Für was kämpfte die Frau auf Delacroix’ Meisterwerk?

Eugéne Delacroix (1798-1863): Die Freiheit führt das Volk.
Eugéne Delacroix (1798-1863): Die Freiheit führt das Volk.
Foto: Getty Images
Eugène Delacroix, Vertreter der Romantik, malte dieses Ölgemälde nach der Julirevolution 1830. Dabei überließ er nichts dem Zufall. Die versteckten Botschaften in dem berühmten Meisterwerk: „Die Freiheit führt das Volk“.

Essen. Nur die Mona Lisa läuft ihr den Rang ab, so berühmt ist diese Frau. Dabei kennt zumindest hierzulande nicht jeder ihren Namen: „Marianne“, die Nationalfigur der Franzosen. Nach der Juli-Revolution von 1830 zeigte der Maler Eugène Delacroix sie barbusig und barfüßig auf Pariser Barrikaden in seinem Meisterwerk „Die Freiheit führt das Volk“. Was macht das Gemälde so besonders?

Welche Szene zeigt das Gemälde?

König Karl X. stärkt den Adel, er beschließt, das Parlament aufzulösen, das Wahlrecht einzuschränken und die Presse zu zensieren. Das Volk protestiert am 27. Juli 1830 erneut – 31 Jahre nach dem Ende der großen Französischen Revolution. Es kommt zu einem blutigen Aufstand; Bürger, Arbeiter und Studenten kämpfen auf der Straße um ihre Freiheit. Nach drei Tagen dankt der König ab und flieht nach Großbritannien.

Warum hat das Bild solch eine Wirkung?

Wir schauen nicht einfach zu, wir sind mitten drin: Wir stehen auf dem Schlachtfeld. Die triumphierende Marianne kommt uns entgegen, die fliegende Fahne, das flatternde Kleid zeigen, wie schnell sie ist. Diese Frau ist nicht real, seit der Französischen Revolution symbolisiert sie die Freiheit. Zu ihr richtet sich flehend ein Mann auf, ein Mann des Volkes. Rot, weiß, blau sind die Farben seiner Kleidung – und die der französischen Republik. Neben Marianne läuft ein Junge, der die Pistolen wie beim Spiel schwenkt – die personifizierte Zukunft. Im Pulverdampf hinter ihm blitzen die Türme der Kathedrale Notre-Dame auf. Das Ölbild verklärt und romantisiert die Revolution: Die lichtumflutete Freiheit stürmt nach vorn. Das Bild zeigt aber auch die Schattenseiten: Marianne mit Gewehr und aufgesetztem Bajonett in der Hand geht über Leichen.

Warum zeigt die Frau nackte Haut?

Nacktheit in der Kunst ist nicht ungewöhnlich, sie wirkt anziehend und abschreckend. Marianne, ein damals weit verbreiteter Name, ist auf diesem Bild unschuldig wie das Volk und göttlich zugleich: Delacroix stellt sie zwar in einfacher Kleidung, aber auch wie eine Halbgöttin dar; der makellose, entblößte Oberkörper unterstreicht dies noch. Sie ist begehrenswert wie die Freiheit selbst. Auffällig ist auch die Kopfbedeckung dieser allegorischen Figur, die an eine phrygische Mütze erinnert. Sie ist seit der Französischen Revolution, bei der die Jakobiner sie trugen, ein weiteres Freiheitssymbol. Auch auf anderen Marianne-Bildern ist es zu sehen. Noch heute werden in französischen Rathäusern Marianne-Büsten aufgestellt, die nun nach dem Vorbild berühmter Schauspielerinnen gefertigt werden – mit meist keuscherem Dekolleté. 2012 fiel die Wahl auf Sophie Marceau.

Wer war der Maler?

Der damals 32-jährige Delacroix, ein Kind wohlhabender Eltern, war nicht sehr politisch, aber fasziniert von den Straßenkämpfen. Auf dem Bild „La Liberté“, das zu den bekanntesten Werken des Romantikers zählt, sieht man einen Mann mit Frack, Zylinder und reglosem Gesicht. Ob dieser Mann der Maler selbst ist? Davon ging man lange Zeit aus. Andere Kunsthistoriker wollen in ihm den Schriftsteller Étienne Arago sehen, der die Revolution unterstützte. Während dieser und andere Kämpfende im Dunkeln stehen, schillern die pyramidal angeordneten Hauptfiguren – Volk, Freiheit, Zukunft – durch kräftigere Farben. Delacroix erzeugt mit Farben Dynamik und Stimmungen, er distanziert sich so von den Klassizisten und gibt später den Impressionisten entscheidende Impulse. Über 800 Bilder malte er in seinem Leben. Berühmt wurde „Die Freiheit“, 2,60 m hoch und 3,25 m breit, aber erst nach seinem Tod im Jahre 1863. Zunächst wurde das Gemälde zwar im Pariser Salon ausgestellt und vom neuen König gekauft. Doch dann soll Louis-Philippe die politische Aussage zu heikel gewesen sein. Das Bild verschwand im Archiv.

Wer wurde von dem Bild inspiriert?

„Die Freiheit“ zierte einst den 100-Franc-Schein. Aber auch Briefmarken, Werbeplakate und sogar das Plattencover der britischen Band Coldplay von 2008: „Viva la Vida“. Doch schon 30 Jahre nach der Juli-Revolution spielte der bewaffnete Junge auf dem Bild, der die Jugend, die Zukunft symbolisiert, eine weitere große Rolle. Der Dichter Victor Hugo war so fasziniert von ihm, dass er ein Vorbild für Gavroche wurde – eine der Hauptfiguren in seinem Werk „Les Misérables“.

Wieso kam das Bild zuletzt in die Presse?

Das Bild aus dem Louvre zog im letzten Winter von Paris in die neue Zweigstelle des Museums, ins nordfranzösische Lens. Von dort berichteten im Februar die Medien: Eine 28-jährige Französin hatte mit einem Filzstift auf den unteren Teil des Gemäldes eine Abkürzung gekritzelt: „AE 911“. Architects & Engineers for 9/11 Truth – der Titel eines Internetaufrufs: Dort wird eine unabhängige Aufklärung der Terroranschläge vom 11. September 2001 gefordert. Der Schaden am Bild war jedoch gering. „Die Freiheit“ konnte wieder hergestellt werden.

 
 

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