Immer an der Ruhr entlang

Tretboot oder Hausboot? Das ist hier die Frage. Die „Escargot“ wird von Pedalen angetrieben und schippert hier gemächlich die Ruhr bei Mülheim hinunter – Spitzengeschwindigkeit zwölf Stundenkilometer, mit Motor.
Tretboot oder Hausboot? Das ist hier die Frage. Die „Escargot“ wird von Pedalen angetrieben und schippert hier gemächlich die Ruhr bei Mülheim hinunter – Spitzengeschwindigkeit zwölf Stundenkilometer, mit Motor.
Foto: Jochen Tack
In wenigen Tagen erscheint das Buch „219,3 Kilometer im Fluss“, fotografiert von Jochen Tack, geschrieben von sechs Autoren. Unsere Reporterin Annika Fischer schwang sich für eines der Kapitel aufs Fahrrad und fuhr von der Quelle bis zur Mündung. Eine exklusive Vorabveröffentlichung in Auszügen

Ruhrgebiet..  Radfahren an der Ruhr ist einfach, haben sie gesagt, du radelst ja nur runter. So ein Fluss, haben sie gesagt, geht schließlich immer nur bergab. Rollen längs der Ruhr. Aber die Reise hat noch gar nicht begonnen, da brennen die Beine für eine Pause. Und sind nicht die einzigen: Der Fluss ist noch keiner, nicht einmal ein Bach und nicht genug, aus ihm zu trinken, aber da sitzen sie schon, die Radler, packen ihr Picknick aus, die Wasserflaschen und den Fotoapparat. Alles Dinge, die erledigt werden müssen, nicht wahr, es ist ihnen nicht einmal peinlich, dass der erste Stopp vor dem Start kommt.

Denn wie immer im Leben hat der liebe Gott an den Anfang einer Talfahrt einen Berg gestellt. Winterberg, auch wenn es Sommer ist, Rothaargebirge, Hochsauerlandkreis, Nordosthang des Ruhrkopfs, 674 Höhenmeter – man hätte es ahnen müssen, der Ruhrtalradweg fängt oben an. Da muss man erst mal hin. Die meisten Radfahrer bringt der Zug, aber nicht bis ans Ziel. Dann stehen sie, morgens meist, und suchen das Wasser. Unter Steinen, unter Blättern vom letzten Herbst, die Bänke am Bach warten erst ein paar Meter tiefer. Zur Erfrischung taugt das Rinnsal nicht, das ganz unten einem ganzen Revier seinen Namen geben soll.

Im „Land der 1000 Berge“

Von hier aus stürzen sich die Radler in die Tiefe, 230 Kilometer vom Bächlein zum Binnenhafen, mit Möglichkeiten unterwegs im Über-Fluss. Eine (Rad-)Tour immer an der Ruhr entlang, oder zumindest in Sichtweite: Die Natur mag Bäche bauen, aber sie baut nicht gleich Wege ans Wasser. Es braucht Kraft in Beinen und Bremsen am Drahtesel, jedenfalls hier, im „Land der 1000 Berge“, wo die Wege noch Waldwege sind und die Ruhr manchmal unsichtbar durch Wiesen rinnt, sich versteckt hinter Büschen und Bäumen. Wenn das winzige Wasser auftaucht, gluckert es, es klingt wie Gelächter, aber sicher ist das nur pure Lebensfreude.

Die Ruhr tut bei Kilometer zehn aber, als wäre sie schon ein Flüsschen, und zwar eines mit Furt. Da kann der Radler übermütig werden, Flussquerung für Unerschrockene auf zwei Rädern! Aber ach, die Sache ist im Fluss, die Strömung ist stärker als der Mensch, der nasse Füße bekommt und lernt: Er mag mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, nicht aber, wenn diese Erde glitschig ist und ein Flussbett. Oder?

