Jörg Juretzkas Hetzjagd durchs Revier

Einer, der sein Revier kennt: Jörg Juretzka. Foto: Kai Kitschenberg
Einer, der sein Revier kennt: Jörg Juretzka. Foto: Kai Kitschenberg
Foto: WAZ FotoPool
Krimiautor Jörg Juretzka schickt seinen ebenso erfolgreichen wie abgerissenen Ermittler Christoph Kryszinski in seinen zehnten Fall. Titel: „Freakshow“. Und eigentlich muss der arme Ermittler gleich drei Verbrechen auf einmal aufklären.

Mülheim.. Er ist wahlweise pleite oder arbeitslos, übernächtigt oder unausgeschlafen, jedenfalls: fertig. Total. Einer wie Kristof Kryszinski ist ein Wunder für sich. Nun hat er schon sein zehntes Buch über- und durchgestanden, und wir sagen: Ja, Glückwunsch!

Kryszinski, der schräge Ermittler in den Krimis des Mülheimer Autors Jörg Juretzka, sehnt sich nach „einem Bier, einer Zigarette, einem Tag Schlaf“, da hat er erst einen der vielen ungelösten Fälle des Romans auf dem Tisch. Ach nein: Der Tisch ist weg, Wohnungsräumung wegen Mietrückstand – aber fangen wir am Anfang an. Kryszinski entdeckt im Mülheimer Uhlenhorst einen gefesselten Mann, der über und über mit Waldameisen bedeckt ist. Dieser, Alfred, ist ein Bekannter aus früheren Abenteuern und lebt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Duisburg-Mündelheim, „Village“ genannt.

Plot mit Kurvenlage

Dort bekommt Kryszinski den ersten Job: Als Wachmann soll er dort die Baustelle für die „modernste forensische Klinik Deutschlands“ schützen, die von den strenggläubigen „Siedlern“ nebenan sabotiert wird. Und wer bringt Alfred immer wieder mit potenziell tödlichen Ameisenplagen, Rattenzähnen oder Krähenschnäbeln zusammen?

Das würde schon reichen für einen flotten Krimi-Plot. Doch finanzielle Not treibt Kryszinski, zwei weitere Aufträge anzunehmen – er muss nicht nur seine Miete bezahlen, sondern vor allem seinen notoperierten Hund Struppi aus der Tierklinik freikaufen. Also führt ihn die Suche nach einem gestohlenen Bugatti in Düsseldorfs „hochmodernes Hafenviertel mit seinen angesoffenen, umeinandertorkelnden Fassaden“. Die Jagd auf den Kinderschänder Benjamin Peelaert, der ihm in „Rotzig & Rotzig“ noch entwischte, bringt ihn abwechslungshalber in eine „kahle, graue, heruntergekommene Straße“ in Duisburg-Marxloh.

Vertrautes wird zu Neuland

Es gehört ja zum Charme der Juretzka-Romane, dass die vertrauten Schauplätze durch die Kryszinski-Brille zu Neuland werden, zum Skurrilitäten-Kabinett, in dem auch die groteskeste Wendung noch möglich scheint. Auch diesmal folgen wir Juretzka atemlos, staunend. Das muss man erst einmal können: Seinem Ermittler Forensik-Sabotage und radikale Sekten, einen Kinderschänder-Ring und jugendliche Porno-Produzenten aufzuhalsen – und in all den schwindelerregenden Plot-Loopings nicht aus der Kurve zu fliegen.

Kleine Oasen der Ruhe sind das altvertraute Personal: Wie immer findet es Hauptkommissar Menden wenig lustig, wenn Kryszinski „ein bisschen Leben in die Ödnis des Mülheimer Polizeialltags“ bringt. Und Kumpel Pierfrancesco Scuzzi zeckt sich wieder pfeilschnell ein – er betreibt, nachdem er die eigene Bude abgefackelt hat, in Kryszinskis Dienstwohnung im „Village“ einen schwunghaften Handel mit Medikamenten.

Zum guten Schluss, als Kryszinski im eigenen Spiegelbild nur einen „hageren Serienkiller mit manischen, schwarz umrandeten Augen“ erkennt – da wünscht man ihm durchaus eine Portion Schlaftabletten.

  • Jörg Juretzka: Freakshow. Rotbuch Verl., 192 S., 16,95 €
 
 

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