Italien streitet über Europas größten Stahlkonzern Ilva

Paul Kreiner
Auf den ersten Blick sieht Taranto idyllisch aus. Aber der Schein trügt.
Auf den ersten Blick sieht Taranto idyllisch aus. Aber der Schein trügt.
Foto: Getty Images
„Wir stehen vor der Wahl, an Hunger oder an Tumoren zu sterben“, sagt ein Bürger im italienischen Taranto. Der dort ansässige Stahlkonzern Ilva hat Jahr für Jahr Gesundheitsrichtlinien missachtet. Eine Geschichte über Korruption und Verdrängung.

Taranto. Voller Einsatz. Jungs und Mädchen stürmen über den Rasen. Zwischen ihnen der heiß umkämpfte Fußball. Was täten italienische Grundschüler lieber? Ein Schuss noch, und dann . . . Gar nichts. Über dem Foto liegt ein X aus dicken, alarmroten Strichen. „Nein“, steht in Großbuchstaben: Fußballspielen verboten! Zumindest auf allem, was nach Rasen aussieht. Erdreich dürfen die Kleinen auf keinen Fall berühren. Und wenn sie heimkommen, müssen die Kleider in die Waschmaschine, die Kinder unter die Dusche. „Liebe Eltern, sagt ihnen das!“, hat der Berufsverband der Ärzte in Taranto auf ein Merkblatt geschrieben: „Der Boden ist mit chemischen Substanzen verseucht. Und wenn die Kinder ihre verschmutzten Finger in den Mund stecken . . .“

Immer mehr Säuglinge sterben

Es ist erschütternd, sagen Menschen auf den Straßen von Taranto, was in dieser, ihrer Stadt mit den Kindern passiert: diese stetige Zunahme der Lungenkrankheiten, diese überdurchschnittliche, wachsende Säuglingssterblichkeit. Und die Erwachsenen? So viele, die man auf den Straßen fragt, erzählen von einem Bruder, einem Ehemann, einer Mutter, die an Krebs gestorben sind. „Es vergeht kein Tag“, bestätigen Ärzte, „an dem wir nicht die Diagnose ,Tumor’ stellen.“ In ihren weißen Kitteln sind die Mediziner kürzlich bei einer großen Demonstration mitgezogen: „Helft uns, hier ist ein Ozean von Menschen, die Behandlung brauchen!“ Und die Kinderärztin Anna Maria Moschetti sagt: „Es ist, als läge ein gespenstischer Fluch über uns.“

Moschetti hat ihre Praxis im Stadtteil Tamburi, einem dicht besiedelten Wohnviertel, an dessen Balkonen Wäsche zum Trocknen flattert, und hinter dem die blauen, grauen, rot-weiß geringelten Schornsteine des „Monstrums“ auftauchen. Da, nur um die Breite der Stadtautobahn getrennt, beginnt Ilva. Das Stahlwerk, das fast doppelt so viel Platz braucht wie die 200 000-Einwohner-Stadt Taranto selbst. Das als größtes seiner Art in Europa gilt und als die größte Dreckschleuder des Kontinents. Zu den Wohnblöcken häufen sich riesige Halden mit allen möglichen Mineralien auf, die ein Stahlwerk und seine Kokerei so brauchen. „Wenn da der Nordwind kommt, dann fährt das alles in dicken Wolken hoch“, sagt ein Anwohner: „Wir haben die dichtesten Fensterrahmen eingebaut, die es gibt. Aber der Staub kommt überall rein.“ Auch in die Lungen.

Dabei macht die Stahlstadt Taranto, da unten an der Sohle des italienischen Stiefels, alles andere als einen düsteren Eindruck. Umspült wird sie vom türkisfarbenen Wasser. Gut, von den steinernen Barockpalästen verfallen viele. Aber wenig Müll liegt hier herum, gekehrt sind die Straßen. Die Geschäfte an der Fußgängerzone sehen nach Wohlstand aus. Nur auffallend viele „Zu verkaufen“-Schilder hängen in Läden und an Wohnhäusern.

Umweltnormen wurden ignoriert

Denn Taranto ist in die Existenzkrise gestürzt. Oder: Es hat sie nach Jahrzehnten der Verdrängung erstmals wahrgenommen. Schuld daran sind Staatsanwalt Franco Sebastio und Untersuchungsrichterin Patrizia Todisco. Vor elf Monaten haben sie den zentralen Teil, die „Heiß-Verarbeitung“, des Stahlwerks Ilva beschlagnahmt: „Umweltnormen nicht eingehalten, unvertretbare Risiken für Gesundheit und Umwelt, Bürger und Behörden aufs Gröbste getäuscht“, schrieben sie zur Begründung. Nahezu alle Mitglieder der Eigentümerfamilie Riva kamen in Untersuchungshaft oder Hausarrest; Lokalpolitiker wurden festgenommen: wegen Bestechlichkeit. Kirche, Journalisten, Gewerkschaften sollen sich haben kaufen lassen. Nicht nur 11 500 Ilva-Beschäftigte, auch 8000 Angehörige von Subunternehmen fürchteten um ihren Job. Konnte Ilva unter diesen Umständen überhaupt fortbestehen? Und der Industriehafen, der ohne Industrie keinen Sinn hat?