Von nun an geht es nur noch bergab

Die Ruhr treibt den Radler weiter, in ihr, auf ihr und an ihr entlang, über Hohlwege, Waldwege, Radwege, Schotterwege, asphaltierte Wege, Lehmwege, zuweilen aufwärts flussabwärts. Hinter Olsberg macht eine Familie Pause. Der Proviant ist alle, die Kinder moppern, aber das liegt an der Dorfjugend, die im seichten Wasser Fangen spielt. Das wollen andere auch! Am Ende jeder Etappe wartet ein Hotel, und das ist noch weit. Hinter den Bergen … da ist diese Steigung hinter Bestwig, wovon mehr Hauptstraße zu sehen ist, als Radfahrern lieb sein dürfte, oben am Ende des Atems aber empfängt sie Kunst unter den Füßen: „Das Gebirge“, steht in Großbuchstaben auf dem Weg, „hat seinen Zackenkranz abgelegt und sich unter die grüne flatternde Decke gestreckt.“ Es ist das Versprechen: Von nun geht es wirklich nur noch bergab.

Hinter den pinkfarbenen Gasmerkpfählen (auch das ist Kunst!) kommt die Oase Arnsberg. „63 Kilometer“, hat Hotelwirtin Monika Menge gesagt, „schaffen die meisten“, deshalb steigen viele hier ab, vom Rad und im Hotel und reiben sich den wunden Po. Wo früher das Milchvieh stand, stellen sie bei Menges die Drahtesel unter. Das klingt hübsch, auch wenn es ein wenig übertrieben ist. Nur, Ackerbau und Viehzucht machen sie in siebter Generation wirklich nicht mehr. Wo einst die Kutscherkneipe stand mit Brot und Schnitzel, da ist jetzt Überschwemmungsgebiet. Sie haben immer höher gebaut wegen der Hochwassergefahr, höher geht es jetzt nicht mehr, da ist die Straße – und der Ruhrtalradweg. Aber unten ist dafür der Fahrradkeller. Mit Luftpumpe und Flickzeug und sogar Waschgelegenheit, fürs Rad, nicht für dessen Fahrer. Viele, die hier auftanken, sagt Frau Menge, seien „Wiederholungstäter“, sie kommen zu Silvester oder zur Hochzeit wieder, dann aber ohne Rad.

Von „Klein-Kanada“ im Sauerland bis zum Baldeneysee

Es ist hier immer noch Sauerland, man sagt aber auch: Klein-Kanada (die anliegende Kneipe ist eher US-amerikanisch). Weil das Wasser sanft gurgelt durch das renaturierte Bett, über Steinchen hüpft und Bäume umspült. Ein lauschiger Ort, wenn nicht die Autobahn parallel brauste. Kinder lassen hier Steine titschen, Wanderer ihre Hunde baden, und der Mensch schwimmt auch. Man darf das nicht, eigentlich, kann aber wieder. Deshalb kommt es vor, dass vor Schwerte junge Kerle ihre Mädchen von Sandbank zu Sandbank tragen, ältere Männer ihre Bäuche rücklings schwimmen lassen, Hunde bellend versuchen, das Ufer zu erreichen, und Jugendliche kreischend über Stromschnellchen springen. Für das gute Gefühl von Freiheit ist es egal, ob der große Zeh im Rio Grande taucht oder in der Ruhr. „Es ist nicht erwünscht“, sagt ein städtischer Mitarbeiter, „aber natürlich halten die Leute ihre Füße ins Wasser.“ Mindestens.

Mit dem Kanu vor Schwerte

„Beim Kentern Brille festhalten“, haben sie gesagt. Es war ein Scherz, aber da ist diese Stelle, vor Schwerte rechts am Ufer, wo die Kanus gern mal eben in die Büsche müssen, und dann greifen die langen Arme der Weiden die Paddler an den Haaren, von unten hilft der Fluss nach und schon… „Buschindianer“, sagt Ferdi dann, der’s besser kann. Doch die Schadenfreude fällt aus an diesem Tag, die Ruhr ist dünn nach heißen Wochen; die Kanuten werden ihre Boote aufrecht verlassen. Trotzdem: Welch ein Spaß!

