Erfolgsmodell Crowdfunding - Wie das Netz Ideen finanziert

„Stromberg - der Film“ ist ein bekanntes Bespiel für Crowdfunding im Internet.
„Stromberg - der Film“ ist ein bekanntes Bespiel für Crowdfunding im Internet.
Foto: Thomas Nitsche
Kleine Gruppen finanzieren große Projekte: Der Crowdfunding-Boom hat auch Deutschland erfasst. Wie Filme, Spiele, Uhren und Bücher entstehen, die es ohne die Macht der Masse nie gegeben hätte. Ein Blick auf den Ideenreichtum einer idealistischen Netzgemeinde – und ihre Erfolge.

Essen.. Nicht lange fackeln, anpacken. Felix Plötz ist kein Zauderer. Und er bewies eine Menge Risikobereitschaft. Er schmiss seinen Job als Wirtschaftsingenieur, machte sich selbstständig mit einer Firma, die anderen beibringt, möglichst spritsparend und effizient Auto zu fahren. Und der 30-Jährige ist fasziniert von anderen Menschen, die wie er ihren Traum leben. Denen möchte er ein Buch widmen. Gemeinsam mit seinem Freund Dennis Betzholz will er zwölf Menschen porträtieren, die eine Idee hatten und diese konsequent in die Tat umgesetzt haben. Einen Titel hat das Werk auch schon: „Palmen in Castrop-Rauxel“. Weil ein Text die Geschichte von Thomas Knappe erzählt. Knappe betreibt mitten im Ruhrgebiet ein Handel für Palmen und anderes exotisches Gewucher. Mit Erfolg.

10 000 Euro, so kalkulieren die Bonner, wird die Herstellung ihres Buches kosten. Geld, das die beiden jungen Männer, die sich erst vor einem halben Jahr kennenlernten, nicht haben. Die Internet-Gemeinde soll es ihnen geben – per Crowdfunding. Der Gedanke dahinter: Wenn die Bank Nein sagt oder sich kein einzelner Großinvestor findet, hilft die Netzgemeinde.

Crowdfunding könnte die Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems radikal umkrempeln. Wer eine Idee realisieren will, wendet sich nicht mehr an Geldgeber wie Banken, Verlage, Plattenfirmen, Stiftungen oder Industrieunternehmen, sondern setzt auf die freiwillige Unterstützung der Menschen im Netz, die möchten, dass das Projekt wahr wird. Ist diese Gruppe groß oder großzügig genug, wird die Idee vorfinanziert. Das hat Zukunft: Denn auf diese Weise können Innovationen entstehen, für die sich sonst kein Investor gefunden hätte.

„Im Kern des Crowdfunding-Gedankens steckt ein bewusster und freiwilliger, nicht immer aber vollkommen uneigennütziger Akt der Unterstützung einer Sache, die für gut, richtig oder nützlich befunden wird“, schreibt der Berliner Publizist Ansgar Warner in seinem Buch „Krautfunding. Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“.

Selbst Minibeträge helfen, ein Projekt anzuschieben, denn Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. 2,50 Euro etwa müssen Unterstützer für „Palmen in Castrop-Rauxel“ mindestens locker machen, wer 14 Euro gibt, bekommt auch das Buch, wenn es fertig ist. „Wir haben erst gar nicht versucht, einen klassischen Kredit aufzunehmen“, sagt Felix Plötz. Die beiden Buchautoren preisen ihr Projekt zurzeit auf startnext.de an, einer der größten Crowdfunding-Plattformen im deutschsprachigen Raum. Fast 3700 Euro haben sie schon eingesammelt, 22 Tage sind noch Zeit, den Rest zusammenzubekommen. 41 Supporter, so heißt das neudeutsch, haben Geld gegeben, einer von ihnen 1500 Euro. Dafür gibt’s nicht nur das fertige Werk, sondern auch ein Treffen mit Eva Krsak auf der Fashion Week Berlin. Die Modedesignerin ist den Autoren eine Geschichte in ihrem Buch wert.

