Kumpel fürs Leben - die Schicksale der Bergmänner

Zwei Bergleute, die unter Tage eine Menge erlebt haben: Theo Körner (l.) und Theo Skrowonek.
Zwei Bergleute, die unter Tage eine Menge erlebt haben: Theo Körner (l.) und Theo Skrowonek.
Foto: Uwe Weber
Bei einem Grubenbrand werden zwei Kumpel von Brandwettern überrascht. Es dauert zwei Jahre, bis sie geborgen werden können. Theo Körner war als Truppführer der Grubenwehr dabei und ist ein Stück durch die Hölle gegangen. 25 Bergleute, 25 Geschichten von unter Tage: Im Buch „Zechenkinder“ erzählen Bergleute die Geschichte ihres Lebens.

Bottrop.. Man unterscheidet mehrere Arten von Wetter in einer Grube. „Reine Wetter“ wird die frische Arbeitsluft genannt, die unter Tage strömt, wenn alles rund läuft. Dann gibt es „matte Wetter“: das ist Luft, die mit Kohlendioxid geschwängert ist. „Giftige Wetter“ nennt man Luft voller tödlicher Chemiegase, beispielsweise Formaldehyd, oder Stickoxide. Und zum Schluss gibt es „methanhaltige Wetter“: ein Luft-Gas-Gemisch, das entsteht, wenn Grubengas aus der Kohle entweicht und sich langsam in der Grube verteilt. Erreicht das Gas eine Konzentration zwischen fünf und vierzehn Prozent, wird es gefährlich. Dann entzündet sich das Gemisch am ersten Funken, am ersten schleifenden Blech, am ersten gezogenen Stecker – und dann haben wir „schlagendes Wetter“. Die Grube steht in Flammen.

Das Schlimmste ist dabei nicht die Verpuffung des Gases, sondern die darauffolgende Explosion des Kohlenstaubes. Denn dieser Staub, der überall in der Zeche herumliegt, in den Flözen, unter den Bändern, in den Schächten, Strecken und Streben, dieser feine Kohlestaub wird durch die Gasverpuffung aufgewirbelt und durch die Flammen der Schlagwetterexplosion gezündet! In einer Kettenreaktion schießt die explodierende Kohle durch die ganze Grube, wirbelt neuen Staub auf und zündet wieder und wieder, bis alles zerstört ist. Die Kraft des explodierenden Kohlenstaubes ist unbeschreiblich. Sie zerschmettert alles, was der Mensch gebaut hat. Selbst ganze Flöze kann der explodierende Staub entzünden. Steht aber die Kohle erst in Flammen, ist nichts mehr zu retten. Temperaturen von mehr als 2000 Grad, Metall schmilzt, Gummibänder und Verstrebungen lösen sich ohne Rückstände auf. Ein Grubenbrand ist die größte Katastrophe, die man sich auf einer Zeche vorstellen kann.

Auf der Zeche Jacobi, die Jahre später im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel aufgegangen ist, erlebten wir 1965 eine Kohlenstaubexplosion mit anschließendem Grubenbrand. Ich war dabei.

In einem Blindschacht war Methan verpufft, danach tobte eine Kohlenstaubexplosion durch das Grubenfeld. Zum Glück waren dort gerade nicht viele Leute unterwegs. Der Brand drohte auf das ganze Feld überzugreifen. Unsere Zechenleitung musste schnell handeln und entschied, die betroffenen Strecken „abzuwerfen“. Das bedeutet, alle Zugänge wurden zugeschüttet, damit kein Sauerstoff mehr zu den Brandherden strömen kann. Nur so konnte das Feuer eingedämmt werden. Die Glut sollte ersticken. Leider saßen zu der Zeit noch zwei Kumpel in den Strecken. Und die blieben dort. Die Einsatzleitung musste diese schwere Entscheidung treffen, denn eine Rettung war nicht möglich. Der Brand war zu einem Inferno geworden. Die Bergung der Kumpel konnte erst nach dem Erlöschen des Feuers und Auskühlen der Grube angegangen werden.

Wir rechneten mit dem schlimmsten

Zwei Jahre blieben die Kumpel eingemauert – unsere Leute gruben daneben weiter nach Kohle – erst dann konnten wir die Männer endlich holen.

Ich war einer der Führer der Grubenwehr und war bei der Bergung im Einsatz. Mir war klar: Solch eine Aktion kannst du nur mit Freiwilligen durchziehen. Es wird gefährlich. Nach einem Grubenbrand ist nichts unter Tage sicher. Strebe können einstürzen, Brandnester aufbrechen und Gase explodieren. Ich bin mit drei Trupps in die verlorenen Strecken gegangen. Jeweils ein Truppführer und vier Freiwillige. Nur Männer, auf die du dich in jeder Situation verlassen kannst. Wir haben die Mauer durchbrochen und sind vorgestoßen. Die Strecke war tödlich: Giftige Gase. Bullenhitze. Eine Hölle. Ohne Schutzanzüge wären wir innerhalb von Sekunden verreckt. Wir hatten Notleuchten dabei, Atemgeräte, Hacken und Äxte. Ein Trupp musste aufgeben. Die Männer kamen an den Rand ihrer körperlichen Belastbarkeit und sind zurück. Ich bin mit zwei Trupps weitergegangen. Mein Trupp vorne, einer in Reserve weiter hinten. Wir hatten Leichensäcke dabei, aber rechneten mit dem Schlimmsten. Ich dachte, wir finden nur noch die eingebrannten Schatten der Kumpel in der Streckenwand. Aber es kam anders.

