Halb Mensch, halb Maschine

Streng genommen gar kein Cyborg, sondern ein Android: Arnold Schwarzenegger in „Termintor 3: Rebellion der Maschinen“.
Streng genommen gar kein Cyborg, sondern ein Android: Arnold Schwarzenegger in „Termintor 3: Rebellion der Maschinen“.
Foto: dpa
Sie nutzen Technik, die unter die Haut geht und ihre Fähigkeiten erweitert - zum Beispiel mit Implantaten unter der Haut, die den Tastsinn verstärken sollen. Das Wörtchen Cyborg klingt vielleicht immer noch wie aus einer Science-Fiction-Geschichte, aber tatsächlich ist heute schon mehr möglich, als wir uns vorstellen.

Essen.. Wenn er nach ihrer Hand greift, spürt sie ein sanftes Prickeln unter der Haut ihres Ringfingers, vorne an der Fingerkuppe. Auch er kann es fühlen: Seine Hand kribbelt. Das muss Liebe sein. Doch Hormone spielen hier nur eine untergeordnete Rolle – das Gefühl ist implantiert. Kleine Neodym-Magnete, mit Gold überzogen, mit medizinischem Silikon umhüllt – einer in ihrer Fingerkuppe, einer in seinem Handrücken. Eingepflanzt wurden sie in einem Piercing-Studio, der Eingriff dauerte wenige Minuten, die Abheilung einige Tage.

Wie kommt jemand darauf, sich ein Stück Metall unter die Haut setzen zu lassen? Abgesehen von der romantischen Komponente, magnetisch – und das im wahrsten Sinne des Wortes – voneinander angezogen zu werden, möchten die Implantatträger elektromagnetische Wellen in ihrer Umgebung erspüren, also ihren Tastsinn verstärken.

Den eigenen Körper optimieren, die Wahrnehmung erweitern: Menschen, die sich mithilfe von Implantaten, simpel oder hochtechnisch, neue Fähigkeiten erschließen, nennen sich selbst Cyborgs. Noch werden sie kaum wahrgenommen, ihre Ideen klingen wie leise Zukunftsmusik in weiter Ferne – die jedoch mit jedem Tag unaufhaltsam an Lautstärke zunimmt.

Für Enno Park, Blogger, Autor und Cyborg, ist diese Zukunftsmusik längst im Hier und Jetzt angekommen. Sein persönliches „Cyborg-Device“: ein Cochlea-Implantat, das die Sinne des eigentlich Gehörlosen auf „Normal“ upgegradet hat. Sein konventionelles Hörgerät hatte ihm jahrelang nur ein eingeschränktes Sprachverständnis ermöglicht, mit dem Cochlea hingegen hört er beinahe alles, was auch ein Mensch mit gesundem Gehör wahrnehmen kann.

Körperliche Symbiose mit einem Stück Technik

Eigentlich sei jeder Mensch mit Prothese oder Implantat ein Cyborg, sagt Park, denn er gehe eine körperliche Symbiose mit einem Stück Technik ein. Herzschrittmacher, Beinprothesen, künstliche Hüftgelenke – in vielen Menschen steckt demnach längst ein Stück „Maschine“. Im Unterschied zu denjenigen, die unter seine Definition fallen, ohne sich dessen bewusst zu sein, fragt sich Park, was man mit der Technik, wo sie schon mal da ist, „noch Schönes anstellen kann“. Und so würde er sein Implantat am liebsten umprogrammieren, um damit Ultraschall wahrzunehmen: „Fledermäuse hören zu können, stelle ich mir spannend vor.“

Nach Parks Meinung gehört es zum Selbstbestimmungsrecht eines Menschen, den eigenen Körper verändern zu dürfen oder sich eben auch bewusst gegen eine Veränderung zu entscheiden. Am 14. Dezember 2013 hat er in Berlin den Verein „Cyborgs – Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“ gegründet, um gemeinsam mit anderen Cyborgs Lobbyarbeit für diesen Gedanken zu machen. Im Ausland ist das Thema schon länger präsent: Der britische Kybernetik-Professor Kevin Warwick ließ sich bereits 1998 ein sogenanntes RFID-Tag (radio-frequency identification) einsetzen. Er kann mit diesem Chip Lichtschalter per Fingerschnippen betätigen; andere nutzen die Technik, um den Zugriff auf Computer und Smartphone zu personalisieren.

