Klick und guck – Youtube-Szene verändert das Fernsehen

Der südkoreanische Rapper Psy ist einer der Youtube-Stars:  2,38 Milliarden Klicks.
Der südkoreanische Rapper Psy ist einer der Youtube-Stars: 2,38 Milliarden Klicks.
Foto: picture alliance / dpa
Die Youtube-Szene folgt ihren eigenen Regeln und hat ihre Stars hervorgebracht. Dabei verändert sie die Art und Weise, wie wir heute fernsehen.

Essen. Alle Probleme unseres Alltags lassen sich praktisch mit einem Mausklick lösen: Computer auseinander bauen und auch wieder zusammen? Gibt’s schon. Frischen Wind in die Beziehung bringen? Gibt’s schon. Ganz simpel ein Ei richtig kochen? Nichts scheint so trivial, dass nicht schon jemand bei Youtube einen Film dazu hochgeladen hätte. Doch abseits von Schminktipps, Musikvideos und Kätzchenfilmchen hat sich die Online-Videoszene längst ihre eigenen Stars geschaffen. Die kennen meist nur Menschen unter 40, aber einige von ihnen drängen in andere Medien. Wie Youtuber LeFloid, der neulich Angela Merkel Auge in Auge gegenüber saß – und ihr die Fragen seiner Fans stellte.

Gerade ist Youtube zehn Jahre alt geworden – und hat schon jetzt die Fernseh-Gewohnheiten der Jüngeren verändert. Die Szene bringt ihre eigenen Stars hervor, die heute so prominent sind, dass die jungen Fans ihnen hinterherlaufen, sich manche Fernsehsender für sie interessieren – und die gerade einen eigenen Kinofilm gedreht haben. Werden die Youtube-Filmer unsere Medienlandschaft umkrempeln? Oder sind sie schon längst dabei? Einiges spricht dafür.

Wenn TC über die Straße geht, dann kann es sein, dass sich die Leute nach ihm umdrehen. Falls sie dem 24-Jährigen nachschauen und dann noch seine Kumpel Phil und OG entdecken, ist nicht selten ein Autogrammwunsch fällig. Zusammen sind die drei nämlich Y-Titty. Und wenn Sie jetzt denken „Wer? Was? Wieso?“, dann sind Sie vermutlich jenseits der 40 und interessieren sich höchstwahrscheinlich nicht für lustige Clips aus dem Internet. Andere tun das hingegen schon, das Comedy-Trio gehört zu den absoluten Stars in der Youtube-Szene in Deutschland, ihren Kanal haben 3,1 Millionen Menschen abonniert, einzelne Videos werden mitunter 20 Millionen Mal angeschaut. Zu ihren absoluten Hits zählen Videos wie die Parodie auf Gotyes Klagelied „Somebody That I Used To Know“, sie waren mit ihrem Song „Halt Dein Maul“ auch in den deutschen Top 5.

Längst können Sie von den selbstproduzierten Clips ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und wissen doch, wem sie das alles zu verdanken haben. „Jedem muss bewusst sein, dass man nur wegen der Fans da ist, wo man ist“, sagt TC, der mit richtigem Namen Matthias Roll heißt. Über acht Jahre lang haben er und seine beiden Kollegen wöchentlich ein neues lustiges Video hochgeladen und sich so eine Anhängerschaft aufgebaut, die der von Popstars gleicht. Und das, obwohl oder gerade weil sie sich auch dem unmittelbarem Urteil der Zuschauer aussetzten: „Jeden Freitag, wenn unser neues Video online ging, waren wir nervös, wie es von den Fans angenommen wird.“ Und die haben fleißig kommentiert, was sie gut und nicht so gut fanden. Offensichtlich fanden sie es zumindest so gut, dass Y-Titty jahrelang die meisten Abonnenten unter den deutschen Youtube-Kanälen hatten – und erst im vergangenen Jahr von Videospiel-Kommentator Gronkh abgelöst wurden.

