Jeden Tag lügen wir 200 Mal – das hat auch sein Gutes

Lügen – moralisch verwerflich oder notwendig?
Lügen – moralisch verwerflich oder notwendig?
Die Rente ist sicher und die Erde eine Scheibe. Wir wollen nicht belogen werden, nehmen es aber selbst mit der Wahrheit nicht so genau. Denn die Lüge wirkt wie Klebstoff, der das soziale Gefüge zusammenhält. Ehrlich!

Essen.. Geben Sie es ruhig zu: Sie haben gelogen! Am letzten Wochenende beispielsweise, als Sie der monströsen Vase, die Tante Hilde zum Geburtstag auspackte, einen Ehrenplatz auf der Kommode garantierten. Und das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Sie das verunglückte Vogelnest, das die Kollegin heute Morgen als neue „Frisur“ vorführte, als „supercool“ bejubelten? Und wie ist das eigentlich mit den Krimis, die Sie dem Finanzamt als „Sachliteratur“ unterjubeln wollen? Und belügen Sie sich nicht selbst, wenn Sie ein Kleid in Größe 38 anprobieren wollen, obwohl sie genau wissen, dass nur Größe 42 passt?

Also: erwischt! Zur Beruhigung sei allerdings gesagt, dass Sie sich keineswegs in schlechter Gesellschaft befinden. Alle anderen lügen auch, vor allem die, die behaupten, sie würden immer und ewig die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Wir können das Lügen einfach nicht lassen. Letztlich ist die Lüge sogar eine Kunst, ohne die unser Zusammenleben nicht funktionieren würde – ehrlich!

Alle fünf Minuten biegen wir uns die Wahrheit zurecht

Wir lügen rund 200 Mal am Tag, da ist sich die Wissenschaft inzwischen ziemlich einig. Wenn man mal davon ausgeht, dass wir im Schnitt 16 Stunden wach sind, gehen wir also etwa alle fünf Minuten mit der Wahrheit, sagen wir mal: ein wenig kreativ um. Wir wissen natürlich, dass man das eigentlich nicht darf, und deshalb verkleiden wir das böse Tun gern mit harmlosen Umschreibungen. Es wird also nicht einfach gelogen und betrogen, sondern geflunkert und geschwindelt, und manchmal biegen sich auch die Balken, haha.

Unseren Kindern erzählen wir begeistert vom Lügenbaron Münchhausen, der angeblich auf einer Kanonenkugel ritt. Oder von Pinocchio, dem lustigen Holzmännchen, dessen Nase bei jeder Lüge ein wenig wuchs. Am Fall Pinocchio lässt sich die Kunst der Lüge übrigens bestens studieren. Pinocchio war ein rechter Lausbub, der oftmals nicht die Wahrheit sagte, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, heißt es in dem italienischen Kinderbuchklassiker. Das ist auch meist unser Motiv.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn schon unsere Kinder lügen. Im zarten Alter von drei Jahren, so fanden chinesische Wissenschaftler heraus, lernen Kinder, sparsam mit der Wahrheit umzugehen, mit sechs sind viele perfekt. Die Kinder schauen sich das natürlich von den Eltern ab. Oma Grete schickte kratzige Wollsocken, und das arme Kind wird nicht nur verdonnert, die Folterwerkzeuge beim nächsten Verwandtenbesuch zu tragen: Es muss auch noch behaupten, es fände die Socken schön. Und wenn man beim Sonntagskuchen fröhlich preisgibt „Papa hat gesagt, dass Onkel Willi immer dicker wird!“, setzt es natürlich pädagogische Maßnahmen vom Allerfeinsten, und spätestens von da an wird das Kind seine ehrlichen Ansichten lieber für sich behalten.

Es gibt natürlich Unterschiede. Streng genommen, ist schon das Verschweigen von Informationen eine Lüge. Aber eine lässliche, wird behauptet. Die Angelsachsen versammeln diese Art von Lügen übrigens unter dem Begriff „White Lies“. Weiß ist unschuldig, also gut: Wenn man einen guten Zweck verfolgt, ist die Lüge erlaubt, zumal, wenn man einem Mörder verschweigt, wo sich sein potenzielles Opfer befindet. Schwarz dagegen ist böse, und „Black Lies“ sind deshalb verboten, weil auf ein hässliches Ziel gerichtet.

