Jung, obdachlos und der Traum vom bürgerlichen Leben

David Huth
32.000 Kinder und Jugendliche sind obdachlos in Deutschland. In Notschlafstellen wie hier in Dortmund finden sie Hilfe.
32.000 Kinder und Jugendliche sind obdachlos in Deutschland. In Notschlafstellen wie hier in Dortmund finden sie Hilfe.
Foto: Jakob Studnar
Jeder neunte Obdachlose ist ein Jugendlicher. Sie streifen durch die Straßen und träumen vom bürgerlichen Leben. Doch das liegt für sie oft in unerreichbarer Ferne. Ein Treffen im Dortmunder Sleep-In.

Dortmund. Aus der Küche strömt der Geruch von Pizza. Am Esstisch sitzen acht Jugendliche. Sie quatschen, lachen und albern herum. „Schaut mal, wer mir gerade eine Freundschaftsanfrage geschickt hat“, ruft Özlem*. Die 19-Jährige zeigt das Handy der Runde. Dicke Kratzer und Macken ziehen sich über das Display. „Der sieht ja aus wie eine Mischung aus Harry Potter und Ron Weasley“, feixt Sebastian. Brüllendes Gelächter. Die Jugendlichen, die um den hölzernen Esstisch sitzen, sind ausgelassen und fröhlich. Ein Bild, das täuscht. Alle, die hier am Tisch Platz genommen haben, sind Straßenkinder.

Im Sleep-In Stellwerk in Dortmund verbringen die Jugendlichen eine Nacht, bevor es zurück auf die Straße geht. Der Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) betreibt die Notschlafstelle für Jugendliche seit dem Jahr 2000. Die meisten Straßenkinder im Sleep-In sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. „Viele haben ihre Familie oder eine Jugendhilfeeinrichtung dauerhaft verlassen“, erklärt Simon Andre. Er ist Betreuer im Sleep-In.

„Die Pizza ist fertig“, ruft seine Kollegin Janina Willaschek aus der Küche. Die Freude der Jugendlichen hält sich in Grenzen. Sie hätten lieber etwas mit Kartoffeln und Gemüse gehabt. Hunger auf Fast Food haben sie nicht. Auf der Straße essen sie Döner, Pizza und Burger zur Genüge – sofern sie Geld haben.

32.000 Jugendliche leben auf der Straße

Von den 16.500 Menschen, die in Nordrhein-Westfalen als „wohnungslos“ in der Statistik geführt werden, ist mittlerweile jeder Neunte unter 18 Jahre alt. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Sozialministeriums NRW für das Jahr 2012 hervor. Bundesweit leben rund 284.000 Menschen ohne eine feste Unterkunft. Und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass deutschlandweit 32.000 Kinder und Jugendliche ohne Obdach sind.

Einer von ihnen ist der 20-jährige Sebastian. Heute hat er ein Bett in der Notschlafstelle ergattert. Ob er es behalten kann, weiß er nicht. Eine Regel im Sleep-In: Die Volljährigen räumen ihren Platz, wenn noch ein Minderjähriger auftaucht. Es gibt je sechs Betten für Jungen und Mädchen.

Als Obdachloser bezeichnet sich keiner

Schon öfters hatte Sebastian Pech. Er musste gehen. „Dann penne ich entweder bei einem Kollegen oder eben auf der Straße“, sagt er. Aber von Schlafen kann auf der Straße keine Rede sein. So distanziert er sich von jenen Menschen, die bereits Jahre auf der Straße verbracht haben, die Obdachlosen-Zeitung verkaufen oder um Almosen betteln. Sebastian, ein schlaksiger junger Mann mit blonden stoppeligen Haaren, hat sich noch nicht aufgegeben. Die klischeebehaftete Nacht auf der Parkbank ist keine Option für ihn. So sehen es auch seine Freunde. „Keiner von ihnen würde sich als Obdachloser bezeichnen“, so Simon Andre. Stattdessen träumen sie von einem bürgerlichen Leben.

Eigene Wohnung. Ein Schulabschluss. Eine Ausbildung. Ein fester Job. Und später eine Familie. Das ist die Zukunft, wie sie sich Sebastian ausmalt. Es klingt so wie aus einem bekannten Werbespot: Mein Haus, mein Boot...

