In den Stillen liegt die Kraft - ein Lob der Introvertierten

Sagen Sie jetzt nichts: Mancher Introvertierte schweigt lieber, als unbedacht den Mund aufzumachen.
Sagen Sie jetzt nichts: Mancher Introvertierte schweigt lieber, als unbedacht den Mund aufzumachen.
Foto: Jamiri
Sie werden schnell übersehen, weil sie sich nicht so leicht bemerkbar machen: Wer die Stärken der stillen Menschen zu nutzen weiß, erschließt sich ungeahnte Potenziale. Denn introvertierte Menschen sind besonders beharrlich, konzentriert und denken analytisch.

Essen.. Dienstag, 14 Uhr. Martin Klein sitzt im Meeting. Er arbeitet im mittleren Management eines Finanzdienstleisters. Die Besprechung läuft nun schon eine Dreiviertelstunde. Das Problem ist klar umrissen und mehrfach verbal umtanzt. Doch nun tritt man auf der Stelle. Martin Klein hat bis jetzt kein Wort gesagt. Gerade will ein Kollege, der aus dem Vertrieb kommt und schon ein Viertel des Mittagsprogramms bestritten hat, erneut ansetzen.

Da richtet sich Martin Klein ein wenig auf, hebt kurz die Hand und wird bei den ersten, leisen Worten beinahe von einem Kollegen niedergequasselt. Aber nur beinahe. Denn die Kollegen wissen: Wenn Klein zwei, drei seiner wohldurchdachten Sätze in den Raum wirft, sollte man zuhören. Und tatsächlich: 15 Minuten später hat die Gruppe eine Strategie entwickelt, ihr Problem anzugehen. Der entscheidende Beitrag kam von einem Mann, den man eher den Stillen zurechnet.

Die Stillen, die Leisen, die Unauffälligen haben oft mehr Substanz zu bieten, sie gelten als konzentrierter, beharrlicher, kreativer und einfühlsamer. Sie wissen es nur nicht so mühelos anzubringen – man will sich ja nicht aufdrängen. Doch wer es schafft, die Stärken der Stillen zu nutzen, da sind sich Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen einig, erschließt ungeahnte Leistungsquellen.

Eine Situation wie die eingangs geschilderte dürfte jedem vertraut sein, der schon einmal Zeit in einem Meeting verbringen musste. Nur ist es in Deutschland immer noch nicht alltäglich, dass sich jemand durchsetzt, der nicht durch blendendes Auftreten oder die Beredtheit eines Gebrauchtwagenverkäufers hervorsticht.

Die Geschäftswelt wird oft dominiert von den Alphatieren, von den Geselligen, von denen, die in jeder freien Minute für die eigene Sache zu trommeln wissen. Dabei bedeutet das nicht, dass diejenigen, die am lautesten trommeln auch am meisten leisten. Nur, dass davon am meisten in die Umwelt dringt.

Wenn Martin Klein zwei solcher Meetings an einem Tag hatte, ist er nachher fix und fertig: „Es ist ja nicht so, dass die Arbeit besonders anstrengend wäre. Aber dieses ständige Gerede…“. Wenn er dann nach Hause kommt, setzt er sich am liebsten in aller Stille in den Sessel und schlägt ein gutes Buch auf, um Energie zu tanken.

Zu einer Zeit, in der einige seiner Kollegen wahrscheinlich noch in der Kneipe stehen, munter Witze reißen und sich gegenseitig anerkennend auf die Schulter klopfen.

Ohne Introvertierte gäbe es kein Facebook

Dass es überall solch unterschiedliche Typen gibt, wissen wir seit den Zeiten unserer Vorväter, aber erst der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung unterschied 1921 zwischen Introvertiertheit und Extrovertiertheit. Die beiden sind entgegengesetzte Temperamente in seiner Persönlichkeitspsychologie.

Auf der einen Seite stehen jene, die ihre psychischen Energien eher nach innen richten, auf der anderen diejenigen, die ihr Innenleben stets nach außen kehren. Dabei hütete sich Jung davor, eine Bewertung vorzunehmen. Für ihn war weder das eine noch das andere vorzuziehen, im Gegenteil: Beide Typen konnten einander hervorragend ergänzen.