Die Kunst des Lügens - keine einfache Sache

Die Unterscheidung ist jedoch nicht in jedem Falle so ganz einfach. Als etwa George Bush und Tony Blair die Teilnahme am Irak-Krieg mit den (nicht existierenden) Massenvernichtungswaffen begründeten, leiteten sie ja gleichzeitig den Sturz eines Diktators ein. Simone Dietz, Philosophie-Professorin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf (wo derzeit ziemlich heftig über Plagiate und mögliche Vertuschungen, also Lügen, gestritten wird) nimmt in ihrem Standardwerk „Die Kunst des Lügens – eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert“ die Politiker denn auch in Schutz.

„Täuschungsmanöver gehören zum Kriegshandwerk“ behauptet sie, vielleicht beeinflusst durch persönliche Erfahrungen. Simone Dietz hat Anfang der Neunziger für die Grüne Alternative Liste im Hamburger Rat gesessen. Weil Politiker dem Allgemeininteresse verpflichtet sind, so Simone Dietz, seien Lügen im Notfall gerechtfertigt.

Die Bibel ist da nicht so kulant. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten, heißt es im achten Gebot, frei übersetzt: Du sollst nicht lügen. Ausnahmen werden nicht gemacht, vielleicht auch, weil schon die Vertreibung aus dem Paradies mit einer Lüge begann. Adam und Eva, die ersten Menschen, fielen auf den Teufel in Gestalt einer Schlange herein und naschten verbotenerweise einen Apfel vom Baum der Erkenntnis.

Die Lüge wanderte allerdings gleich mit aus und nistete sich auf unserer Erde ein, und heute erscheint sie uns in kaum noch überschaubarer Vielfalt. Kenner sortieren nach Ländern, Kulturen, Religionen, sogar nach Geschlecht. Bei Frauen liegen die Themen Aussehen und vor allem: Gewicht! ganz vorn, findet Claudia Mayer in ihrem Buch „Lob der Lüge“ heraus.

Grundsätzlich flunkerten Frauen eher „für andere“ und um „des lieben Friedens willen“, behauptet die Psychologin, während Männer ziemlich egoistisch die Wahrheit für sich selbst verbiegen. Auch der müdeste Bürohengst prahlt eben gern mit sportlichen Höchstleistungen und lässt beim ungläubigen Publikum gefälschte Fotos von dickem Auto und schnittiger Yacht herumgehen.

Nur beim ersten Date sind sich die Geschlechter einig

Nur beim Kennenlernen, beim ersten Date, sind sich die Geschlechter einig. Ballast bleibt da verschwiegen Vorzüge werden grell ausgeleuchtet, und es hagelt völlig überzogene Komplimente. Wer da nicht mitmacht, hat kaum eine Chance. Und wer nicht weiß, dass jedes Land in puncto Wahrheit andere Maßstäbe setzt, tappt auch unweigerlich ins Fettnäpfchen. Angelsachsen etwa empfinden ein schlichtes „No!“ als empörende Unverschämtheit. Erklärt der englische Geschäftspartner in einer Verhandlung, er sei nicht ganz sicher, dass es sich hier wirklich um die beste Lösung handele, heißt das auf Deutsch: Wie können Sie es wagen, mir solch einen Mist anzudienen?

Und nimmt man den Amerikaner ernst, der einen nach Hause eingeladen hat („Sie müssen mich unbedingt besuchen!“), wird man an der Tür garantiert abgefertigt. Die Einladung muss in Nordamerika mindestens dreimal ausgesprochen worden sein, dann erst gilt sie – vielleicht. Das weiß doch jeder, warum nicht auch der Deutsche, dieser ungehobelte Klotz!

