Gesellenhaus in Mülheim

Foto: imago stock&people

Es ist eine Klage vieler Leser (längst nicht nur der älteren), dass die bürgerlichen Tugenden sich aus den Gasthäusern nach und nach herausschleichen. Woher das kommt?

Auch Traditionsadressen schielen nach Moden, was dazu führt, dass selbst unter altwestfälischem oder niederrheinischen Wappen längst das austauschbare Vielerlei aus dem Reich der Mozzarellatomaten herrscht

Dabei haben viele Lust, endlich wieder mal eine klassische Kalbsleber auf den Teller zu kriegen, eine hausgemachte Kartoffelsuppe, eine mürbe Rindsroulade. Auf dem Mülheimer Kirchenhügel haben wir ein schönes Beispiel für die Renaissance solcher Klassiker und deren zeitgemäße Umsetzung entdeckt. Treulich eingehakt stehen dort katholische und evangelische Kirche. Gleich gegenüber wartet – wie so oft zur Freude ausgedorrter Christenmenschen – die zuverlässige Einkehr.

„Gesellenhaus“ heißt sie, eine alte Adresse, in der es nach Jahren italienischer Betreiber, jetzt eher deutsch zugeht, ohne dass diese Linie irgendwie provinziell daherkommt. Schon der Gruß aus der Küche weicht vom Brot-und-Butter-Standard ab. Nein, es ist eine Leberpastete, hausgemacht und so herzhaft wie raffiniert. Die Leber macht Lust auf mehr. Wir bleiben dabei: Kalbsleber klassisch (16,50 €). Was für eine butterzarte Qualität!, großzügig portioniert dazu, krosse Zwiebeln, ein gedünstetes Äpfelchen. Wie bei Muttern. Die hätte höchstens beim Püree die Nase vorn. Auch das ist zwar frisch und gut, doch das letzte buttrige I-Tüpfelchen fehlt ihm noch.

Zwischen US-Beef und Flammkuchen

Das Gesellenhaus macht viele gute Angebote. Ein Drei-Gänge-Mittagstisch (ca. 10 €) zählt dazu. Ein charmanter Biergarten auch. Der ist selbst für Mülheimer immer noch ein Geheimtipp: Man sieht ihn dem Restaurant nicht an. Und wer dann doch lieber den Weltbürger herauskehren möchte, den lässt man nicht im Regen stehen. Bei Tatar vom besten US-Beef etwa oder extrem leckeren und preisfairen Flammkuchen. Der Koch übrigens stammt aus dem Iran – und zeigt vielen Deutschen, wie es geht. Wenn Sie in der Nähe wohnen: ein schöner Tipp für die ganze Familie!

Preise: Der Mittagstisch samt Vorsüppchen und Dessert hat schon Schnäppchencharakter. Aber auch die Klassiker auf der Karte sind nicht überteuert

Ambiente: Die Neuen haben den Mief rausgepustet, ohne der Atmosphäre zu schaden. Extrapunkt für den Biergarten

Service: Im Test absolut zuvorkommend

Adresse: Gesellenhaus, ab 11 Uhr geöffnet, Pastor-Jakob-Straße 6 (Achtung, emsige Politessen!), 45468 Mülheim. Tel. 0208/390662. Leider kein Internetauftritt

 
 

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