Es folgte ein Wettrennen zwischen Regierung und Richterin: Weil das 50 Jahre alte Stahlwerk der große Arbeitgeber in dieser entlegenen Ecke des Südens ist und weil Ilva allein mehr als zwei Drittel des italienischen Stahlbedarfs abdeckt, versuchte Rom – per Not-Gesetz und neuer Umweltauflagen – die Produktion um jeden Preis zu erhalten. Das Werk sei „von strategischer nationaler Bedeutung“, erklärten Mario Montis Technokraten-Kabinett und das Parlament an Heiligabend 2012. Die Richterin wiederum zog im Interesse von Gesundheit und Umwelt vors Verfassungsgericht, um Montis Gesetz auszuhebeln. Als sie dort abblitzte, gab sie nach monatelangem Widerstreben zwar die Lagerbestände von Ilva zum Verkauf und zur Weiterverarbeitung frei, beschlagnahmte dafür aber 8,1 Milliarden Euro beim Riva-Konzern selbst. Daraufhin traten Vorstand und sämtliche Abteilungsleiter von Ilva zurück; das Werk produziert zwar weiter, führungslos allerdings. „Die acht Milliarden sind nötig, um die Sanierung des vergifteten Terrains sicherzustellen“, befand die Richterin. „Das Geld fehlt jetzt, um Ilva weiterzuführen und umweltfreundlich zu modernisieren“, kritisieren Gewerkschaften und Arbeitgeber.

Schließen oder weitermachen?

Taranto ist gespalten. „Schließen sollen sie den Kasten!“, verlangen die einen; die anderen entgegnen: „Ohne Ilva ist hier nur Elend.“ Mancher wünscht sich, die Expertenstudien, die eine – je nach Art – um 14 bis 400 Prozent höhere Krebshäufigkeit bei den Tarantinern gegenüber dem italienischen Standard behaupten, lägen falsch. „Wir stehen vor der Wahl, an Hunger oder an Tumoren zu sterben. Bisher haben wir das zweite vorgezogen“, sagt ein Gemüsehändler. An jenem Referendum über die Schließung Ilvas, das die vielen Umwelt-Organisationen in der Stadt seit Jahren gefordert haben und das die Stadtverwaltung über genauso viele Jahre verzögert hat, beteiligten sich Mitte April nur 20 Prozent der Tarantiner. „Aus Ignoranz und aus Angst vor sozialer Kontrolle“, sagt der frühere Sportlehrer Fabio Matacchiera, der heute als professioneller Umweltschützer einen „Anti-Dioxin-Fonds“ leitet. Er glaubt nicht, dass der Konzern die Umweltauflagen irgendwann erfüllen wird. „Die haben, obwohl sie schon seit dreißig Jahren von den Gefahren wussten, bisher nichts getan.“ Selbst unter dem neuen Spezialkommissar, den Italiens Regierung – die Eigentümerfamilie Riva entmachtend – nun mit der Unternehmensführung beauftragt hat, werde es „auch nur wieder einen Aufschub nach dem anderen geben.“

Wer ist für das Unheil verantwortlich?

Doch wer weiß, ob alles Unheil wirklich von Ilva kommt? Da waren die großen Schiffswerften, da ist der Riesenstützpunkt der italienischen Kriegsmarine, da ist ein gewaltiges Zementwerk, da ist die Raffinerie . . . Und wer hat die berühmten Tarantiner Miesmuscheln mit ihrem unvergleichlichen Aroma wirklich mit Dioxin verseucht?

Wand an Wand mit Ilva liegt der Friedhof von Taranto. Wie die Kinder, so dürfen auch die Totengräber kein Erdreich anfassen. Jedenfalls solange sie nicht die Anti-Gift-Spezialausrüstung haben. So hat es der Bürgermeister angeordnet. Die Toten liegen so lange auf Eis. Die Gemeinde hat einen kleinen Gedenkstein aufgestellt: „Für alle, die, geopfert von der Arbeit, ihr Leben . . .“ nein: nicht „verloren haben“, sondern: „verlieren“. Präsens. Gegenwart. Die Gegenwart von Taranto.