Wir Deutschen dagegen sind richtig stolz drauf, dass wir „geradeheraus“ sind und „mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten“, haben aber längst auch den Lügen-Code entdeckt. Fragt die Ehefrau beim Einkauf, wie man das feuerrote Kleid findet, und will man sie taktvoll vor einem verhängnisvollen Irrtum bewahren, sagt man also nicht: Die grelle Farbe lenkt wenigstens von deinen Segelohren ab! Sondern packt das „Bloß nicht!“ in einen eleganten Ratschlag wie „Beige passt doch viel besser zu deinen tollen Augen!“

Die richtige Lüge erfordert sprachliche Fertigkeiten

Solch kunstvolle Verkleidung der Wahrheit muss gelernt werden. Nicht umsonst spricht die Professorin Simone Dietz von der „Kunst“ der Lüge. Die richtige Lüge erfordert sprachliche Fertigkeiten, ein gutes Gedächtnis und hohe soziale Kompetenz. Einmal zur Meisterschaft gebracht, dient die Lüge allerdings dann auch als „unverzichtbares Schmiermittel der Gesellschaft“, behauptet der amerikanische Psychologe Richard Feldman. Sagten alle immer die Wahrheit, würde die Kommunikation zusammenbrechen, es drohten Mord und Totschlag und Anarchie.

Selbstversuche zeigen, was den letzten Wahrheitsfanatikern blüht. Der Journalist Jürgen Schmieder hat einmal versucht, 40 Tage ohne Lügen zu überleben. Am Ende kündigte seine Frau die Scheidung an, ein Freund boxte ihm in den Bauch und Kollegen rotteten sich zum Überfall zusammen.

Wer lügt, so wusste schon Oscar Wilde, will anderen gefallen und sie zufrieden stellen. Das ist letztlich die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Außerdem: Wer in Jobinterviews seine Fähigkeiten übertreibt, ist in der Folge leistungsfähiger als die ehrliche und bescheidene Konkurrenz, fand der Psychologe Richard Granzow von der Universität im englischen Southampton heraus, eine so genannte „self-fulfilling prophecy“, gerichtet auf eine Verbesserung der Qualität.

Dennoch will man nicht belogen werden und wüsste zu gerne, wann das Gegenüber nicht die Wahrheit sagt. Sehr schwer, behauptet der ehemalige FBI-Agent Joe Navarro, ein Experte in Sachen Lüge. Nur die besten Verhörspezialisten sind seiner Überzeugung nach in der Lage, die winzigen Anzeichen, die einen Lügner verraten, zu erkennen. Das leichte Unbehagen, das sich in einem Zucken des Augenlids entlädt. Die Verkrampfung der Beine, die übertriebene Geste. Aber jeder Lügner und jede Lüge sind anders, und deshalb liegt die Chance fürs Erkennen bei 50 Prozent. Da kann man auch gleich würfeln.

Es ist also schwer, die Lüge zu enttarnen, und die Flutung der Gesellschaft mit neuen Kommunikationsformen macht es nicht leichter. Anrufbeantworter, SMS, E-Mail: alles ziemlich unpersönlich, damit fällt Lügen noch leichter. Ich muss heute länger im Büro bleiben – diese Schutzbehauptung ließ sich früher durch einen Kontrollanruf leicht enttarnen. Heute prallt die misstrauische Ehefrau am Smartphone ab, das nur in Ausnahmefällen verrät, ob man sich gerade an der Theke betrinkt oder mit der Sekretärin diniert.

Chinesen empfinden die direkte Art als unsensibel

Die globale Vernetzung zwingt uns förmlich zu einem gelockerten Umgang mit der Wahrheit, um beispielsweise Angelsachsen oder Chinesen das dort übliche Maß an Höflichkeit entgegenzubringen. Unsere „direkte Art“ wird dort als unhöflich und unsensibel empfunden. Der Chinese lügt, um unnötige Konflikte zu vermeiden oder das Gesicht zu wahren, schreibt Claudia Mayer und plädiert auch deshalb für ein „Lob der Lüge“.

Wenn alle erst die Kunst der Lüge beherrschen, entfällt eben so manche Peinlichkeit. Der Verkäufer, den man in der Boutique mit dem Auftrag „Größe 38!“ weggeschickt hat, kehrt nach einem wissenden Blick auf die fülligen Formen mit Größe 42 zurück. Alle sind glücklich. Passt perfekt!

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