Eine Liebeserklärung an die Postkarte

Maren Schürmann
WAZ Bild: Ilja Höpping/WAZ FotoPool
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Essen. Sie zaubern einen Sonnenuntergang zwischen Rechnungen und ein Lächeln in den Alltag, sie hängen noch nach Jahren am Kühlschrank oder werden in Kästchen bewahrt wie kleine Schätze der Erinnerung: Postkarten. Gibt es jemand, der sie nicht mag?

Und doch schreibt heute laut einer Emnid-Umfrage weniger als die Hälfte der deutschen Urlauber noch Karten. Die meisten tippen lieber schnell eine SMS oder eine E-Mail: „Hallo zusammen, bin gerade auf der Insel gelandet, tolles Wetter, super Hotel. Bis bald.“ Empfänger: 50 Adressaten. Geschrieben: in zwei Minuten. Gelesen: in einer. Gelöscht: sofort.

„Das Sinnliche geht dabei verloren“, sagt Silke Heimes, Expertin für kreatives und therapeutisches Schreiben. Eine Karte springt dem Empfänger sofort ins Auge, er kann sie anfassen und aufhängen. „Ich kann auch viel an der Schrift erkennen: Hat er die Karte in Eile oder in Ruhe geschrieben?“, so die Professorin für Kunsttherapie. Zudem erfährt der Empfänger: „Da hat sich jemand viel Mühe gemacht.“

Der Absender hat eine Karte ausgewählt, gekauft, geschrieben, eine Briefmarke besorgt und einen Briefkasten gesucht – und gefunden. „Er hat Zeit, Geld und Gedanken investiert, um mir diese Karte zu schreiben.“ Er hat die Beziehung, die Freundschaft gepflegt. Und das alles mit nur einer Postkarte.

„Sammel-Mails sind beleidigend“

Silke Heimes, Autorin von mehreren Büchern über das Schreiben, sagt: „Sammel-Mails sind dagegen beleidigend. Wenn ich es nicht wert bin, persönlich gegrüßt zu werden, dann doch lieber gar nicht.“

Aber war die Mühe wirklich so groß? Schließlich sehen sich viele Karten sehr ähnlich. Und auf vielen steht immer das gleiche: „Viele Grüße aus . . . Wetter/ Hotel/ Essen sind toll . . . Und noch mal: Viele Grüße!“ Silke Heimes: „Es ist letztlich egal, was da draufsteht.“ Diese Floskeln seien schließlich auch ein Ritual wie bei einem Märchen, das ebenfalls meist beginnt mit den Worten „Es war einmal . . .“

Große Wertschätzung

Außerdem ist die Wertschätzung trotzdem groß. Man zählt zum auserwählten Kreis derjenigen, die eine Postkarte bekommen. Der „Verteiler“ kann da gar nicht so groß sein wie bei einer E-Mail.

Wer nicht weiß, was er schreiben soll: Wie wäre es mit den zwei Wörtern „Liebe Grüße!“, schlägt Silke Heimes vor. Der Empfänger wird sich auch dann freuen. Und die Vorstellung, ihm eine Freude zu bereiten, fühlt sich gut an.

Wer dann doch im Urlaub in einer Bettenburg gelandet ist, kann seine missliche Lage mit Humor nehmen und jemanden zum Lachen bringen: „Viele Grüße aus dem 52. Stock“. Zu zweit macht das Schreiben von Karten noch mehr Spaß. Der eine sucht aus, der andere kommentiert. Und dann gibt es doppelt „Liebe Grüße“.

Beim Karten-Schreiben geht es natürlich auch um ein bisschen Stolz: „Ist es nicht schön, dort wo ich bin?“ Warum dafür erst in die Ferne reisen? In jeder Stadt gibt es hübsch-hässliche Postkarten, über die sich Menschen freuen und die ihnen zeigen: Ich habe an dich gedacht!

Currywurst statt Weißwurst

Auch erfahren andere durch eine Karte, wie die Heimat des Schreibenden aussieht, welche Mentalität die Menschen dort haben, welche Kultur dort gelebt wird. Schon eine Karte mit einem Currywurst-Foto sagt etwas anderes aus als eine mit einem Weißwurst-Bild.

Einen Tag oder auch Tage später landet die Botschaft im Briefkasten. Man öffnet ihn nach der Arbeit, der Sonnenuntergang zwischen den Rechnungen flüstert einem zu: Willkommen zuhause!

Bremse am Hamsterrad

Diese Kurzmitteilung gab es schon, als noch keiner an SMS dachte. Und doch hat sie nicht ausgedient, denn in unserer Zeit, die schnell ist und in der wir ständig erreichbar sind, wirkt sie wie eine Bremse am täglichen Hamsterrad.

Die traditionelle Kommunikation ist also besser als die neue? Nein, aber man kann sie wunderbar miteinander kombinieren. So stand kürzlich auf einer Postkarte von einem großen Platz im italienischen Lucca: „Wo das Kreuzchen ist, waren wir, als du angerufen hast.“