Eine Ode an die Bude im Revier – 1. Tag der Trinkhallen

Der Kultkiosk in Bochum.
Der Kultkiosk in Bochum.
Foto: Funke Foto Services
Was wäre das Revier ohne die Bude? An diesem Samstag wird sie gefeiert, am Tag der Trinkhallen. Eine Geschichte über gemischte Tüten und Gefühle.

Ruhrgebiet.. An diesem Samstag, 20. August, soll gefeiert werden. Mit viel Musik, ein wenig Tanz und allem Brimborium. Obwohl es kein Jubiläum gibt, keinen Geburtstag, nicht mal einen unrunden. Schon weil niemand weiß, wann die Geehrte „geboren“ wurde. Reingeschlichen hat sie sich ins Ruhrgebiet, irgendwann im 19. Jahrhundert. Erst eine, dann zehn, irgendwann waren es Zehntausende zwischen Duisburg und Dortmund, Oberhausen und Gelsenkirchen. Mal ganz winzig und dezent, mal groß und in leuchtenden Farben. Und überall war sie willkommen, gehörte schnell zum Leben der Menschen im Revier, wurde zum Dorfplatz in der Großstadt. Höchste Zeit also, sie zu ehren. Höchste Zeit für den 1. Tag der Trinkhallen.

„Kumpels, Klümpchen & Kultur“ hat Veranstalter Ruhrtourismus als Motto ausgegeben. Für Letzteres wird gesorgt an diesem Samstag. Kumpels und Klümpchen sind ohnehin da. Die einen weniger, die anderen reichlich. Viele Hundert Buden haben sich beworben, 50 wurden auserwählt. Der Kult-Kiosk am Freigrafendamm in Altenbochum ist eine von ihnen. Was Betreiber Bernd Boretzki „grundsätzlich schon mal gut“ findet.

Seit 65 Jahren gibt es die Bude, die letzten drei davon stehen Dirk und Ehefrau Regina hinter der Theke. Ein alter Traum? Eher ein junger, der seine Wurzeln in der Kälte der Antarktis hat. Dort wo der Bochumer mit seiner Firma für Innenausbau mehr als sechs Monate lang eine Forschungsstation mit aufbaute und wo „das Leben irgendwie einfacher war“. Wieder zurück in Deutschland stößt Boretzki die Firma ab, sucht nach etwas Neuem und findet es, als sich der Vorbesitzer der Trinkhalle zur Ruhe setzt. Die Ehefrau muss er nicht lang überreden. „Ich bin mit diesem Kiosk groß geworden“, sagt sie. „Außerdem wollten wir schon immer mal etwas gemeinsam auf die Beine stellen.“

Kiosk – das ist Heimat

Innen haben sie ein wenig umdekoriert, haben ein großes Bild von New York an die Wand gehängt und lassen Flugzeug- und Automodelle von der Decke baumeln. Von außen aber haben sie nichts verändert, haben den Mauerkiosk so gelassen, wie er all die Jahre war, mit seinen türkisen Kacheln, von denen Dirk gerne behauptet, dass sie wohl beim Bau des Alten Stadtbades in den 50er-Jahren übrig geblieben und deshalb billig zu bekommen waren. Nein, das ist nicht modern, aber: „Das ist Heimat“, sagen die Boretzkis.

Nicht nur für sie. Auch für „die Bärbel“, „den Jürgen“ oder die vielen anderen, die oft schon als Kinder hierhin gekommen sind und auch heute noch fast täglich kommen. Die Zeitung holen oder auf einen Kaffee und eine Kippe und um ein Pläuschken zu halten. Selten über Gott aber oft über die Welt. Über die große weite, vor allem aber über die vor der Haustür. „Hasse schon gehört?“ „Nee, erzähl mal.“ Von der toten Katze, der Nachbarin, die sich scheiden lässt oder dem neuen Auto, das sich die Familie nebenan gekauft hat, obwohl die doch angeblich gar kein Geld hat. Regina Boretzki nickt. „Wenn du im Kiosk arbeitest, dann weißt du, was in deinem Viertel passiert. Das ist wie früher.“

Vieles ist wie früher. Auch die Kinder, die sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um über die Theke blicken zu können auf die vielen Süßigkeiten, die in die gemischte Tüte sollen. Die sauren Pommes und die süßen Mäuse. Manchmal auch nur die kleinen Klümpken für fünf Cent das Stück. „Und wenn mal ein oder zwei Cent fehlen“, sagt Regina Boretzki, „dann gibt es das Bonbon trotzdem.“ Man will die junge Kundschaft ja pflegen.

Gut 300 Buden jährlich machen dicht

Ob sich das lohnt, ob die Kinder von heute als Erwachsene überhaupt noch an die Bude gehen können, um den Kaffee vor der Arbeit mitzunehmen oder das Bier nach Feierabend, ist allerdings nicht sicher. Gut 300 Buden jährlich machen dicht. Der Bochumer Kult-Kiosk ist derzeit nicht in Gefahr, aber Dirk Boretzki kann die Kollegen verstehen. „Das Geschäft wird immer härter.“ Vor allem wenn, wie in diesem Jahr, der Sommer mal wieder kein Sommer ist.

Dann nutzt es auch nichts, dass Boretzkis Kiosk umzingelt ist von Kleingartenanlagen. Wo man gerne mal sitzt und ein Bierchen zischt, wenn das Unkraut gezupft und der Rasen gemäht ist. „Aber wenn es regnet oder zu kühl ist, dann ist da ja auch nichts los“. Und dann noch die Ferien. Da fehlen die Kinder, die nach der Schule sonst so gerne vorbeischauen.

