Nicht mit mir – Wie Menschen das Nein-Sagen lernen

Coach Barbara Erichsen aus Essen unterstützt Menschen beim Nein-Sagen.
Coach Barbara Erichsen aus Essen unterstützt Menschen beim Nein-Sagen.
Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool
Das „Nein“ kann man lernen. Doch es auch wirklich auszusprechen, fällt oft schwer. Weil man nicht unfreundlich sein will, sich einfach nicht richtig traut oder gar Ablehnung befürchtet. Doch wer immer nur „Ja“ sagt, der sagt auf Dauer „Nein“ zu sich selbst.

Essen.. Eigentlich haben Adam und Eva ein wunderschönes Leben. Sie müssen weder Geld verdienen, noch Steuern bezahlen, und auch für das Haus müssen sie keine Raten abstottern. Weil sie gar kein Haus haben. Stattdessen wohnen sie in einem wunderschönen Garten, in dem alles wächst, was man zum Leben braucht. Um ihre Kinder müssen sie sich keine Sorgen machen, sie sind kinderlos. Und auch darüber, was sie am Morgen anziehen, brauchen sie nicht lange nachzudenken.

Adam und Eva laufen so durch den Garten, wie Gott sie schuf. Adam liebt seine Eva innig. Er liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab, und manchmal tut er ihr zuliebe auch Dinge, die er eigentlich gar nicht tun will. Diesen blöden Apfel zum Beispiel, den will er gar nicht essen. Adam mag keine Äpfel. Von Äpfeln bekommt er Magenschmerzen. Und außerdem hat Gott diese Obstsorte, die am Baum der Erkenntnis wächst, verboten. „Wenn du mich liebst…“, sagt Eva, klappert mit den Augendeckeln und zieht einen Schmollmund. Dass Eva schmollt, kann Adam nur schwer ertragen. Also beißt er in den Apfel. Der kein bisschen sauer schmeckt. Trotzdem wird Adam davon ganz schlecht.

Ja-Sager haben es leicht. Sie ecken nicht an, sie kränken niemand, sie müssen sich nicht rechtfertigen. Ein „Ja“ löst keine Diskussionen aus, es signalisiert Zustimmung und sorgt für ein Gefühl der Harmonie. Scheinbar. Denn manchmal meint der, der „Ja“ sagt, in Wirklichkeit „Nein“. Aber das spricht er nicht aus. Weil er nicht unfreundlich sein will, weil er sich nicht traut oder Ablehnung befürchtet. Aber tatsächlich gar keine Lust auf den Spieleabend bei Sabine und Alex hat, es hasst, sich mehrere Stunden lang singende Nibelungen anzuhören oder bei dem Gedanken, einen dieser überfüllten Märkte mit der penetranten Glühweinduftnote zu besuchen, Kopfweh bekommt. Vielleicht auch, weil es ihm an Zeit mangelt. Um das Päckchen zur Post zu bringen, den Abwasch zu machen oder die Schicht der Kollegin zu übernehmen. Doch wer immer nur „Ja“ sagt, der sagt auf Dauer „Nein“ zu sich selbst. Auch mal ablehnend auf Bitten, Angebote oder Fragen zu reagieren, spricht für Selbstvertrauen, zeugt von Urteilskraft, macht zufriedener. Und ist für den eigenen Schutz unumgänglich. Notorische Ja-Sager haben am Ende gar nichts mehr zu sagen.

Mit Höflichkeit kommt man weiter

Die Araber kennen es, die Dänen und die Chinesen, die Polen, die Isländer und die Haitianer, und auch den Mongolen, den Japanern oder den Tschechen ist es nicht fremd: das Wörtchen „Nein“. In fast allen Sprachen dieser Welt ist es ein Wort, das zum Basissprachschatz gehört. Für die Kommunikation ist „Nein“ unerlässlich. Ohne diese vier Buchstaben hätte man weder eine Wahl („Möchten Sie einen Kaffee?“ „Nein, danke!“), noch könnte man eine Entscheidung treffen („Nein, heute gehe ich lieber nicht spazieren, das Wetter ist zu schlecht!), auch Widerspruch („Nein, ich war das nicht!) wäre unmöglich. Mangels „Nein“ müsste man immer das tun, was man gesagt bekommt oder was von einem verlangt wird. Oder wäre unfähig zu der Aufforderung, etwas zu unterlassen: „Nein, ich will das nicht.“