„Beim Crowdfunding spielt Vertrauen eine sehr große Rolle“, sagt Anna Theil. Nur wer von einer Idee überzeugt sei, sei auch bereit zu investieren. Startnext-Geschäftsführerin Theil weiß, wovon sie spricht. Ihre Plattform hat schon fast 1300 Projekte erfolgreich angeschoben. Über 7,2 Millionen Euro investierten Internetnutzer bereits in Projekte. Besonders stolz ist Theil auf die Gemeinnützigkeit ihres Unternehmens.

Erfolgsmodell Filmfinanzierung per Crowd

Ziel von Startnext ist laut Theil, Kultur- und Kreativschaffenden eine Plattform zur Verfügung zu stellen, über die sie ihre Ideen finanzieren können. Startnext ist provisionsfrei, damit bekommt der Projektinitiator 100 Prozent des eingesammelten Geldes. Das ist allerdings nur durch Spenden der Community und der Projektinitiatoren möglich, wobei jeder selbst bestimmt, wie viel er geben möchte. Darüber hinaus bekommen die Kreativen auf Wunsch Unterstützung – bei der Planung der Kampagne, der Erstellung von Grafiken oder der Vorbereitung der Social Media Kommunikation. Das kostet allerdings. Startnext nennt das „Premium Services“. Das lohne sich aber. „Wer sich besonders gut auf ein Crowdfunding-Projekt vorbereitet, hat auch größeren Erfolg.“

Auf Startnext läuft Musik besonders gut. 70 Prozent aller Musiker und Bands, so Theil, bekommen das nötige Kapital zusammen, um ihr Album zu produzieren. Alle anderen Projekte, auch Filme, kommen auf rund 60 Prozent Erfolgsquote.

Ausgerechnet die kapitalintensive Filmbranche liefert das beste Beispiel für den Erfolg von Crowd­funding. So brauchte „Stromberg – Der Film“ gerade mal eine Woche, bis die Zielsumme von einer Million Euro bei den Fans eingesammelt war. „Mit nur einer Woche Laufzeit hätte niemand gerechnet“, sagt Ralf Husmann, der geistige Vater der deutschen TV-Serie. Drei Monate hatte er einkalkuliert. Zuvor hatte er auf konventionellem Wege versucht, Geldgeber aufzutreiben und die Filmförderung in Anspruch zu nehmen. Vergebens. „Es war im Prinzip unsere letzte Chance, den Film noch zu realisieren. Wir haben es ja mehrfach im Guten versucht“, sagt Husmann. Der Deal, den er mit den Unterstützern geschlossen hat, ist bestechend einfach: Die Unterstützer finanzieren eine Million Euro vor. Dafür erhalten sie pro verkaufter Kinokarte einen Euro zurück. Besucht also eine Million Menschen den Bürofiesling im Kino, haben die Unterstützer ihre Investition wieder raus. Gehen mehr Besucher in den Film, wird das zusätzliche Geld als Gewinn ausgeschüttet. „Bei uns kann man sich wie bei einer Aktie am Risiko des Films beteiligen, aber eben auch an den Gewinnen“, so Husmann. Aktueller Stand: Der Film ist abgedreht, die ersten Trailer online, am 20. Februar heben sich deutschlandweit die Vorhänge. Den Rest, würden Stromberg-Fans jetzt sagen, muss dann mal der Papa machen.

Eine Viertelmillion für BVB-Film

Findet man einen großen gemeinsamen Nenner, scheint die Realisation gar nicht so schwierig. Für die Film-Dokumentation „Geboren am Borsigplatz“ etwa sammelten drei BVB-Fans mittlerweile mehr als 217 000 Euro. Erzählt werden soll die Gründungsgeschichte von Borussia Dortmund, die Macher Gregor Schnittker, Marc Quambusch und Jan-Henrik Gruszecki sind ausgezeichnete Kenner des Vereins. Ihr Ziel: 250 000 Euro sollen am Ende zusammenkommen.

