Machen wir halbe Sachen – von der Ökonomie des Teilens

Teilen, wie St. Martin es tat: Die „Sharing Economy“ ist zur globalen Bewegung geworden.
Teilen, wie St. Martin es tat: Die „Sharing Economy“ ist zur globalen Bewegung geworden.
Foto: Jakob Studnar
Das Teilen schenkt uns Glücksgefühle. Doch moderne Formen wie die „Sharing Economy“ sind vom christlichen Ideal oft weit entfernt. Eine Teilzeitreise.

Essen.. Ein Junge geht zum Schlittenfahren in den Park. Auf einer Bank sitzt eine alte, mürrische Frau. Eine Obdachlose in viel zu dünnen Kleidern; sie friert. Der Junge fährt Schlitten, beobachtet die Frau, die Frau beobachtet den Jungen. Schließlich nähert sich der Junge der Frau, nimmt seine Daunenjacke – und teilt sie in zwei Hälften. Der Junge heißt – natürlich – Martin, seine Schöpferin ist Erfolgsautorin Doris Dörrie. In ihrem Kinderbuch erinnert sie uns an eine Geste, die auf den ersten Blick unsinnig und irrational scheint. Und die doch den Kern dessen berührt, was die Welt zusammenhält.

Die Martinsgeschichte erzählt vom Teilen. Hinter der legendären christlichen Geschichte steckt mehr als nur ein Gefühl. Die Evolutionsbiologie lehrt, dass erst Solidarität uns zum Menschen machte. Die Psychologie weiß um die glücksbringende Wirkung des Schenkens. Und in der Wirtschaft ist die „Sharing Economy“ in aller Munde – eine Bewegung, die das Teilen zum hippen Trend erklärt. Sind wir also auf dem Weg zu einer Gebensgemeinschaft?

Vor einigen Jahren berichtete ein Kollege, seine beiden Töchter würden mit der Briefwaage das Gewicht der Frühstücks-Croissants ermitteln: auf dass keine mehr als die andere hätte. Ich habe das für einen guten Witz gehalten. Bis ich selbst Kinder hatte, die morgens um die schönsten Scheiben des Sonntagsstutens stritten. Man muss gar nicht erst die legendären Schlachten am Hotelbuffet heranziehen, um die wahre Natur des Menschen zu erkennen. Es reicht ein Blick in die Augen der nächsten Familienmitglieder.

Ist es nicht widersinnig, dass dieselben Exemplare der Gattung Homo Egozentricus zu scheinbar völlig selbstlosen Gesten imstande sind, sogar Fremden gegenüber? Dass dieselben Kinder, die eben noch erbittert stritten, Flüchtlingskindern Spielzeug schenken? Oder von ihrem Taschengeld die Obdachlosenzeitung kaufen? Vielleicht nicht. Vielleicht lassen sich an den Reifungsprozessen unserer Kindern die Entwicklungsschritte ablesen, die unsere Vorfahren in der Evolution durchliefen.

Der Sinn des Gebens

Weil der Mensch einst in Horden lebte, sagen Evolutionsbiologen, musste er lernen, kooperativ zu sein. In größeren Gemeinschaften war nicht nur das Leben sicherer, sondern auch – kalorienreicher. In Gruppen jagte es sich besser. Nur in der Gruppe konnten es sich unsere Vorfahren leisten, größere Gehirne zu entwickeln, die viele Kalorien verbrauchen. „Erst wurden die Menschen die freundlichsten, dann die intelligentesten Affen“, schreibt Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem Buch „Der Sinn des Gebens“.

Womöglich wurden Gesten der Kooperation schon damals ganz direkt belohnt: mit einem guten Gefühl. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Forscher Ergebnisse einer Studie an Schimpansen in Uganda. Nach gemeinsamen Mahlzeiten stieg der Oxytocin-Spiegel im Urin derjenigen Tiere, die mit ihren Artgenossen geteilt hatten – ob sie nun etwas bekommen oder etwas abgegeben hatten. Oxytocin wird auch das „Kuschelhormon“ genannt, es ist der Kitt unserer sozialen Bindungen.

Für den Menschen haben Neuropsychologen vermessen, dass Geben mindestens ebenso selig macht wie Nehmen und das Belohnungszentrum auf ganz ähnliche Weise stimuliert. Die kanadische Psychologin Elizabeth Dunn hat in einem Experiment Menschen Geld gegeben; die einen durften es behalten, die anderen verschenken. Diejenigen, die das Geld verschenkten, zeigten sich dabei ebenso zufrieden wie diejenigen, die das Geld behalten durften. Die Glücksgefühle dienen dabei einem gesamtgesellschaftlichen Zweck, so der Ökonom Hanno Beck: „Eine Gesellschaft, in der Reichtum und Armut ungleich verteilt sind, dürfte früher oder später an inneren Spannungen zerbrechen. Mildtätigkeit hilft, diese Spannungen zu lindern.“

Teile mit Weile

Seit gut zwei Jahren steht an der Viehofer Straße in Essen eine Give Box: Eine Art mobile Trödelkiste, in der Passanten Dinge ablegen oder mitnehmen können – kostenlos. In den meisten großen Städten gibt es die Boxen bereits. Dass das Essener Exemplar bisher von Vandalismus verschont blieb, ist Dirk Bussler zu verdanken: Der 46-Jährige betreibt auch den „Konsumreform Shop“, in dem er Regalbretter für Trödelhändler vermietet. „Jeden Morgen schiebe ich die Box auf die Straße, abends hole ich sie wieder rein, zwischendurch räumen wir mal auf.“ Denn tatsächlich: Die Trödelbox wird jeden Tag beinahe vollständig geleert, aber auch ebenso gerne wieder befüllt. Trödelladen und Café sind beliebter Anlaufplatz für viele Kunden, „manche kommen einmal die Woche, für die gehören wir hier zur Familie“. Man könnte sagen, Dirk Busslers Leben steht ganz im Zeichen des Gemeinschaftssinns.

