Neues Leben für alte Kirchen – von Kita bis Wohnhaus

Im Zeichen des Kreuzes: Die katholische Kindertagesstätte St. Marien ist in der ehemaligen Marienkirche in Kamp-Lintfort untergebracht.
Im Zeichen des Kreuzes: Die katholische Kindertagesstätte St. Marien ist in der ehemaligen Marienkirche in Kamp-Lintfort untergebracht.
Foto: Lars Heidrich
Immer häufiger zieht in frühere Gotteshäuser neues Leben ein. Wir zeigen eine Auswahl der anders genutzten Sakralbauten. Und erklären, wer einziehen darf.

Schon 2005 rief der Berliner Bischof Wolfgang Huber dazu auf, Kirchen zu verteidigen als „Fenster zum Himmel“ und „Heimat für alle Seelen“, als „Raum zum Einkehren bei sich selbst, zum Ankommen bei Gott“. Doch auch solche Appelle können nicht verhindern, dass es schwer wird, die Kirche im Dorf zu lassen, wenn das Dorf einfach nicht mehr in die Kirche geht. Immer häufiger zieht in den Gotteshäusern ein neues, anderes Leben ein: In Maastricht wurde aus einer Kirche eine Buchhandlung, in Mönchengladbach und Manchester gibt es Kletterkirchen und in Kamp-Lintfort tobt unterm Dach der Marienkirche die Zukunft – ein Kindergarten.

Sperrige Immobilien

Christliche Gemeinden gehen sehr unterschiedlich damit um, dass sie immer weniger Geld für den Erhalt ihrer Kirchen haben, die zugleich von immer weniger Menschen besucht werden. Gotteshäuser wurden allerdings nie so gebaut, dass sich die Menschen in ihnen drängen; der Hall, die Weite und die Höhe dieser Immobilien waren stets dazu angetan, Ehrfurcht zu gebieten. Kirchen sind ein Lobpreis des Herrn in Stein. Sie sind mehr noch Symbole als Gebäude. Mit der Folge, dass sie sich oft als sperrig erweisen, sobald man versucht, sie anders als bisher zu nutzen. Im Ruhrbistum, das seit 2005 insgesamt 102 Kirchen aufgegeben hat, gibt es noch 23 Kirchen, für die man bislang keine Lösung gefunden hat und die jetzt leerstehen.

Was wäre denn auch die Alternative? „Ein Abriss ist die letzte Möglichkeit“, hat sich die Evangelische Kirche festgelegt. Seit 1990 wurden im Rheinland gleichwohl 31 protestantische Kirchen abgerissen, weitere 21 stehen leer. Das ist bei uns immer noch eher eine Möglichkeit, als eine Kirche in eine Moschee zu verwandeln – nicht zuletzt, weil man den Eindruck vermeiden will, der Islam verdränge das Christentum.

Was aber eine Möglichkeit ist: In Bielefeld ist die protestantische Paul-Gerhardt-Kirche zur Beit-Tikwa-Synagoge umgebaut worden.

Vermieten an Orthodoxe

Meist versuchen die Gemeinden erst einmal, eine andere christliche Nutzung für ihre Kirche zu finden, etwa als Obdach für serbisch- oder griechisch-orthodoxe Gemeinden. So hat man im Ruhrbistum 20 der ausgemusterten Kirchen vermietet. Bei 41 anderen aber kam man nicht umhin, sie zu verkaufen, zum Teil sogar abreißen zu lassen. Udo Mainzer dagegen schlug einst als oberster NRW-Denkmalpfleger eine andere Möglichkeit vor: „Bisweilen muss man sich den Mut gönnen, Kirchengebäude zu schließen, sie dicht zu halten, zwischendurch zu lüften und auf andere, vielleicht bessere Voraussetzungen zu warten.“

Profanierung oder Entwidmung

Katholische Kirchen müssen „profaniert“ werden, bevor sie anders genutzt werden. Bei den Protestanten spricht man hingegen von Entwidmung, weil Räume bei ihnen nicht geweiht werden. Und dann? „Grundsätzlich kann alles in einem Kirchraum stattfinden, was auch im alltäglichen Leben vor Gott verantwortet werden kann“, hat die Evangelische Kirche Westfalen festgelegt, aber auch gleich eingeräumt, dass man darüber stets aufs Neue reden muss. Derzeit hält man für möglich, dass es in ehemaligen Kirchen bildende Kunst gibt, Theater, Tanz, Feiern, Gespräche, politische Diskussionen, Essen und Trinken und diakonische Aktivitäten wie Seelsorge oder Pflege.