Auch die Konkurrenz wird ja immer größer. Boretzki zählt auf, was es an Discountern und großen Lebensmittelhändlern so gibt in Deutschland und sagt dann: „Die sind alle hier im Viertel vertreten.“ Von den Tankstellen, die vielfach längst zu kleinen Supermärkten geworden sind, ganz zu schweigen. „Die Zeit, in der alle anderen zu haben und nur im Kiosk brennt noch Licht, die sind leider vorbei“, sagt Boretzki und hat festgestellt. „Millionär wirst du mit einem Kiosk nicht.“

Das ist Ralf und Ela Mauermann egal, als sie im vergangenen Jahr am Markt 19 in Castrop-Rauxel eine Trinkhalle eröffnen. Sie wollen sich einen Traum erfüllen. „Es ging uns nicht in erster Linie darum, Geld zu verdienen. Wir wollten einen Kiosk im Stil, in dem wir leben“, erklärt der 49-Jährige. „Und das ist der klassische Rock’n’Roll.“ Herausgekommen ist die BonBon Bude. Die macht natürlich auch mit beim 1. Tag der Trinkhallen im Revier. „Das wird eine große Party“, verspricht Mauermann.

Kiosk wie in den 50ern

Vor allem wird es eine Zeitreise. Denn hinter den Mauern des unscheinbaren Geschäftshauses in der Castroper Innenstadt erwachen die 1950er-Jahre wieder zum Leben.

Im Fenster hängt eine alte Kaffee-Leuchtreklame, schwarz-weiß gekachelt ist der Fußboden, der zur Klümpchentheke führt. „Die ist original“, sagt Mauermann. Genau wie der Küchenschrank, der hinter ihm hängt. Im Internet ersteigert. „Top-Zustand“ und mit dem gewissen Flair.

Auch das Angebt ist nicht von der Stange. Retro-Tassen und Magnete gibt es und Süßigkeiten, die früher Standard waren, heute aber kaum noch zu finden sind. Bunte Zuckerstangen etwa oder Kaugummi- und Schokoladenzigaretten – Qualm inklusive. Da muss man sich nicht wundern, dass die Kinder Schlange stehen, wenn sie aus der benachbarten Schule kommen. Das alles hat sich längst rumgesprochen. „Der Laden trägt sich“, sagt Mauermann. „Aber leben können wir davon nicht. Zum Glück hat meine Frau ja noch einen Vollzeitjob.“ Der ermöglicht es dem Paar sogar, abends um 20 Uhr zu schließen und die Bude sonntags ganz zu zulassen. „Das ist unser Luxus.“

Aber natürlich hat die BonBon Bude auch frisch gemachte Brötchen und Kaffee im Angebot. „Das geht gar nicht anders“, sagt der gelernte Maurer. Denn so speziell sein Kiosk ist, so typisch ist er auch. Viele kommen zum Reden. „Was man da für Geschichten hört . . .“. Ein wenig, sagt Mauermann, fühle er sich „wie eine Mischung aus Barmann und Friseur“.

Philipp Eckershoff kann da nur zustimmen. „Man darf nicht nur Verkäufer sein“, hat er festgestellt. „Man muss auch Teilzeitpsychologe sein.“ Tipps geben, Trost spenden, Mut machen, manchmal einfach nur zuhören. Da spielt es auch keine Rolle, dass Philipp gerade einmal 24 Jahre alt ist, eigentlich Anglistik studiert und sich nur etwas dazuverdienen will mit dem „Blauen Büdchen“, das er vor kurzem in Duisburg übernommen hat und auch mitmacht beim 1. Tag der Trinkhallen.

Nicht irgendeine Bude ist das, sondern eine der ältesten Buden der Stadt. 1905 errichtet, überstand sie nicht nur den Bombenhagel des zweiten Weltkrieges sondern auch den Sturm Kyrill, der vor zehn Jahren eine große Platane auf das Dach stürzen ließ. „Hat sich irgendwie so ergeben“, erklärt Philipp die Übernahme und zeigt die Straße hinunter. „Da vorne wohnen wir, die Bude war für mich schon immer da.“

Für viele ist der Kiosk das zweite Zuhause

Oft hat er draußen angestanden als Kind, jetzt sitzt er drinnen zwischen Zigaretten und Bier, Kaffee und Brötchen. Um 6 Uhr morgens geht es los, 20 Uhr ist Feierabend. Mama und Papa helfen, trotzdem „ist der Tag natürlich lang“, sagt Philipp. Dafür ist die Lage gut. Gleich nebenan liegt das Amtsgericht, der Hafen mit seinen Firmen und Speditionen ist nicht weit und am späten Nachmittag kommt die Nachbarschaft. „Für viele ist das hier ein zweites Zuhause“, hat Eckershoff festgestellt. Ein Ort, an dem nicht nur Kronkorken fallen, sondern auch Entscheidungen. Ein Platz, an dem man Verständnis sucht oder ein Lächeln und an dem man beides oft auch findet. Eckershoff gefällt die Rolle als Hobby-Therapeut. „Man bekommt auf viele Dinge eine ganz andere Sicht.“

Trinkhallen „Der Kiosk macht einfach Spaß“, findet auch der Rock’n’Roller aus Castrop-Rauxel. „Unser Herz hängt an der Bude“, sagt Dirk Boretzki. Deshalb will er weitermachen und hat zumindest eine grobe Ahnung vom richtigen Weg. „Du musst sehen, dass du immer eine zentrale Stelle im Leben der Menschen hier im Viertel bleibst.“

Mehr Informationen: 1. Tag der Trinkhallen

 

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