Historischer Flieger – Mit der „Tante Ju“ auf du und du

Propellersound, der für Flugbegeisterte wie gute Musik klingt: Die historische Ju 52 startet am Flughafen in Mönchengladbach zu einem Rundflug. Gemächlich geht es zu den Wolken hinauf.
Propellersound, der für Flugbegeisterte wie gute Musik klingt: Die historische Ju 52 startet am Flughafen in Mönchengladbach zu einem Rundflug. Gemächlich geht es zu den Wolken hinauf.
Foto: Volker Hartmann
Der Flug mit der historischen Maschine Ju 52 von 1949 ist ein besonderes Erlebnis. Der Flieger geht in diesem Sommer auch wieder in Mülheim in die Luft.

Mönchengladbach. Man hört sie, bevor man sie sieht. Es ist ein sattes, sonores Grollen, das jeder, der es einmal gehört hat, nie wieder vergisst. Erzeugt wird der beeindruckende Klang von drei 9-Zylinder BMW-Sternmotoren. Aus Lärmschutzgründen wird mit reduzierter Leistung geflogen – man kann nur erahnen, um wie viel mächtiger das ungedrosselt rüber käme. „Für uns ist das Musik“, sagt Bernd Huckenbeck (55). Seit 2004 ist der Unternehmer Vorsitzender des Vereins der Freunde historischer Luftfahrzeuge e.V. (VfL e.V.) in Mönchengladbach. Rund 60 Männer und Frauen, die seit 25 Jahren für die „Tante Ju“ entbrannt sind – und es sich zum Ziel gemacht haben, dieses fliegende Kulturgut, das sich erstmals 1932, als Konstruktion von Hugo Junkers in die Lüfte erhob, der Nachwelt zu erhalten. Mit viel Herzblut und komplett ehrenamtlich.

Wenn die HB-HOY, ein spanischer Lizenzbau der Ju 52 aus dem Jahr 1949 butterweich auf dem Rollfeld aufsetzt, geht ein Raunen durch die Menge, die sich hinter der Absperrung am Hugo Junkers Hangar versammelt hat. Nur wenige der Zuschauer werden das Glück haben, an Bord gehen zu dürfen. Bis Anfang Oktober startet die historische Maschine an den Wochenenden von Mönchengladbach aus, an zwei Tagen Mitte Juni auch vom Flugplatz Essen/Mülheim. Aber die Rundflüge, die jeweils nur 17 Passagieren Platz bieten, sind heiß begehrt – und die meisten Termine deshalb schon bis in den Herbst hinein ausgebucht.

Von 1976 bis 1991 stand der heute so schmucke silbergraue Oldtimer mit der markanten Silhouette und der schwarzen Schnauze auf der Besucherterrasse des Düsseldorfer Flughafens. Heute gehört er dem Verein. „Sechseinhalb Jahre hat es gedauert, unsere Ju zu restaurieren“, sagt Huckenbeck. Möglich war das nur mit Spendengeldern, jeder Menge Muskelkraft und technischem Knowhow. 1997 erlebte sie, erstrahlt im alten Glanz, ihren zweiten Jungfernflug. Betrieben wird sie von der JU-AIR in der Schweiz.

Die Mönchengladbacher können zu Recht stolz auf ihre Leistung sein: weltweit gibt es nur noch acht flugfähige Ju 52-Flugzeuge, und nur fünf davon sind für kommerzielle Rundflüge zugelassen. Unterm Strich kommt dabei, bis auf die Freude, kein Gewinn heraus: „Wir arbeiten gerade Mal kostendeckend – und das auch nur, weil die Piloten, Flugbegleiter und Mechaniker alle ohne Bezahlung mitmachen.“

Eigentlich sollte der Flug Richtung Ruhrgebiet gehen

Eigentlich sollte der nächste Flug heute Richtung Ruhrgebiet gehen. Doch der bewölkte Himmel macht denjenigen, die sich aus 600 Meter Höhe Blicke aufs Revier versprochen haben, einen Strich durch die Rechnung. Für die „Tante Ju“, die auf Sichtflug geflogen wird, ist die Wolkenuntergrenze zu tief. „Aber das schlechte Wetter hat auch was Gutes, es sorgt für eine stabile Luftlage, bei schönem Wetter rappelt das viel mehr“, sagt Günter Vogelsang (65). Schon rund 1200 Mal war der Essener als Flugbegleiter an Bord. So wie heute. Für unbedarfte Fluggäste rappelt es trotzdem ganz ordentlich. Das nur anderthalb Millimeter dünne Wellblech, dass das Drinnen vom Draußen trennt, fühlt sich eiskalt an.

