„Ésthetique“ macht Mode inklusiv und bringt sie auf den Steg

Tugce Akbaba (r.) nimmt bei Theresa Dangeleit Maß. Am nächsten Samstag, 10. Oktober, hat sie ihren großen Auftritt.
Tugce Akbaba (r.) nimmt bei Theresa Dangeleit Maß. Am nächsten Samstag, 10. Oktober, hat sie ihren großen Auftritt.
Foto: Funke Foto Services
Die Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung hat ihr eigenes Modelabel entwickelt und zeigt sie auf einer Fashion-Show im Landschaftspark.

Duisburg. Theresa Dangeleit hat sich schick gemacht. Die 24-Jährige trägt ein Blümchenkleid, um den Hals hängt eine lange Perlenkette. Sie streckt sich, zieht den Bauch ein und läuft über einen improvisierten Laufsteg. Zielstrebig schreitet sie voran. Drehung, lächeln, zurück. Bei der Sendung „Germanys Next Topmodel“ hat sie sich abgeschaut, wie es geht. Normalerweise arbeitet die junge Frau bei der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung, Abteilung für Metallverarbeitung. Neuerdings sind sie und ihre Kollegen unter die Modemacher gegangen. „Esthétique“ heißt das Label, mit dem die Modewelt inklusiver werden soll. Auf dem Laufsteg sind Models mit und ohne Behinderung zu sehen. Die Mode wird am 10. Oktober in einer Fashion-Show vor 300 Gästen im Landschaftspark Nord präsentiert.

Inklusion „Wir haben einen Namen gesucht, der positiv klingt und das Schöne herausstellt. Wir wollen nicht extra Inklusion draufschreiben, das hat direkt wieder so einen Beigeschmack. Die Mode soll tragbar für alle Menschen sein“, erklärt Sascha Ivan. Der Duisburger will Schwächeren in der Gesellschaft eine Stimme leihen. Er ließ bereits afrikanische Waisenkinder Motive für Shirts malen, und verkaufte sie in Deutschland. Ein Teil des Geldes floss wieder zurück in Hilfsprojekte vor Ort. Nun arbeitet er eben mit Behinderten – und die sind richtig kreativ. „Ich habe eigentlich keine Vorgaben gemacht, was sie zeichnen sollen. Es sind schöne grafische Elemente entstanden. Einige sehen aus wie Brücken.“

Zusammenarbeit mit Designern aus New York und Kopenhagen

Für die Prints entwickelten Designer aus New York und Kopenhagen die passenden Schnitte. Da sie sich teils an bekannte Marken gebunden haben, wollen sie nicht mit Namen in Erscheinung treten, engagieren sich aber gerne für das Projekt. Die Kollektion besteht etwa aus einem Cape, einem wallenden Rock mit angeschrägtem Bund oder einer Oversize-Jacke. Und weil die Macher ein „großes Ding“ auf die Beine stellen wollen, suchten sie erst Models in den eigenen Reihen, und organisieren nun eine Fashionshow wie sie die Modewelt wahrscheinlich noch nicht gesehen hat. „Vielleicht wird Duisburg für einen kurzen Moment zur Mode-Metropole“, hofft Jutta Lütke Vestert von der Werkstatt. Einkäufer von Modegeschäften sind zur Schau eingeladen, die die Kollektion ins Programm aufnehmen sollen. Ebenso werden weitere Geschäftskunden der Werkstatt und natürlich die Familien der Models im Publikum sitzen. Deshalb ist Theresa Dangeleit nun doch ein bisschen aufgeregt.

Vorher geübt, wie man richtig läuft

„Ich habe zu Hause auf dem Flur geübt, wie man richtig läuft“, verrät das Teilzeit-Mannequin und stöckelt wie ein echtes Model voran. Die anderen trippeln und tapsen, schlurfen und schlendern hinterher. Waldek Szymkowiak schaut zufrieden zu. Der Kölner hat schon Schauen für namhafte Designer und „Germanys Next Top Model“ choreographiert. In einem Casting hat er die Talente gesichtet – und sie entsprechend eingesetzt. „Keiner wurde rausgewählt. Ich achte darauf, ob die Teilnehmer gut mit der Musik interagieren“, betont er. „Alle sind super konzentriert und motiviert.“ Er drückt auf „Play“, dreht „Technologic“ von „Daft Punk“ laut und macht vor, wie die Models laufen sollen: Schritt, Schritt, stehen bleiben. Lächeln, zurück. Anfangs musste der Profi den Neulingen erst die Angst vor der großen Bühne nehmen. Silvia Bierwe zum Beispiel träumte schon immer davon, groß rauszukommen. Weil sie sich aber nicht so gut den Laufweg merken kann, wurden für sie extra Markierungen auf den Boden geklebt. Betreuerin Tamara Große nimmt sie an die Hand und beschreitet mit ihr gemeinsam den Laufsteg. Beide haben einen großen Spaß. „Wir wollen unseren Mitarbeitern vermitteln, dass man auch mit einer Behinderung viel erreichen und seine Träume verwirklichen kann“, betont Jutta Lütke Vestert.

Alle sind vom Mode-Virus infiziert

Zwischendurch nimmt Mitarbeiterin Tugce Akbaba Maß. Sie arbeitet als Studentische Hilfskraft mit den behinderten Menschen zusammen. Momentan sind alle vom Mode-Virus infiziert. Akribisch notiert sie: Schulter – 43 Zentimeter. Arm: 58 Zentimeter. Bein: 98 Zentimeter. Jedem Teilnehmer wird das Outfit für den Auftritt auf den Leib geschneidert. Später soll in der Werkstatt eine eigene Näherei eröffnen, die die Kollektion für den Handel produziert. „Wir setzen eher auf kleine Fachgeschäfte, denen individuelle Mode wichtig ist“, sagt Jutta Lütke Vestert. Sie hat noch weitere Effekte beobachtet: „Viele Teilnehmer sind selbstbewusster geworden und machen sich viel mehr Gedanken, wenn sie morgens vor dem Kleiderschrank stehen, was sie anziehen sollen.“

Theresa Dangeleit hat schon immer viel Wert auf Mode gelegt – und geht auch gerne shoppen. Noch etwas hat sie sich von den Profis abgeguckt: „Bis zur großen Show mach’ ich jetzt Diät.“

 
 

EURE FAVORITEN