Wohnen im Gotteshaus 

Wo einst die Gemeinde am Altar das Abendmahl empfing, kochen heute Marion und Guido Lüning ihr Abendessen. Sie haben eine Kirche in Obersprockhövel in ihr neues Zuhause umgewandelt. Von außen ist die Kirche von 1956 noch als solche gut zu erkennen. Im Inneren erinnern daran das alte Mauerwerk, die Jakobsleitern – in der Wand eingelassene, deckenhohe Sandstein-Stelen – und die riesige Glasfront mit den Original-Betonrippen und 30 Fenstern, durch die die Lünings Rehe beobachten. Sie suchten eigentlich ein „Haus im Grünen“. Sie fanden die „Kirche im Grünen“.

So nennen die wenigen Anwohner das evangelische Gotteshaus. Es sollte der Mittelpunkt einer neuen Siedlung werden, die jedoch nie entstanden ist. Und so wurde es der Lebensmittelpunkt der Lünings.

Bis sie jedoch die ersehnte Ruhe fanden, mussten sie die 2006 entwidmete Kirche umbauen – mit viel Zeit (vier Jahre) und Geld (im Wert eines neuen Einfamilienhauses). Die Erzieherin Marion Lüning (55) hörte für zwei Jahre auf zu arbeiten und organisierte die Handwerker, ließ Decken und Wände einziehen. Der Bochumer Kommunalbeamte Guido Lüning (56) werkelte selbst, verlegte etwa den neuen Holzboden.

Die Wohnungen für das Paar und den Sohn sind fertig. In dem leerstehenden Bereich wäre noch Platz für zwei weitere. Aber den Lünings reicht’s. Sie wollen die Aussicht in ihrer Kirche genießen. Nur manchmal flucht Guido Lüning: „Beim Rasenmähen. Unser Grundstück ist 3000 Quadratmeter groß.“

Sie schlafen da, wo sie einst tauften

Wenn Hannah Strünck auf ihrem Balkon steht, muss sie kaum ihren Kopf heben, um die Uhr weit oben am freistehenden Kirchturm lesen zu können. Ihr neues Zuhause liegt direkt unter dem Dach der ehemaligen Lukaskirche in Essen-Holsterhausen. Sie war 2013 die erste Mieterin in dem zwei Jahre lang umgebauten Gebäude, das heute vier Etagen hat und 16 vermietete Wohnungen – die meisten mit angebautem Balkon. Manche Bewohner haben einst ihre Kinder in dem Kirchenschiff getauft, in dem sie heute schlafen.

Wohn-Gemeinschaft

Hannah Strünck war zuvor kein Gemeindemitglied, aber sie hatte lange eine Gemeinschaft gesucht, in der sie mit anderen zusammen leben konnte. In der evangelischen Kirche hat die 66-Jährige sie gefunden: „Ich bin hier angekommen.“ Mit ihr wohnen nicht nur Menschen verschiedenen Alters zusammen, in den unteren Etagen des behindertengerechten Hauses ist neben drei Praxisräumen auch noch ein integrativer Waldorfkindergarten untergebracht.