Sie machen das öfter an der Ruhr, zwischen Herdecke und Hattingen: schicken die Leute auf der Pedale hin und mit dem Paddel wieder zurück. Lassen die roten Kanus zu Wasser und mit ihnen Menschen, die erst lernen müssen, wie das Boot geradeaus schwimmt. Der Steuermann ist bei diesen Ruhr-Lenne-Kanu-Touren meistens Papa, der weiß wo’s langgeht, aber nicht unbedingt, wie. „Lenk mal links!“, schreit ein Mädchen aus seiner Schwimmweste, das Familien-Kanu ist auf Zick-Zack-Kurs zwischen Wasserpflanzen, hübsch ist das, aber langsam. „Die vermessen“, sagt Ferdi, „den Fluss bis in jeden Winkel.“

Er ist aber, vom Wasser aus, auch ein anderer. Still ist es dort, wenn die Kommandos der Paddler hilflos verstummen, die Strömung die roten Bötchen an der Schilfkante vorbeitreibt. Der Himmel ist unverschämt blau, die Paddler sind viele und trotzdem allein. Enten schwimmen mit dem Strom, am Ufer grasen Pferde, es gibt nur eine Richtung, die Ruhr entscheidet. „Man muss“, hat Ferdi gesagt, „auch mal loslassen können.“

Fischen mit Fliegen

Wo das rosa Springkraut die Sicht auf das Wasser verdeckt, steht Heinz-Günter Sareyka mitten in der Ruhr. Wathose, Weste, Kescher auf dem Rücken, Hut auf dem Kopf, ein Cowboy ohne Land und ohne Lasso, auch wenn es so aussieht. Mit langen, eleganten Würfen lässt der Mann seine Schnur übers Wasser tanzen, die Tropfen perlen an ihr ab. Und unten spielt das Wasser um seine Füße, „ein schönes Gefühl“, sagt Günni, der überhaupt nichts schöner findet. Leichtigkeit und Anmut, sagt er, vor allem aber „die Verbundenheit mit der Natur“ sind es, die den Fliegenfischer faszinieren.

Dabei fischt Sareyka keine Fliegen, er fischt mit ihnen. Keinen echten, am heimischen Sekretär selbst gebundenen Insekten, wie sie im Speiseplan der Ruhrfische vorkommen. Haken, Garn und Federn, mit Utensilien aus dem Bastelladen knüpft der Fliegenfischer seine Köder, Streamer, die wie kleine Fischchen aussehen, Larven, Würmer und eben Fliegen.

Heinz-Günter Sareyka kennt noch Zeiten, in denen war „sehr, sehr viel Fisch in der Ruhr“. Es ist besser geworden, obwohl der Kormoran sich vieles holt, „aber der kann ja nichts dazu“. Im klaren Wasser kann Günni sie sehen: Döbel, Rotaugen, Flussbarsch, Stichlinge, Bachforellen, Hechte auch und Welse, allerdings: „Kaum noch Zander.“

Trotzdem geht der Fischer oft als Schneider nach Hause. „Macht nix“, sagt Günni, er hat ja wieder viel Zeit gehabt, das Wasser zu beobachten und was darin ist, dazu Gänse, Enten und den Eisvogel. Er war allein mit sich, den Fischen und der Natur: „Fliegenfischen ist mehr als Fische-Fangen.“

Mit Pedalen übers Wasser

„Große Schiffe haben immer Vorfahrt“, sagt Wulf-Jürgen Franke, und die Mannschaft wird erst später begreifen, wie ungewollt komisch das war. „Ihr könnt nicht schnell fahren“, hat er nämlich auch gesagt, haha, es geht ja auch aufs Tretboot! Aber kein gewöhnliches: Die „Grüne Flotte“ ist eine aus Tretbooten, in denen man wohnen kann, kleine, hölzerne Yachten, nur eben… mit Pedalen. Jedes Fahrrad hätte eine bessere Übersetzung und einen bequemeren Sattel auch, aber gut, trampelt man sich eben einen See-Wolf.

„Einer ist der Kapitän“, ordnet Herr Franke noch an, „der muss bluten und zahlen.“ Nur Leute sagen da fröhlich ja und geben alle Verantwortung ab, die noch nicht begriffen haben: Der Käpt’n tritt nicht in die Pedale. Allenfalls in den Hintern… Los geht’s mit reiner Muskelkraft, hinaus aus dem Mülheimer Hafen, hinein ins Grüne, aus dem Wasser schauen ein paar Nutrias, sie sehen aus, als würden sie die Nasen rümpfen.

„Recht gefährlich, die Ruhr“, hat Wulf-Jürgen Franke noch gewarnt. Die Bisamratten wird er nicht gemeint haben, die Schnüre der Angler auch nicht, die rufen fröhlich „Ahoi!“. Und auch nicht die Dornen der Brombeeren, obwohl man denen ausweichen soll: Er hatte Sommer, da kamen seine Boote zurück, „so rot wie Walfangschiffe“, weil die Passagiere von Bord aus Beeren gepflückt hatten.

