Mit dem Nikolaus zur Schule gehen, ganz ohne Rute

Alles muss sitzen: Frauke Schneider, hier mit Peter Nöcker, leitet das Nikolaus-Seminar.
Alles muss sitzen: Frauke Schneider, hier mit Peter Nöcker, leitet das Nikolaus-Seminar.
Foto: Knut Vahlensieck
Nikolaus spielen ist anspruchsvoller als gedacht. Ein Workshop soll Darsteller in die Lage versetzen, den Bischof aus Myra würdig darzustellen.

Essen.. Irgendwie hat ihn das flaue Gefühl nie losgelassen, wenn die finstere Gestalt den Raum betritt. Tausende Gedanken. Ist er brav gewesen? – Andreas ist nicht der Einzige in der Runde, der als Kind Gänsehaut bekam, wenn sich der Nikolaustag jährte. Der eine Tag im Jahr, an dem nicht nur volle Stiefel, sondern auch Nikolaus und Knecht Ruprecht wieder auf der Matte standen. Anders als böse Fantasiegestalten im Märchen sorgten die verkleideten Männer mit der hölzernen Rute bei manch einem Kind früher für ganz reale Angst.

Jetzt also sitzen Andreas und die anderen beisammen und denken nach, wie sie diesen Tag für die nächste Generation selbst gestalten würden. Besinnlicher, ohne Furcht. Acht Erwachsene wollen Experten werden. Sie besuchen die Nikolaus-Schule in Essen – eine Schule ohne Rute.

Vorbild ist der historische Bischof aus Myra

Einen Tag lang sollen die Teilnehmer lernen, wie man sich in einen guten Nikolausdarsteller verwandelt. Nicht in einen x-beliebigen Weihnachtsmann, sondern in den historischen Bischof von Myra – schließlich ist dies ein katholischer Workshop, entstanden aus einem Projekt vom Bund der Deutschen katholischen Jugend (BDKJ). Vormittags steht in der Nikolausschule Theorie-Unterricht auf dem Plan. Wer kennt die Heiligenlegenden? Kursleiterin Frauke Schneider (29) erzählt noch einmal die Geschichte des Wohltäters Nikolaus, der einer armen Familie Gold in die Schuhe steckte, damit der verzweifelte Vater seine Töchter nicht verkaufen musste. Nur eine von vielen Legenden, aber diejenige, die das deutsche Nikolausbrauchtum maßgeblich prägte.

„Können Sie meinem Sohn sagen, dass er dieses und jenes nicht tun soll?“

In Kindergärten und bei Weihnachtsfeiern in Vereinen sind Nikolausdarsteller oft willkommene Gäste. Einer der Teilnehmer ist seit Jahren als Nikolaus in Schulen unterwegs. Manchmal sagt er, würden ihn Eltern gerne für Erziehungsfragen einspannen: „Können Sie meinem Sohn sagen, dass er dieses und jenes nicht tun soll und sonst vom Nikolaus bestraft wird?“ Solche Fragen kämen häufig. „Schwarze Pädagogik“, sagt Kursleiterin Frauke Schneider kopfschüttelnd. So etwas will sie mit ihrem Kurs vermeiden. Vor allem auch Androhungen von Schlägen mit der Rute.

Knecht Ruprecht, eine Figur, die in vielen europäischen Ländern unter unterschiedlichen Namen bekannt ist, ist nicht historisch überliefert. „Trotzdem brauche ein Nikolausdarsteller schon aus praktischen Gründen oft einen Begleiter, der bei der Vorbereitung der Feier hilft, der Geschenke trägt und assistiert“, weiß die Kursleiterin. Wenn man sich gegen den düsteren Begleiter entscheide, könne ein Engelchen, oder eine Art Sekretär helfen.

Der Knecht Ruprecht ist einfach eine Tradition

Teilnehmer Andreas, der früher so viel Angst vor dem Knecht Ruprecht hatte, schlüpft seit einigen Jahren selbst in dessen Rolle. Er passe auf, dass sich keines der Kinder vor dem Knecht Ruprecht mehr fürchten müsse. „Die Figur ist aber Tradition“, sagt der Familienvater, der in der dörflichen Nachbarschaft die Nikolausfeier mitgestaltet. „Die Kinder würden sich wohl wundern, wenn der Knecht Ruprecht jetzt nicht mehr kommt.“

In diesem Jahr wird Andreas’ Nachbar Michael erstmals an seiner Seite in das Nikolauskostüm schlüpfen. Beim Workshop saugen die beiden wissbegierig alle Tipps auf. Michael kann auch gleich praktisch üben. Workshopleiterin Frauke Schneider hat die „richtigen“ Nikolaus-Verkleidungen mitgebracht. Anders als bei einfachen Karnevalskostümen, ist es gar nicht so einfach, die echten liturgischen Bischofsgewänder anzulegen. Erst kommt ein Schultertuch, darüber das weiße Untergewand „Albe“. Dann legt Andreas die Stola an, das Amtszeichen des Geistlichen. Gehalten wird sie auf Bauchhöhe von einer weißen Kordel. Brustkreuz, Bischofsring und der so genannte Chormantel machen den jungen Mann zum stattlichen Amtsträger. Mit der Mitra, dem typischen Bischofshut, und dem Bischofsstab in der linken Hand, macht Andreas die ersten Probeschritte als Nikolaus. „Man geht nicht, man schreitet“, beschreibt er das neue Gefühl.

Man hat große Verantwortung und immensen Einfluss auf Kinder

Nikolausdarsteller zu sein, sagt Michael, sei eben doch nicht so leicht, wie er sich das zunächst vorgestellt habe. „Man hat auch eine große Verantwortung und einen immensen Einfluss auf Kinder“, meint der Mittdreißiger. Besonders schwierig könnte es für ihn werden, wenn zwei Jungen aus dem Dorf bald auf seinem Nikolaus-Schoß sitzen werden. „Die beiden haben in diesem Jahr erst ihren Vater verloren“. Michael stockt kurz. „Was mache ich, wenn sie den Nikolaus fragen, ob er weiß, wie es dem Papa jetzt geht? Wie geht man mit solchen Fragen um?“ Der Kurs überlegt. Teilnehmerin Steffi ist ausgebildete Trauerbegleiterin: „Am besten erst mit der Mutter sprechen und fragen, ob die beiden glauben, dass der Papa jetzt im Himmel ist. Sonst könnte so eine Antwort die Kinder verwirren. Ansonsten hilft es, wenn man ehrlich ist und den Jungen sagt: Das kann ich euch auch nicht sagen, aber wir alle vermissen euren Papa.“

Die Botschaft der Nächstenliebe soll weitergegeben werden

Einfühlsam sein, ehrlich bleiben, zuhören und: die Botschaft der Nächstenliebe und des Teilens weitergeben. Das ist das Wichtigste, was der Nikolaus leisten könne, sagt Kursleiterin Frauke. Steffi nickt: „Im Grunde müssten wir alle ein bisschen Nikolaus sein – jeden Tag im Jahr.“

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