Wenn man Farben hören kann

Der britische Künstler und Komponist Neil Harbisson entwickelte das „Eyeborg“, ein Gerät, das Licht in Schallwellen umwandelt. Es ermöglicht Harbisson, der an einer angeborenen Farbsinnstörung leidet und nur Hell-Dunkel-Kontraste sieht, Farben zu hören. Auf seiner Homepage findet sich die sogenannte sonochromatische Tonleiter, die jeder Farbabstufung eine andere Tonfrequenz zuordnet.

Der amerikanische Biohacker Tim Cannon trägt nicht nur Magnet und RFID-Tag, sondern auch ein Implantat namens „Circadia“– eingepflanzt in seinen Unterarm misst es Cannons Körpertemperatur und überträgt die Daten per Bluetooth an sein Smartphone. „Circadia“ sitzt unter einem Tattoo und beleuchtet dieses mithilfe dreier grüner LEDs – als kleines Gimmick.

Warwick, Harbisson und Cannon gelten in der Szene als Ikonen, halten Vorträge und Diskussionsrunden, sind immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten: Warwick an der Universität, Harbisson mit der von ihm gegründeten Cyborg Foundation und Cannon als Teil einer Hacker-Gruppe namens GrindhouseWetware. Sie streben nach absoluter Selbstverwirklichung.

Enno Park bleibt da etwas zurückhaltender. Sein Verein soll die Entwicklung, die in den vergangenen Jahren von einer „rein philosophischen Denkrichtung“ den Sprung in die technologische Wirklichkeit geschafft hat, auch kritisch begleiten. In seinem „Mission Statement“ setzt sich der Verein zum Ziel, Medizintechnik zu hacken, also einzugreifen, zu verändern, zu verbessern, aber auch ihre Funktionsweise und möglichen Nebenwirkungen zu dokumentieren. Man will „kreative neue Anwendungen finden“ aber auch „das Bild des Cyborg als willenlose Kampfmaschine in der Öffentlichkeit korrigieren“. Es sei nun an der Zeit, die „Inklusion in beide Richtungen“ voranzutreiben, sagt Park. „Noch ist das Thema vielleicht klein, aber es liegt in der Luft.“

Erinnerungen auf Chips gespeichert

Als eine „logische, quasi-evolutionäre Entwicklung“ sieht auch der Physiker, Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technik. Wir würden Körper und Geist ohnehin ständig tunen, ganz banal durch Kaffee oder Alkohol – mittlerweile böten sich auf diesem Gebiet eben neue Möglichkeiten.

Wird es in ein paar Jahren also normal sein, dass Smartphones, Autos, Wohnungstüren uns am Chip in der Hand erkennen, dass Geräte unseren Blutdruck und Blutzucker dem Hausarzt automatisch mitteilen, dass wir im Dunkeln sehen, alle beliebigen Frequenzen hören und unsere Körper blinken und leuchten und pausenlos Daten senden? Plötzlich wirken Filmfiguren wie Terminator, die Borg oder Darth Vader nicht mehr ganz so realitätsfern wie noch vor einigen Jahren.

In der schwedischen Fernsehserie „Real Humans“ gehört es zum Service der Krankenhäuser, Erinnerungen von Patienten für deren Familien auf Chips zu speichern. Längst forschen Wissenschaftler an der Nachbildung des menschlichen Gehirns auf Silizium-Basis. Unsere liebsten Erinnerungen, geheimsten Gedanken, verwegensten Träume – nicht mehr als eine lange Reihe von Einsen und Nullen auf einer Festplatte?