Die Kumpel saßen, als würden sie Pause machen

Als wir die Kumpel entdeckten, saßen sie an eine Wand gelehnt, als würden sie Pause machen. Sie sahen aus, als sei nichts geschehen. Sie waren nicht verbrannt, ihre Sachen sahen intakt aus. Sie waren von der Hitze gebraten worden. Ihre Körper wurden nur noch von ihren Klamotten zusammengehalten. Als wir sie in die Leichensäcke legen wollten, zerfielen sie, sogar ihre Knochen zerfielen zu kleinen Haufen. Ihre Körper waren wie zersetztes Papier. Fast wie Mumien. Die Männer waren von den Wettern überrannt worden, die aus dem Brandnestern herüberzogen. Fast zwei Jahre lang waren ihre Leichen Temperaturen von bis zu 400 Grad ausgesetzt. Wir hatten nur einen Trost: Wahrscheinlich war es ein schneller Tod. Ich nehme an, sie haben Kohlenmonoxid eingeatmet, das bei dem Grubenbrand entstanden war, bevor die Hitze kam.

Als ich auf der Zeche anfing, Anfang der 1950er, war es normal, dass Menschen in den Schächten starben. Ich habe erlebt, wie Kollegen direkt neben mir von Felsen erschlagen wurden. Sogar einen guten Freund von mir hat es getroffen. Aber das nahmen wir als Bergmannslos hin. Wir kannten das Risiko. Das hört sich zwar schrecklich an, hatte aber eine gute Seite: Die Gefahr machte uns vorsichtig.

Mich hatten Plakate aus dem Bayrischen Wald ins Ruhrgebiet gelockt mit dem Slogan: „Das Essen schmeckt, die Hose passt“ Auf dem Plakat war auch ein 100-Mark-Schein zu sehen, der aus der Tasche des Kumpels hing. Meine Familie hatte wenig Geld. Ich musste die höhere Schule aufgeben, weil meine beiden jüngeren Geschwister auch zur Schule sollten. Und drei Schulkinder, das konnte sich mein Vater nicht leisten. Ich habe gesagt: „Papa, ich hau ab. Ich melde mich freiwillig in den Bergbau.“ Mein Vater war entsetzt. Er hatte im Krieg als Berufsoffizier gedient und dachte, ich würde auch Soldat werden. Ich aber wollte im Bergbau viel Geld machen, mir ein Motorrad – eine BMW 250 – kaufen und damit so schnell wieder nach Hause fahren.

„Bei uns heißt das ,Glück auf!’“

Die Tauglichkeitsprüfung für den Pütt habe ich grade so überstanden. Ich war nach dem Krieg halb verhungert, mit 16 Jahren schmalbrüstig und das Gegenteil vom Idealbild eines harten Arbeiters. Der Arzt fragte mit einem mitleidigen Blick, ob ich nicht lieber nach Hause wollte. Aber ich habe den Zug aus Bayern in den Kohlenpott genommen, bin morgens um vier Uhr in Essen-Heisingen angekommen, dann weitergefahren zu einem Lehrlingsheim in Oberhausen. Für mich war die Strecke der Vorhof zur Hölle. Die Kokereien fackelten Gas ab, es sah aus, als würde der Himmel brennen. Überall Flammen, Krach, Dreck, Kohlenstaub. Im Bayrischen Wald konnte ich abends die Hunde vom andern Berg bellen hören. Im Ruhrgebiet schrillten die Sirenen der Zechen.

Das Ankommen im Ruhrgebiet war schwierig. Ich bekam Heimweh und schon die erste Begegnung mit meinem Steiger geriet zum Reinfall. Ich sprach nur bayrisch. Ich habe an dessen Büro angeklopft, um mich vorzustellen. Ich sagte: „Grüß Gott.“ Der Steiger hat gebrüllt: „Bei uns heißt das ‚Glück auf’. Du gehst jetzt auf den Flur zurück und übst das. Dann kommst du nochmal rein.“ Ich schwor mir, dass ich höchstens drei Jahre im Ruhrgebiet bleibe, bis ich das Geld für meine BMW zusammen habe.

Harte Arbeit war im Bergbau die einzige Währung

Dann kam es aber alles anders. Ich lernte Hochdeutsch, gewann das Ruhrgebiet ein kleines bisschen lieb und fand eine Frau, die sich zwar auf mein frisch gekauftes Motorrad gesetzt hat, aber auf keinen Fall in den Bayrischen Wald wollte. Ich biss mich auf der Zeche durch. Die niedrigsten Flöze, in denen ich arbeitete, waren etwa 90 Zentimeter hoch. Hätte man dort stehen können, hätte einem die Kohle gerade bis zum Oberschenkel gereicht. Arbeiten konnte ich dort nur im Liegen. Richtige Maloche.