Ein Modell kommt in Deutschland an

Trotz dieser Erfolgsmeldungen: Crowd­funding steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Wenige Plattformen, vergleichsweise geringe Umsätze. Anders in den USA: Hier sammeln Gründer auf Internetseiten wie Kickstarter.com mehrere Millionen ein – für ein einziges Projekt. Insgesamt investierten Nutzer auf einer der größten Crowdfunding-Plattformen im Netz im vergangenen Jahr 320 Millionen Dollar, etwa 236 Millionen Euro. Seit Bestehen der Plattform sind es 882 Millionen Dollar in 52 000 erfolgreichen Projekten. 5,2 Millionen Menschen gaben Geld.

Auch deshalb versuchen deutsche Firmen in den USA ihr Glück. Einzige Voraussetzung: Sie müssen eine Niederlassung vor Ort haben.

So wie King Arts Games. Die Computerspiele-Schmiede aus Bremen pries auf Kickstarter ihr rundenbasiertes Strategiespiel „Battle Worlds: Kronos“ an. Mit Erfolg. Eigentlich wollten die Entwickler nur 100 000 Dollar einsammeln. 260 000 wurden es am Ende. Weil den Nutzern die Idee hinter dem Spiel gefiel. Und weil es bei vielen gerade älteren Computerspielern Erinnerungen an Klassiker aus den 90er-Jahren wie „Panzer General“ und „Battle Isle“ weckte. „Eine Bank gibt keine Kredite für eine Spieleidee“, sagt Jan Theysen, Mitgründer von King Arts Games. Internet-Nutzer schon, vor allem, wenn sie ein Faible für PC-Spiele haben.

Die Entscheidung, auf Kickstarter um Unterstützung zu werben, war nur folgerichtig. Theysen musste mit ansehen, wie der Herausgeber eines seiner letzten Projekte schnurstracks in die Insolvenz marschierte. Das Entwicklerteam konnte die Lorbeeren seiner Arbeit nicht mehr ernten. „Battle Worlds: Kronos“ teilt dieses Schicksal nicht – dank Crowdfunding. Das Spiel ist veröffentlicht – und heimste durchweg gute Kritiken von Testern ein. 30 Euro kostet die Version zum Herunterladen, 35 Euro die DVD-Variante, die man auch im Laden kaufen kann. Und wer „Battle Worlds: Kronos“ auf Kickstarter mit mindestens 20 Dollar unterstützte, bekam einen Download-Code für das Spiel kostenlos zugeschickt. Für 40 Dollar und mehr gab’s die Version in der Schachtel.

Eine Uhr für zehn Millionen Dollar

Auch die Hardware-Produktion lässt sich über die Macht der Masse anschieben: Für die Pebble-Watch, eine Smartwatch mit Handy-Verbindung, hätten die Investoren 100 000 Dollar gebraucht, die Fans finanzierten 10 Millionen Dollar. Bisher wurden mehr als 250 000 Uhren ausgeliefert.

Crowdfunding funktioniert auch gut, wenn die Unterstützer direkt profitieren. „Wir stellen fest, dass die Leute vor allem Projekte unterstützen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfinden“, sagt Startnext-Geschäftsführerin Theil. Ein solches Ziel verfolgt auch die Plattform leihdeinerstadtgeld.de. Die Idee dahinter: Bürger helfen ihrer klammen Kommune aus der Patsche, indem sie dringende Finanzierungen anschieben. Die Sanierung des städtischen Kindergartens, ein neuer Anstrich für die Schule: Der Kreativität der Stadtoberen sind da keine Grenzen gesetzt. „Die Stadt profitiert auch, weil das Geld in der Region investiert wird“, sagt Jamal El Mallouki, einer der drei Gründer von leihdeinerstadtgeld.de. Bislang hat die Plattform allerdings erst ein Projekt erfolgreich finanziert: Die Stadt Oestrich-Winkel bat ihre Bürger, Geld für neue Funkgeräte der Feuerwehr zu geben. Über 83 000 Euro kamen so zusammen.

