Mülheimer Paar leitet den Aufbau-Verlag aus DDR-Zeiten

Der pensionierte Mülheimer Lehrer Matthias Koch leitet den Berliner Verlag.
Der pensionierte Mülheimer Lehrer Matthias Koch leitet den Berliner Verlag.
Foto: Kai Kitschenberg
Das Mülheimer Ehepaar Ingrid und Matthias Koch arbeitete bis zur Pensionierung als Lehrer im Ruhrgebiet. Während andere sich zur Ruhe setzten, starteten die beiden erst richtig in ihrem Leben durch. Sie kauften den Berliner Aufbau-Verlag, ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten.

Berlin..  Der Schreibtisch, an dem er sitzt, ist noch der vom alten Kiepenheuer. Von Gustav Kiepenheuer, dem Leipziger Verlagsgründer. Eichern, ausladend steht der nun mitten in Berlin. Am Kreuzberger Moritzplatz, wo der Westen Jahrzehnte direkt auf die Mauer starrte und heute ein kühler Beton-Komplex die neue, die kreative Hauptstadt symbolisiert. Aus seinem Büro im obersten Stockwerk, hinter einem bodentiefen Fenster und eben jenem Schreibtisch hat Matthias Koch einen weiten Blick auf das pulsierende Leben dort unten.

Gerade einmal fünf Jahre sind vergangen, seit Matthias und Ingrid Koch sich pensionieren ließen. Er als Deutschlehrer an einer Mülheimer Gesamtschule, sie an den Kaufmännischen Schulen in Essen. Zu einem Zeitpunkt, an dem andere sich zur Ruhe setzen, starteten sie noch einmal durch. Zwei Mülheimer in Berlin. Schon Ende der 90er Jahre hatten sie begonnen, das Vermögen ihrer beiden Familien in der jungen Hauptstadt anzulegen. In Immobilien, Eigentumswohnungen, die sie vom Ruhrgebiet aus verwalteten.

„Irgendwann ging es einfach nicht mehr, dieses ständige Pendeln zwischen Mülheim und Berlin“, erklärt Koch. Zudem hatte die Familie längst beschlossen, dass es Zeit sei, den Besitz stärker zu streuen, auch in Gewerbe zu investieren. „Aber eben nicht in das fünfte Einkaufs- oder Kinozentrum, sondern in die kreative Branche“, sagt Koch. Doch am Ende ging alles viel schneller als geplant.

Der Aufbau-Verlag, der Literatur-Verlag der DDR, war 2008 insolvent und drohte, an einen Konzern verkauft zu werden. Und die Kochs, als Literatur-Liebhaber, hatten durchaus einen persönlichen Bezug zu dem Unternehmen. Schließlich hatten sie selbst in West-Berlin studiert und bei ihren Besuchen im Osten den leidigen Zwangsumtausch gern in Bücher umgesetzt. In Bücher aus dem Aufbau-Verlag eben. Wo all die Klassiker, wo Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, aber auch Christa Wolf und Sarah Kirsch verlegt wurden.

Eine große Herausforderung

Und so stiegen die Kochs früher als erwartet in den Kulturbetrieb ein. Selbst heute, fünf Jahre danach, sagt Matthias Koch, sei der Verlag noch immer eine große Herausforderung. Er selbst sei sicherlich ein bisschen naiv gewesen, habe geglaubt, er könne sich das Wissen rasch aneignen, ähnlich wie er gelernt habe, Bilanzen von Unternehmen zu lesen. Schließlich habe er sich als Deutschlehrer auch für vieles Kompetenzen aneignen müssen: „Wie soll ich Döblins ,Berlin Alexanderplatz’ durchnehmen, wenn ich nicht weiß, wie Berlin in den 20er Jahren beschaffen war!?“ Dennoch hat es länger gedauert, sich in das Verlagswesen einzuarbeiten, als er dachte.

Man muss sich Matthias Koch als einen zurückhaltenden, fast schüchternen Mann vorstellen. Aufzutrumpfen, ja, zu prahlen, wäre wider seine Natur. Sätze wie: „Verleger muss ich erst noch werden“, mit denen er sich auf der Buchmesse vorgestellt haben soll, passen in dieses Bild. Und Koch lernte. Der Aufbau-Verlag schrieb wieder schwarze Zahlen. Der 2011 geplante Zukauf des Eichborn-Verlags kam zwar nicht zustande, dafür erwarben die Kochs den jungen „Blumenbar“-Verlag, um das etwas angestaubte Image ihres Hauses mit deutschen Debütanten aufzupeppen. Gleichzeitig verschlankte sich der Aufbau-Verlag, gab etwa den Vertrieb ab und verlegte keine Klassiker-Ausgaben mehr, die auch von anderen herausgegeben werden. Zurzeit ist das ein „plusminusnull“-Geschäft.

Das Familien-Unternehmen expandierte

Und das Familien-Unternehmen Koch expandiert weiter. Denn der Verlag ist nur einer von vielen Mietern im Aufbau-Verlag am Moritzplatz. Untergebracht sind dort außerdem der Modellbau-Markt Modular, ein Theater, eine Buchhandlung, eine Galerie, eine Kita und manches mehr. In dem geplanten Anbau wird schon bald eine Design-Akademie einziehen. Man versteht sich als ein Kreativ-Zentrum, das in die Nachbarschaft ausstrahlt. Kochs Tochter Anna etwa, eine Theater-Pädagogin, probt mit Migranten-Kindern. Ihr Lebenspartner Moritz Pankok, Enkel des Mülheimer Bildhauers Otto Pankok, stellt dort zeitgenössische Kunst von Sinti und Roma aus.

Ein Lehrer-Paar, das als Immobilien-Investor und Geschäftsführer eines Verlages in Wirtschaftsmagazinen und Feuilletons reüssiert – da beeilt sich Matthias Koch abzuschwächen, einzuordnen, um selbst die unausgesprochene Idee von einer Art Tycoon sofort im Keim zu ersticken. Sowohl seine eigene Familie als auch die seiner Frau stammten aus Flüchtlingsfamilien, aus Dresden und dem Sudetenland. Sie seien mit nichts im Westen angekommen, hätten bei Null anfangen müssen und danach tatsächlich ein Vermögen aufgebaut. Der Schwiegervater als Ingenieur, der sich später selbstständig machte. Sein eigener Stiefvater, der als Arzt eigene Kliniken führte.

Aber viel lieber als über dieses Vermögen spricht Matthias Koch über Kultur, über Bücher, den Verlag. Darüber, dass er sich in Mülheim für das Kulturprojekt Ringlokschuppen engagierte oder über welch einzigartiges Wissen manche Mitarbeiter des Aufbau-Verlages aus DDR-Zeiten verfügen. Da fallen Namen wie Fallada, Strittmatter oder Viktor Klemperer. Namen, mit denen der Verlag eng verbunden ist.

Schnell fallen große Namen

Und natürlich Kiepenheuer. Gustav Kiepenheuer eben, der Buchhändler, der 1909 in Leipzig seinen Verlag gründete. Bald nach der Wende ging dieser im Aufbau-Verlag auf. Den Schreibtisch des legendären Verlegers entdeckte Matthias Koch im Keller des Leipziger Verlagshauses. Massive Eiche. Ein Prachtstück. Und nun eben der Arbeitsplatz des früheren Mülheimer Lehrer Matthias Koch.

 
 

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