Ex-Obdachlose geben Einblicke ins Leben auf der Straße

Zwei bis drei Mal pro Monat führt Markus (42) Interessierte durch die Straßen Düsseldorfs, die ihm lange als Zuhause dienten.
Zwei bis drei Mal pro Monat führt Markus (42) Interessierte durch die Straßen Düsseldorfs, die ihm lange als Zuhause dienten.
Foto: Volker Hartmann
Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Fifty-Fifty“ zeigen bei einer ungewöhlichen Stadtführung die Rheinmetropole Düsseldorf aus ihrer Perspektive.

Düsseldorf. Sehenswürdigkeiten gibt es in Düsseldorf viele. Die meisten Touristen schauen sich den Fernsehturm an, flanieren am Rhein entlang und kehren in der Altstadt ein, natürlich. Jimmy und Markus, beide Verkäufer der Zeitung „Fifty-Fifty“ bieten ihren Gästen andere Einblicke. Viele Jahre haben die beiden „Platte gemacht“, wissen, wie es sich anfühlt, „ganz unten“ in Düsseldorf zu leben. „Straßenleben“ heißt deshalb ihr Stadtrundgang, der vorbeiführt an Notschlafstellen, der Methadon-Ausgabe, dem „Café Pur“, wo die Obdachlosen mal ihre Klamotten waschen können oder einen Kaffee bekommen. „Leute, die auf der Straße leben, erkennt man meist am Schlaf- und Rucksack, die sie immer mit sich herumtragen“, sagt Jimmy. Ein Schließfach im Bahnhof wäre viel zu teuer, lagern zu riskant – sonst werden die wenigen Habseligkeiten noch geklaut.

Flaschensammeln als Beschäftigung

Schulklassen und Privatpersonen nehmen an den Führungen teil, die oft ausgebucht sind. Die meisten Orte konzentrieren sich im Bahnhofsviertel. Treffpunkt ist das „Fifty-Fifty“-Büro in Bilk, das vielen Verkäufern auch als Postadresse dient, wenn das Amt mal Briefe schickt. „Die Szene hat sich verändert. Berber, wie man sie von früher kannte, gibt’s immer seltener. Stattdessen sind viel mehr Frauen obdachlos und Zuwanderer, die aus Südosteuropa kommen und hier keine Wohnung finden“, sagt Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer. Gemeinsam mit den Verkäufern hat er die Route ausgearbeitet. Zehn Führer gibt es aktuell, jeder erzählt seine Geschichte.

Markus hat viereinhalb Jahre auf der Straße gelebt, meist unter einer Brücke etwas außerhalb in Heerdt übernachtet. Zum Arbeiten ging’s in die Altstadt. Er verkaufte die Obdachlosen-Zeitung. Außerdem sammelte er Flaschen. An guten Tagen, zu Karneval oder wenn Fortuna spielte, machte er manchmal 40 Euro. An anderen waren es nur zehn. Das reichte für zwei Sixpacks Bier und ein Fleischkäse-Brötchen, das es schon für einen Euro im Supermarkt gibt.

Da war es wenigstens warm

Gemeinsam mit der Gruppe stoppt er vor einem Altbau, dem ehemaligen Polizeipräsidium Oberbilk. Heute werden die Räume als städtisches Obdach genutzt. „Die Zimmer sind spartanisch. Es stehen Tisch, Stuhl, Schrank und Bett drin. Hunde sind nicht erlaubt“, erklärt Markus. Das sei auch der Grund, warum viele lieber auf der Straße bleiben. Der Hund sei für viele Weggefährte und gebe Sicherheit, etwa wenn sich nachts Betrunkene nähern. Passiert ist ihm zum Glück nie etwas. Jimmy kennt die Angst, die viele haben, wenn sie in einem Mumien-Schlafsack stecken und nicht rechtzeitig abhauen können. Seinen Lieblingsschlafplatz will er nicht preisgeben. „Im Winter habe ich manchmal mit den Sicherheitsleuten von einem Parkhaus gesprochen. Die haben mich auf den Lüftungsschächten pennen lassen. Da war es wenigstens warm“, berichtet der 49-Jährige. Die Zuhörer staunen über so viel Offenheit. „Man weiß ja, wo die Leute sich aufhalten, aber es ist interessant zu hören, wie sie tatsächlich leben“, erklärt Teilnehmerin Heike Lutterbeck.