Hilfe für Schmerzpatienten und Parkinsonkranke

Bei allem Grusel, den diese Vorstellung heraufbeschwört: Die heutigen technologischen Möglichkeiten und das, was in den kommenden Jahren aus ihnen entstehen könnte, geben aus medizinischer Sicht erst einmal Anlass zur Begeisterung. Schon heute helfen manchen Schmerzpatienten oder Parkinsonkranken mikroelektronische Implantate; auch Netzhaut-Chips, die bei Menschen mit Retina-Degeneration zerstörte Netzhautzellen ersetzen, werden längst genutzt. Noch ganz neu ist das „Tongue Drive System“ für Querschnittsgelähmte: Dank eines magnetischen Zungenpiercings erkennen Sensoren am Kopf des Patienten dessen Zungenbewegungen, die ein gekoppeltes Smartphone dann in Steuerungsbefehle umsetzt. Diese Technik soll den Betroffenen – nach kurzer Trainingsphase – wesentlich schnellere Steuerung von Rollstuhl oder Computer ermöglichen als bisherige Verfahren.

So weit so gut. Doch was ist mit den Implantaten, die keinerlei medizinischen Nutzen haben, die in den Augen der Einen bloß nerdige Spielerei sind, in den Augen der Anderen sinneserweiternd, körperverbessernd und damit wünschenswert?

Eine klare Grenze für die Mediziner

Hier ziehen zumindest Mediziner eine klare Grenze: „Nur, wenn es um die Behandlung von Erkrankungen geht“, solle man derartige Technik einsetzen, sagt Professor Hans-Werner Bothe, Neurochirurg und Vorsitzender der Ethikkommission an der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Natürlich werde diese Grenze immer auch „einen Moment von Willkür enthalten“, dennoch müsse man sie ziehen, um nicht „unbeherrschbare Entwicklungen einzuleiten“. Bei der Retina-Augen-OP beispielsweise gibt eine Kamera Impulse an Elektroden nahe des Sehnervs weiter. Statt einer Schwarz-Weiß-Kamera nun ein Infrarot- oder gar Röntgengerät anzuschließen, sei technisch zwar kein Problem, so Bothe, verbiete sich jedoch aus ethischen Gründen.

Die Ärzteschaft werde in dieser Angelegenheit vermutlich auf ihrem „konservativen Standpunkt“ beharren: heilen und lindern – ja, verbessern und erweitern – nein.

Enno Park hält diese Einstellung mit Blick auf Schönheits-Operationen für widersprüchlich. „Wenn es um Ästhetik geht, ist die Hemmschwelle viel geringer“, sagt er. Dem muss auch Hans-Werner Bothe zustimmen. Er wendet jedoch ein, dass man heute noch nicht wisse, wie sich die von den Cyborgs vorgenommenen Veränderungen auf die Mitmenschen auswirkten, ja ob sie nicht vielleicht sogar jemandem schaden könnten.

Tatsächlich sind die Langzeitfolgen der „Cyborg-Devices“ bislang unbekannt; weder ihr Einfluss auf den jeweiligen Träger, noch auf seine Umgebung sind erforscht. Bei der ersten Generation der Magneten kam es häufig zu einem Bruch der Silikonhülle, so dass das Implantat entfernt werden musste. Das soll zwar bei der aktuellen Generation nicht mehr passieren, doch da auch diese erst seit wenigen Jahren „verbaut“ wird, lässt sich zu ihrer Haltbarkeit wenig sagen.

Den eigenen Bewusstseinszustand feintunen

Der Physiker Karlheinz Steinmüller verweist auf die Geschichte der Prothetik. Funktionstüchtige Prothesen herzustellen, habe viele Jahrzehnte gedauert. Ebenso werde die technologische Entwicklung, die sich Cyborgs heute wünschten, noch von zahlreichen „mehr oder weniger misslichen Experimenten“ überschattet werden. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen ließen sich nicht vorhersagen: Die ersten soziologischen Langzeituntersuchungen würden wohl noch 20 Jahre auf sich warten lassen, denn „die Entwicklung ist einfach noch zu neu“.

