so wie es heute in Duisburg-Marxloh oder Dortmunds Nordstadt vermutet wird?

Der Masurenbahnhof

Herbert Somplatzki sitzt an seinem Wohnzimmertisch im sauerländischen Schmallenberg und sortiert alte Unterlagen. Vor ihm liegt das Bild des Gelsenkirchener Bahnhofs, wie er 1880 stand. „Ein schöner Bahnhof“ sagt der 82-Jährige und zeigt auf die Schwarz-Weiß-Fotografie. „Masurenbahnhof hieß er auch“. Der Masurenbahnhof ist nicht nur Teil der Ruhrgebiets-Geschichte, sondern der seiner Familie. Die beiden Großväter, die Wanderarbeiter Wilhelm Somplatzki und Martin Burdenski, sind hier angekommen, als sie, nach drei Tagen und zwei Nächten langer Zugfahrt aus dem 1200 Kilometer weit im Osten liegenden Ostpreußen den Arbeitsplatz im jungen Revier-Bergbau erreichten. Da waren sie – bis zum Sommer Bauern, ab September Kumpel – ein halbes Jahr engagiert.

„Seltsam und fremd waren sie anzusehen“, beschreibt der Autor Enno Stephan in seinem 1966 erschienenen faktenbeladenen Buch „Das Revier der Pioniere“ solche Ankünfte in dem Jahrhundert zuvor. „Männer in derben, unmodernen Anzügen, seltener auch Frauen mit grobgeschneiderten Röcken und bunten Kopftüchern.“ Altpolnisch haben sie gesprochen. Auf den Bahnhöfen stand die einheimische Jugend und machte spöttische Bemerkungen: „Die Waschbären kommen.“

„Wir befinden uns in ödester Sandgegend“

In der heutigen Städtelandschaft an der Ruhr leben dicht gedrängt fünf Millionen Menschen. Sie stammen aus 170 Nationen mit mehr als 100 verschiedenen Glaubensrichtungen. Ganz anders sah das im 19. Jahrhundert aus. Schon die Landschaft: ein einziger wilder Westen. Ein Mix aus Heide, Wald und Äcker, zeitweise überschwemmt von der Emscher. „Wir befinden uns in ödester Sandgegend, die kaum dürftigen Fichtenaufschlag nährt“, schreibt Levin Schücking 1855 über den Flecken Oberhausen – wobei er allerdings voraussieht, dass „mit amerikanischer Schnelligkeit eine Stadt aus diesen Sandhügeln aufwachsen wird“.

Schücking hat ins Schwarze getroffen. Die Kohle sorgt dafür. Um 1850 gibt es schon 300 Zechen. Bis 1900 steigt die jährliche Förderung im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet von 1,6 Millionen Tonnen auf 60 Millionen. Im Bezirk Dortmund produzieren die Eisenhütten 1860 schon 136 000 Tonnen Roheisen – und am Vorabend des 1. Weltkriegs acht Millionen. Die Einwohnerzahl der Landkreise Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund wächst in den dreißig Jahren vor der Jahrhundertwende um das Fünffache auf 500 000. Ortschaften wie Hamborn mit einigen hundert Häusern, heute ein Duisburger Stadtteil, müssen in dieser Zeit eine fünfstellige Bevölkerungszahl verkraften. Aber Arbeitskräfte sind Gold wert. Mit einer ganzen Mark „Angeld“ und flotten Sprüchen von „guter Luft“ und „reizenden, neuerbauten Kolonien“ lockt Preußens Montanbranche immer mehr Menschen an die Ruhr.