Ein Kredit von der Crowd

Doch nicht immer steht die Gemeinnützigkeit im Fokus der Schwarmfinanzierung. Damit lässt sich auch Geld machen, vor allem in Zeiten niedriger Zinserträge. Die Szene spricht dann allerdings von Crowdinvesting. Wie etwa bei der Düsseldorfer Firma Auxmoney. Die Plattform bietet Privatpersonen an, die Internetgemeinde um einen Kredit zu bitten. Für einen Gebrauchtwagen, eine neue Küche, für die Erstausstattung des Kinderzimmers. Das Geschäftsmodell: Kreditnehmer erstellen auf der Internetseite ein Profil, müssen eine Identifizierung durchlaufen und dürfen ihren Kreditwunsch absetzen. Je mehr sie von sich preisgeben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Geld bekommen.

Die Hürden, einen Kredit zu bekommen, sind bei Auxmoney nicht so hoch wie bei einer Bank, dennoch müssen sich Antragsteller eine Finanzprüfung gefallen lassen. „Nicht jedes Kreditprojekt wird zugelassen“, sagt Auxmoney-Mitgründer Raffael Johnen. Das Portal berechnet 2,95 Prozent des Nettokreditbetrags. Wer 10 000 Euro haben möchte, dem werden also 10 295 Euro plus Zinsen in Rechnung gestellt. Investoren, die auf Auxmoney anderen Privatpersonen Geld geben wollen, reduzieren ihr Risiko, indem sie ihr Kapital breit streuen. „Wir liegen bei der Ausfallwahrscheinlichkeit auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie die Banken“, sagt Johnen. Von Risikokapitalanlage könne keine Rede sein.

Dennoch: Die Geschichte des Crowd­funding und -investing ist auch immer eine Geschichte des Scheiterns. Die Plattform Kickstarter musste sich bereits im vergangenen Jahr den Vorwurf gefallen lassen, erfolglose Projekte in den Ergebnissen von Internet-Suchmaschinen zu verbergen. Die US-Firma begründete dies damit, Erfinder erfolgloser Ideen schützen zu wollen. Die Internet-Gemeinde reagierte auf ihre Weise darauf. Mittlerweile gibt es mehrere Seiten im Netz, die die gescheiterten Projekte auflisten.

„Das ist wie an der Börse“

Auch Projekte, die die festgelegte Summe zusammenbekommen, müssen nicht zwangsläufig ein Erfolg werden. „Crowd­funding ist ein Risiko-Investment“, sagt Manuel Fischer vom IT-Verband Bitkom. Wer in schwarmfinanzierte Projekte investiere, müsse das Scheitern einkalkulieren. Das sei bei kleinen Summen verschmerzbar, wer damit aber Geld machen wolle, müsse aufpassen. „Das ist wie an der Börse.“ Dennoch hält der Bitkom-Experte Crowdfunding für ein zukunftsweisendes Instrument, um jungen Firmen eine Anschubfinanzierung zu ermöglichen. Fischer verbindet das mit einem Wunsch an die Politik. Wer in Crowdfunding-Projekte investiere, müsse belohnt werden, etwa über steuerliche Vorteile. Das gebe es bereits in anderen Bereichen. „Warum also nicht beim Crowdfunding?“

Felix Plötz verschwendet keinen Gedanken an das Scheitern des Projekts. „Wir schaffen das“, gibt sich der Buchautor hoffnungsfroh. Und wenn es mit der Crowd-Finanzierung nichts wird? „Dann bringen wir das trotzdem auf den Markt. Dauert nur länger.“ Felix Plötz ist kein Zauderer. Nicht lange fackeln, anpacken.

 
 

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