Etliche Nazis versteckten sich im Bergbau

Etliche Nazis haben sich im Bergbau versteckt. Hier hat keiner gefragt: „Was hast du getan?“ Hier zählte nur, ob einer seinen Mann stehen konnte. Das reichte, um als guter Kerl zu gelten. Nach dem Krieg war jedem klar, dass die Ideologie der Nazis falsch war. Wir Jungen haben ja gesehen, dass alles, was wir in der Schule und zu Hause gehört hatten, gelogen war.

Harte Arbeit war die einzige Währung im Bergbau, die zählte. Dabei musste man auch bereit sein, mal „Fünfe gerade sein“ zu lassen. So hatte das Bergamt offiziell vorgeschrieben, wie viele Stempel auf einem Quadratmeter stehen mussten. Doch wenn die Zeit knapp war, weil der Steiger sein Soll erfüllen musste, dann musste man halt auch mal was riskieren und weniger Stempel als vorgeschrieben setzen. Machte man das, wurde man der Gutmann für den Steiger. Bestand man aber auf die gesetzlichen Regeln, handelte man zwar korrekt, fand sich aber bald auf Nachtschicht oder auf einem Scheißjob wieder. So wurde ich zum Gutmann.

Keine Kanarienvögel im Stollen

Als ich später Steiger wurde, trug ich jahrelang die Verantwortung für die Wetterführung auf meinen Zechen. Die Belüftung einer Zeche funktioniert so: Im Prinzip werden zwei Schächte runtergetrieben. In den einen ziehen die frischen Wetter rein – Wetter ist gleich Luft – und auf der anderen Seite werden die verbrauchten Wetter von einem großen Lüfter rausgezogen. Die Druckverhältnisse sorgen dafür, dass ein regelmäßiger Kreislauf entsteht. In der Grube werden die Wetter mit Türen und Schleusen durch die Strecken gelenkt, damit die frische Luft überall ankommt. Durch die Steuerung der Lüfter verhindert man, dass sich gefährliche Gase sammeln. Die Lüfter sind deswegen mit Abstand die stärksten Maschinen auf einer Zeche. Sie können mehr Last bewegen als Kohle an Seilen gefördert wird.

Gefährlich ist neben Methan vor allem Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Kohlenmonoxid setzt sich auf die roten Blutkörper und verdrängt den Sauerstoff. Schon ein tiefer Atemzug kann tödlich sein. Kohlendioxid erzeugt Euphorie. Die Leute wirken berauscht und merken nicht, dass sie in Gefahr schweben. Sie kippen mehr oder weniger glücklich um und ersticken. Früher dachten Bergleute, sie könnten sich mit Vögeln in den Gruben vor den Gasen schützen. Ein Irrglaube. Die Vögel sind nur von ihren Stangen gefallen, wenn sie fürchterlich Kohldampf hatten. Kanarienvögel in Bergwerken? Eine Mär. Damals konnte sich kein Bergmann Kanarienvögel leisten. Die Bergleute haben Finken und alles andere genommen, was sie fangen konnten. Die armen Vögel hockten in den Käfigen unter Tage.

Verlässlichkeit zählt am meisten

Zum Glück sind im Laufe der Zeit verlässlichere Warngeräte entwickelt worden. Ich habe auf eine Benzinlampe geschworen, um Methanwerte in der Grube zu messen. Diese Lampe hat eine kleine Flamme in einem feinen Drahtnetz. Das Gas dringt durch das Netz in die Lampe ein und verändert die Farbe der Flamme. Ein geübtes Auge erkennt, wie viel Methan in der Luft ist. Ich benutzte die Lampe selbst dann noch, als meine ganze Grubenwarte voller elektronischer Messgeräte hing. Einfache Technik ist verlässlich. Und Verlässlichkeit ist das, was auf der Zeche neben harter Arbeit am meisten zählt.

  • 25 Bergleute, 25 Geschichten von unter Tage: Im Buch „Zechenkinder“ (Ankerherz, 230 Seiten, 24,99 Euro) protokolliert David Schraven seine Gespräche mit Männern, die das schwarze Gold gefördert haben. Wir werden einige der Geschichten in den kommenden Monaten hier vorstellen.
  • David Schraven, geboren 1970, arbeitete als Journalist für die taz, die Süddeutsche Zeitung und die Welt. Heute leitet er das Ressort Recherche der Funke Mediengruppe in Essen. Er lebt mit Frau und zwei Söhnen in Sichtweite der Zeche Prosper Haniel in Bottrop.
  • Uwe Weber, geboren 1960, begann seine Fotografenlaufbahn als Mitarbeiter von Musikmagazinen. Seine Fotos erscheinen in internationalen Zeitschriften und Magazinen. Weber gewann den World Press Award für seine Aufnahmen der Loveparade Katastrophe. Er wohnt in Duisburg-Ruhrort. Mehr Fotos auf www.zeitraster.de
 
 

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