Auf der Straße ist er vor ein paar Monaten gelandet – als ihn seine Mutter vor die Tür setzte. Seine Geschichte ist typisch. Nach der zehnten Klasse verließ er die Förderschule in Essen. Er schleppte sich von Maßnahme zu Maßnahme, die ihm die Arbeitsagentur vermittelte. Dann kam die erste Sperre vom Amt. Drei Monate kein Geld. Zuhause gab es deswegen Krach mit dem Bruder und der Mutter. Die Familie lebt von Hartz IV. Das Geld ist ohnehin knapp. Jetzt war es noch knapper. Mit dem Bruder stritt er, weil er seinen Tabak rauchte. Mit der Mutter, weil er Essen aus dem Kühlschrank nahm. „Ich frage nicht für Essen oder Trinken, oder ob ich mir mal eine Kippe drehen darf“, sagte Sebastian trotzig. Dann ging er.

Immer dieselben Gedanken treiben durch die Straßen 

Zunächst schlüpfte er bei seiner Freundin in Dortmund unter. Als die Beziehung vorbei war, schlief er bei Freunden, und nach und nach verbrachte er die Nächte immer häufiger auf der Straße.

Als er beim letzten Mal das Sleep-In verlassen musste, suchte er bis spät in der Nacht die Männerschlafstelle an der Dortmunder Unionsstraße. Um 4.30 Uhr gab er frustriert auf. Danach stromerte er rastlos durch das nächtliche Dortmund. Bei Mc Donald’s kaufte er sich einen Kaffee. „Bloß nicht schlafen, irgendwie durchhalten.“ Es sind immer dieselben Gedanken, die ihm in solchen Nächten durch den Kopf gehen. Sie treiben ihn durch die Straßen.

Marihuana, Speed, Ecstasy und Alkohol

Dieses ruhelose Umherstreifen, das Sebastian „Zeittotschlagen“ nennt, begleitet ihn auch durch den Tag. Mit seinen Freunden hängt er am Hauptbahnhof ab. Der Treffpunkt für die Straßenkinder-Szene. Marihuana, Speed, Ecstasy und Alkohol gehören hier zum Zeitvertreib. „Das bekommen die Kids von den Erwachsenen zugeschoben“, sagt Sebastian. Das Geld besorgen sich die Jugendlichen, indem sie stehlen: Handys von anderen Jugendlichen, Handtaschen von älteren Damen oder Klamotten aus den Läden in der Innenstadt. Sebastian und seine Freunde sind die menschlichen Schicksale hinter den nüchternen Zahlen in der Kriminalitätsstatistik.

Sebastian selbst sieht sich nicht als Kriminellen. Vielmehr versucht er, sich selbst das Image des edlen Vagabunden zu geben. „Wer mit mir rumhängen will, der darf keine Scheiße bauen“, tönt er. Bevor er stiehlt, so sagt er, isst er lieber gar nichts. Sein Freund Jens (18) redet Klartext: „Man überlegt ständig, wo man Geld her bekommt und wenn ich ehrlich bin, das schnelle Geld kommt mit Handys.“ Was er damit genau meint, lässt er offen.

Das Sleep-In ist ein starker Kontrast zur Straße. Die Jungs spielen mittlerweile Kicker. „Du musst den Ball andrehen, damit er ins Tor fliegt“, ruft einer. Aus dem Fernseher im Gemeinschaftsraum dröhnt das Geballer eines Action-Films. Die Mädchen sitzen noch am Esstisch und schwatzen. Das Thema: Make-Up. „Wir versuchen, hier eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kids wohlfühlen“, so Simon Andre. Dann fragt ein Junge, ob er die Seite mit den Wohnungs-Anzeigen aus der Tageszeitung haben kann. „Suchst du eine Wohnung?“, fragt Andre. „Ja“, sagt der 17-Jährige, „aber die Kaltmiete darf nicht zu hoch sein.“ Die Straße lassen die Straßenkinder an der Türschwelle des Sleep-In zurück. Ihre Probleme bleiben.

*Namen der Jugendlichen geändert