In einem Gemeinschaftsraum mit alten Kirchenbänken, in dem sich die Mieter mal zum Kaffee, mal zum Frühstück treffen, wird auch an die Grundsteinlegung von 1959 erinnert. 2008 wurde das Gotteshaus nach einer Gemeinde-Zusammenlegung entwidmet. Von den hohen Decken in den Treppenhäusern hängen heute noch die runden Original-Lampen, das Tageslicht flutet durch das blau-violette Kirchenglas. An den Längsseiten wurde es jedoch ersetzt. „Sonst hätte man in einigen Wohnungen keine Klarglasfenster gehabt“, sagt Dana Köllmann, die das Lukas-K-Haus bei der Vewo-Wohnungsverwaltung betreut. Auch die Statik bei der Nachkriegs-Kirche war eine Herausforderung. Aber eine, die sich lösen ließ. Köllmann: „Eine neugotische Kirche hätte man so nicht entkernen können.“

Die Glocken aus dem Turm gingen zurück an die evangelische Kirche. „Die können nicht entweiht werden“, so Köllmann. Aber die Uhr ist ihnen geblieben, auf die Hannah Strünck von ihrem Balkon aus schaut. Sehr religiös sei sie nicht, aber in einer Kirche zu leben, sei etwas Besonderes: „Ich habe das Gefühl, hier gibt es positive Energie.“

Weitere Kirchen-Wohnhäuser

Es gibt noch mehr spannende Beispiele für ehemalige Kirchen, die heute Wohnhäuser sind: Das Franz Sales Haus in Essen hat etwa 2012 eine Wohngemeinschaft für 24 Menschen mit geistiger Behinderung in der Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit eingerichtet. Anwohner in dem ­infrastruktur-armen Stadtteil Eiberg an der Grenze zu Bochum, die die Aufgabe ihrer Kirche bedauerten, freuen sich heute über das Café und das Lädchen in dem sakralen Gebäude. In Essen-Rüttenscheid ist in der ehemaligen St. Martin-Kirche heute ein Pflegeheim untergebracht. Und in Essen-Steele wird derzeit die Herz-Jesu-Kirche saniert – für neue Eigentumswohnungen.

Ein Kindergarten zieht in ein Gotteshaus 

Laura ist die Jüngste hier, sie ist gerade ein Jahr alt geworden und das Mitsingen muss sie erst noch lernen. Aber die anderen 55 Kinder singen für ihr Leben gern, Kinderlieder, Kirchenlieder. Wir sind im katholischen Kindergarten, der St. Marien heißt, obwohl er zur St. Josef-Gemeinde im niederrheinischen Kamp-Lintfort gehört. Denn dieser Kindergarten ist Anfang des Jahres erst in der ehemaligen Marienkirche eingezogen.

Für St. Marien, mit roten Ziegelsteinen erbaut, wurde 1926 der Grundstein gelegt – acht Jahre bevor man die Zechen­stadt Kamp-Lintfort aus verschiedenen Gemeinden zusammenlegte. Und nur kurz bevor im Dezember 2012 für das letzte Bergwerk in Kamp-Lintfort Schicht im Schacht war, gingen auch in St. Marien die Lichter aus, und als Weihbischof Wilfried Theising vom Bistum Münster bei der Entweihung der Kirche das Dekret dazu verlas, klang die Stille sehr bedrückt. Aber der Weihbischof hatte eine Idee...

Gute zwei Jahre später herrscht an der gleichen Stelle fröhlicher Kinderlärm, drei Kita-Gruppen sind hier untergebracht. Seit dem Umbau, der Bistum, Stadt, Land, Kirchengemeinde und den Bund am Ende 2,1 Millionen Euro kostete, ist von innen kaum noch zu erkennen, dass diese behindertengerechte, technisch hochmoderne Kindertagesstätte mal eine Kirche war. Die typische, oben spitz zulaufende Form einiger Fenster spricht allerdings eine eindeutige Sprache – das Glas, das sich darin befand, ist in einer nahegelegenen Kapelle eingebaut worden.