Wir leben in einer Welt, die auch von Introvertierten geprägt ist. Ohne sie hätte niemand den gewaltlosen Widerstand entdeckt (Gandhi), wir stünden da ohne Relativitätstheorie (Einstein) und, ach, noch viel schlimmer: ohne Facebook (Zuckerberg).

Diese Neutralität bezüglich der stillen Gemüter ist uns mittlerweile leider ein wenig abhanden gekommen: Heute ist Introvertiertheit in der Wahrnehmung beinahe so ein Makel, wie es früher die Linkshändigkeit war – ein Introvertierter kann zwar alles machen, aber wird doch noch manchmal kritisch beäugt. Und eigentlich denken einige insgeheim, man müsse ihn vielleicht noch umerziehen.

Das laute Ideal unserer Mediengesellschaft

Nun ja, man sollte einen introvertierten Menschen vielleicht nicht unbedingt einstellen als Marktschreier oder Stadionsprecher. Umgekehrt werden sich Extrovertierte nicht unbedingt im Schweigeorden der Kartäuser bewerben.

Dabei werden die Lauten und Lärmenden, die Zeigefreudigen und Selbstdarsteller in unserer Mediengesellschaft praktisch zum Ideal erhoben: In Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ wird ja nicht nach dem sensibelsten, insichgekehrtesten Songschreiber gesucht (obwohl das der Show sicherlich mal guttäte), sondern nach den einnehmendsten Entertainern.

Und in der Jury sitzt ein Meister der Extrovertiertheit: Dieter Bohlen, der nie um ein freches Grinsen verlegen ist, wenn er den Kandidaten die hinterhältigsten Beleidigungen unter die Gürtellinie schleudert. Wenn man das sieht, könnte man glatt meinen, andere Charaktere wären ausgestorben.

Gehirne von Introvertierten und Extrovertiertem funktionieren unterschiedlich

Aber unser Eindruck, dass die Introvertierten in der Minderheit sind, trügt, weil ihre lauten und gesprächigen Gegenparts so viel mehr von unserer Aufmerksamkeit beanspruchen. Tatsächlich schätzt die US-Autorin und Verhandlungstrainerin Susan Cain den Anteil der Introvertierten zwischen 30 und 70 Prozent. Ein solches Ergebnis würde immerhin ausreichen, um mit eine Volkspartei an die Regierung zu gelangen.

Andere Schätzungen gehen davon aus, dass Introvertierte und Extrovertierte gleich in der Gesellschaft verteilt sind, also 50:50. Dabei sollte man allerdings keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben: Die meisten Menschen haben ein ausgeglichenes Temperament. Und der Grad ihrer Intro- oder Extrovertiertheit hängt nicht zuletzt von den Situationen ab, in denen sie sich befinden.

Tatsache ist, dass sich Intro- und Extrovertierte von ihren Hirnen her unterscheiden: So haben Hirnforscher festgestellt, dass im so genannten frontalen Kortex der Insichgekehrten stets eine höhere elektrische Aktivität herrscht. Es ist die Region unseres Denkapparats, die sich mit inneren Vorgängen auseinandersetzt.

Sie schotten sich gegen Reize leichter ab

Das heißt: Introvertierte werden dort schon ohne äußeres Zutun stärker stimuliert. Deshalb neigen sie dazu, sich gegen zusätzliche Reize eher abzuschotten. Wohingegen die Extrovertierten dort unterstimuliert sind – und dieses Defizit durch Reize von außen zu kompensieren versuchen.

Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass das Blut im Hirn beider Typen unterschiedliche Wege nimmt. Extrovertierte haben die kürzeren Leitungen im Hirn, deshalb fällt es ihnen leichter, unmittelbar auf äußere Reize zu reagieren. Bei den Introvertierten legen die Reize auf den Nervenbahnen einen längeren Weg zurück. Deshalb kommt ihre Reaktion oft verzögert, aber reflektierter.