Prinzipiell ist „Nein“ eine Willensäußerung. Ebenso wie „Ja“. Das „Ja“ und das „Nein“ sind zwei Seiten einer Medaille. Zustimmung und Ablehnung. Wobei Zustimmung als eher positiv und Ablehnung als eher negativ gewertet wird. Was sich auch in den gesellschaftlichen Umgangsformen spiegelt. Natürlich darf man einen Kaffee ablehnen, wenn man keinen Kaffee trinken möchte. Aber um nicht als unfreundlich zu gelten, fügt man dem „Nein, danke“ vorsichtshalber noch „Ich hatte heute schon drei Tassen“ hinzu.

Dass man mit Höflichkeit weiter kommt, erkannte bereits im März 1975 eine dänische Studentin namens Anne, die eine lachende orangefarbene Sonne mit dem Spruch „Atomkraft? Nej tak“ – „Atomkraft? Nein danke“ versah. Inzwischen ist das Antiatomkraft-Logo in 45 Sprachen übersetzt und millionenfach gedruckt worden.

Das Nein-Sagen auf die Spitze getrieben

Mit notorischen literarischen Neinsagern wie dem Suppenkasper bei Wilhelm Busch („Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“) oder Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ („Ich möchte lieber nicht!“) nimmt es kein gutes Ende: beide verhungern. Bräute, die vor dem Traualtar das „Ja, ich will“ ins Gegenteil verkehren, findet man jenseits der Leinwand höchst selten und wer weiß, ob Barack Obama US-Präsident geworden wäre, wenn er als Wahlkampf-Slogan statt „Yes, we can“ (Ja, wir können), „No, we can’t (Nein, wir können nicht) gewählt hätte.

Das „Nein-Sagen“ auf die Spitze treibt die Partei NEIN!-Idee, die am 1. April 2012 von dem Architekten Michael König aus Niedersachsen gegründet wurde. Was man angesichts dieses Datums durchaus für einen Aprilscherz halten könnte, steht für das Recht, zu allen aufgelisteten Parteien und Kandidaten „Nein!“ zu sagen. Die Partei fordert dazu auf, „Lobbyisten, Bürokraten und Politikern ihre Grenzen zu setzen“ und tritt ein „Für die Möglichkeit, die es noch nie gab: NEIN zu wählen.“ Anschaulich machte der Bundesvorsitzende König das anfangs mit einem Vergleich aus dem Eissalon: Der Kunde will Schokolade, aber die gibt es nicht. Es gibt nur andere Sorten. Also geht der Kunde weiter. Er sagt „Nein“ zum Angebot des Eisverkäufers, der nun entweder Schokolade ins Sortiment aufnimmt – oder pleite geht. Aber wollen wirklich alle Schokolade?

Dass der Zwei-Minuten-Trailer auf der Partei-Homepage www.nein-idee.de ausschließlich Frauen zeigt, die von Männern bedrängt werden, um dem mit „Nein“ Einhalt zu gebieten, verweist klar auf die angestrebte Reformierung des Sexualstrafrechts. Im Paragrafen 177 des StGB wird der Straftatbestand der Vergewaltigung definiert. Dem Opfer muss entweder Gewalt angetan, mit Gefahr für Leib und Leben gedroht werden oder es muss dem Angriff des Täters schutzlos ausgeliefert sein. Was in vielen anderen Ländern bereits Gesetz ist – die „Nein heißt Nein“-Regelung – greift in Deutschland nicht. Ein „Nein, ich will nicht“ reicht nicht aus, damit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist. Unklar bleibt jedoch, wie die „NEIN!“-Partei zur baldigen Umsetzung dessen beitragen will. Denn den amtierenden Justizministern von Bund und Ländern, die die Schutzlücke schließen könnten, sprechen sie das Recht ab, zu regieren.

