Manege frei für Deutschlands erstes Zirkusmuseum

Ein wenig haben manche Figuren aus Bernhard Pauls Sammlung im Lauf der Jahre gelitten, doch sie strahlen noch den Charme vergangner Zeiten aus.
Ein wenig haben manche Figuren aus Bernhard Pauls Sammlung im Lauf der Jahre gelitten, doch sie strahlen noch den Charme vergangner Zeiten aus.
Foto: Thomas Brill
Roncalli-Chef Bernhard Paul erfüllt sich einen nostalgischen Traum: In Köln errichtet er in den kommenden zwei Jahren sein persönliches Zirkusmuseum.

Köln.. Er breitet die Arme aus, weit, weit nach oben, und wölbt die Hände. Sie formen eine Kuppel. In Wirklichkeit ist sie riesengroß, mit einem Durchmesser von 25 Metern, ein Schmuckstück aus der Belle Epoche. Wenn er von ihr erzählt, dann sieht man sie vor sich: getragen von gusseisernen Bögen und ganz aus Glas, in dessen durchsichtigen Flanken sich das warme Licht der Gaslampen fängt und sie funkeln lässt wie einen Diamant. Man denkt dabei an die Palmengärten, die im wilhelminischen Kaiserreich so beliebt waren, an distinguierte Herren mit Zylindern und Gehröcken und an elegante Damen mit geschnürten Taillen und üppig dekorierten Hüten, die darunter hinweg flanieren. Noch lagert die Kuppel, in ihre originalen Bestandteile zerlegt und sorgfältig verpackt, in einer Halle – aber, wenn alles gut geht, erstrahlt sie in zwei Jahren als Krönung eines lang gehegten Traums, der dann endlich wahr wird.

Auf rund 5000 Quadratmetern errichtet Roncalli-Chef Bernhard Paul (69) ein Zirkusmuseum – ganz im Zeichen der Nostalgie. Der gebürtige Österreicher besitzt die größte Circus- und Varieté-Sammlung Europas. Den Grundstein dazu legte er bereits als kleiner Junge in den 1950er-Jahren, als er jede Eintrittskarte für den Zirkus wie ein Heiligtum hütete – Unmengen bunter Schnipsel, auf denen Namen wie „Belli“, „Krone“ oder „Williams“ stehen – und die in einer Zigarrenkiste Platz fanden, die bald schon überquoll. Hinzu kamen Plakate, Programmhefte und Postkarten, selbst gemalte Zirkuszelte und detailgetreu ausgesägte Modelle, Zirkusbücher, Zeitungsausschnitte – und jene Handvoll Pailletten, die einst ein weinender Sechsjähriger auf dem verlassenen Rund der Sägespäne in seinem Heimatort Wilhelmsburg fand, nachdem der Zirkus weiter gezogen war – ohne ihn. „Im Hinterkopf hatte ich dieses Museum schon die ganze Zeit“, sagt Paul, „Sammeln, das hat auch etwas mit Bewahren zu tun, ein Stück Geschichte zu dokumentieren, das der Öffentlichkeit zugänglich ist.“ Ganz besonders liebt Paul die speziellen Museen, die mit einem Motto, in denen man nicht nur Dinge anschauen, sondern auch etwas erleben kann: „Museen sollten auch einen Unterhaltungswert haben und nicht nur etwas für ein Fachpublikum sein. Was mir vorschwebt, ist ein Stück Kulturgeschichte lebendig zu machen, das jeden vom Kind über den Intellektuellen bis hin zum ,Normalo’ packt und begeistert.“

Boulevard der zerbrochenen Träume

Das Winterquartier des Circus Roncalli im Kölner Stadtteil Mülheim, das dort seit 1986 beheimatet ist, ist dafür genau der richtige Ort: „Früher gehörte es dem Circus Williams, die Zirkuschefin Carola Williams, eine gebürtige Kölnerin, hat hier gelebt.“ Rund die Hälfte des 10 000 Quadratmeter großen Areals soll bis 2018 zum „Boulevard Of Broken Dreams“ werden. Einen Namen, den sich Paul schon vor langer Zeit ausgedacht hat. Ebenso wie sein Zirkus mit den mehr als 80 historischen Wohnwagen, die teils über 100 Jahre alt sind, soll die „Straße der zerbrochenen Träume“ ein Gesamtkunstwerk werden. Im Mittelpunkt steht eine Halle im Stil der Industrialisierung, über der die herrliche Glaskuppel prunkt. „Umrahmt wird sie von Bauten aus der Zeit der Jahrhundertwende, so ähnlich wie die historische Hamburger Fischauktionshalle.“