Ein echter Menschenmagnet für 150 Jahre

Der Lockruf wirkt. Das Land zwischen Bergischem und Emscher ist in dieser Zeit Schauplatz einer Revolution, die über die nächsten 150 Jahre fremde Völker wie ein Magnet anzieht. Zuerst sind vereinzelte Unternehmer-Figuren dabei, wie der Ire William Thomas Mulvany, dem das Revier die Zeche „Shamrock“ verdanken sollte und der in Gelsenkirchen begraben liegt. Aber auch Holländer und Menschen aus westdeutschen Gegenden suchen da schon Arbeit. Dann – nach einem Streik im schlesischen Waldenburg 1869 – rollt die Welle der bis zum Weltkrieg auf eine halbe Million Arbeitsmigranten wachsenden Zahl der reichsangehörigen Ostpreußen und der nicht reichsangehörigen Polen, später die der Italiener und Griechen. Nach 1960 wanderten sie aus der Türkei ein, aus Bulgarien, Rumänien, Russland – und heute aus Syrien.

Konflikte schon zwischen einzelnen religiösen Gruppen

Ist das alles reibungslos gelaufen? Der Zuwanderer Herbert Somplatzki, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind seinen masurischen Geburtsort Groß Piwnitz mit den Zielen Marl und Essen verlassen musste, dessen Großväter unter Tage malocht haben, dessen Vater 22 Jahre auf Auguste Victoria Kohle holte und der das selbst auch elf Jahre gemacht hat, ist da vorsichtig. Mit einer pauschalen Antwort hält er sich zurück. Somplatzki ist längst Autor („Masurische Gnadenhochzeit“, Megalit-Verlag), stand Jahre lang als Vizevorstand an der NRW-Spitze des Deutschen Schriftstellerverbandes. Er ist ein erfahrener, aufmerksamer Beobachter.

„Nicht alles war Gold“, sagt er. „Es war ein Konkurrenzverhältnis. Es gab den Verdacht: Die nehmen uns die Arbeit weg.“ Zwar hätten sich die Masuren, anders als andere polnisch sprechende Arbeitsmigranten, schneller angepasst. Aber dann berichtet er auch, was „der etwas wehrige“ Opa Wilhelm gemeinsam mit einem Freund erlebt hat: Irgendwann in den 1880ern wurden die beiden von vier „Pollacken“-Gegnern auf der Straße überfallen. Wilhelm Somplatzki konnte einem der Angreifer das Messer entreißen und stach zurück. Dieser Angreifer hat das nicht überlebt.

Herner Bergarbeiter-Aufstand

Politiker sprechen heute gerne von gelungener Integration an Rhein und Ruhr. Doch die deutsch-polnische Zuwanderungsgeschichte ist in den ersten 50 Jahren kein Sommermärchen. Spurensuche im Stadtarchiv an der Wittener Straße in Bochum. Dort liegt eine schwarze Mappe. Sie trägt die Nummer LA 1271. Es sind die dokumentarischen Zeugen des blutigen Herner Bergarbeiter-Aufstands von 1899. Ein Packen in Sütterlin-Schrift verfasster Telegramme, mehrere Artikel der Rheinisch-Westfälischen Zeitung und des polnischen Ruhrgebiets-Blatts Wiarius Polski sagen viel aus über die leicht zündelnde Stimmung zwischen einheimischen Westfalen und polnisch-sprechenden Bergarbeitern.

„Wehgeschrei der Niedergesäbelten und Verletzten erfüllt die Luft“

Die Berg- und Hüttenzeitung vom 8. Juli des Jahres beschreibt im Stil der Kriegsberichterstatter: „Wehgeschrei der Niedergesäbelten und Verletzten erfüllt die Luft, schon flüchtend ereilt die Männer, Frauen und Kinder doch der berittene Gendarm und sausend blitzt die Klinge. Wo sie hinfällt spritzt warmes Menschenblut.“ Was war passiert?