Ein Verlangen nach Harmonie

Prinzipiell tun sich Menschen mit dem Nein-Sagen schwer. Schuld sind „innere Saboteure“, wie IreneBecker in „Everybody’s Darling, Everybody’s Depp“ (Goldmann) die Gründe dafür nennt, die verhindern, dass man klar Stellung bezieht. Wer „Ja“ sagt, obwohl er „Nein“ meint, der tut das aus einem Verlangen nach Harmonie heraus, um Konflikte zu vermeiden, weil er nicht unfreundlich sein will, sich nicht traut oder Ablehnung oder berufliche Nachteile befürchtet.

Gesellschaftliche Normen und Werte – Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, kein Egoist und auch kein Spielverderber und kein „Kollegenschwein“ sein wollen – spielen bei der „Nein“-Vermeidung ebenso eine Rolle wie etwa die Erziehung der Eltern und das Bild, das man von sich selbst hat.

Expertin fürs Nein-Sagen zeigt, wie es geht

Auch für die Kunden von Barbara Erichsen – zu denen Geschäftsleute, aber auch Privatpersonen wie einzelne Menschen, Paare oder Familien gehören – ist das Nicht-Nein-Sagen-Können durchaus ein Thema. Die 51-Jährige hat in Essen eine Praxis für Coaching und Psychotherapie. Was ihr besonders am Herzen liegt, ist das „Auftrittscoaching“, die professionelle Selbstpräsentation: „Alles rund um Körpersprache, Rhetorik, Selbstbewusstsein und Lampenfieber. Auch beim konstruktiven Nein sagen ist die Körpersprache wesentlich.“ Dass sie es, aus Angst vor Ablehnung oder Konflikten nicht fertig bringen, einem Wunsch, einer Bitte oder einer Forderung nicht zu entsprechen, betrifft Chefs ebenso wie Kollegen, Verwandte, Freunde oder Bekannte.

Dafür, aber genau das zu tun, kann Barbara Erichsen zahlreiche Gründe anführen: „Das beginnt mit meinen eigenen Bedürfnissen, damit, dass ich sie wahrnehme und umsetze. Ein ,Nein’ hilft mir dabei, mich abzugrenzen: auf der einen Seite steht das „Ich“, auf der anderen Seite das „Du“. Was will ich? Was will der andere? Aus der Haltung ,Ich bin o.k., du bist o.k.’ heraus.“

Zwischen beidem, den eigenen Bedürfnissen und denen des anderen, gilt es, eine Balance herzustellen. „Was ist wichtig? Die Macht, das zu definieren, habe ich in dem Moment, wo ich ,Nein’ sage. Derjenige, der immer nur ,Ja’ sagt, möchte es allen Recht machen und gibt dadurch die Macht darüber in die Hand des anderen. Er bestimmt über mich.“ Ein „Nein“, so Erichsen, dient zudem der Selbstachtung, kann helfen, Kräfte zu sparen oder Zeit, die man für wichtigere Dinge benötigt. Und es bedeutet Selbstschutz: „Vor Überlastung und Burnout.“ Im Gegenzug erntet der „Nein-Sager“ von seinem Gegenüber Respekt: „Er wird nicht als der wahrgenommen, der das ,Mädchen für alles’ ist. Als einer, der sich ausnutzen lässt und den man nicht mehr ernst nehmen kann. Im Beruf kann das im schlimmsten Fall dazu führen, dass man nicht befördert wird. Dann heißt es ,Der kann nicht delegieren, der macht ja alles, der ist sich für nichts zu schade’.“

Dennoch ist und bleibt ein „Nein“ eine Herausforderung: „Es ist ein Absprung, der zu einer Entscheidung führt. Und eine Entscheidung ist eine Scheidung, das geht einher mit Prioritäten setzen und kann zu Konflikten führen. Mit anderen und mit mir selbst. Analytisch ist ein ,Nein’ das Ergebnis einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung. Wie hoch ist der Preis des ,Ja’ und wie hoch der Gewinn des ,Nein’: Zeit, Kraft, Gesundheit, Respekt, Prestige. Aber es kommt immer darauf an, wie ich das rüberbringe. Ich muss dabei immer mit dem anderen in Kontakt bleiben. Ich sage ,Nein’zu der Sache, aber ,Ja’ zur Beziehung. Der Ton macht die Musik.“

