Oft liegt das Haus unserer Träume näher als wir denken

Eine Familie suchte ein schickes Haus in Düsseldorf und fand eine alte Scheune.
Eine Familie suchte ein schickes Haus in Düsseldorf und fand eine alte Scheune.
Foto: Kai Kitschenberg
Manchmal bedarf es nur des Zufalls – und etwas Phantasie, um sein Traumhaus zu entdecken. Wir stellen drei Beispiele gelungener Architektur vor, die alle für die Liebe auf den zweiten Blick stehen. Zu besichtigen sind sie am Tag der Architektur.

Essen.. Die Scheune war das Verfallenste, was sie sich bis dahin angesehen hatten. Und sie hatten schon verdammt lange gesucht. Jahre! Darüber war Anne, ihr zweites Kind, geboren worden, und schließlich Marie, das dritte. Und nun bahnten sie sich zwischen Gerümpel und wuchernden Brombeeren den Weg, kletterten durch das alte Scheunentor und staunten. Ja, das war es! Das Haus, das zu ihnen passte. Eine Scheune von 1880, zugegeben eher Ruine als Haus.

Das Haus unserer Träume, oft liegt es viel näher als wir denken. Manchmal bedarf es nur des Zufalls – und etwas Phantasie, es zu entdecken. Sie suchten eine Gründerzeitvilla in Düsseldorf und leben heute hinter dem Gemäuer einer einst verfallenen Scheune. Er hätte niemals gedacht, in das Haus seiner Kindheit, einen grauen Bungalow der 60er Jahre, zurückzuziehen. Und der Essener Norden ist auf den ersten Blick keine angesagte Adresse – und wird doch für viele zum begehrten Wohnort. Drei Beispiele gelungener Architektur von heute. Sie sind zu besichtigen am Tag der Architektur.

Welchen Charme diese Ruine noch entwickeln würde, ahnte Familie Schulz* damals nicht. Denn ihr Architekt, der Viersener Martin Breidenbach, setzte in das alte Mauerwerk einen modernen Holzständerbau. So entstand das Haus in der Scheune, wurde die Ruine zur Hülle von etwas ganz Neuem. Ein 160 Quadratmeter großer Bau, der sich nach vorne an das alte Backstein-Gemäuer anlehnt, um dessen Fenster, Tore wie sämtliche Öffnungen zu imitieren, und nach hinten die Scheune als überdachten Innenhof nutzt.

„Das Haus hat unglaublich viel Atmosphäre, obwohl es innen ja ganz modern ist“, schwärmt die junge Ärztin Schulz. Ursprünglich hatten sie und ihr Mann, ein Physiker, nach einem Gründerzeithaus in Düsseldorf gesucht. Nun wohnen sie in Viersen, mit Blick auf das kleine weiße Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, zu dem die Scheune einst gehörte.

Ein Jahr lang baute Architekt Breidenbach, ein Spezialist für denkmalgeschützte Häuser, an der zweiten Hülle des Gebäudes. Ein wärmegedämmter, schlichter Kubus mit großen skandinavischen Fenstern, dessen Fassade mit hellem Lärchenholz verkleidet wurde. So schlicht und modern der Neubau geriet, so viel Patina umgibt ihn. Die schweren Holzbalken, die die Scheune stützen, der verwitterte Backstein.

Wie ein Abenteuerspielplatz

Seit September wohnen Schulz und ihre Kinder Karl (7), Anne (5) und Marie (3) nun hier, auch wenn noch nicht alles so ist wie es einmal sein soll. Vor der Scheune fehlt noch die große Galerie, die ihnen als Terrasse dienen soll. Und ein Dachdecker sammelt für sie fleißig gläserne Ziegeln, die in dieser Form heute nicht mehr hergestellt werden. Wann immer er sie bei einem Abrisshaus entdeckt, legt er sie zur Seite. Sie sollen noch mehr Tageslicht in den Scheunen-Innenhof bringen. Karl, Anne und Marie indes ist das egal. Sie toben schon jetzt durch Garten und Scheune als wenn es ein Abenteuer-Spielplatz wäre.

* Name von der Redaktion geändert

Der neu entdeckte Stadtteil

Ortswechsel in den Essener Norden. Nach Altenessen, einen alten Arbeiter-Stadtteil, der öffentlich immer mal wieder als sozial problematischer wahrgenommen wird. Bewusst hier entschied sich die Wohnungsgesellschaft Vivawest ein neues, architektonisch äußerst attraktives Quartier zu errichten. Eines jener zurzeit so beliebten Mehrgenerationen-Projekte. 99 Wohnungen in acht Häusern, die rund um einen parkähnlichen Innenhof arrangiert sind.

Es ist ein echter Hingucker, der dem Vivawest-Architekten Michel-Raimo Famulicki gelungen ist. Kompakte Häuser mit jeweils 15 Wohnungen, allesamt durch Laubengänge miteinander verbunden. Das Besondere jedoch an diesen eigentlich offenen Gängen und Veranden sind die hölzernen Vorhänge, die sie fassadenhoch mal schlicht vertikal, mal in eleganten Bögen umrahmen.

