Erschauern beim Treffen am Todesstollen von Jürgen Bartsch

Ihm ging der Fall Bartsch unter die Haut: Krimiautor Stefan Melneczuk am „Todesstollen“ in Velbert-Langenberg.
Ihm ging der Fall Bartsch unter die Haut: Krimiautor Stefan Melneczuk am „Todesstollen“ in Velbert-Langenberg.
Foto: Funke Foto Services
Horrorautor Stefan Melneczuk führt zum heute zugemauerten Stollen, in dem Serienkiller Jürgen Bartsch vor knapp 50 Jahren vier Jungs ermordete.

Velbert-Langenberg.  Schwarz und bedrohlich türmt sich der Schiefersteinhügel auf, zugewuchert und bemoost, ein bisschen vermüllt und schmuddelig, aber zugleich so, als würde er sich in jedem Moment bewegen. Im Unterholz raschelt es. Ratten. Sie haben zurückerobert, was ihnen ohnehin längst zu gehören schien. Mit drei mannshohen Leitplanken haben sie diesen Hügel an der Heeger Straße eingezäunt, gerade so, als wäre er böse und gehörte für immer weggesperrt. Wenn nun jemand käme und erzählte, dass in diesem Hügel ein zugemauerter Stollen verborgen wäre, würde man es ihm glatt abkaufen. Wenn, ja wenn, nicht tatsächlich einst so gewesen wäre. Wir stehen vor einem Todesstollen. Hier hat der „Kirmesmörder“ Jürgen Bartsch in einem Luftschutzstollen zwischen 1962 und 1966 vier Jungen missbraucht, umgebracht und verscharrt, eines der schrecklichsten Verbrechen im Nachkriegsdeutschland, ein traumatisches Erlebnis für eine Generation von Kindern. Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden.

Einer von jenen, die Bartsch bei den Recherchen zu einem Roman nahe gekommen sind, oft genug bis zur Beklemmung, ist der Hattinger Stefan Melneczuk. Mit ihm stehen wir vor dem Tatort, knapp 50 Jahre nach dem letzten Mord, 40 Jahre nach Bartschs Tod. „Der Lebenslauf von Jürgen Bartsch ist praktisch die Blaupause für einen Serienmörder“, sagt Melneczuk. Ein Waisenkind, adoptiert von einem unfruchtbaren Metzgersehepaar, das ihm nie Liebe entgegenbrachte. In der Schule ein Prügelknabe, später von einem Pater missbraucht, beim Vater in die Metzgerslehre gegangen. „Ihm war das Schlachten zuwider, hat der Spiegel später über ihn geschrieben. Er hatte Mitleid mit den Schlachttieren in der Metzgerei seiner Eltern, aber parallel dazu hat er Kinder umgebracht“, sagt Melneczuk. Der Autor zählt eigentlich zu den Hartgesottenen, schließlich hat er zuvor schon vier Romane geschrieben, die allesamt aus der Horror- und Thrillerecke stammen, mit leicht übersinnlichem Touch, der immer wieder an die eindringlichen Schilderungen eines Stephen King denken lässt.

Profil eines düsteren Charakters

Aber für den Roman „Wallenstein“ setzte Melneczuk sich unerwartet intensiv mit der Realität auseinander. „Ich denke mir zuerst ein Charakterprofil für meine Figuren aus, in diesem Falle eben auch für meinen Serienkiller aus dem Hattinger Hügelland. Ich wollte einen absolut düsteren Charakter. Dann landete ich irgendwann bei diesem Missbrauchsthema. Und da lagen die Parallelen zum Fall Jürgen Bartsch sehr nahe“, erzählt er.

Melneczuk, der von dem Fall oft in seiner Kindheit gehört hat und der keine zehn Kilometer vom Todesstollen entfernt aufwuchs, befasste sich näher mit Bartsch, der zum Zeitpunkt des ersten Mordes gerade 16 Jahre alt gewesen ist – und mit 19 gefasst wurde. Melneczuk vergrub sich ins Velberter Stadtarchiv, durchforstete Zeitungsartikel, legte eigene Ordner an, las Fachliteratur. Darunter „Jürgen Bartsch: Selbstbildnis eines Mörders“, das der amerikanische Journalist Paul Moor nach Briefwechseln mit Bartsch verfasst hat.

Das letzte Opfer von Jürgen Bartsch entkam: Den 14-Jährigen, den er am 18. Juni 1966 in den Stollen brachte, ließ er gefesselt zurück – mit der Ankündigung, zurückzukommen. Dank einer noch brennenden Kerze konnte der Junge sich befreien, halb entkleidet bei den Anwohnern im Haus schräg gegenüber klingeln, im Fernsehen lief währenddessen „Einer wird gewinnen“. Das Haus steht heute immer noch.

Tief bewegt von den Vernehmungsprotokollen

Auch wenn Melneczuks Mystery-Thriller kein Bartsch-Roman geworden ist, verehrt der „Nachtgespenst“ genannte Täter im Roman den Langenberger Kindermörder auf gruselige Art und Weise. Auch dem Todesstollen kommt in „Wallenstein“ noch eine unrühmliche Rolle zu.

Die Recherchen brachten den Hattinger dazu, eine 24 Seiten lange Bartsch-Dokumentation an den Roman zu hängen, die allein schon lesenswert ist. Er habe viel Abscheu beim Lesen über die Taten empfunden. „Was mich jedoch tief bewegt hat, waren die Berichte aus den Vernehmungsprotokollen, was dieser Junge offensichtlich auch in seiner Kindheit erlebt hat. Wen das kalt lässt, den kann ich nicht verstehen. Mich hat das sehr berührt“, sagt Melneczuk, dem man ansieht, wie sehr ihn dieses Wissen heute noch mitnimmt.

Der Fall Bartsch endete, wie es sich kein Autor zu erfinden getraut hätte. Der Kindsmörder wollte sich in Haft kastrieren lassen, am 28. April 1976 stirbt er auf dem OP-Tisch, Überdosis Narkosemittel.

Stefan Melneczuk schaut nachdenklich am düsteren Hügel hinauf zum blauen Himmel. Oben auf dem Gipfel knospen die Bäume. Es ist Frühling in Langenberg. Mal wieder.