Opferfest und Zuckerfest

Auf die Frage, ob in dem katholischen Kindergarten eigentlich nur katholische Kinder untergebracht sind, lacht die Leiterin Manuela Kempkes laut auf: „Um Gottes willen! Nein, wir haben muslimische Kinder und evangelische und jüdische und orthodoxe und glaubenslose.“ Die elf Erzieherinnen von St. Marien sorgen auch dafür, dass nach Möglichkeit alle wichtigen Feste gemeinsam gefeiert werden: „Also gibt es hier auch ein Opferfest und ein Zuckerfest – wenn wir mit verschiedenen Religionen zusammen leben wollen, müssen wir doch auch die Feste der anderen kennen!“, sagt Manuela Kempkes, die froh ist, dass „unser Pfarrer sich damit identifizieren kann. Die Kirche muss sich doch ein bisschen bewegen, wenn wir nicht in Zukunft noch mehr Kirchen in Kindergärten umwandeln wollen.“ Zum 1. August wird allerdings auch der St. Marien-Kindergarten noch einmal wachsen, um zwei Gruppen, vor allem für über dreijährige Kinder. Aber dafür wird dann ein Gebäude gegenüber der Kirche umgebaut...

Von der Kirche zum Blumenparadies 

„Blumen sind das Lächeln der Natur“ haben sie in einem helleren und einem dunkleren Grünton an die Stelle geschrieben, wo früher noch ein Kreuz aus Eichenholz hing. Der braune Teppichboden hat mittlerweile weißen Fliesen Platz gemacht – dazwischen weisen graue Kacheln einladend einen Weg in die ehemalige Neuapostolische Kirche in Witten.

Sowieso ist ein Großteil der Verkleidung im Innenraum einem Blütenweiß gewichen. Das passt nicht nur gut, sondern bildet auch farblich einen schönen Untergrund, um all die bunten Frühlingsblumen erstrahlen zu lassen: Fertige Gestecke und frische Schnittblumen sind auf dem Podest aufgereiht, auf dem früher ein Altar stand, im Innenraum des ehemaligen Gotteshauses gibt es anstelle von Bänken nun bunt-bestückte Blumentöpfe und Dekorations-Inspirationen zu betrachten.

Ende März haben Kathrin und Dirk Arntzen ihren Floristikbetrieb im neuen Domizil eröffnet. „Viel Arbeit ist das gewesen“, sagt sie. Arbeit, die das Paar akribisch dokumentiert hat. Vorher-Nachher-Bilder liegen nun in einem Fotoalbum aus und zeigen deutlich: Heller und freundlicher, offener ist es geworden. Auf einem der beiden Kirchenfenster sind die alten Mosaikstein-Aufkleber bereits der Außenaufschrift „Blumiges mit Stil...“ gewichen, auf einem zweiten weichen die Aufkleber auch bald – für den Lieferein- sowie den Notausgang.

Es ist eine Arbeit, die sich gelohnt hat, wie auch ein Blick ins Gästebuch verrät, das die Arntzens nun im Vorraum ihres neuen Geschäftes ausgelegt haben: „Vorher war es ein interessantes Gebäude – jetzt ist es ein Kunstwerk!“ schrieb eine Besucherin.

Viele von denen, die an diesem Vormittag auf der Suche nach Blumen ins Geschäft kommen, bleiben stehen, als sie den Innenraum betreten. Richten zunächst einmal einen andächtigen Blick auf die über neun Meter hohe Wölbung, die die Holzvertäfelung aus alten Zeiten behalten durfte.

Das Büro auf der Empore

Und wieso ausgerechnet eine Kirche? „Es war ein Traum für uns“, erklärt Kathrin Arntzen. Ihr Mann hat vor Jahren seine Meisterprüfung zum Floristen im Xantener Dom abgelegt, hat immer davon geträumt, irgendwann einmal seinen Laden in ein ehemaliges Gotteshaus umziehen zu lassen. Seit Kirchen öfter entwidmet und anschließend verkauft werden (müssen), gibt es die Möglichkeit dazu. Und so hat er jetzt auf der ehemaligen Empore sein Büro eingerichtet, mit einem wunderbaren Blick auf rote Rosen, gelbe Gerbera & Co.

„Schön, dass dieses Gebäude wieder eine neue Verwendung gefunden hat – und dann auch noch eine so schöne“, findet Besucherin Ursula Hoffmann. Sie hat auf dem violetten Sofa Platz genommen und lässt die Atmosphäre der ehemaligen Kirche auf sich wirken.

 
 

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