Zeche von der Heydt, Herne-Baukau. 67 polnische Pferdetreiber der Schachtanlage legen am 23. Juni, einem Freitag, die Arbeit nieder. Man hat, um die soziale Absicherung der Beschäftigten zu verbessern, die Knappschaftsbeiträge erhöht. In der Lohntüte steckt also weniger Geld, als bei der Anwerbung weit im Osten versprochen wurde. Nach immer neuen Auflagen der Bergpolizeiordnung, darunter der Verpflichtung, die deutsche Sprache zu lernen, ist für junge, national gesinnte Polen das Maß voll. Sie sehen hier keine Verbesserung. Sie wittern Lohnkürzung und pure Schikane.

Zwei Tote und 15 schwerer Verletzte nach den Auseinandersetzungen

Binnen Stunden greift ihr Streik auf die Kohleförderung der Nachbarschaft über. Auf Julia, Shamrock, Friedrich der Große und Constantin fallen Schichten aus. Nach einer Versammlung („In Herne und Umgebung ist das polnische Element außerordentlich stark“, belehrt die konservative Rheinisch-Westfälische Zeitung ihre Leser) schlägt die preußische Polizei zu. Steine fliegen. Schüsse fallen. Zwei Tote und 15 schwerer Verletzte liegen auf dem Pflaster.

Eine umstrittene Rolle spielt der Bochumer Landrat Spude. Er warne „die feiernden Bergleute oder fremden Zuzügler, sich in der Straße irgendwie durch Lärm, thätliche Angriffe, namentlich aber der Zusammenrottung oder durch Waffengebrauch“ auffällig zu machen, lässt er verlauten. Das königlich-preußische Landratsamt Bochum verbietet am Ende Radfahren zwischen Herne und Recklinghausen, weil polnische Streikführer die Aufrufe mit dem Rad verbreitet hätten. Es ist preußisches Militär, das mit 2000 Soldaten einrückt und die Lage nach einer Woche beruhigt.

„Die Anhäufung großer Arbeitermassen slawischer Herkunft“

Noch andere Papiere im Bochumer Archiv zeugen von einem tiefen gegenseitigen Misstrauen. „Die Anhäufung großer Arbeitermassen slawischer Herkunft“ sei eine Gefahr, fand 1896 Westfalens Oberpräsident von Studt. Im Hintergrund gibt es die Furcht, ein „Polenstaat“ könne sich bilden. 1909 richtete die Obrigkeit im Bochumer Präsidium die „Zentralstelle für die Überwachung der Polenbewegung“ ein. Aus den Überwachungsberichten wie dem des Polizeirats Augustinski geht hervor, dass nicht nur die Äußerungen, Versammlungen, Mitgliederzahlen, Finanzen und sogar die Gymnastik-Verrenkungen in den polnischen Vereinen unter schärfster Beobachtung standen („. . . üben mit Beilen, Säbeln und Lanzen“), sondern auch die Funktionäre selbst: Johann Faustiniak aus Hamborn und die Bochumer Stanoslaw Halas und Martin Milczynski sind als Delegierte der polnischen Nationalen Arbeiterpartei namentlich erwähnt – betrachte doch ihre Partei „die Deutschen als Erbfeinde“.

Polnische Gottesdienste und über 200 polnische Schulen

Fehlte es an Verständnis, Aufklärung, Kommunikation? Wie eng waren die Zuwanderer in die deutsche Umgebung eingebunden? Haben die Zechen den Angeworbenen, die den Herner Streik entfacht haben, nicht erzählt, wie positiv die da noch jungen Bismarckschen Sozialreformen in persönlichen Notlagen wirken können, gerade für die immer gefährdeten Kumpel?

Tatsächlich sind zwischen Heimischen und Migranten im Ruhrgebiet, auch zwischen den Migrantengruppen selbst immer trennende Gräben aufgerissen: Protestanten aus Masuren und Katholiken aus den Gebieten des alten Polen fochten ihre Rivalitäten aus. Eigene Kolonien wie die heute grundsanierte Herner Siedlung Teutoburgia grenzten Zuwanderer von einheimischen Deutschen ab. Es gab polnische Gottesdienste , über 200 polnische Schulen und eigene Interessenvereine, wie es Susanne Peters-Schildgen vom Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen erklärt: Das Netzwerk habe „Merkmale einer Subkultur“ getragen mit national-polnischen Tendenzen, „das nahezu alle Lebensbereiche der Zuwanderer abdeckte“.