Die deutsche Managerin und Beraterin Sylvia Löhken hat für beide unterschiedlichen Typen auch jeweils andere Erholungsmechanismen festgestellt. Sie beschreibt in ihrem Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“, dass Extrovertierte sich aufladen wie ein Windrad: Sie brauchen Impulse von außen, um sich drehen zu können und so Energie zu erzeugen.

Introvertierte erholen sich hingegen wie ein Akku: Sie benötigen die Ruhe, um ihre Batterien aufzuladen. Deshalb können sie in diesen Phasen auch so gut alleine sein, was sie als vermeintlich unsozial erscheinen lässt. Sie benötigen in diesen Phasen einfach keine Kontakte. Das unterscheidet sie übrigens von den schüchternen Menschen: Die hätten gern soziale Kontakte, sind aber nicht fähig, sie auch herzustellen, etwa aufgrund von Hemmungen oder mangelndem Selbstbewusstsein.

Nur vermeintlich effektiv: Großraumbüros und Brainstormings

Nun könnte man meinen, eine permanente soziale Überstimulation wirke sich nur auf die Introvertierten negativ aus. Doch Susan Cain berichtet über Großraumbüros, die lange Zeit als Nonplusultra modernen Arbeitens angesehen wurden: Die Arbeit in Großraumbüros mindert die Produktivität und beeinträchtigen das Gedächtnis. „Sie machen Menschen krank, feindselig, unmotiviert und unsicher.“ Die Folgen: hoher Blutdruck, Stress und erhöhte Anfälligkeit für Infektionen.

Auch Brainstormings, oft noch immer als Inbegriff des kreativen Handelns angesehen, werden mit steigender Gruppengröße zunehmend ineffektiv. Cain zitiert Studien, in denen Mitarbeiter jeder für sich alleine an einem Problem arbeiten sollten. Sie verglichen sie mit gleich großen Gruppen, die sich im Kollektiv an dieser Aufgabe abarbeiten sollten. Das Ergebnis: Die Einzelarbeiter produzierten in der Summe mehr und qualitativ bessere Ergebnisse als die Gruppenarbeiter.

Dennoch werden extrovertierte Menschen mit diesen Formen der Arbeit besser zurechtkommen als die Introvertierten. Wobei es zu beachten gilt: Keines der beiden Temperamente ist zwingend vom Schicksal vorgegeben. Vielmehr werden extrovertierte Menschen in ihrem Leben auch Phasen brauchen, in denen sie sich zurückziehen. Und die Introvertierten können lernen, ihre Stärken zu nutzen und etwaige Stolpersteine zu überwinden. Manchmal reicht es schon, die Arbeitsweisen ein klein wenig zu verändern, um aus einem vermeintlichen Handicap einen echten Trumpf zu machen.

Von der Insichgekehrten zur Vortragsrednerin des Jahres

So haben Introvertierte wahrscheinlich am wenigsten Probleme damit, an einem Online-Brainstorming teilzunehmen, bei dem sie still und für sich ihre eigenen Ideen entwickeln können, und sie dann in die Runde werfen.

Introvertierte können sogar vor großen Menschenmengen sprechen. Sylvia Löhken selbst liefert hierfür das beste Beispiel: Die Introvertierte wurde 2012 zur Vortragsrednerin des Jahres gewählt.

All das weiß auch Martin Klein. Er hat gelernt, wie er mit den anstrengenden sozialen Kontakten in seinem Leben umgeht. Er weiß heute, dass er Erholungsphasen nach intensiver sozialer Aktivität braucht. Und er macht sich heute keine Vorwürfe, wenn er in neun von zehn Fällen nicht zum Quatschen in die Kaffeeküche mitkommt: „Ich suche mir die Gelegenheiten bewusst aus – und dann bin ich voll bei der Sache.“

  • Weiterführende Literatur: Sylvia Löhken „Leise Menschen, starke Wirkung – Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden“, Gabal, 285 S., 24,90
    €; Susan Cain „Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“, Riemann, 450 S., 19,95 €
  • Einen Persönlichkeitstestfinden Sie hier: www.leise-menschen.com/online-test/
 
 

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