Entlang der linken Längsseite ist ein Gang mit Arkaden geplant, bestückt mit alten Kaufläden. Denn Paul, der Sammler und Bewahrer, begnügt sich längst nicht mehr nur mit Devotionalien aus der Welt der Manege. Er besitzt auch acht komplette und funktionstüchtige historische Karussells, über 30 historische Traktoren und 60 Geschäftseinrichtungen aus der für ihn so magischen Zeit um 1900. Der Tante-Emma-Laden, das Rauchwarengeschäft, der Spielwarenladen, das Teekontor, die Drogerie und die „Fleischhauerei“ (Metzgerei) – sie alle sind detailgetreu bis ins Kleinste hinein ausgestattet: „Das ist wie eine Sammlung in der Sammlung.“ Alles original erhalten – sämtliche Vitrinen, Verkaufstheken und Regale, die Kassen, die Reklameschilder und die Verpackungen, Tuben, Schachteln und zum Teil noch gefüllte Bonbonieren. „Es soll kein totes Museum werden“, sagt Paul, „im Fleischhauerladen soll man was essen können, im Spielwarenladen historisches Spielzeug kaufen.“ Und wenn man einen der Läden betritt, dann klingelt an der Tür eine kleine Glocke. Ganz so wie früher.

Vitirnen für die exquisitesten Stücke

Nur zwölf der Läden werden in die Arkaden passen. Auch hier hat Paul die Qual der Wahl. Wie überall. In Vitrinen sollen die exquisitesten Stücke der Zirkussammlung Platz finden – die derzeit sein privates Domizil auf dem Winterquartiergelände schmücken. Darunter Gemälde, Statuen und Fotografien mit Widmungen, üppig bemalte Teller mit goldenen Rändern, kugelige Jugendstillampen, Manegen en miniature, Figuren aus Zinn, filigrane Spieldosen und verschnörkelte Leuchter.

Paul hat den Nachlass des berühmten Clowns Grock gekauft, er besitzt das Saxofon von Weißclown Francesco Caroli, einen Artistenkoffer des legendären Jongleurs Rastelli, auch das Zirkusmuseum der einstigen DDR fand in ihm einen würdigen Nachlassverwalter.

Aus Liebe zu einer versunkenen Welt

Das Gros seiner Sammlung sieht man nicht, weil die Einzelteile zu groß sind, oder, vor Licht, Vergessen und Zerfall geschützt, in Schutzhüllen, Schränken und Schubkästen lagern. All die Programmhefte, Plakate und Artistenverträge, die Kostüme, Perücken und Instrumente, Zeltbahnen, Vorhänge und Banner. Die Hallen, die diese gigantische Sammlung beherbergen und Zeugnis von der lebenslangen Liebe zu einer versunkenen Welt ablegen, ziehen sich wie ein riesiger weißer Lindwurm einmal rund ums Gelände. Die ehemalige Remise soll im fertigen Zirkusmuseum der Präsentation von historischen Fahrzeugen dienen, zu bestimmten Themengebieten wie etwa berühmten Artisten oder den Clowns – Pauls besonderen Lieblingen – soll es wechselnde Sonderschauen geben, die große Halle ist zugleich als Schauplatz von Events und Vorführungen gedacht. „Auch eins der Karussells wird man sicher einmal draußen aufstellen können“, überlegt der Museumsgründer laut.

„Wenn man immer nur wartet, wird nie irgend was entstehen“

Lange Zeit hat er gehofft, dass eine Stadt dazu beiträgt, aus seinem Traum eine Tatsache werden zu lassen: „Aber wenn man immer nur wartet, wird nie irgend was entstehen. Ich hab’ jetzt so lange gewartet und dadurch viel Zeit verloren, ich nehm’s jetzt selbst in die Hand – und wir arbeiten wie die Stiere.“

Nächstes Jahr wird Bernhard Paul 70, das Zirkusmuseum, so sagt er, sei ein Stück weit auch sein Vermächtnis. Hinter verschlossenen Türen, im Dämmerlicht, warten indes die Helden seiner nächsten großen Inszenierung auf ihre Erweckung. Und wenn man ganz fein die Ohren spitzt, dann glaubt man, man könne sie wispern hören. So klingt Vergangenheit, gepaart mit der Erwartung künftiger Abenteuer.

 
 

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