„Uns ging es darum, den Gängen, die ja halböffentliche Räume sind, einen gewissen Schutz zu bieten. Wer sich hinter diesen Holzvorhängen aufhält, hat das Gefühl, sich in einer großen Halle zu befinden“, sagt Architekt Famulicki. Die Häuser selbst sind großzügig wie geradlinig angelegt, mit gläsernen Aufzügen, raumhohen Fenstern und viel Stahl, Sichtbeton und Holz. Die Wohnungen sind großzügig, mit breiten Türen und bodengleichen Duschen ausgestattet. Jede Wohnung hat eine knatschrote Abstellbox vor der Tür, in der von Wasserkisten über Kinderwagen bis hin zum Rollstuhl alles abgestellt werden kann, was in der Wohnung selbst nur im Weg stehen würde.

Laubengänge vor der Wohnungstür

Quadratisch, praktisch und sehr gut sogar. Ein sympathischer Ort, an dem man sich gerne aufhält, an dem die Bewohner sichtlich gerne leben. Zurzeit sind das vor allem ältere Menschen zwischen 65 und 80 Jahren. Menschen wie die Rentnerin Rita Kiwitt, die hier gerade erst eingezogen ist. Am Tag vier nach ihrem Einzug steht sie just in einem der Laubengänge vor ihrer Wohnungstür und plauscht mit der neuen Nachbarin.

Man trifft sich, man kennt sich. Nachbarschaft im besten Sinne. „Harmonisch und ruhig“, beschreibt es Ute Kutzki, die Frau von nebenan. Vier Schlüssel von Nachbarn bewahre sie in ihrer Schublade, „ . . . falls sich mal jemand aus Versehen ausschließt!“.

60 bis 90 Quadratmeter groß sind die bislang gebauten Wohnungen. Demnächst sollen weitere Häuser mit bis zu 145 Quadratmeter großen Einheiten hinzukommen. Das sind Haus-im-Haus-Lösungen für junge Familien, mit knapp über acht Euro pro Quadratmeter durchaus bezahlbar. Komfortable Einheiten sind das mit Kamin, eigenem Eingang und Garten.

Mit ihnen soll endlich der angestrebte Mix der Generationen erreicht werden.

Mögen die Johanniskirchgärten, wie das Quartier heißt, auch anfangs wegen ihrer Lage als gewagtes Projekt gesehen worden sein. Die Wartelisten belegen, wie richtig Vivawest mit der Idee lag. Architekt Famulicki gefiel seine Arbeit übrigens so gut, dass er gleich selbst einzog.

Das Haus seiner Kindheit

Gerhard Pühl-Massing ist jener Mann, der eigentlich nicht in das Haus seiner Kindheit ziehen wollte und es dann doch tat. Der Essener hatte ursprünglich geplant, das Haus der Eltern zu verkaufen. Doch in Zeiten der Finanzkrise trennt man sich besser nicht von Immobilien, und so machte Pühl-Massing das Haus im mittelalterlich geprägten Essener Stadtteil Kettwig stattdessen zu seinem Projekt: Aus eins mach zwei!

Mit Hilfe des Essener Architekten Harry Schöpke verwandelte er 150 Quadratmeter in 450, baute Keller und Dach aus, um eine Hälfte des so entstandenen Zweifamilienhauses künftig zu vermieten. Und wer die berühmten Vorher-Nachher-Fotos seines Elternhauses sieht, der glaubt es kaum, dass es sich um ein und dasselbe Objekt handelt. Der unscheinbare, in die Jahre gekommene Bungalow hat sich in ein durchgestyltes Wohngebäude verwandelt, mit stählernen Balkonen und vielen großzügigen Fensterflächen.

Der Aufwand, der dafür betrieben werden musste, war ein beträchtlicher. Da löste sich viel des alten Putzes, da erwiesen sich Betondecken als nicht stark genug. „Ein Neubau wäre sicherlich einfacher gewesen“, sagt auch Architekt Schöpke. „Und die Kosten, die vorher nicht so erwartet waren!“, ergänzt Bauherr Pühl-Massing.

Doch der Aufwand hat sich sichtlich gelohnt. Und wer genau hinschaut, erkennt die Liebe zum Detail. Die seltenen dänischen Fenster, die sich nach außen kippen lassen. Den Lichtschacht, der das neue, zweite Treppenhaus überwölbt. Und nicht zuletzt die elektrisch fahrbaren Blendläden. Pühl-Massing überredete seinen Architekten zu einem leuchtenden, satten Gelb. Denn bei so viel Geradlinigkeit darf man mutige Akzente setzen.

„Hier war das Zimmer meiner Schwester“

An das Haus seiner Kindheit erinnert nun nicht mehr all zu viel. Pühl-Massing: „Ich weiß, dass hier etwa das Zimmer meiner Schwester war, nebenan meines. Aber die Struktur ist völlig neu. In das Haus der Eltern zu ziehen, das wollte ich vermeiden.“

Weitere Informationen zum Tag der Architektur und Öffnungszeiten unter: www.aknw.de

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