Die drei Comedians hatten sich zu diesem Zeitpunkt allerdings gerade ein wenig zurückgezogen, zumindest produzieren sie nicht mehr im wöchentlichen Rhythmus. Auch, weil sie Ambitionen hatten, ins Kino zu kommen. Gerade ist dort „Kartoffelsalat – Nicht fragen!“ angelaufen, eine klamaukige Mischung aus Teenager- und Zombie-Komödie, bei der TC selbst als Zombie Lutz vor der Kamera stand. „Wir haben irgendwann gesagt, wir wollen den Kinofilm machen. Und dafür braucht man ein bisschen Zeit und kann nicht nebenher jede Woche einen Videofilm drehen.“ Denn die regelmäßige Produktion von Youtube-Clips kann ein Vollzeit-Job werden, wie Y-Titty beweisen. Auch eine einmalige TV-Show hatten sie auf RTL II. Aber die war eher ein Best-Of der netzbewährten Hits des Trios. Darüber hinaus merkt man die Mentalitätsunterschiede zwischen Fernsehen und Online-Video: „Es hat sich nie ein TV-Sender etwas getraut. Ich würde schon sagen, dass wir immer mal wieder ein bisschen frecher sind. Und immer mal wieder probieren, was Neues zu machen. Und da war zumindest damals die Fernsehwelt noch nicht so offen für.“

Jeder ist sein eigener Regisseur

Zudem besteht ja das Erfolgsgeheimnis von Youtube darin, dass jeder sein eigener Regisseur ist. „Wenn jetzt ein TV-Sender gesagt hätte, wir machen eine Show mit Euch, da hätten sie auch gesagt: Dies geht nicht! Das geht nicht! Das ist zu krass! Da müsste man sich ja selber kreativ zurückfahren – und das wollen wir nicht. Denn Y-Titty ist ja irgendwie auch unser Baby. Und man weiß, was fürs Baby gut ist und was nicht...“ Wer sich übrigens über den Namen der Komiker wundert: Er ist ein Umschreibung der Abkürzung Y.T.D., was für You Tube Dummies steht.

Andere Youtuber haben sich für den Sprung ins Fernsehen entschieden. So wird LeFloid, der durch seine Nachrichten-Show zum Netzstar wurde und Angela Merkel interviewte, zwar nicht zum politischen Korrespondenten befördert, aber er moderiert nun die Games-Show „1080NerdScope“. Damit bedient er das Klischee, dass Youtube vor allem Videospiel-Experten und Schminktipp-Geberinnen eine Plattform bietet – und darüber hinaus wenig Gehaltvolleres zu bieten hat.

Angesichts der Mengen von Material lässt sich diese These allerdings wohl kaum halten. So betreibt der Macher der Videodays, Christoph Krachten, seit Jahren den Kanal „clixoom.de – Science & Fiction“, in dem er Nachrichten aus Forschung und Wissenschaft populär aufbereitet. (Interview auf der gegenüberliegenden Seite)

Auch ein anderer erfolgreicher Youtuber ist längst ins Fernsehen eingezogen: Mirko Drotschmann, besser bekannt als MrWissen2go, macht Bildungsfernsehen, das einfach und prägnant ist. Er fasst mal kurz und knackig zusammen, was es alles zur Griechenland-Krise zu wissen gibt, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dastand, wie der aktuelle Stand der Forschung bei Aids ist – und wie man sich am cleversten vor ihren Gefahren schützt.

Bildung statt Schminktipps

„Es ist ein großer Bedarf gerade bei jungen Leuten da, Dinge erklärt zu bekommen. In den meisten Medien wird viel vorausgesetzt, in den Schulen werden viele Dinge nicht angesprochen, mit denen man täglich konfrontiert wird. Ich versuche, das zu erklären, in einfachen Worten mit kurzen Videos.“ Ein Erfolgskonzept? Tatsächlich, wenn auch in kleinerem Maße als die Unterhaltungskanäle bei Youtube. Drotschmann zählt derzeit 212.000 Abonnenten, einzelne Videos knacken aber auch die Grenze zur halben Million. Dabei greift er auch Themen auf, die eigentlich in der Schule behandelt werden sollten, für die aber schlicht die Zeit dort zu knapp ist. „Eine Rolle spielt dabei sicherlich der Lehrplan. Dann ist aber auch noch ein Problem, dass einige Lehrer mit der Lebenswelt ihrer Schüler nicht mehr so viel zu tun haben. Doch bevor die Proteste losgehen: Die Lehrer, die ich kenne, sind bemüht, auf Augenhöhe zu bleiben.“

Drotschmann selbst erklärt Geschichte im MDR, arbeitet als Reporter fürs ZDF Kindernachrichtenformat „logo!“ – und bedauert ein bisschen, dass sein Erfolg eine Ausnahme ist, weil Youtube Wissens-Angebote nicht fördert. „Der Wissens- und Bildungsbereich ist in den letzten zwei Jahren gewachsen, weil es immer mehr Leute gibt, die sagen: Wir brauchen da mehr. Im Gesamtzusammenhang hinkt die Bildung aber immer noch hinterher.“