Und, ja, auch ein eigenes Wirtschaftsleben machte sich breit: Banken wie die Robotnikow entstanden, deren Werbung heute an der Wand des Hauses Am Kortländer 2 in Bochums Innenstadt verblasst. Deutsche Arbeitnehmer-Vertreter hingegen, in Gewerkschaften wie auch in der SPD, kümmerten sich ihrerseits nur wenig: Leute, die man „aus der Pollakei herbeigeschleppt“ habe und die gerade „die Mistgabel weggelegt“ hätten, die würden jetzt „zu Vollhauern gemacht“, ließ das parteieigene Volksblatt 1907 seine klare Ablehnung erkennen.

Reines Ruhrgebietsdeutsch

Viel später, nach dem Weiterwandern vieler Ruhrpolen um 1920 in den neu erstandenen eigenen Nationalstaat oder auch nach Belgien und Frankreich, nach Nazi-Zeit und zweitem Krieg, flieht aus Ostpreußen die nächste Welle. Diesmal ist sie nicht gelockt worden. Sie wurde vertrieben. Der elfjährige Herbert Somplatzki ist dabei. Er sagt, er habe nie Flüchtling sein wollen, dabei doch verräterisch „masurisch breit gesprochen“. Nach einem Monat ist es ihm dann passiert: „Ich hol eine Leiiiter“, rief er einem von hier zu. „Du bist ja Flüchtling“, hat der gesagt. „Innerhalb von vier Wochen habe ich reines Ruhrgebietsdeutsch gesprochen“, sagt Somplatzki. Er ist sich dennoch sicher: „Diesmal war das Revier auf uns vorbereitet“.

Wirklich für alle Zukunft? Zweiundsechzig Jahre nach der blutigen Woche in Herne, im Essen des Jahres 1961, rebellieren türkische Bergleute der Schachtanlage Hagenbeck. Sie fühlen sich nach dem Blick in die Tüte um den Lohn betrogen, wollen wie einst die Polen Brutto für Netto. „Wilder Streik türkischer Bergleute“, schreibt die WAZ. „Sie fordern Spitzenlohn ohne Abzüge. Zehn Kontraktbrüchige abgeschoben“.

Wie die Menschen ins Ruhrgebiet gelockt wurden

Der Historiker Dr. Christoph Seidel ist Geschäftsführer der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets an der Ruhr-Uni in Bochum. Dietmar Seher sprach mit ihm über die Wellen der Zuwanderung.

Ist das Ruhrgebiet der Taubenschlag der Nation?

Seidel: Es hat diese Zeiten gegeben. Seit den 1830er-Jahren setzte eine verstärkte Zuwanderung aus benachbarten Regionen ein, seit den 1880er-Jahren eine erste Welle von Massenzuwanderung aus preußischen Ostprovinzen, das hängt mit der montanindustriellen Vergangenheit zusammen. Viele Regionen mit Bergbau und Stahlindustrie sind auf solche Zuwanderungen angewiesen, weil Bergbau standortgebunden ist und auch sehr arbeitsintensiv. Da werden große Menschenmengen gebraucht und sie werden auch herangebracht.

Welche Städte waren die Ziele?

Vor allem das Ruhrgebiet nördlich der Hellweg-Zone. Der Bergbau ist vom Süden nach Norden gewandert. Die großen Zechen sind im Norden auf der grünen Wiese entstanden und waren auf Zuwanderung angewiesen, die Stahlindustrie folgte. Auch diese können sie nicht im südlichen Revier finden. Schauen wir uns die Jahrhundertwende an, da sind die Ausländeranteile in Essen kaum wahrnehmbar, im Landkreis Recklinghausen lag der polnischsprachige Bevölkerungsanteil dagegen bei einem Viertel.

