Journalistin erzählt von ihrem Leben ohne Führerschein

Susanne Schramm
Ob Sonne oder Regen: Wer keinen Führerschein hat, muss – oder auch darf – ohne mobiles Dach raus in die Natur.
Ob Sonne oder Regen: Wer keinen Führerschein hat, muss – oder auch darf – ohne mobiles Dach raus in die Natur.
Foto: dpa
Wir leben im Zeitalter der Mobilität. Doch um von A nach B zu kommen, braucht man keinen Führerschein. Menschen ohne Auto müssen aber kreativer sein.

Essen. „Nee!“, sagt Bastian, „glaub’ ich nicht!“ Bastian ist eine Konzertbekanntschaft. Heißt: Wir sehen uns immer nur bei Konzerten. Ich weiß, dass Bastian Sozialpädagoge ist, verheiratet und drei Kinder hat. Bastian weiß, dass ich Journalistin bin, verheiratet und keine Kinder habe. Viel mehr wissen wir nicht voneinander. „Du meinst, du hast wirklich keinen?“ Bastian schaut ungläubig. Ich schüttle den Kopf. Hinter Bastians Stirn arbeitet es. Dann kommt ihm die Erkenntnis: „Ah, im Moment hast du keinen! Wie lange denn noch?“ „Nicht im Moment, Bastian. Ich hatte noch nie einen.“ Bastians Reaktion ist mir nicht neu. Er reagiert wie alle. Die hören, dass ich keinen Führerschein habe.

Wir leben im Zeitalter der Mobilität. Doch um von A nach B zu kommen, braucht man keinen Führerschein. Allerdings: Menschen ohne Auto müssen kreativer sein als motorisierte Menschen. Wenn sie das sind, sparen sie nicht nur Nerven und Steuern, sondern sehen auch mehr von dem, was sie umgibt. Sie schonen die Umwelt, lernen neue Menschen kennen und leben gesünder. Weil sie keinen Parkplatz suchen müssen, so gut wie nie eine Panne haben und nur selten im Stau stehen, sind sie oft pünktlicher. Sie haben gelernt, einen zeitlichen Puffer einzuplanen. Sie dürfen ohne Freisprechanlage telefonieren, haben mehr Zeit für gute Bücher oder können sich in Bussen und Bahnen auf Termine vorbereiten. Wenn sie denn fahren...

Menschen ohne „Lappen“ sind Exoten. Das belegt die Statistik. Laut Kraftfahrtbundesamt erreichte der deutsche Fahrzeugbestand am 2. Januar 2015 mit 62,4 Millionen einen neuen Höchststand (82,7 Prozent davon Pkw). Auf 1000 Einwohner kommen 665 Kraftfahrzeuge. Man kann davon ausgehen, dass es die meisten von ihnen nicht dem unbelehrbaren Nationalspieler Marco Reus gleichtun. Diejenigen, die keinen Führerschein besitzen wollen, haben dafür verschiedene Gründe. Ökologische, finanzielle oder solche wie ich. Zum Autofahren bin ich in etwa so geeignet, wie eine Katze zum Schlittschuhlaufen. Es ist nicht mein Ding. Was heute auf Autobahnen passiert, kommt mir wie kriegerische Handlungen vor. Ich bleibe lieber Pazifist.

Klare Ansage im Vorfeld: Der Entwurf von einem Leben „mit ohne Auto“ lässt sich nur da in die Tat umsetzen, wo flächendeckend für Ersatz gesorgt ist. In Großstädten mit gutem ÖPNV-Angebot. Heißt: Auch wenn die DB streikt, muss man immer noch ersatzweise mit Bussen, Straßenbahnen, U-Bahnen oder privaten Bahnen vom Fleck kommen. Die Taktung sollte gut und möglichst durchgängig sein, das Haltestellennetz engmaschig und mit vielen Möglichkeiten für Quereinsteiger (vom Bus zur Bahn oder umgekehrt). Apps ermöglichen inzwischen zeitnahe Möglichkeiten zur Umplanung und bieten aktuelle Informationen. Bei all dem ist in der Tat Kreativität gefordert – man muss rasch Alternativen ins Auge fassen oder neue Wege finden. Autofahrer dagegen denken eindimensional: Einsteigen, losfahren, da sein. Sobald die Karre versagt, sind sie aufgeschmissen.

Auch wenn das mit der guten Taktung im Ruhrgebiet nicht immer klappt – VRR-Partner wie die „Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG“ (Bogestra), die „Essener Verkehrs AG“ (Evag) oder die „Stadtwerke Oberhausen GmbH“ (Stoag) haben die Zeichen der Zeit erkannt: Sie geben ihren Kunden ein Pünktlichkeitsversprechen, bieten eine Mobilitätsgarantie oder halten nach 20 Uhr auch zwischen den Haltestellen. Das zahlt sich inzwischen aus. Die Anzahl der gemachten Fahrten im öffentlichen Personennahverkehr stieg, so gab der „Verband Deutscher Verkehrsunternehmen“ (VDV) bekannt, im vergangenen Jahr um 0,8 Prozent. Das macht 9,8 Milliarden Fahrten mehr pro Jahr. Ein Trend, der bereits seit 2003 ungebrochen anhält.