Vor dem Wasserbahnhof ruft die Besatzung die Schleuse an. Dort wartet Helmut Schmitz, seit 40 Jahren schon. Seelenruhig also und ganz anders als das Team, das mit Herzklopfen den Bootshaken in die Schleusenmauern klemmt. Fünf Meter wird es bergab gehen, „Schleusung zu Tal Nr. 11623“, wird auf der Rechnung stehen, „Am Wasserbahnhof“ Mülheim. Die „Escargot DU-1001 V“ gehört zu Tarif 1.3.1, macht 2,50 Euro. Escargot, weiß das Wörterbuch, sei eine Schnecke. Sie werden sich etwas dabei gedacht haben. Herr Schmitz sagt, mit seiner gelassenen Erfahrung von vier Jahrzehnten, es habe bei der Talfahrt schon Leute gegeben, die sich so angestrengt festhielten, dass das Wasser unter ihnen davonlief und sie oben hängen blieben. Mache aber nichts, findet er, „da kippt keiner um, nur das Geschirr geht zu Bruch“. Der Mann hat Verständnis für die Sportboot-Treter. „Die Ruhr ist ja nicht nur ein Bach.“

Enten überholen uns, „volle Kraft voraus!“, aber das ist nicht viel bei einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Stundenkilometern, mit Motor. „Übermäßiger Wellenschlag ist zu vermeiden“, scherzt jemand am Ufer, man kann sich ja unterhalten bei dem Tempo. Der Kapitän aber findet: „Wenn ihr schneller fahren wollt, müsst ihr schneller treten.“ Mann über Bord, das gab es bei der Grünen Flotte allerdings noch nie.

Die Skulptur am Ende der Ruhr

In Oberhausen weiden die weißen Kühe am Ruhrstrand unter lauter werdenden Brücken. Das Geräusch mehrerer Autobahnen und alter Eisenbahn-Viadukte übertönt das Singen der Vögel, Richtung Duisburg rückt die Industrie an den Fluss heran, wie früher. Der ist hier geteilt, in eine weiterhin lauschige grüne Hälfte, an deren Rand sich die Angler reihen, und eine, auf der immer größer werdende Pötte gen Mündung streben. Container, Kräne, stählerne Kolosse kündigen den Hafen an, auch die Atmosphäre ist stählern. Europas größter Binnenhafen in Ruhrort hat seinen Charme – nur anders als die Höhenwege des Sauerlands, anders als die Treidelpfade des mittleren Reviers. Hier gilt, was Heimatliebende gern sagen: „Das Ruhrgebiet ist vielleicht nicht schön – aber besonders.“ Besonders spannend allemal.

Über ein letztes Stück Holperstrecke rollen die Räder aus. Am Fuß der „Rheinorange“ ist Schluss – keine Frucht ist das, obwohl es hier ein wenig nach Banane riecht, Kraftspender für picknickende Radler: eine 25 Meter hohe Skulptur. Landmarke am Ende der Ruhr, die sich hier in Vater Rhein ergießt, am Ende des 230 Kilometer langen Ruhrtalradwegs. 83 Tonnen schwer, so schwer ungefähr wie die Beine derer, die ihren Weg gemacht haben von Winterberg nach Duisburg.

Man könnte jetzt weiterradeln, wenn man noch könnte. Den Rhein hinunter bis zum Meer. . . Aber das – ist eine andere Geschichte.

  • Ende Oktober erscheint der reich bebilderte Band „219,3 Kilometer im Fluss – Das Ruhr-Buch“ (Hellblau Verlag, 224 Seiten, 29,90 Euro). Der Essener Fotograf Jochen Tack begleitete sechs Autoren, unter anderem unsere Reporterin Annika Fischer, auf ihren Touren an und auf der Ruhr, von der Quelle bis zur Mündung. Dabei haben sie das Leben an der Ruhr in seiner Vielschichtigkeit abgebildet, die Natur, die Wirtschaft, das Wohnen, die Freizeit, die Kultur und den Sport – erzählt wie eine fotografische Bildergeschichte.

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