Vorne im Cockpit bei Chefpilot Kaj Zimmer vibriert die Anzeigetafel. Den 47-jährigen Essener, der hauptberuflich mit einer Boing Urlauber in die Karibik oder nach Mexiko bringt, hat der Ju 52-Virus 1976 in Düsseldorf erwischt: „Da ist damals eine gelandet, das hat mich fasziniert.“ Er war gerade acht Jahre alt. Als Enkel eines Fluglehrers mit eigener Schule hatte er ohnehin Flugbenzin im Blut: „Der Hammer ist natürlich, dass ich die Ju selbst fliegen darf. Das ist eine Ehre für mich, etwas ganz Besonderes. Ich bin verliebt in die alte Dame – und dann die vielen glücklichen Gesichter der Passagiere zu sehen, das macht einen Riesenspaß.“ Auch Vogelsang liebt es, den Gästen das Flugerlebnis Ju nahe zu bringen. Wobei er stets einen wachsamen Blick auf die Gäste hat: „Ob jemand Flugangst hat, das seh’ ich am Nacken.“ Heute herrscht an Bord allerdings nur uneingeschränkt Begeisterung.

Jeder darf mal ins rundum verglaste Cockpit, zu Zimmer und seinem Schweizer Co-Piloten Andreas Heer. Von dort aus ist die Sicht ganz besonders gigantisch. Links taucht Düsseldorf aus den Wolkenschleiern auf, deutlich kann man den Hauptbahnhof erkennen. Über die Benrather Straße via Langenfeld und Leichlingen geht es über Leverkusen bis zur Kölner Stadtmitte und von da aus bis zum Rheinischen Braunkohlerevier. Beim Tagebau Garzweiler angekommen, geht es auch schon wieder zurück. 40 Minuten vergehen hier, im wahrsten Sinne, wie im Fluge. Über Leichlingen ist Zimmer eine Schleife geflogen. Opa Max zu Ehren, der heute Geburtstag hätte, und früher dort gelebt hat.

Das erste Ganzmetallflugzeug mit geschlossener Passagierkabine

Unten, am 2015 fertig gestellten Hugo Junkers Hangar, spitzen die nächsten Schaulustigen schon die Ohren. Wer nicht dabei sein kann, der darf sich am Rande des Rollfelds zumindest die gute alte „Tante Ju“ aus der Nähe anschauen. Und vorher oder nachher in der Halle in die Welt von Hugo Junkers, dem Pionier der Industrie- und Verkehrsgeschichte eintauchen. An den Erfinder, Forscher und Techniker, der als Sohn eines Webereibesitzers am 3. Februar 1859 in Rheydt bei Mönchengladbach geboren wurde, erinnern in einer Dauerausstellung zahlreiche Exponate wie Konstruktionszeichnungen, Fotografien, Modelle und Flugzeugteile. Der Erfinder schuf mit der Junkers F 13 das erste Ganzmetallflugzeug mit geschlossener Passagierkabine der Welt. Derzeit arbeitet der Mönchengladbacher Verein der Ju-Enthusiasten an der Verwirklichung eines weiteren Traums: dem Nachbau einer flugfähigen F 13. Für Hugo Junkers hingegen nahm seine Vision eines ebenso sicheren wie robusten Verkehrsflugzeugs für jedermann kein gutes Ende. Weil er sich nicht am Rüstungsprogramm der Nationalsozialisten beteiligen wollte, wurde er 1933 enteignet und erhielt ein Stadtverbot für Dessau, die Stadt, in der er seine Firma Junkers & Co gegründet hatte. Am 3. Februar 1935 starb Hugo Junkers im Exil bei München.

Die Ju 52 fliegt am 10. und 11. Juni 2016 auch vom Flugplatz Essen/Mülheim (ausgebucht). Warteliste: www.ju52rundflug.de.

Der Hugo Junkers Hangar, Flughafenstr. 101, Mönchengladbach und die Dauerausstellung sind sonntags geöffnet, 11-18 Uhr. Ab Oktober, 12-17 Uhr. www.junkersinmg.de

 
 

EURE FAVORITEN