Ein Weg mit Tieren – Das Wandern ist des Lamas Lust

Annika Fischer
Wanderung mit Prachtlamas

Wanderung mit Prachtlamas

Gelsenkirchen, 20.09.14: Bei der XXL-Wanderung können die Teilnehmer mit echten Lamas vom Gesundheitspark zur Halde Zollverein wandern. Die ruhigen, freudlichen Tiere sind dabei die perfekten Begleiter.

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Für die „Kamelartigen“ werden die Bergehalden zu den Anden des Ruhrgebiets. Während die Menschen in Gelsenkirchen die Lamas an der lockeren Leine lassen, gucken sie sich die Seelenruhe der Tiere ab. Wir haben die ungewöhnliche Karawane begleitet, die lieber Küsschen gibt statt zu spucken.

Gelsenkirchen. Es war Samstag in Sichtweite der Zeche Zollverein, da wurde David aus Essen von einem Lama geküsst. Auge in Auge standen die zwei, das Tier reckte seinen Unterbiss, der Mensch aber fühlte nur weiche Lippen – und sich irgendwie beseelt. „Lamas lächeln immer“, sagte David, 29. Dabei lächelte er selbst.

„Lamas machen glücklich“, so haben Ingrid und Heribert erklärt, denen es ähnlich erging: Da „liegt was in der Luft“, notierten sie. Und, schöner noch: „Ein Blick in diese wunderbaren Augen ist so, als würde man in einem klaren, kühlen See baden.“ Welch Lyrik doch, mitten im Ruhrgebiet! Aber sie passiert immer, wenn die Herde über die Halden auf Wanderschaft geht: fünf Prachtlamas – aus Gelsenkirchen.

Nun heißen die nicht so, weil sie so prächtig wären – was sie natürlich trotzdem sind –, sondern nach ihrer Chefin: Beate Pracht, Sportwissenschaftlerin mit viel Berufserfahrung in der Psychiatrie, hat lange schon begriffen, dass Lamas gut für den Geist sind, beruhigend, ausgleichend, sanft und friedvoll. „Herzensöffner“ nennt sie ihre Tiere, mit denen sie jede Woche auszieht aus dem Revierpark Nienhausen hinauf auf die Bergehalde, vorbei an Brieftaubenzentrum, Zechenhäuschen, Minarett. Doch es ist kaum Sehen, nur Gesehen-Werden: Ja, spucken die denn nicht?

Das Lama spuckt nicht

Das ist immer die erste aller Fragen. Aber das Lama an sich spuckt nicht, stinkt nicht, beißt nicht, dabei ist es gar nicht dressiert, weiß Jürgen van Geldern, der sich die Wanderung wünschte zum 60. Geburtstag: „Die sind so!“ Sie wissen, bestätigt Beate Pracht, „genau, wer Mensch ist und wer Lama“. Das ist ein großer Wesensunterschied und auch nicht zu übersehen, das Lama gehört schließlich – ganz anders als der Mensch – zu den Kamelen.

Weshalb ein kleiner Junge nicht ganz falsch liegt, dem am Wegesrand fast die Stimme kippt: „Guck mal, Mama, Kamels!“ Jedenfalls ist er damit näher dran als ein anderes Kind, das die Lamas für „Ponys“ hält – von den Eltern unwidersprochen. Man sieht so ein Lama indes auch selten in unseren Breiten. Da wundern sich Passanten weniger über die aufblasbare Hüpfkuh bei den Taubenvätern als über die Lama-Leute. Je zwei führen ein Tier an der lockeren Leine, man müsse Sicherheit geben, hat Frau Pracht gesagt. Mancher sieht aus, als halte er sich fest.

Die Karawane zieht weiter

So zieht die Karawane weiter durch die „Anden des Ruhrgebiets“, was ja artgerecht klingt, drei Stunden, Kilometer? Sie wissen es nicht. „Wir rechnen in Lamaschritten.“ Und die sind „schaukelmäßig schwankend“, wobei: Lama kommt keinesfalls von lahm. „Die gehen eher mit uns als wir mit ihnen“, sagt Christopher Raschke. Und Jürgen van Geldern findet, dies sei „mal was anderes als ein Hund an der Leine oder eine meterlange Boa – gibt ja die dollsten Sachen heute“!

Das einzige, was er verhindern soll, ist der Kahlfraß der Halde. Wie so vieles ist nämlich heute zu lernen: Lamas würden alles fressen, wenn man sie ließe. Aber das ist das Feine an diesem Vierbeiner: Man muss nicht zerren an ihm und nicht ziehen, der macht einfach, läuft einfach, guckt einfach. Der ist nicht störrisch und nicht widerspenstig, der geht immer auf dasselbe Klo im Stroh und tut ansonsten, was sein gerade aktueller Mensch will.

Gleichgültig ist das Lama aber nicht, es ist ein Wesen mit Charakter. Caruso etwa singt, ein sanftes Summen, das Therapie-Patienten lieben. Diego ist voller Leidenschaft und zudem wählerisch – ist das Heu des Nachbarn nicht immer grüner? Zudem sägt er am Stande Kasimirs als Leit-Lama. Vor Jahren erklärte man das noch mit Diegos Status als einziger Hengst unter Wallachen – aber dieser Teil des schönen Lebens ist für den rassigen Südländer inzwischen auch vorbei (und ohnehin keine Lama-Lady anwesend).

Dancer tänzelt, geht tief in die Knie bei jedem Schritt, „wir finden Lamas lustig“, hat David gesagt, „wenn man die nur die sieht“. Hannibal hingegen gibt gern Küsschen – und ist also eher nichts für Kriege in den Alpen. Aber er muss ja hier auch nur auf die Halde und ist im übrigen in friedlicher Absicht unterwegs.

Am Ende des Weges sind die Menschen an diesem Samstag also sanft geküsst, tiefenentspannt und ein klein wenig neidisch: „Im nächsten Leben“, sagt der einzige Rentner der Runde, „werde ich Lama.“

www.prachtlamas.de