Nicht von Pappe, diese Plattencover

Ausschnitt aus dem berühmten „Sgt. Pepper“-Cover der Beatles. Foto: EMI
Ausschnitt aus dem berühmten „Sgt. Pepper“-Cover der Beatles. Foto: EMI
Foto: EMI/Apple Records
Die CD verdrängte einst die Langspielplatte. Damit verschwand auch fast die Cover-Kunst: eine Projektionsfläche für Lebensgefühl, Stil und Sound, die auf dem kleinen Raum einer Silberlings-Verpackung nur wenig Bedeutung hatte.

Essen. Mit angezogenen Beinen hockt die Band auf der Hülle der Langspielplatte. Schlägt man das Cover aber auf, klappt die ganze Band aus Pappe nach vorn und dem Betrachter fast ins Gesicht. Toll! „Stand Up“ hieß passend der Titel des Albums von Jethro Tull aus dem Jahre 1969. Mit „Thick As A Brick“ konzipierte die Band später eine komplette Zeitung als Plattenhülle, deren Produktion zeitraubender gewesen sein soll als die der Musik. Zuvor hatten sich Musiker oft damit begnügt, sich auf der Hülle ablichten zu lassen. Der Interpret war die Botschaft, fertig.

Ab Mitte der 60er-Jahre änderte sich das. Die Plattenhülle, erfunden 1937, wurde zur Projektionsfläche für Lebensgefühl, Stil und Kunst. Das Cover machte ein Album zum Gesamtkunstwerk und im Laufe der Zeit zur eigenen Kunstgattung innerhalb der Pop-Kultur.

Warhols Banane und der Reißverschluss

Manche Hüllen ließen sich zu großen Panoramen aufblättern. Die britische Art-Rock-Band Yes engagierte den Künstler Roger Dean, um futuristische Landschaften zu gestalten. The Who schufen mit dem „Quadrophenia“-Album ein aufwendig gestaltetes Bilderbuch, das die Geschichte der Rockoper auf 22 akribisch inszenierten Fotografien erzählte. Andy Warhol erfand für Velvet Underground das berühmte Bananencover und für die Rolling Stones die Hülle für „Sticky Fingers“: Eine enge Jeans, die sich an prägnanter Stelle verdächtig wölbt und deren Reißverschluss sich öffnen lässt. Die Gestaltung des „Sgt. Pepper“-Albums der Beatles durch den Briten Peter Blake gilt Kunstexperten bis heute als „Schlüsselwerk“ der Pop-Art. Mit dem „Weißen Album“ schufen die Beatles anschließend fast das Gegenteil. Die berühmteste Band der Welt verzichtete auf Erkennbarkeit, reduzierte die Aussage auf die Farbe Weiß. „Ein ganz großer Wurf“, findet Josef Spiegel, Leiter des Künstlerdorfs Schöppingen und Experte für Pop- und Jugendkultur.

Auf raffinierte Art bezog sich die britische Punk-Band The Clash auf die Wurzeln der Rock-Musik: Ihr Album „London Calling“ kopierte typografisch die Debüt-LP des Urvaters des Rock’n’Roll, Elvis Presley. Nur: Auf der Clash-Hülle zerschmettert der Musiker auf der Bühne seine Gitarre, während Elvis auf seiner Hülle emphatisch die Saiten schlägt. Wer die Bezüge herstellt, versteht die Botschaft: Der Punk weiß um seine Wurzeln, die in der weißen Rockmusik liegen, und erweist dem „King“ somit die Ehre – und macht sich zugleich daran, diese Tradition zu zerstören.

Bildsprache wie in zweifelhaften Horrorfilmen

Zwei Entwicklungsrichtungen in der Geschichte der Cover-Gestaltung bemerkt Josef Spiegel. „Es gab Gruppen, die entwickelten einen bestimmten Stil, der nur für sie gilt und sich auf ihre Musik bezieht.“ Joy Division wäre dafür ein Beispiel, die ihre dunklen Metaphern mit einer minimalistischen Cover-Ästhetik von zeitloser Eleganz unterstrichen, erfunden vom Künstler Peter Saville. Auch Patti Smith schuf sich ein eindeutiges Image. Sie ließ ihre Plattenhüllen von dem Fotografen Robert Mapplethorpe gestalten. Spiegel: „Poesie, Musik und Fotografie werden zu einer grandiosen Einheit, die auch dem Lebensentwurf der eng befreundeten Künstler entsprach.“

Der zweite Trend sind künstlerische Stilmittel, die für ein ganzes Musik-Genre stehen. So entwickelte etwa die Metal- oder Gothic-Szene eine wiedererkennbare Bildsprache, die nicht selten an Horrorfilme von zweifelhafter Qualität erinnert. Die Hippies der 60er-Jahre hätte dies eher abgeschreckt, doch auch die psychedelischen Bands dieser Zeit wie etwa Jefferson Airplane oder Grateful Dead wiesen mit bunten und rauschhaft gestalteten Hüllen auf ihre Musik hin, drückten bildhaft eine Lebenseinstellung aus.

Gemalter Sound

Popgruppen, die in ihrem musikalischen Anspruch ernst genommen werden wollten, wie etwa Emerson, Lake & Palmer, Yes, Genesis oder Nice, ließen Pop-Künstler wie Warhol, Blake oder Rauschenberg ihre Plattenhüllen bemalen. Schon äußerlich sollte sich die Qualität widerspiegeln, die den Hörer erwartet, Cover wurden so zum „gemalten Sound“.

Nicht selten schmücken sich Rockbands mit Reproduktionen berühmter Gemälde. Boticellis Venus findet sich nicht nur auf der Hülle von Aphrodite’s Child. Bow Wow Wow stellten Manets Gemälde „Frühstück im Grünen“ nach, was wie beim Original aus dem Jahre 1863 wegen des nackten Mädchens im Vordergrund zu einem Skandal führte. Von Pieter Breugel über Gerhard Richter bis Jackson Pollock reicht die Liste der Namen berühmter Künstler, deren Werke Rockbands adaptierten. In der Hoffnung, die Aura großer Kunst möge auf ihre Musik ausstrahlen, in der anmaßenden Vorstellung, ein Werk von gleichem Rang geschaffen zu haben, oder aber auch nur als ironisches Spiel mit künstlerischen Zitaten.

Spärlich bekleidete Frauen wichen dem Gestrüpp

Dass ein kleineres Cover einer CD oder gar auf einem Smartphone weniger künstlerische Freiheiten bietet, liegt auf der Hand. Spiegel: „Die CD ist praktischer, hat viele Vorteile, doch schränkt sie die Gestaltungsmöglichkeiten ein.“ Musik allein reicht eben nicht, das habe die Musikindustrie nicht verstanden.

Manchen Kritikern gingen die gewollten Provokationen zu weit. Die Liste zensierter Cover ist lang. Ein Beispiel ist das Album „Country Life“ von Roxy Music (1974). Es zeigt zwei Frauen in transparenter Unterwäsche vor grünem Gestrüpp. Die Fans in den USA mussten sich mit dem Gestrüpp begnügen. Zuweilen reagierten die Zensoren indes recht kleinlich. Auf „Abbey Road“ hält Paul McCartney eine Zigarette in der Hand, während er über den legendären Zebrastreifen geht – für den US-Markt wurde die Kippe wegretuschiert.