In einem unscheinbaren Haus residiert eine Rechtsanwaltskanzlei. „Auf der Straße kommt man manchmal mit dem Gesetz in Konflikt. An die Kanzlei können wir uns wenden, wenn es mal wieder Ärger gibt“, sagt Jimmy. Ärger gibt’s oft, etwa, wenn einer von ihnen beim Schwarzfahren erwischt wurde. Die wenigsten leisten sich das Sozialticket für den ÖPNV. Wer durch alle Raster fällt, bekommt auch kein Hartz IV – 34,75 Euro pro Monat sind dann unerschwinglich. Die Gebühr fürs Schwarzfahren aber erst recht. Wenn’s hart auf hart kommt, helfen die Anwälte.

Zwischen Fußballgucken und Flaschensammeln

Nächster Stopp: Am Mintropplatz treffen sich verschiedene Szenen. Hier werden Drogen verkauft, ein paar Leute haben sich gerade ihr Methadon abgeholt, andere warten, dass um 11 Uhr das „Café Pur“ der Diakonie öffnet. Die meisten Grüppchen haben nichts miteinander zu tun. Drogensüchtige ticken anders als die, die harten „Alk“ trinken. Und dann gibt’s noch die Bier-Fraktion. Markus meidet Krawall, trinkt sein Bier lieber alleine. „Auch wenn man auf der Straße lebt, muss man Termine einhalten“, erklärt Jimmy. Um bei der „Tafel“ Essen zu bekommen, sollte man rechtzeitig eine Nummer ziehen. Wer ein Bett in einer Notschlafstelle ergattern möchte, muss um 20 Uhr dort sein. „Für mich war das nix. Ich hab mir als Kind schon nicht vorschreiben lassen, wann ich ins Bett soll“, sagt Markus, mittlerweile 42 Jahre alt. Außerdem kollidierten diese Zeiten oft mit der Fußball-Übertragung und dem Flaschensammeln.

Die Gruppe entfernt sich langsam vom Hauptbahnhof, kreuzt den Straßenstrich, dann werden die Häuser und Geschäfte mondäner. Es geht Richtung Könisgallee. Hier werden die sozialen Unterschiede besonders sichtbar: Die Damen tragen teure Handtaschen über der Schulter, würdigen die Obdachlosen keines Blickes. Trotzdem ist der Platz vor dem Café Heinemann für viele „Fifty-Fifty“-Verkäufer begehrt. Wer sich hier ein Stück Kuchen gönnt, macht auch mal 2,90 Euro für eine Straßenzeitung locker. „Leider werden in Düsseldorf die Verkäufer-Plätze nicht zugewiesen wie in Hamburg“, bedauert er. Jeder kämpft also um den besten Platz. Seitdem einige Supermärkte verboten haben, vor ihren Türen die Zeitung zu verkaufen, sei der Ton noch rauer geworden.

Jimmy und Markus haben es inzwischen geschafft. Weil Jimmy auch mal in Italien auf der Straße lebte, macht er jetzt eine Umschulung zum Sprachmittler. Der Weg ist steinig, aber er ist zuversichtlich. Markus hat ein Obdach, sucht aber gerade eine günstige Wohnung. Kein leichtes Unterfangen in Düsseldorf. Seinen „Fifty-Fifty“-Ausweis mit der Nummer 2112 behält er, auch wenn er nicht mehr darauf angewiesen ist. „Die Zeit auf der Straße vergess’ ich nicht.“

 
 

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