Forscher entdecken den Schädel von Winnetous Uroma

In der Höhle Hoyo Negro – „Schwarzes Loch“ – fanden die Taucher den spektakulären Schädel der jungen Frau „Naia“.
In der Höhle Hoyo Negro – „Schwarzes Loch“ – fanden die Taucher den spektakulären Schädel der jungen Frau „Naia“.
Foto: Paul Nicklen
Sensationelle Entdeckung: Taucher bergen ein Skelett einer 15- oder 16-jährigen Frau, die vor über 12.000 Jahren in eine mexikanische Höhle gefallen ist. Der Schädel liefert neue Erkenntnisse über die Herkunft der Indianer. Könnte es sein, dass sie ursprünglich aus Sibirien stammen?

Ellensburg.. Die zierliche junge Frau war bei ihrem Tod vermutlich gerade einmal 15 oder 16 Jahre alt. Mehr als 12.000 Jahre später wurden ihre Überreste zu einer Sensation, als Taucher sie tief unter Wasser in der Hoyo Negro Höhle auf der Yukatan-Halbinsel Mexikos fanden. Denn der Schädel des Mädchens verriet James Chatters von der Central Washington University im US-amerikanischen Ellensburg und seinen Kollegen wohl endgültig, woher die Urahnen der Indianer einst nach Amerika kamen.

Genau über diese Herkunft diskutierten seit mehr als zwei Jahrzehnten Archäologen und Frühmenschenforscher mit guten Gründen eifrig. „So ähneln die Gesichter der heute lebenden Indianer Amerikas den Menschen in China, Korea und Japan stark“, erklärt Chatters. Die Schädel der ältesten Menschenfunde in Amerika sind dagegen deutlich länger, die Gesichter ähnelten eher den heutigen Afrikanern, Australiern und Bewohnern der Inseln an den Rändern des Südpazifiks.

Wilde Spekulationen

Diese Unterschiede ließen die Spekulationen ins Kraut schießen: Kamen die ersten Indianer mit schmalen Gesichtern vielleicht entlang der Küsten des Pazifiks nach Amerika? Starben sie später wieder aus oder wurden von weiteren Einwanderern mit breiteren Gesichtern verdrängt, die aus anderen Gegenden Asiens über Sibirien und Alaska nach Nordamerika kamen?

Beantworten ließen sich die Fragen bisher schlecht, weil kaum Überreste der ersten Indianer gefunden wurden. „Es gab damals wohl nur sehr wenige Menschen und die zogen weit im Land umher“, fasst Chatters die Gründe dafür zusammen.

Zwar zeigten Analysen des Erbgutes von heute lebenden Indianern und den sehr wenigen 10.000 bis 14.000 Jahre alten Menschenresten im Norden des amerikanischen Kontinents, dass ihre Vorfahren vor 26.000 bis 18.000 Jahren aus Asien in die damals trocken liegende, „Beringia“ genannte Region zwischen dem Osten Sibiriens und dem Westen Alaskas kamen. Als die Eismassen über dem Norden Nordamerikas langsam schmolzen und den Weg nach Süden freigaben, ging es vor etwa 17.000 Jahren weiter.

Die ersten Indianer

Diese Erbgutanalysen aber blieben nackte Theorie, weil die schmalen Schädel der ersten Indianer nicht zum Aussehen der Menschen im Osten Asiens passen, die laut Erbgut ihre Vorfahren sein sollten. Bis Forscher im Jahr 2007 begannen, im Regenwald der mexikanischen Halbinsel Yukatan im Sac Actun-Höhlensystem einen mehr als 30 Meter tiefen Höhlenteil zu erforschen. Dieser hat die Form einer riesigen Glocke mit 62 Meter Durchmesser und wird Hoyo Negro genannt, was im Deutschen „Schwarzes Loch“ bedeutet. Um ihn zu erkunden, mussten die Taucher zunächst einmal über eine neun Meter lange Leiter in einen senkrechten Schacht steigen, dann 60 Meter durch einen Tunnel schwimmen und schließlich dreißig Meter tief in das Schwarze Loch tauchen.

Am Grund der Hoyo Negro entdeckten die Taucher nach und nach die Fossilien von 26 größeren Säugetieren wie den längst ausgestorbenen Säbelzahntiger. Besonders aufregend aber war der Fund des fast vollständigen Skeletts einer jungen, gerade einmal 150 Zentimeter großen Frau, die später auf den Namen „Naia“ getauft wurde. Offensichtlich war sie durch einen einst offenen Schacht in das Schwarze Loch gestürzt und dort gestorben.

Das „Schwarze Loch“

Ihr Gesicht zeigte die schmalen Züge der frühen Funde erster Indianer. Als die Forscher den Zahnschmelz und Mineralablagerungen auf den Fossilien mit verschiedenen Methoden der Altersbestimmung untersuchten, konnten sie ihren Tod auf die Zeit vor mindestens 12.000 und höchstens 13.000 Jahren festlegen. Damals lag der Meeresspiegel viel niedriger als heute und die Höhle war trocken. Später stiegen die Pegelstände und vor rund zehntausend Jahren drückte das Wasser durch den porösen Kalk der Umgebung und flutete das Schwarze Loch. Die Forscher des 21. Jahrhunderts mussten daher zu dem 42 Meter unter dem heutigen Meeresspiegel liegenden Fundort von Naia tauchen.

Die Sensation bahnte sich an, als die Forscher aus einem von Naias Backenzähnen Erbgut analysierten. Diese DNA aus den Mitochondrien genannten Mini-Kraftwerken lebender Zellen verriet, dass Naias Erbgut-Typ heute in einer einzigen Region der Welt vorkommt: Bei den Indianern Amerikas, die viel breitere Gesichter als Naia haben. Dieser Erbgut-Typ aber muss sich in Beringia entwickelt haben. Damit ist klar, dass die ersten Indianer aus dem Osten Asiens über Beringia nach Amerika kamen. Sehr rasch hatten sie sich bis hinunter nach Mittelamerika ausgebreitet und in dieser Zeit bereits das schmale Gesicht der ersten Amerikaner entwickelt. Erst danach müssen die Gesichtszüge der Indianer dann wieder runder geworden sein.

EURE FAVORITEN