Es kommt darauf an, wie man Nein sagt

Ein hartes, harsches „Nein“ löst zwangsläufig Widerstand aus: „Der andere ist gekränkt und beleidigt und wird sich dafür ,rächen’ wollen.“ Besser ist es, das „Nein“ zu begründen, und gleichzeitig Verständnis für den anderen zu zeigen: „Auf dieser Ebene kann man zusammen versuchen, konstruktive Lösungen zu finden.“ Erichsens Tipp: „An erster Stelle die Absage begründen. ,Nein, weil…’ und dann kann man, wenn das möglich ist, das ,Nein’ mit einem Gegenangebot verbinden. Ich habe zwar jetzt keine Zeit, aber später. Sich dabei aber nicht für die Absage rechtfertigen oder sich dafür entschuldigen. Nicht den Weichspüler benutzen und dadurch das ,Nein’ entkräften.“

Nein zu sagen, so die Essenerin, kann man lernen: „Das müsste Menschen eigentlich in der Schule beigebracht werden.“ Und in harmlosen Situationen wie beim Telefonanruf, der gerade nicht passt, auch üben: „Was will ich sagen? Wie will ich das sagen? Kränke ich den anderen damit? Wie gebe ich ihm trotzdem ein positives Gefühl? In welcher Rolle befinde ich mich? Bin ich Mutter, Freundin oder beruflich gefragt? Was erwartet der andere in diesem Moment von mir? Auf diesem Wege kann man so etwas wie Mut finden, um mit gutem Gefühl ,Nein’ zu sagen. Nicht nur dann, wenn es wirklich brenzlig wird, sondern dann, wenn es für mich wichtig ist.“

Die Kraft, die dem „Nein“ innewohnt haben die Griechen schon während des Zweiten Weltkriegs entdeckt. Am 28. Oktober 1940 stellte Benito Mussolini der griechischen Regierung ein Ultimatum. Entweder man würde dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten, darunter auch Italien, erlauben, in Griechenland Militärstützpunkte zu errichten oder man werde Griechenland den Krieg erklären. „Nun, dann ist Krieg“, antwortete der damals amtierende griechische Ministerpräsident Ionnis Metaxas. „Das muss nicht notwendig sein“, versuchte der italienische Botschafter Emanuele Grazzi die Entscheidung aufzuweichen. „Nein. Es ist notwendig“, sagte darauf der Grieche. Verkürzt auf das „Nein“ feiert man bis heute in Griechenland den „Ochi-Tag“, den „Tag des Nein“. Er gilt als Symbol des Widerstands und der Eigenständigkeit.

Wenn Adam Nein gesagt hätte

Als die Übelkeit vorüber ist, starrt Adam Eva entsetzt an: „Du bist ja nackt!“ „Selber nackt!“, gibt Eva schnippisch zurück. Aber dabei ist sie knallrot im Gesicht. Mit Feigenblättern bedecken beide das, was sie am meisten geniert. Aber damit ist es nicht getan. Natürlich kommt Gott dahinter. Gott sieht alles. Und Adam und Eva fliegen hochkantig aus dem Paradies. Seitdem müssen sie Datteln und Hirse anbauen und Schlangen jagen. In ihrer Binsenhütte zieht es wie Hechtsuppe, und es regnet rein. Die Steuern sind zwar gottlob noch nicht erfunden, dafür aber das Kinderkriegen. Und jedes Mal, wenn Eva einen neuen Schlangenlederrock zusammennäht, sticht sie sich dabei in den Finger. Meistens hat sie schlechte Laune. Adam geht es ähnlich. Um die Beziehung der beiden steht es nicht besonders gut, zumal der Nachwuchs, der sich nun regelmäßig einstellt, für jede Menge Reibereien sorgt. Aber auch Paar- und Kindertherapeuten sind noch nicht gängige Praxis. Manchmal denkt Adam an den Tag zurück, als Eva ihm unbedingt diesen verdammten Apfel andrehen musste. Es wäre so einfach gewesen. Er hätte bloß „Nein“ sagen müssen.

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