Eine andere Sparte ist auch nicht gerade dicht besetzt auf der Netzplattform, erfreut sich allerdings ebenfalls ungeheurer Beliebtheit: „Insgesamt gibt es in Deutschland nicht sooo viele Leute, die humoriges Animationsmaterial machen“, sagt Ralph Ruthe, der längst erfolgreicher Cartoonist war, als er seine Leidenschaft für Webvideos entdeckte. Das war schon 2006, als Youtube gerade mal ein Jahr am Start war. Seitdem widmet er einen großen Teil seiner Arbeit den Zeichentrick-Clips, von denen er etwa zwei neue pro Monat ins Netz stellt. Da geht es um seine gezeichneten Serienstars wie „Biber und Baum“, um die „Flossen“ und um die „HNO-WG“. 416 000 Abonnenten hat sein Kanal zurzeit, mancher Clip wurde fast 2 Millionen mal angeschaut – und längst hat der Rücktransport vom Netz in die reale Welt stattgefunden. Denn der Bielefelder Ruthe geht auch live auf Tour. Was für einen Cartoonisten und Trickfilmer wohl eher eine Ausnahme ist. Doch auch er wird von den Fans wie ein Star verehrt, wenn er übers Filme- und Gagmachen spricht, kommen regelmäßig um die 500 Zuschauer, bei den anschließenden Signierstunden darf man ruhig ein bisschen mehr Zeit fürs Schlange stehen einplanen. „Ich mache es in erster Linie, weil ich es liebe, das zu machen. Und es kommt hinzu, dass die Filme auch alles andere pushen. Denn die Trickfilme bringen den Büchern etwas und den Liveshows.“

Ruthe beherrscht das mediale Miteinander der Plattformen, denn auf Facebook, wo er täglich zwei Cartoons hochlädt, folgen ihm weitere 800.000 Fans, die natürlich mitbekommen, wenn auf Youtube wieder ein neues Video steht. Und Twitter kommt auch noch hinzu.

Ohne Bücher geht es nicht

Ruthe gehört zu denjenigen, die theoretisch von den Animationen im Web leben könnten: „Aber es würde auch nicht wahnsinnig viel übrig bleiben. Wenn ich nicht die Bücher hätte, dann wäre das schwierig.“ Denn Trickvideos zu produzieren, ist sehr aufwändig, so dass Ruthe auch noch einen Animator beschäftigt, der die Zwischensequenzen übernimmt. Und er selbst macht Sounddesign und die Sprechrollen.

Man schätzt, dass in Deutschland etwa 100 Youtuber von ihren Einnahmen leben können, ein vergleichsweise winziger Anteil, wenn man bedenkt, wie viele Menschen beim Fernsehen angestellt sind oder in anderen Medien. Dennoch werden die Online-Videos weiter wachsen. Wie weit das geht?

Darauf hat vielleicht MrWissen2go Mirko Drotschmann eine Antwort: „Manche sagen ja, das Fernsehen ist in fünf oder zehn Jahren ausgestorben. Ich glaube, das Fernsehen wird auch in zehn Jahren noch Relevanz haben, nur die Inhalte werden sich ändern. Dabei werden viel mehr der Live- und Event-Charakter eine Rolle spielen. Diese Ereignisse, wo man sich auch am nächsten Tag noch drüber unterhält und sagt: Hast Du das gesehen? Darauf wird sich Fernsehen noch viel mehr ausrichten müssen. Ansonsten werden Video-On-Demand und Online-Video immer mehr den Markt beherrschen. Es ist ja heute schon so, dass meine Mutter oder meine Oma sich Sachen auf dem iPad angucken.“

Videodays-Macher Christoph Krachten über die Szene 

Er gehört zu den einflussreichsten Machern der Youtube-Szene in Deutschland: Medienmanager Christoph Krachten war bis Anfang des Jahres das bekannteste Gesicht des Video-Netzwerks Mediakraft und ist Initiator der Videodays, die nun zum sechsten Mal stattfinden und an diesem Wochenende die Kölner Lanxess-Arena füllen. Wir sprachen mit ihm über die Nähe der Youtuber zu ihren Fans, über das Erwachsenwerden der Netzvideos und über eine Branche, in der es wächst und rumpelt.

