Labrador Luke hat den richtigen Riecher für Unterzuckerung

Werner Weyers beim Training mit Luke.
Werner Weyers beim Training mit Luke.
Ein junger Hund wird zum Diabetiker-Warnhund ausgebildet. Er soll durch Pfötchengeben zeigen, wenn sein Herrchen in einen kritischen Zustand gerät.

Moers.  Luke ist eigentlich einer von der ruhigen Sorte: Der schwarze Labrador liegt tiefenentspannt unter dem Esszimmertisch seiner Familie, gibt Laute von sich, die wie ein wohliges Seufzen klingen. Plötzlich jedoch hebt er die Nase, springt auf und beginnt schnuppernd um sein Herrchen Werner Weyers herumzutänzeln. Irgendwas stinkt ihm da aber gewaltig!

Was dem 13 Monate alten Luke da „stinkt“, kann ein Mensch nicht einmal riechen. Der 52-Jährige hat eine Kompresse in seiner Hosentasche, die mit seinem Körpergeruch getränkt ist, den er annimmt, sobald sein Blutzucker zu niedrig ist.

Werner ist vor mehr als 30 Jahren an Diabetes mellitus erkrankt. Seit bald einem Jahr soll Luke ihm dabei helfen, frühzeitig auf zu tiefe Blutzuckerwerte, also Werte unter 75 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) reagieren zu können. Normal sind Werte zwischen 100 und 140 mg/dl.

Pfote aufs Knie und anstupsen

So wie er es bei dem heutigen Testdurchgang tut, soll er seinem Herrchen dann die Pfote aufs Knie legen oder ihn mit der Schnauze anstupsen. Ihm damit so etwas sagen wie: „Guck doch mal nach, ob bei Dir alles in Ordnung ist!“ Und sein Herrchen soll mit einem Klicker – einem Gerät, das ein Geräusch in Form eines „Klicks“ erzeugt – und anschließendem Leckerli – am liebstem einem Stück Käse, schließlich macht niemand seine Arbeit gerne umsonst – antworten: „Danke, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast!“

Dass Luke niedrige Werte erschnuppert, hat sich bei einem harten Hunde-Casting gezeigt, in dem er sich gegen seine acht Geschwister durchsetzen konnte: Bereits im Alter von vier Wochen hat der Labrador das T-Shirt des unterzuckerten Werner besonders gut riechen können. Denn: Nicht jeder Hund ist für diesen Achtgeber-Job geeignet. Rund 60 Prozent aller Hunde seien es aber und könnten zum Diabetikerwarnhund ausgebildet werden, sagt Janine Theune. Die 33-Jährige ist zertifizierte Hundetrainerin und arbeitet nebenberuflich bei Vista Dogs, einer Assistenzhundeschule, die „Helfer für den Notfall“, Hunde wie Luke eben, ausbildet.

Ausbildung dauert 18 Monate

Die „Hundeflüsterin“ nennt Familie Weyers sie gerne, weil sie als Übersetzerin zwischen Hund und Herrchen fungiert. Theune trifft sich einmal wöchentlich mit der Familie zum Üben. Das Training hat es wahrlich in sich! Einerseits finanziell, kostet die 18-monatige Ausbildung bei Vista Dogs doch zwischen acht- und zwölftausend Euro. Andererseits natürlich auch inhaltlich: Als Diabetes-Spürhund soll Luke bereits in Aktion treten, bevor sein Herrchen überhaupt unterzuckert ist und ihn dann wachrütteln, ihn stupsen, jaulen, winseln oder bellen.

„Hey, überprüf’ doch mal deinen Blutzucker“ ist jedoch nicht alles. Was Luke momentan intensiv probt, ist das Apportieren, sprich das Herbeibringen von Gegenständen: Werners Messgerät, notfalls sogar Traubenzucker oder eine Cola, lernt er zu bringen und zu „sagen“: „Ich hab dir schon alles vorbeigebracht, damit du gar nicht mehr selber suchen musst.“

Manch anderer Assistenzhund lerne sogar, die Familienmitglieder oder notfalls auch den Rettungsdienst zur Hilfe zu rufen – mit Hilfe eines Notfallknopfes, erklärt Theune. Damit das alles irgendwann einmal reibungslos klappt, heißt es: üben, üben, üben. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer und immer wieder.

Unzählige Anfragen und Anträge

Wie Werner den Wunsch entwickelte, einen Freund auf vier Pfoten zum Helfer in der Not auszubilden, „war ein langer Entscheidungsprozess“, sagt er, ausgelöst durch diverse Berichte über Assistenzhunde. Neun Monate lang haben seine Frau Bettina (49) und er darüber nachgedacht, haben sich bei Vista Dogs genauer informiert und unzählige Anfragen und Anträge gestellt: bei der Krankenkasse für die Kostenübernahme der Ausbildung des Hundes (ohne Erfolg), bei seiner Arbeit, als Mitglied im Personalrat beim Kölner Zoll (mit Erfolg) oder auf Anraten seines Schwerbehinderten-Betreuers beim Integrationsamt, das sich für die Rechte von Schwerbehinderten einsetzt. Die Behörde erstattete schließlich zumindest einen Teil der Kosten, wurde der Hund hier als „Arbeitsmittel für schwerbehinderte Arbeitnehmer“ anerkannt.

Mittlerweile ist Luke nicht nur als Assistenzhund, sondern auch als Haustier voll in die Familie integriert. „Wir sind so richtig auf den Hund gekommen“, sagt Bettina, das Strahlen in den Augen lässt keinen Zweifel an ihren Worten zu. Auch Sohn Alexander hat einen „besten Freund“ in dem Rüden gefunden. „Ihr seid hier alle zusammen und ich muss ganz alleine in meinem Zimmer schlafen“, hat sich der Elfjährige echauffiert, als Luke das erste Mal im Zimmer der Eltern übernachtet – und sei kurzerhand für das erste halbe Jahr mit seiner Luftmatratze neben das Hundebett im Schlafzimmer der Eltern gezogen.

 
 

EURE FAVORITEN