Wenn sonntags kein Bus mehr fährt

Natürlich gibt es Momente, in denen man allein auf verlorenem Posten steht. Beziehungsweise an einer Bushaltestelle wie „Am Strang“ in Essen-Kettwig, wo nach 18.40 Uhr gar nichts mehr geht oder an Sonntagen nur zwischen 15 und 19 Uhr. Nicht umsonst beziffert das Bundesamt für Statistik den Stellenwert des ÖPNV in Städten als dreimal so hoch wie in ländlichen Gegenden. Wenn es einen dorthin verschlägt, sind Vorausschau und gute Vernetzung gefragt. Nicht elektronisch, sondern persönlich. Nicht-Autofahrer brauchen hilfsbereite Freunde mit Autos. Was allerdings die Ausnahme ist. Bei schönem Wetter schreckt mich auch ein längerer Fußmarsch nicht. Das macht sich durchaus positiv auf der Waage bemerkbar. Sogar schon dann, wenn man noch mit Bus oder Bahn unterwegs ist. So ergab eine Studie des „British Medical Journal“, dass Männer, die nicht mit dem Auto, sondern dem ÖPNV zur Arbeit fahren, im Schnitt drei Kilo weniger wiegen als ihre motorisierten Geschlechtsgenossen. Ich als Frau habe da schlechtere Karten. Durch Treppensteigen, Anschlüssen hinterher hechten oder Wege von einer Haltestelle zur nächsten spare ich nur 2,5 Kilo.

Dafür kann ich mich darüber freuen, dass Automobilisten durchschnittlich 38 Stunden Stillstand im Jahr verbuchen müssen – so lange stehen sie im Stau, wie eine aktuelle Studie der „Stiftung für Zukunftsfragen“ errechnet hat. Zeit, die ich für bessere Dinge nutzen kann. Oder dass ich, umwelttechnisch gesehen, eine Lichtgestalt bin. Wie der VDV herausgefunden hat, kosten Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr viel weniger Energie. Pro zurückgelegtem Kilometer verbrauche ich nur 0,31 Kilowattstunden – 44 Prozent weniger als mit dem Auto. Von solchen Einsparungen kann der Bundeshaushalt nur träumen. In Erhalt und Ausbau der Deutschen Verkehrsinfrastruktur investierte er 2010 rund 10 Milliarden Euro – teurer kommt den Bund kein anderer Investitionsbereich zu stehen. Überhaupt ist der fahrbare Untersatz eine teure Angelegenheit.

Wer heutzutage in einer Fahrschule in Duisburg, Mülheim oder Essen den Führerschein Klasse B machen will, zahlt dafür im günstigsten Fall – bei stichprobenartigem Preisvergleich im Internet – zwischen 1525 und 1778 Euro. Ohne das, was an zusätzlichen Kosten (Sehtest, Gebühr für Erste-Hilfe-Kurs, Passbild, amtliche Prüfungsgebühren) anfällt. Das Auto selbst muss auch angeschafft werden, die monatlichen Kosten verzeichnete das Statistische Bundesamt bereits für das Jahr 2010 mit durchschnittlich 346 Euro pro Monat. Das bringt selbst Führerschein-Inhaber zum Schlucken. Und zum Umdenken. 2013 stieg die Anzahl der Carsharing-Nutzer um 67 Prozent. Was allerdings, je nach Anbieter, auch nicht das Problem der Parkplatzsuche in Metropolen löst. Und den Kohlendioxid-Ausstoß auch nicht maßgeblich dämpft – nur die wenigsten der „Teil-Autos“ werden elektrisch betrieben.

Auch Menschen mit Führerschein denken um

Last but not least: das Thema Sicherheit. Statistisch gesehen ist das Risiko, im Pkw tödlich zu verunglücken, zwanzigmal höher als im ÖPNV. Was man aber dennoch nicht verschweigen sollte: Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist seit 1970 um 81 Prozent gesunken, auch wenn in dieser Zahl selbstverständlich Fußgänger und Radfahrer eingeschlossen sind. Maßnahmen wie die Gurtanlegepflicht, Tempolimits oder verbesserte Sicherheitsmaßnahmen haben Früchte getragen. Auch hier geht ein Umdenken vonstatten. Bei denen mit Führerschein.

„Soll ich dich mitnehmen?“, fragt mich Bastian nach dem Konzert. Von dem Schock, den ich ihm durch meine Eröffnung führerscheinlos zu sein, versetzt habe, hat er sich noch nicht erholt. „Nee, lass’ mal“, antworte ich ihm, „ich komme auch so nach Hause“. Wir verabschieden uns mit einer kurzen Umarmung: „Bis nächstes Mal!“. Bastian entschwindet in Richtung Parkhaus, ich gehe zur U-Bahn. Die kommt pünktlich, acht Minuten später steige ich an meiner Haltestelle aus. Während der drei Minuten, die ich von da aus zu Fuß bis nach Hause brauche, habe ich Zeit, an Bastian zu denken. Der jetzt noch in der Parkhausschlange ist. Dabei war es doch so ein schönes Konzert. Viel zu schön, um sich hinterher zu ärgern. Es geht auch ohne.