Das Ganze passierte aber in Wellen?

Ja. Zuwanderer kamen in drei großen Wellen ins Ruhrgebiet. Die erste in den dreißig Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Sie ist einerseits stark polnischsprachig geprägt aus den preußischen Ostprovinzen, dann aber auch durch eine Nahzuwanderung aus umliegenden Regionen. Das Rheinland gehört dazu, Hessen, Minden-Ravensberg, auch das Sauerland und das Siegerland. Die Zahlen dieser Migranten übersteigt wahrscheinlich die der polnischsprachigen. Die zweite Welle setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als viele Heimatvertriebene in den Ruhrbergbau kamen. Die dritte war die der Gastarbeiter. Diese Zuwanderung hat die Bundesregierung seit 1955 durch Verträge mit Staaten vor allem in Südeuropa abgesichert. Dazwischen hat es aber auch Sonderentwicklungen gegeben.

Welche waren das?

Die beiden Weltkriege. Das Revier wurde zu einem Zentrum einer Zwangszuwanderung von Zwangsarbeitern. Das ist der unerfreulichste Teil der Geschichte der Migration.

Auswärtigen fällt heute die hohe Zahl polnisch klingender Hausnamen auf. Wie stark hat die Zuwanderung der ersten Jahrzehnte die Bevölkerung des Ruhrgebiets geprägt?

Also, da würde ich vermuten, dass nicht wenige davon erst seit den 70ern­ und 80ern des 20. Jahrhunderts in den Telefonbüchern stehen. Der Ostblock löste sich auf, die Solidarność entstand in Polen. Viele setzten sich in den Westen ab, auch nach Öffnung des Eisernen Vorhangs gab es einen starken Zuzug. Aber über genaue Zahlen und Größenordnungen der Zuwanderungswellen zu sprechen ist schwierig.

Fehlen die Daten?

Es können immer nur Schätzungen sein, weil viele Zuwanderer nach einiger Zeit wieder weggehen. Ein Beispiel. Man sagt, vor dem Ersten Weltkrieg sind 350 000 polnisch sprechende Menschen, preußische Staatsbürger also, ins Ruhrgebiet gekommen, dazu noch 150 000 aus Masuren. Von dieser halben Million sind aber in den 20er Jahren wieder zwei Drittel abgewandert, ein Drittel in den neu entstandenen polnischen Nationalstaat, ein anderes Drittel in die belgischen und nordfranzösischen Kohlereviere. Das Drittel, was im Revier verblieben ist, hat sich dann angepasst.

War auch die türkische Zuwanderung nach 1960 von so einem Auf und Ab gezeichnet?

Türken sind heute die stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe. Es beginnt als Gastarbeiter-Zuwanderung. Was bedeutet: Beide Seiten – Zuwanderer wie die hier aufnehmende Gesellschaft – gehen davon aus, dass diese Arbeitskräfte nach kurzer Zeit wieder zurückgehen. Sie ist tatsächlich weniger umfangreich als in anderen industriellen Ballungsregionen. Auch in der Öffentlichkeit fallen die Türken zunächst nicht so auf wie heute. Viele sind Junggesellen, sie leben hier in Wohnheimen. Seit Ende der 60er Jahre wird dann klar, sie bleiben länger. Die wirtschaftliche Rezession ist überwunden, die Ruhrkohle AG gegründet, die stark auf türkische Arbeitskräfte setzte. Das alles sorgte für einen weiteren kräftigen Schub.

War das der Grund, weshalb sich die Politik irgendwann für einen Anwerbestopp entschied?