Und wie könnte es technisch weitergehen? Hier tobt sich der Science-Fiction-Autor in Steinmüller gerne aus: Vielleicht könne man in einigen Jahrzehnten „den eigenen Bewusstseinszustand technisch feintunen“, also einstellen, wie intensiv sich etwas anfühlt. Oder die Verarbeitung von Sinneseindrücken zeitlich beschleunigen. Oder den Körper je nach Situation mit Zusatzorganen ausrüsten, beispielsweise Kiemen. Oder sein Gehirn mit anderen zu einem Gesamtbewusstsein vernetzen, um schnelleren Gedankenaustausch und effektivere Problemlösungsstrategien zu ermöglichen. Das alles sei zwar „hochspekulativ“, aber vielfach schlicht von der Akzeptanz der Konsumgesellschaft abhängig. Mit anderen Worten: Gilt etwas als chic, hat es auch eine Chance.

Höher, schneller, weiter

Gemeinsam haben alle Cyborg-Visionen, dass sie sich an ökonomischen Prinzipien orientieren. Höher, schneller, weiter – immer geht es darum, die menschliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Doch gerade das stellt Steinmüller, bei aller Aufgeschlossenheit, die er dieser technisch dominierten Zukunft entgegenbringt, in Frage. „Was wäre zum Beispiel damit, die Moral des Menschen zu verstärken oder darüber nachzudenken, wie man es schafft, dauerhaft glücklich zu sein? Wir sollten einsehen, dass es Wichtigeres gibt, als unsere Leistungsmerkmale zu verbessern.“ Außerdem berge die stete „Aufrüstung“ des menschlichen Körpers auch gesellschaftliche Sprengkraft, da sie zwangsläufig eher den „Reichen“ vorbehalten sei. Am Ende stehe möglicherweise die „Langlebigkeit der Reichen und Aufgerüsteten der Kurzlebigkeit der normalen Menschen“ gegenüber.

Noch kein neuer Menschentypus

Noch sind die selbst ernannten Cyborgs eine Minderheit. Weltweit, schätzt Enno Park, experimentieren nur etwa 100 Menschen mit der alternativen Nutzung von medizintechnischen Elementen, ihrer Umprogrammierung oder selbst gebauten Geräten. Dennoch geht es hier um mehr als einen verrückten Trend, den man getrost in die Schublade „Spinnereien von Computerfreaks und Wissenschaftsnerds“ schieben könnte.

Magneten und Chips allein schaffen noch keinen neuen Menschentypus, doch unter der Haut von scheinbaren „Normalos“, losgelöst von der Szene der exzentrischen Körperkünstler, verschieben sie die Grenzen in den Köpfen. Die „Verschmelzung von Mensch und Technik“ ist plötzlich nicht mehr Science Fiction sondern Inhalt einer Vereinssatzung.

Politik und Gesetzgebung müssen aufholen

Und sobald der erste Promi sich technisch nach neuesten Möglichkeiten optimieren lässt, werden sich schnell Nachahmer finden. Die technische Entwicklung verläuft so rasant, dass sie kaum noch hinter den Wünschen der Fans zurückbleibt. Einzig Politik und Gesetzgebung scheinen bei diesem Tempo mal wieder nicht mithalten zu können. Gerade deshalb müsse das Thema nun in der Gesellschaft diskutiert werden, fordert Enno Park, es bedürfe klarer Regeln: Was ist erlaubt, was verboten und was können sowohl Cyborgs als auch Cyborg-Gegner verlangen?

Park selbst lässt sich im Februar ein RFID-Tag zwischen Daumen und Zeigefinger einsetzen. Den Wunsch, sein Cochlea-Implantat zu hacken, wird er weiter verfolgen.

 

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