Teilen als alternative Konsumform schont Ressourcen

Er ist damit Teilnehmer einer globalen Bewegung. Unter dem Stichwort „Sharing Economy“, der Ökonomie des Teilens, betreiben Städter Gemeinschaftsgärten, leihen sich Räder und Autos aus, tauschen ihre Kleidung oder spenden Lebensmittel. „Die Ära des Eigentums geht zu Ende, das Zeitalter des Zugangs beginnt“, prophezeite der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin bereits vor 15 Jahren. Für jüngere Generationen ist Eigentum nicht mehr zwingend ein Zeichen für Erfolg oder Status. Alternative Konsumformen sollen Ressourcen schonen, die Spirale des Höher-Schneller-Weiter durchbrechen. Das Teilen ist nicht nur auf Facebook schick. Erleben wir also bald eine Gesellschaft, in der wir alle unsere Mäntel zerschneiden, dem Nächsten hilfreich die Hand entgegenstrecken?

Moderne Gebensgemeinschaften

Fast ein Viertel aller Deutschen zählt Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Universität Lüneburg, zur Gattung der „sozialinnovativen Ko-Konsumenten“, die an der Ökonomie des Teilens, ja – teilhaben. Doch obwohl die Studie vom Anbieter Airbnb finanziert wurde, stellt Heinrichs fest: „Ein revolutionärer Umbruch hin zu einer gemeinschaftlichen Konsumkultur ist nicht erkennbar.“

Schließlich sind die Grenzen zwischen sozialen und ökonomischen Motivationen oft fließend. In Hamburg etwa gründeten zwei Studentinnen die „Kleiderei“ als Tauschring für schicke Klamotten. Heute kann frau auch im Internet teilnehmen, für eine monatliche Flatrate gibt es vier Stücke frei Haus, T-Shirts, Blusen, Hosen – nur beträgt die Flatrate satte 34 Euro. Aus dem entspannten Teile-mit-Weile-Gefühl ist ein Geschäftsmodell geworden.

Grundsätzlich gilt: Wer nichts hat, kann auch nichts tauschen, verleihen oder verschenken. Die Idee mag zwar auf bewussten Konsum abzielen, immer aber geht es um Konsum.

Vermarktbarkeit der eigenen Coolness

Dabei können Dinge zu Gütern werden, die wir bisher gar nicht unter wirtschaftlichen Aspekten wahrgenommen haben: Leihe ich meinen Rasenmäher noch dem Nachbarn, wenn ich ihn via Internetportal auch vermieten kann?

Wie in sozialen Netzwerken auch, feilen Teilnehmer der Sharing Economy zudem an der Vermarktbarkeit ihrer eigenen Person, machen die eigene Coolness zum Wirtschaftsfaktor: Schicke, hippe Wohnungen in einer angesagten Gegend vermieten sich nunmal besser, coole Autofahrer finden eher Mitfahrer. So wird bei Airbnb nicht nur die Wohnung von den Gästen bewertet, sondern ausdrücklich auch die Freundlichkeit der Gastgeber.

Aber – sind wir nicht beispiellos hilfsbereit, wenn es darum geht, den vielen Flüchtlingen ein Willkommen zu bereiten? Doch, sind wir. Jedoch muss man nicht einmal auf Gesamteuropa und das peinliche Gezanke und Gezerre um gerechte Aufteilung der Belastungen schauen, um das wahre Ausmaß der Hilfsbereitschaft infrage zu stellen. Denn von einem wirklich selbstlosen Teilen im Sinne St. Martins sind wir weit entfernt. Oder ist St. Martin mal schnell nach Hause geritten, um zu schauen, welche alten Kleidungsstücke er entbehren kann? Hat er den Keller ausgemistet, um ein paar Töpfe zu spenden? Oder einmal in der Woche Sprachkurse gegeben? Nein: Der heilige Martin hat mal locker halbe-halbe gemacht. Und damit die Latte enorm hoch gelegt! Würden wir unsere Wohnung, unser Auto, unsere Speisekammer mit einer Familie aus Syrien teilen – dann könnte man wohl von einer wahren Gebensgemeinschaft sprechen.

Die Teilenden sind nicht unbedingt Heilige

Begnügen wir uns also damit, dass wir keine Heiligen sind. Freuen wir uns über die modernen Formen des Teilens, zu denen wir ebenso fähig sind, über das globale, vernetzte, technisierte Sharing: Gerade eben hat die Smartphone-App „Share the meal“ einen wichtigen Journalistenpreis erhalten, mit jedem Wisch bekommt ein hungerndes Kind in Afrika ein Mittagessen. Für uns bedeutet dieser Wisch, dass wir um 40 Cent ärmer sind. Für das Kind bedeutet er: Einmal am Tag satt werden.

Es mag unsinnig sein, einer frierenden alten Frau eine halbe Kinderjacke zu schenken. Im letzten Bild des Kinderbuchs von Doris Dörrie aber sitzen Martin und die Frau Seite an Seite, umhüllt von den beiden Jackenhälften. Da wird es auch den Lesern warm – ums Herz.

 
 

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