Ja. Das war 1973. Der Anwerbestopp setzte die zwischenstaatlichen Verträge aus mit der Folge, dass Nicht-EG-Bürger, also vor allem die Türken, im Fall einer Rückkehr in die Türkei nicht mehr nach Deutschland zurückkommen konnten. Das führte dazu, dass viele Türken ihre Familien nachziehen ließen.

Gibt es eigentlich wirklich Parallelgesellschaften?

Viele sprechen heute von Parallelgesellschaften, die sich entwickelt haben. Gibt es sie?

Nein. Wir können bei den Polen oder den Türken nicht von Parallelgesellschaften reden, die sich zum Beispiel nicht an unser Recht gebunden fühlen. Es hat aber immer Phänomene von gesellschaftlicher Isolation gegeben, bei den polnischsprachigen Zuwanderern auch durch die Konzentration in den Bergarbeiterkolonien. Das wurde von den Bergbauunternehmen sogar bewusst gefördert. Auch bei türkischen Beschäftigten gab es Ghettoisierungs-Tendenzen. Über das Wohnen in Häusern mit billigeren Mieten kommt es zu einer schärferen Abgrenzung.

Hat das Ruhrgebiet von der Zuwanderung auch wirtschaftlich profitiert?

Definitiv. Ohne sie hätte es keine Ausdehnung des Ruhrbergbaus geben können, ohne die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Wiederaufbau, ohne den türkischen Anteil wäre der Bergbau in den 1960er und 1970er Jahren nicht zu konsolidieren gewesen.

Ist die Rhein-Ruhr-Region ein Vorbild für Integration anderswo?

Sie hat zumindest viel Erfahrung mit Zuwanderung. Das merken wir auch daran, dass wir hier im Revier mit den Zuwanderungs-Bewegungen von heute etwas gelassener umgehen. Das sollten wir anderen Regionen vermitteln, ohne dass wir die Probleme verschweigen, die damit zusammenhängen. Aber diese Probleme kann man lösen.

Kuzorra, Tilkowski, Özil: Ohne Zuwanderung keine Stärke auf dem Fußballfeld

In der großen Einwanderungswelle an der Wende zum 20. Jahrhundert sind auch Karl und Bertha Kuzorra dabei. Sie stammen aus Masuren. Sie suchen Arbeit im Ruhrgebiet. Am 16. Oktober 1905 kommt in der neuen Heimat Gelsenkirchen ihr Sohn Ernst zur Welt – das ist eineinhalb Jahre, nachdem eine kleine Gruppe in einer Kneipe des Vororts Schalke den „Sportverein Westfalia 1904“ gegründet hat. Ernst Kuzorra, der zunächst auf der Zeche Consolidation arbeitet, und Schalke 04 werden zusammenkommen. Sie werden ein Paar, das die deutsche Fußballgeschichte prägt.

Die Wiege der Migrantensportler

Es gibt viele solcher Geschichten über die zurückliegende Zuwanderung als Quelle der sportlichen Stärke des Reviers. Sie handeln von Kuzorra, seinem Schwager Fritz Szepan, von Otto Tibulski, Hans Tilkowski und später Mehmet Özil und İlkay Gündoğan, den Spielern mit der türkischen Wurzel. Der Autor Herbert Somplatzki hat in „Masurische Gnadenhochzeit“ erzählt, wie die Sache mit dem „Schalker Kreisel“ war, die Ausstellung „Von Kuzorra bis Özil“ 2015 im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover hat die Wege der Migrantensportler nachgezeichnet. Auch hier jedoch lesen sich aus vielen Dokumenten landsmannschaftliche Konflikte heraus. „Pollackenverein“ schimpften deutsche Gegner der Schalker, als die in den 30ern die Meisterschale reihenweise abräumten. Die polnische Zeitung Przeglad Sortowy hingegen jubelte 1934: „Die deutsche Meisterschaft in den Händen von Polen“.Wobei das auch nicht so ganz richtig war. „Masurische Nationalelf“ hätte es wohl besser getroffen.

 
 

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