Herr Krachten, die Youtube-Szene lebt von den Fans – und mit den Videodays haben sie eine Plattform geschaffen, die die Begegnung der Stars und ihrer Zuschauer ermöglicht. Wie kam es eigentlich dazu?

Christoph Krachten: 2010 hat ein anderer Youtuber, MrTrashpack, den Vorschlag gemacht: Lass uns ein Fantreffen in Köln machen. Da ich in den 80er-Jahren schon mal die Videotage während der Funkausstellung in Berlin und der Photokina in Köln gemacht habe, hatte ich da eine gewisse Erfahrung, wie so etwas aufzuziehen ist. Wir kannten alle in Deutschland auch die VidCon in den USA, die uns ein bisschen ein Vorbild war. Aber mit den Videodays, die es inzwischen in Berlin und Köln gibt, sind wir inzwischen schon größer als die Kollegen auf der anderen Seite des Teiches. Weltweit gibt es keine derart beeindruckende und erfolgreiche Show. Das zeigt halt, wie super dieses Konzept hier in Deutschland funktioniert.

An zwei Tagen kommen 15.000 Fans – gibt es noch Potenzial nach oben?

Krachten: Es ist als Event in Köln kaum größer zu bekommen, weil die Kapazität der Arena nicht größer ist. Ein wichtiger Aspekt der Videodays ist der Community-Day, das Fan-Treffen. Wenn das mehr werden, ist das einfach nicht mehr zu wuppen. Und vor allem ist das für die Fans auch sehr unbefriedigend, weil sie dann kaum mehr die Möglichkeit hätten, Autogramme zu bekommen. Aber wir wachsen ja auch geografisch, wir überlegen, das auch in München und Hamburg zu machen, in Zürich könnte es auch interessant sein.

Können Sie denen, die zu Hause bleiben, Ihre Video-Favoriten nennen?

Krachten: Ich möchte nicht beurteilen, wer die größten Stars sind. Das ist für jeden Fan anders, jeder hat da seine Favoriten. Aber wir haben einen Fokus auf Newcomer gelegt. Es gibt da ein paar lustige Einspieler von den Tubeheads, das ist ein Puppenkanal aus Köln. Oder wir haben einen DJ, der Google Translator Remixes macht. Der wird live während der Show einen Remix der Show machen. Neue Dinge vorzustellen wird immer wichtiger, damit sich die ganze Szene weiterentwickelt.

In Ihrer Branche rumpelt es, Sie selbst haben Anfang des Jahres das Netzwerk Mediakraft verlassen, Youtuber wie LeFloid suchen sich neue Netzwerke oder gründen sie...

Krachten: Es ist eine Branche, die sich im Moment konsolidiert, ein wenig wie die Musikbranche, in der ja auch große Künstler die Plattenfirmen wechseln. Die Bewegungen sind im Moment so heftig, weil diese Branche sich vor kurzem erst gebildet hat. Deswegen muss jeder seine Rolle finden, die Netzwerke genau wie die Youtuber. Aber ohne die Netzwerke hätte sich diese Branche in den letzten drei Jahren nicht so stark entwickelt.

Sie selbst sind ja mit 51 Jahren ein Stück älter als ihr Zielpublikum. Woher wissen Sie, was die jungen Zuschauer interessiert?

Krachten: Durch die Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Das sind meist sehr junge Macher. Aber einen Überblick über alle Themen und Formate, den kann heute niemand mehr alleine haben. Es ist so unglaublich viel, was es an Inhalten gibt, ich persönlich sehr natürlich auch nicht immer alles. Bei den Videodays sind wir ein sehr großes Team von sehr jungen Leuten, die da viel eher den Überblick haben und viel eher junge Kanäle kennenlernen. Und erst zusammen haben wir ein gutes Gesamtbild.

Wird Online-Video eines Tages das Fernsehen ablösen?

Krachten: Ich sage immer: Wir sind erst am Anfang. Fernsehen kann man nur an einem Ort und zu einer bestimmten Zeit. Online-Video und Video-On-Demand kann ich jederzeit und überall. Ich wage sogar zu behaupten, dass in Zukunft Online-Video größer wird als Fernsehen, also mehr Reichweite, mehr Publikum, mehr Sehdauer. Ich bin sehr gespannt, aber davon bin ich überzeugt

 
 

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